Apollo-Sojus-Test-Projekt (ASTP) 

Die Astronauten


Die Astro- und Kosmonauten der Apollo-Sojus-Mission - die drei Amerikaner Thomas Stafford (stehend hinten), Deke Slayton (links) und Vance Brand (Mitte) in braunen, die Kosmonauten Alexej Leonow (stehend hinten rechts) und Valerij Kubassow in grünen Overalls. Auf dem Tisch vorn ein Modell des aus Apollo und Sojus zusammengekoppelten Raumschiffs.

Foto: NASA

 

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Die Mission vom 15. bis 24. Juli 1975

 

11-02-2014

 

Die Kampfpiloten verfeindeter Machtblöcke stellen fest:

"Wir sind alle nur Menschen" 

 

Von Christel Heybrock

 

Thomas Patten Stafford, der Mann, der den Mond umrundete:

geboren 1930 in Weatherford/Oklahoma, war als Luftwaffen-General und Astronaut der erfahrenste der amerikanischen ASTP-Crew. In seiner Karriere, die von mehreren Ehrendoktortiteln gekrönt wurde, gab es auch drei Jahre in Deutschland: von 1955-1958 war er Pilot auf der US-Militärbasis Hahn im Hunsrück gewesen, wo er unter anderem die F-86D Sabre flog. Die ASTP-Mission war sein vierter und letzter Raumflug, dem er die Absicht opferte, zur politischen Ebene zu wechseln und in den Kongress einzuziehen. Zuvor war er mit Gemini 6 und 9 sowie mit Apollo10 ins All geflogen, allerdings hatte er keine Außenbordeinsätze gemacht. Ein halbes Jahr nach der Rückkehr der Apollo von der Koppelmission mit Sojus verließ er die NASA und ging als Leiter des Flight Test Centers auf der Edwards Air Base zurück zur Luftwaffe, die er im November 1979 verließ. 1990 setzte er sich im Auftrag der US-Regierung mit Präsident Bushs Vision einer dauerhaft bemannten Mondstation auseinander und publizierte eine visionäre Studie über die Realisierbarkeit der nächsten drei Jahrzehnte amerikanischer Raumfahrt bis hin zur Eroberung des Mars („America at the Threshold“). Stafford ist im Vorstand etlicher großer Technologieunternehmen und hat mehrere US-Behörden u.a. auch militärisch beraten. Die Liste seiner Ehrungen und Medaillen ist ellenlang. In dem TV-Film „Houston, We’ve Got a Problem“ von 1974 über die riskante Apollo-13-Mission spielte er sich selber. Insgesamt verbrachte er 507 Stunden im All mit drei verschiedenen Raumschifftypen. Seine irdischen Flugerfahrungen umfassen mehr als 120 Modelle.

 


Thomas Stafford 1972, ein Erinnerungsfoto an Apollo 10 drei Jahre zuvor, als Stafford den Mond umrundete zur Vorbereitung der Mondlandung mit Apollo 11: Stafford hat die Hand auf einen Mondglobus gelegt.

Foto: NASA

 

Stafford war Ausbilder von Testpiloten und ist Mitautor zweier Handbücher für Testpiloten. Zum NASA-Astronautenteam gehörte er seit 1962, zunächst als Ersatzpilot bei der Gemini-3-Mission. 1965 flog er zusammen mit Walter M. Schirra bei Gemini 6 erstmals ins All – das geplante Docking mit Gemini 7 musste aber in eine enge Annäherung der beiden Raumschiffe umgeändert werden, weil es technische Probleme gab. Bei Gemini 9 im Jahr 1966 war Stafford Kommandopilot zusammen mit Pilot Eugene Cernan, der einen mehr als zweistündigen, riskanten Außenbordeinsatz absolvierte. Auch hier sollte ein Kopplungsmanöver durchgeführt werden, das nicht gänzlich zustande kam. Bei Apollo 7 war Stafford Ersatz-Kommandeur. In seinem Interview des Oral-History-Projekts berichtet Stafford, wie eng die Kapseln der Gemini-Raumschiffe waren („enger als der Vordersitz eines VW“) und dass damals niemand gewusst habe, wie sich die Schwerelosigkeit auf die Länge des menschlichen Körpers auswirkt: der wird nämlich ein paar Zentimeter länger, weil die Gravitation ihn nicht mehr zusammenpresst. Stafford dürfte wegen seiner irdischen Körpergröße von 1,83 Meter damit besondere Probleme gehabt haben. Wie riskant die ersten Raumfahrtmissionen tatsächlich waren, geht auch aus seinem Bericht über Gemini 9 hervor. Die Ausrüstung sei eigentlich unvollkommen gewesen. Bei seiner EVA habe Eugene Cernan innerhalb von zwei Stunden mehr als 10 Pfund Körpergewicht verloren, sein Helmvisier war vernebelt und der Raumanzug derart mit Schwitzwasser gefüllt, dass er ihn wegen der Enge in der Kapsel nicht mehr ausziehen konnte. Cernan sei um ein Haar dabei erfroren. Immerhin war Gemini das Vorbereitungsprogramm für die Apollo-Serie.

