Das Apollo-Sojus-Test-Projekt (ASTP)

Die Mission vom 15. bis 24. Juli 1975

 


Es war das reinste Ballett im Orbit: zwei Raumschiffe begegnen sich, koppeln aneinander, fliegen eine Weile gemeinsam, gehen auseinander und kehren getrennt zur Erde zurück. Das eine, die sowjetische Sojus, war von Kasachstan aus gestartet (Punkt 1 Sojuz Lift-off), das andere, die Apollo, startete siebeneinhalb Stunden später auf der anderen Hälfte des Globus in Florida (Punkt 3 Apollo Lift-Off), während die Sojus bereits das erste Flugbahn-Korrektur-Manöver vornahm (Punkt 2 Sojuz Orbit Adjustment Maneuver). Das erste, was die Apollo-Astronauten im Orbit erledigten, war die Trennung ihres Raumschiffs von der Saturn-Trägerrakete (Punkt 4 Transposition). Die Apollo musste sich danach etwas entfernen, zurückkehren, an das noch in der Saturn-Rakete steckende Docking-Modul ankoppeln (Punkt 5 Docking) und es herausziehen (Punkt 6 Docking Module Extraction). Danach mussten Apollo und Sojus diverse Flugbahn-Korrekturen absolvieren (Punkt 7 Apollo Rendezvous Maneuvers und Punkt 8 Soyuz Circularization Maneuver), damit sie einander auf demselben Orbit begegnen und aneinanderkoppeln konnten (Punkt 9 Docking). Zwei Tage flog das Doppelraumschiff um die Erde herum, während die Astro- und Kosmonauten einander besuchen und gemeinsam arbeiten konnten (Punkt 10 Crew Activities). Dann koppelte die Sojus ab (Punkt 11 Soyuz Deorbit Maneuver) und landete wieder in Kasachstan (Punkt 12 Soyuz Landing). Die Apollo flog noch zwei Tage lang weiter und leitete dann den Ausstieg aus der Erdumlaufbahn ein (Punkt 13 Apollo Deorbit Maneuver), um schließlich im Pazifik zu landen (Punkt 14 Apollo Landing).
Grafik: NASA

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Das west-östliche Rendezvous gelingt

Von Christel Heybrock

15. Juli 1975 – Sojus und Apollo gehen in die Luft

Allein den Ablauf der Mission im Orbit auszutüfteln, dürfte die Tracking-Experten herausgefordert haben - es war die reinste Ballettchoreografie. Aber was darüber hinaus für die öffentlichkeitssüchtigen Amerikaner bereits Routine war, wurde in Moskau mit Pathos und einem hektischen Blick nach vorn betrieben – wenn schon Presse, dann aber richtig! Am Startplatz in Baikonur allerdings waren die rund 700 Vertreter der publizistischen Zunft nicht zugelassen, dafür wurde für sie im Moskauer Intourist Hotel eine ganze Etage freigemacht und ein Modell des Docking-Mechanismus in voller Größe präsentiert. Im Moskauer Fernsehturm waren 27 Studios für internationale TV-Sender eingerichtet, und es gab eine direkte Verbindung zwischen Moskau und Houston zur Vorbereitung einer globalen Life-Pressekonferenz mit den Männern im Orbit. Das sowjetische Fernsehen begann knapp drei Stunden vorm Start der Sojus mit der Direktübertragung.


Die Sojus im Orbit hoch über der Erde. Das sowjetische Raumschiff besteht aus drei Komponenten: dem knubbeligen Orbital-Modul, an dem hier auch der Koppelmechanismus erkennbar ist, dem Landemodul in der Mitte und dem Instrumenten-/Service-Modul, an dem die Solarflügel angebracht sind.
Foto:
NASA/künstlerische Darstellung von Paul Fjeld