 

Außer der ASTP-Mission war wohl sein Flug als Commander mit Apollo 10 im Jahr 1969 Staffords bedeutendste Leistung als Astronaut. Es ging immerhin um den letzten Testflug mit dem Lunar-Modul in die Mond-Umlaufbahn. Mit ihm flogen John W. Young als Pilot des Kommando-Moduls und Eugene Cernan als Pilot des Lunar-Moduls. Mit der Mission wurde der Beweis erbracht, dass ein Flug zum Mond einschließlich der Landung auf dem Erdtrabanten und einer sicheren Rückkehr zur Erde technisch möglich war. Außer der Mondlandung selbst wurden bei Apollo 10 alle Manöver durchgeführt, die als Vorbereitung dienen konnten. Aus dem Mondorbit wurden sogar die möglichen Landeplätze für Apollo 11 fotografiert.

 

Nach Apollo 10 wurde Stafford zunächst Leiter des Astronautenbüros (bis 1971), bevor er dann mit Apollo-Sojus sein letztes Weltraumabenteuer bestand. Bei Apollo-Sojus war er sogar als erster in die Planung einbezogen, wohl weil er schon drei Rendezvous-Missionen mitgemacht hatte. Als Verhandlungsabgeordneter reiste er in die Sowjetunion, noch bevor seine Crew-Mitglieder feststanden.

 

 

Vance DeVoe Brand, der Amerikaner mit dem besten Russisch:  

geboren 1931 in Longmont/Colorado, war Pilot des Kommando-Moduls bei Apollo-Sojus. Seine Ausbildung enthielt zunächst eine Tendenz zu Wirtschaftswissenschaften, die er aber früh mit Luftfahrttechnik kombinieren konnte. So erhielt er 1960 einen Bachelor in Luftfahrttechnik an der Universität Colorado. Brands Jahre bei der Marine 1953-1957 enthielten 15 Monate als Kampfjetflieger in Japan, anschließend rückte seine Tätigkeit als Testpilot in den Mittelpunkt. Als Testflug-Ingenieur bei der LockheedAircraft Corporation zwischen 1960 und 1966 war er unter anderem zuständig für die P3A-Orion der US-Navy, ein Aufklärungsflugzeug, das gezielt für die Entdeckung von U-Booten eingesetzt wurde. Als er 1963 die Testpiloten-Ausbildung der Navy absolviert hatte, wurde er nach Palmdale/Kalifornien geschickt, wo er als experimenteller Testpilot mit den kanadischen und deutschen F-104-Programmen arbeitete, Überschallfliegern, die in Deutschland unter dem Begriff Starfighterberühmt-berüchtigt wurden. Kurz bevor Brand 1966 dem Astronautenteam der NASA beitrat, war er im westdeutschen Testflugzentrum in Istres (Frankreich) speziell mit Starfighter-Testflügen befasst. Als Flieger hat Brand mehr als 9000 Stunden in der Luft verbracht, davon mehr als 8000  in Jets und 391 in Helikoptern.