In Houston waren derweil an Countdown und Start der Apollo rund 1000 Leute beteiligt, ganz abgesehen davon, dass 70.000 offizielle Gäste und 100.000 „normale“ Bürger dem großen Augenblick entgegenfieberten. Am 15. Juli 1975 startete zuerst die Sojus-19 um 8.20 Uhr Ortszeit auf dem Kosmodrom in Baikonur in nordöstliche Richtung. Das wurde nicht nur weltweit im Fernsehen gezeigt, sondern auch am NASA-Startplatz auf Cape Kennedy in Florida am Bildschirm verfolgt. Die Sojus schwenkte 530 Sekunden nach dem Abheben in die Umlaufbahn ein bei einer Neigung von 51,80 Grad und einem Anfangsorbit von 220 x 185,07 km, der später durch zwei Manöver auf eine Kreisform bei 225 km Höhe gebracht wurde. Derweil wurden in Florida erst die Raketentanks gefüllt. Um 9.10 Uhr Ortszeit Merritt Island wurden die drei NASA-Astronauten geweckt, noch einmal medizinisch durchgecheckt und zum Frühstück mit Steak und Rührei gebeten. Beim Essen konnten sie im Video-Replay dem sowjetischen Start zusehen. Die beiden Raumschiffe sollten sich bei der 36. Erdumrundung der Sojus und der 29. Erdumrundung der Apollo treffen.

 

Nach dem Frühstück wurden die Amerikaner in die Raumanzüge gesteckt. Robert Crippen, Backup-Pilot des Command/Service-Moduls, bereitete das Cockpit vor, und um 11.37 Uhr machten Stafford, Slayton und Brand sich im Transferfahrzeug auf zum Startplatz, der 25 Minuten Fahrt entfernt war. Dort angekommen, brachte ein Lift sie im 100 Meter hohen mobilen Startturm nach oben. Stafford betrat als erster das Cockpit, wobei Crippen ihm half, seine Elektro-, Sauerstoff- und Kommunikationsverbindungen zu verkabeln. Auch bei Slayton und Brand war es Crippen, der die Kollegen verkabelte, und um 12.22 Uhr Ortszeit wurde die Luke des Moduls geschlossen. Am Boden fungierte Astronaut Karol Bobko als CapCom (capsule communicator) und zählte den Countdown ab. Knapp acht Minuten vorm Liftoff hatte die Crew in ihrem Modul die komplette Checkliste absolviert, es waren immerhin 556 Schalter, 40 Displays und 71 Leuchtanzeigen auf der Konsole, was aber niemand aus der Ruhe brachte, denn Stafford verkündete der Bodenkontrolle in Houston, die Kollegen in der Sojus, die siebeneinhalb Stunden vorher gestartet waren, sollten sich schon mal fertig machen: „Wir sind gleich oben!“

 


Docking and Extraction - bevor das eigentliche Manöver zwischen Apollo und Sojus begann, musste die Apollo (rechts) erstmal ihr eigenes Docking-Modul aus der Startrakete herausziehen. Die beiden Apollo-Module "Kommando/Service" und "Docking" wurden in der Saturn-Rakete separat in die Umlaufbahn  geschossen und mussten erst "oben" zusammengefügt werden. Hier nähert sich die bereits frei fliegende Apollo dem in der Saturnstufe noch fest steckenden Docking-Modul. Gleich wird die Apollo andocken und das Modul herausziehen - höchste Konzentration für Apollo-Kommandant Tom Stafford.
Foto:
NASA/künstlerische Darstellung von Paul Fjeld

 