 


Strahlemann Vance Brand, Pilot des Kommando-Moduls der Apollo. Er hatte privat schon Russisch gelernt, bevor jemand an die Apollo-Sojus-Mission dachte.
Foto:
NASA

 

Seine Astronautenkarriere begann unspektakulär als Mitglied der Support-Crew  bei Apollo 8 und Apollo 13. Bei Apollo 15 war er Reserve-Pilot des Kommando-Moduls und bei Skylab 3 und Skylab 4 Reserve-Kommandant. In dieser Zeit lernte er Russisch aus purer Neugier, in Privatstunden jeden Samstag, wie er im Interview des Oral-History-Projekts berichtet. Damals hätten auch bereits ältere sowjetische Kosmonauten wie Wladimir Schatalow und Alexej Jelisejew die NASA-Anlagen besucht. Die Apollo-Sojus-Mission wurde endlich Brands erster Flug ins All, dem noch drei weitere folgen sollten: die Space-Shuttle-Missionen STS-5 mit Columbia  1982, STS-41B mit Challenger 1984 und STS-35 wieder mit Columbia 1990.

 

Brand hat zusätzlich zu seiner Bilanz als Flieger 746 Stunden im All verbracht. Seine aktive Zeit als Astronaut beendete er 1992, um verschiedene leitende Funktionen in der Luftfahrt-Industrie und Forschung anzunehmen. Gänzlich zurück zog er sich von der NASA erst im Januar 2008; da war Brand immerhin fast 77. Die Liste seiner Medaillen und Ehrungen ist ellenlang – unter anderem wurde der Flughafen seiner Heimatstadt Longmont nach ihm benannt. Offenbar sprach er beim amerikanisch-russischen Rendezvous das beste Russisch. Leonow und Kubassow, die seine lockere, unkomplizierte Art mochten, nannten ihn liebevoll „Wanja“.

 

 

Donald Kent Slayton (Deke Slayton), Astronaut im ewigen Wartestand:

geboren 1924 in Sparta/Wisconsin, gestorben 1993 in League City, Texas, an einem Gehirntumor, war bei der Apollo-Sojus-Mission der Pilot des Docking-Moduls. Slayton war einer der ersten NASA-Astronauten und gehörte seit 1959 dazu – das Pech wollte es, dass er 16 Jahre auf seinen ersten und einzigen Flug ins All warten musste, weil Mediziner ihm 1962 Herzprobleme attestierten. Die stellten sich später, viel zu spät, als gelöst heraus, so dass er bei der Apollo-Sojus-Mission mit 51 Jahren der damals älteste Astronaut im All war. Zuvor hatte er freilich eine glanzvolle Karriere als Kampf- und Testpilot gemacht. Aufgewachsen auf einer Farm in Wisconsin, war er mit 18 Jahren in die Air Force eingetreten (1942) und bereits 1943 als B-25-Bomberpilot nach Europa abkommandiert worden, wo der Zweite Weltkrieg tobte. Slayton flog 56 Kampfeinsätze in Europa, und nach einem Zwischenspiel in USA 1944/1945, wo er selber Kampfpiloten ausbildete, kam er kurz vor Kriegsende im April 1945 noch an die Front nach Japan. Hier brachte er es auf sieben Kampfeinsätze.

 


Deke Slayton 1960. Der gut aussehende Kampfpilot gehörte zu den allerersten NASA-Astronauten und sollte mit der Mercury fliegen - dann musste er bis 1975 warten, und Apollo-Sojus wurde sein erster und letzter Flug ins All.
Foto:
NASA

 

Nach dem Krieg errang er den Bachelor-Grad in Luftfahrttechnik an der University of Minnesota. 1949 ging er zu Boeing nach Seattle und arbeitete an elektrischen Systemen und Tragflächenformen. Im Zusammenhang mit seinem Dienst in der Air National Guard seit 1951 kam er auch nach Bitburg in Deutschland, wo er seine Frau kennen lernte. 1955 zurück in den USA, besuchte er die Testpilotenschule der Air Force auf der Edwards Base. Dort war er von 1956 bis 1959 Testpilot und flog die Überschallflugzeuge der F-100er Serie. An der Entwicklung der großen F-105, die von der Air Force vor allem in Vietnam eingesetzt wurde, was Slayton mit beteiligt. Insgesamt verbrachte er mehr als 5.200 Stunden in der Luft, davon 3.255 Stunden in Jetflugzeugen.

 

Als die NASA 1959 die erste Astronautengruppe aus Testpiloten zusammen stellte, war Slayton dabei und wurde für die Mercury-Mission nominiert, aber wegen seines Herzproblems von der aktiven Flugplanung zurück gestellt. Statt dessen übernahm er am Boden diverse Verwaltungsaufgaben und wurde 1966 sogar Direktor der Flight Crew Operations. Als solcher hatte er weitreichende Entscheidungskompetenzen für die Gemini- und die Apollo-Missionen. So konnte er festlegen, wer als erster Mensch den Mond betreten sollte. 1972 endlich stellte sich heraus, dass sich die Herzprobleme erledigt hatten und Slayton flugtauglich war. Dem Training für die Apollo-Sojus-Mission stand nichts mehr in Weg, aber es blieb sein einziger Flug ins All. Später gehörte er zu den Pionieren des Space Shuttle Programms, das er mit vorbereitete.

 

Mit 58 Jahren verließ Slayton die NASA und bekleidete verschiedene Posten in der Raumfahrtindustrie. Er starb 1993 mit 69 Jahren an einem Hirntumor, der ihm wenige Monate zuvor diagnostiziert worden war. Die Veröffentlichung seines Buches „Deke!: U.S. Manned Space from Mercury to the Shuttle“ 1994 erlebte er nicht mehr; hier hatte er zusammen mit dem Raumfahrthistoriker Michael Cassutt seine eigenen Erfahrungen als Astronaut beschrieben, aber auch seine NASA-Funktionen am Boden. Manch ein Astronaut erfuhr erst durch dieses Buch, warum und von wem er für die Mond-Missionen ausgewählt worden war. Slaytons Name tritt auch in Zusammenhang mit einem 1994 erschienenen Buch seines Astronautenkollegen Alan Shepard auf, obwohl Slayton keinen direkten Anteil daran hatte: „Moon Shot: The Inside Story of America’s Race to the Moon“. Ein Dokumentarfilm gleichen Titels berichtet aus Slaytons Perspektive und widmet ihm am Schluss eine postume Ehrung.

 

Sein Name ist auch gegenwärtig im Krebszentrum von Webster/Texas (Texas Oncology-Deke Slayton Cancer Center), im Hauptstraßenabschnitt von League City in Texas (Deke Slayton Highway) und im Deke Slayton Memorial Space & Bicycle Museum seiner Heimatstadt Sparta/Wisconsin, wo unter anderem sein Raumanzug für die Mercury-Mission zu sehen ist, die er wegen der erwähnten Herzprobleme nicht antreten konnte. Als eine der prägenden Persönlichkeiten der Raumfahrt fungiert er in zwei Spiel- und drei Fernsehfilmen („The Right Stuff“ 1983 und „Apollo 13“ 1995, sowie in den TV-Serien „Apollo 11“ 1996, „From the Earth to the Moon“ 1998 und in dem TV-Spielfilm „Moonshot“ 2009). 

 

Alexej Leonow, Multitalent und unerschrockener Kosmonaut:

geboren 1934 in Listwjanka bei Kemerowo, ist eine Legende der sowjetisch-russischen Raumfahrt. Er war der erste Mensch überhaupt, der im Orbit das Raumschiff verließ: Am 18. März 1965 war er durch die Luftschleuse an der Woschod 2 geschwebt und hatte sich, abgesichert nur durch eine 4,5 Meter lange Leine, 12 Minuten frei im Orbit bewegt. Das Unternehmen, das er Purzelbaum schlagend und fotografierend zunächst genoss, war höchst riskant, denn durch die Druckunterschiede zwischen Kabine und Weltraum-Vakuum blähte sich sein Raumanzug dermaßen auf, dass er nicht mehr in die Luftschleuse der Woschod passte, als er zurück wollte. Leonow griff zu einer Maßnahme, die ihn ebenso das Leben hätte kosten können: Er ließ manuell Luft aus dem unbeweglich gewordenen Raumanzug ab, bis er nach endlosen 24 Minuten EVA endlich in sein Raumschiff konnte. Auch die Rückkehr zur Erde einen Tag später gestaltete sich anders als vorgesehen, denn durch eine Kette technischer Fehlfunktionen landete die Woschod 2000 km entfernt vom vorgesehenen Landeplatz im verschneiten Ural-Gebirge statt in der Steppe von Kasachstan. Leonow und sein Kommandant Pawel Beljajew  (1925-1970) wurden zwar bereits nach ein paar Stunden geortet, aber es dauerte zwei Tage, bis der dichte Wald soweit gerodet war, dass die Bergungsmannschaft die beiden tollkühnen Männer abtransportieren konnte. (Als Leonow seinen Vorgesetzten den Vorfall mit dem Raumanzug berichtete, bekam er heftige Vorwürfe, er habe sich über die Vorschriften hinweg gesetzt.)