So einfach war das aber nicht. Die erste Stufe der Saturn IB war bei 58 km Höhe ausgebrannt und wurde 9 Minuten nach dem Start in den Atlantik abgeworfen. Die zweite Stufe war 42 Sekunden später mit einem Resttreibstoff am Ende und kam mit in den Orbit (sie landete nach getaner Arbeit dann im Pazifik). Das Kommando-/Service-Modul und das Docking-Modul waren beim Start getrennt in der Saturn-Rakete untergebracht, und als das Kommando-Modul mit den drei Astronauten sich von der zweiten Raketenstufe gelöst hatte, galt es, auch das Docking-Modul aus der Raketenstufe herauszuholen. Der Vorgang ist höchst komplex: „Transposition, docking, and extraction“ (TD&E) war zwar bei den Mondmissionen seit Apollo 9 eingesetzt worden und sollte in dieser Form mit der Apollo-Sojus-Mission zum letzten Mal absolviert werden, aber hier war es doch ein wenig anders. Wie Vance Brand in seinem Oral-History-Interview berichtete, musste sich das frei im Orbit fliegende Kommando-Modul zunächst rund 150 Meter entfernen, herumschwenken und zurückkommen, um das in der Raketenstufe steckende Docking-Modul genau in eine Sichtlinie zu bekommen. Dann sollte das Kommando-Modul daran andocken und das Docking-Modul herausziehen. Normalerweise dient eine Visierhilfe dazu, ein Gerät namens COAS (Crew Optical Alignment Sight), aber als Kommandant Stafford hindurchsah, erwischte er keineswegs einen Blick auf die Raketenstufe und das darin steckende Docking-Modul, sondern es lag die sonnenbeschienene Erde in seinem Blick. War sein COAS defekt? Konnte nicht sein, das grüne Fadenkreuz darin war zu sehen, wenn er die Hand davor hielt. Leise fluchend manövrierte er das Kommando-Modul, bis er nur noch 10 Meter von seiner „Beute“ entfernt war, aber auch dann musste er ordentlich den Kopf verdrehen, um das Docking-Modul in seine Sichtlinie zu bekommen. Was ihm dann gelang, war zwar das perfekteste Alignment überhaupt mit dem Apollo-System, aber das Andocken selbst, das einen Rums verursachte, kostete ihn dann doch einige Schweißtropfen, noch dazu fand es just dann statt, als der Funkkontakt zur Bodenkontrolle unterbrochen war. Die Trennung der nun verbundenen Module von der Saturn-Stufe verlief dann problemlos.

 

Der nächste Arbeitsvorgang war die Anpassung der Orbithöhe und der Fluggeschwindigkeiten zwischen Apollo und Sojus. Das Andocken der beiden Raumschiffe sollte beim 36. Orbit der Sojus stattfinden, und die Apollo musste dazu mehrere genau berechnete Manöver durchführen. Die Crew war  trotz der Höchstkonzentration gelassen genug, um einen blinden Passagier im Kommandomodul zu entdecken, einen Florida-Moskito, der heftig herumsauste und von dem Slayton drohte, er würde ihn an die Fische füttern, die in einem wissenschaftlichen Experiment mitflogen. Brand dagegen witzelte, er würde das Flugtier einfangen und zur Erde zurückbringen, damit es das Astronautenabzeichen bekäme. Immerhin ließ sich mit dem lockeren Gefrotzel zwischen Crew und Bodenkontrolle feststellen, dass die Kommunikation über den ATS-6-Satelliten zwar nicht permanent, aber problemlos funktionierte – während eine Erdumrundung der Apollo knapp anderthalb Stunden dauerte, konnte der Funkkontakt immerhin für knapp eine Stunde bestehen. Eine Dauerverbindung wie später bei den NASA-Space-Shuttles war damals technisch noch nicht möglich. Gegen Ende des ersten Flugtages gab es in der Kabine dann noch eine Überhitzung, aber auch die bekam die Crew in den Griff.

 

16. Juli 1975 – nächtliche Probleme im Verbindungstunnel

Auch in der Sojus schien derweil nicht alles reibungslos gelaufen zu sein. Alexej Leonow und Valerij Kubassow hatten Probleme mit einer Schwarz-Weiß-Fernsehkamera, die bestimmte Phasen der Mission übertragen sollte. Sie mussten ihre Schlafpause beginnen, ohne dass die Reparatur gelungen war. Nach einem arbeitsreichen Tag sollten auch die Apollo-Astronauten in den Schlafmodus kommen, aber nach Mitternacht kontaktierte Stafford die Bodenkontrolle, weil Vance Brand vergeblich versucht hatte, die ungelenke Apparatur der Dockingsonde (docking probe), die beim Koppeln mit dem Dockingmodul zum Einsatz gekommen war, aus dem Verbindungstunnel zu lösen und wegzuräumen. Der Platz im Tunnel sollte frei sein, damit über Nacht dort die Gefrieranlage für das Elektrophorese-Experiment abgestellt werden konnte. Die Anlage, in der lebende Zellen verarbeitet wurden, funktionierte mit flüssigem Stickstoff als Kühlung, von dem immer etwas austrat, und für die schlafenden Astronauten hätte das kritisch werden können. Vance erklärte dem Capcom Karol Bobko auf der Bodenstation, dass er das Werkzeug, mit dem er die Sonde hätte lösen können, nicht in die dafür vorgesehene Öffnung einbringen konnte. Irgendetwas habe sich in der Sonde verschoben und blockiere den Zugang. Mehr als eine Viertelstunde lang debattierten Bodenkontrolle und Astronaut das Problem, bis die Bodenkontrolle dazu riet, die Gefrieranlage da stehen zu lassen, wo sie war, einfach noch mal die Luke zum Tunnel zu schließen und endlich zu schlafen. Aber nun ging die Luke nicht mehr zu, weil Brand bei seinem verzweifelten Herumdoktern an der Sonde sie offenbar etwas bewegt hatte. Also, so schließlich der Rat vom Boden, lasst halt die blöde Luke offen und geht einfach so schlafen! Zur Sicherheit sollte der Sauerstoffdruck in der Kabine noch etwas erhöht werden, um die Gefahr wegen des austretenden Elektrophorese-Stickstoffs zu verringern. Am nächsten Morgen schließlich machte sich die ausgeruhte Crew daran, die Dockingsonde noch einmal an ihren Ursprungsplatz zu bugsieren, ein falsch montiertes kleines Teil im Innern zu korrigieren – und dann ließ sich die Unglückssonde wie vorgesehen gemäß der Checkliste lösen und aus dem Weg räumen.