 

Wer eine solche Erfahrung hinter sich hat und trotzdem mit kühlem Kopf erneut die Erde verlässt, den kann eigentlich nichts mehr schrecken. Leonow war das achte von neun Kindern eines westsibirischen Bauern. Mit 19 war er in die sowjetische Luftwaffe eingetreten und hatte eine Pilotenausbildung begonnen, an die er zwei Jahre später eine Ausbildung auf Jagdfliegern anschloss. 1960, im Alter von knapp 26 Jahren, wurde er Mitglied der ersten sowjetischen Kosmonautengruppe. 1963 war er bereits Ersatzpilot für Valerij Bykowskij bei der Wostok-5-Mission. Im Jahr darauf wurden die Wostok-Raumschiffe vom Koroljow-Konstruktionsbüro etwas verändert und sollten unter der Bezeichnung Woschod ganz bestimmteProjektziele absolvieren. So brachte im Wettlauf zwischen Sowjets und Amerikanern die neue Woschod 1 erstmals drei Personen in den Orbit, darunter zwei Wissenschaftskosmonauten, nämlich außer Kommandant Wladimir Michailowitsch Komarow auch den Arzt Boris Borissowitsch Jegorow und den Ingenieur Konstantin Feoktistow, der von Koroljow persönlich für die Mission durchgeboxt wurde, weil er Mitkonstrukteur der Woschod war. Für Woschod 2 war bereits ein Außenbordeinsatz geplant, für den Leonow gezielt trainierte.

 


Witzbold, Künstler und Kosmonaut mit dramatischer EVA: Alexeij Leonow im April 1974 im Vorfeld der Apollo-Sojus-Mission
Foto:
NASA

 

Nach dem Luftschleusen-Abenteuer hatte Leonow keineswegs genug von der Raumfahrt, er wurde bereits in das (im Grunde viel zu hektisch geplante) bemannte Mondflug-Programm integriert. 1968 war er einer von drei Kosmonauten in der Auswahl als Kommandant eines Mondfluges, und fast wäre er der erste Mensch auf der Mondoberfläche gewesen – dann verscherzte er es sich gewaltig mit seinen Vorgesetzten: drei Autounfälle in vier Monaten, aufwändiger und gar nicht sozialistischer Lebensstil, und dann auch ziemlich unsowjetische Äußerungen gegenüber der internationalen Presse. Die Raumfahrtpläne der UdSSR bekamen überdies insgesamt einen empfindlichen Dämpfer, als die NASA im Dezember 1968 erfolgreich in den Mondorbit einflog (Apollo 8) und im Sommer 1969 mit Apollo 11 sogar auf dem Mond landete. Die Sowjets schwenkten notgedrungen um und konzentrierten sich fortan auf bemannte Raumstationen im Erdorbit statt auf den Mond.

 

Ob es für Leonow dann noch einmal Pech war, dass er 1971 zwei Tage vorm Start von der Sojus-11-Mission zurückgestellt wurde, weil sein Pilot Valerij Kubassow unter Tuberkulose-Verdacht stand, ist die Frage – die dreiköpfige Ersatzmannschaft kam nach überaus erfolgreicher Mission beim Landeanflug zur Erde komplett ums Leben. Leonow hatte dann tatsächlich nur noch einmal Gelegenheit zu einem Flug ins All: 1975 als Sojus-Kommandant von ASTP. Dennoch hat die Raumfahrt sein gesamtes Leben geprägt. Talentiert als bildender Künstler und Mitglied des sowjetischen Künstlerverbandes, nahm er Farbstifte und Papier mit ins All, porträtierte beispielsweise die Apollo-Astronauten der ASTP-Mission und hielt seine Eindrücke aus dem Orbit in Bildern fest, die sich heute im Kosmonautenmuseum in Moskau befinden. (Ein delikates Beispiel seiner Kunst befindet sich in der englischsprachigen Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Alexey_Leonov). Nach der Apollo-Sojus-Mission wurde er Leiter des sowjetischen Kosmonautenteams und Stellvertretender Direktor des Jurij-Gagarin-Trainingszentrums (von 1976-1982). Zudem gab er die Kosmonauten-Rundschrift „Neptun“ heraus. 1991, im Alter von 57 Jahren, zog er sich schließlich zurück, stieg dann aber 2001 als Vizepräsident bei der Alfa-Bank ein.

 


Leonow hat im All seinen NASA-Kollegen Tom Stafford gezeichnet.
Foto:
NASA

 

Leonow veröffentlichte mehrere Bücher, von denen einige auch in Deutsch erschienen. „Der Mensch im Weltall. Die Wahrnehmung von Raum und Zeit im Kosmos“ (zusammen mit Wladimir Lebedew) erschien bereits 1969 in Leipzig (Urania Verlag), seine Erinnerungen „Spaziergänger im All“ lagen 1971 in der DVA Stuttgart vor. Über sein lebensbedrohliches Abenteuer mit der Woschod-Luftschleuse schrieb er zusammen mit dem US-Astronauten David Randolph Scott und Christine Toomey das Buch „Zwei Mann im Mond“ (Econ Verlag 2004). David Scott war auch Mitautor des 2006 erschienenen Buches „Two Sides of the Moon: Our Story of the Cold War Space Race“, einer Geschichte des amerikanisch-sowjetischen Raumfahrt-Wettrennens. Colin Burgess und Francis French publizierten 2007 gemeinsam mit ihm Leonows Lebens- und Raumfahrtgeschichte („Into that Silent Sea“).

 

Die Liste seiner internationalen Preise, Medaillen und Ehrenmitgliedschaften ist endlos, sogar auf Briefmarken wurde er verewigt, und in Frankfurt/Oder wurde eine Straße nach ihm benannt. So riskant mitunter die Situationen waren, in die er sich begab, so verschmitzt und selbstironisch konnte er sein. Bei einer Pressekonferenz anlässlich der Apollo-Sojus-Mission erzählte er auf Englisch, er habe in den Jahren der Vorbereitung unbedingt einen Besuch in Hollywood machen wollen – schließlich hätte er eigentlich Filmstar werden wollen. Spürte er, dass sein Publikum das ernst nahm? Jedenfalls ruderte er sofort zurück: „Nein, nein, Tom Stafford wollte eigentlich...“ Leonow beeindruckte auch in Deutschland bei einem Besuch des Europäischen Satellitenkontrollzentrums ESOC in Darmstadt am 1.Oktober 2009, wo er von seinen Weltraumflügen und in Presse-Interviews berichtete, dass er immer noch mit Tom Stafford befreundet sei.

 

Valerij Kubassow, der Ballistiker unter den Kosmonauten:

geboren 1935 in Wjasniki, gestorben 2014, hatte vor der ASTP-Mission Weltraumerfahrung mit der Sojus 6 (vom 11. bis 16. Oktober 1969), wo er u.a. Schweißtechniken in der Schwerelosigkeit erprobte. Bei der Apollo-Sojus-Mission war er Bordingenieur, seinen dritten und letzten Raumflug machte Kubassow 1980 mit der Sojus 36 zur Raumstation Saljut 6.

 

Kubassow hatte 1958 am Moskauer Luftfahrtinstitut ein Maschinenbau-Studium absolviert und kam als Ingenieur in das Konstruktionsbüro des legendären sowjetischen Raumfahrtpioniers Sergej Koroljow (1907-1966), wo er sich besonders mit ballistischen Forschungen befasste. Kubassow ist Autor mehrerer Studien zur Berechnung von Raumschiff-Trajektorien und hat sich bei Fachleuten damit einen ausgezeichneten Ruf verdient. Er wurde zwar 1966 ins Kosmonautenteam aufgenommen, hatte bereits das Training begonnen und war sogar für das Mondprogramm vorgesehen, wurde aber zugunsten von Kollegen immer wieder zurückgestellt. Sein erster Flug ins All wurde mit der Sojus 6 im Oktober 1969 unter Kommandant Georgij Schonin realisiert. Das ehrgeizige Flugprogramm sah eine Gruppenformation von Sojus 6, 7 und 8 vor, wobei Kubassow und Schonin von Sojus 6 aus eine Kopplung von Sojus 7 und 8 beobachten sollten. Das Annäherungssystem versagte jedoch, so dass die Kopplung nicht zustande kam. Immerhin funktionierte aber das Vakuum-Schweißgerät Vulkan, das von Schonin und Kubassow erfolgreich getestet wurde.

 


Valerij Kubassow, Sojus-19-Bordingenieur beim großen Rendezvozus mit Apollo. Das Foto entstand bei der NASA im Vorfeld der Mission im April 1974.
Foto: NASA

 

Nach diesem ersten Flug hatte Kubassow erneut eine Pechsträhne: Er hätte als Flugingenieur von Sojus 11 zur ersten Mannschaft auf der Raumstation Saljut gehören sollen, aber drei Tage vorm Start entdeckten Ärzte einen Lungenschatten bei ihm und stellten ihn wegen Tuberkulose von zukünftigen Flügen zurück. Seine Kollegen Alexej Leonow und Pjotr Kolodin, die mit ihm hätten starten sollen,  mussten wegen möglicher Ansteckung ebenfalls am Boden bleiben. Pech oder Glück – die Ersatzmannschaft, die dann startete, konnte auf der Raumstation Saljut 1 einen Langzeitrekord aufstellen, kam aber beim Landemanöver auf die Erde ums Leben, weil ein fehlerhaftes Ventil die Luft aus der Landekapsel entweichen ließ und aus der Kabine praktisch ein Vakuum machte. Wie riskant die frühen Jahre der Raumfahrt waren, zeigt auch der weitere Verlauf von Kubassows Karriere. Der Tuberkulose-Verdacht stellte sich irgendwann als unbegründet heraus und Kubassow wurde wieder in die Runde der Flugkandidaten aufgenommen. Dieses Mal hätte er zur Raumstation Saljut 2 fliegen sollen, aber die ganze Station explodierte kurz nach dem Start 1972, so dass auch der entsprechende Flug abgesagt wurde. Es dauerte dann tatsächlich bis zur ASTP-Mission 1975, dass Kubassow wieder ins All konnte, und auch danach gab es eine Pause von fast fünf Jahren für ihn: Im Mai 1980 war er Kommandant der Sojus 36, die mit dem ungarischen Kosmonauten Bertalan Farkas zur Raumstation Saljut 6 flog. Die Sojus 36 blieb bei der Saljut und der dortigen Langzeitbesatzung, während Kubassow und Farkas mit der Sojus 35 nach einer Woche zurückkehrten. Es war Kubassows letzter Flug; in  der Folgezeit wurde er als Konstrukteur eingebunden in die Entwicklung der Raumstation Mir. Im November1993 verließ er das Kosmonautencorps und wurde Stellvertretender Direktor des Raumfahrtunternehmens RKK Energija (Koroljow Rocket and Space Corporation). Insgesamt hat er rund 18 Tage und 18 Stunden im All verbracht. Zu seinen zahlreichen Ehrungen gehören dreimal der Lenin-Orden, zweimal die Auszeichnung „Held der Sowjetunion“, die Jurij-Gagarin-Medaille u.a.

 

Infos:

Thomas P. Stafford

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Stafford_(Astronaut)

                   http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_P._Stafford

Biografie: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/StaffordTP/TPS_Bio.pdf

Interview: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/StaffordTP/TPS_10-15-97.pdf

 

Vance D. Brand

Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Vance_D._Brand

                   http://de.wikipedia.org/wiki/Vance_DeVoe_Brand

Biografie: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/BrandVD/BrandVD_Bio.pdf

Interview vom 25. Juli 2000: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/BrandVD/BrandVD_7-25-00.pdf (30 Seiten)

Interview vom 12. April 2002: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/BrandVD/BrandVD_4-12-02.pdf (57 Seiten)

 

Von Donald Slayton gibt es wegen seines frühen Todes kein NASA-Interview im Oral-History-Programm.

Biografie bei Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Deke_Slayton#Personal_life

                                         http://de.wikipedia.org/wiki/Deke_Slayton

Alexej Leonow

Biografie bei Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Alexey_Leonov

                                         http://de.wikipedia.org/wiki/Alexei_Leonow

Valerij Kubassow

Biografie bei Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Valeri_Kubasov

                                         http://de.wikipedia.org/wiki/Waleri_Nikolajewitsch_Kubassow  

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