 

Die Kosmonauten in der Sojus, die zeitweise vergessen hatten, die Verbindung zu ihrer Bodenstation in Moskau einzuschalten,  erfuhren dann doch von dem Kampf mit der Dockingsonde im Apollo-Tunnel, und auch Leonow machte sich zusammen mit Kubassow wieder an die Reparatur ihrer Schwarzweiß-Fernsehkamera, wobei sie nach Rücksprache mit Moskau so weit gingen, dass sie ein Stück der Innenverkleidung der Sojus abnahmen, um an eine TV-Kabelverbindung zu gelangen. Auch dieser Versuch scheiterte – die Kamera ging tatsächlich überhaupt nicht in Betrieb, was auf amerikanischer Seite Ärger verursachte, weil damit die Apollo-Aufnahmen im All aus der Sojus heraus unmöglich wurden. Die beiden Kosmonauten leiteten dennoch unverdrossen die Korrektur ihrer Umlaufbahn ein, um bei einem kreisförmigen Orbit von 225 x 225 km den Kontakt mit der Apollo vorzubereiten.

 

Während Leonow und Kubassow noch manövrierten, hatten die Apollo-Männer noch vor ihrem Sieg über die Dockingsonde festgestellt, dass das Urin-Auffangsystem zu langsam arbeitete und über „Nacht“ Erdbeersaft aus seinem Behälter entwichen war und nun am Fenster klebte. „Wir haben jetzt ein Erdbeer-Raumschiff“, informierte Stafford die Bodenkontrolle. Aber sonst lief alles wie am Schnürchen, und Robert Crippen, der in dem Augenblick CapCom war, informierte vom Boden aus, dass die Sowjets nun im richtigen Orbit seien und die Apollo erwarteten. Eine Farbfernsehkamera an Bord der Sojus funktionierte im Gegensatz zur Schwarzweiß-Kamera reibungslos, so dass Leonow einen Farbbericht zur Erde schicken konnte. Zur selben Zeit befanden sich auf der sowjetischen Raumstation Saljut seit fast zwei Monaten außerdem zwei Kollegen:  Pjotr Ilitsch Klimuk und sein Bordingenieur Vitalij Sewastjanow, mit denen Leonow auch noch kommunizieren konnte. Insgesamt sausten also seinerzeit sieben Männer in der Schwerelosigkeit rund um den Erdball. Der Tag verging auf der Apollo vor allem mit wissenschaftlichen Experimenten wie der Erdbeobachtung, der Elektrophorese, dem Notieren medizinischer Daten der Crew und der Beobachtung des Helium-Glimmens in der Umgebung des Sonnensystems. Was die Elektrophorese betrifft, so widmete sich Stafford dem deutschen Experiment (MA-014), das vier Behälter mit lebenden Zellen enthielt – er wollte die Behälter eins bis drei in das Kühlsystem einsetzen und dafür die Nummer vier herausnehmen, in der sich Lymphknoten-Zellen von Kaninchen befanden (laut Presseberichten waren es Ratten, möglicherweise ein Hör- oder Übersetzungsfehler zwischen „rats“ und „rabbits“). Aber als er den Deckel öffnete, flogen ihm die gekühlten Lymphzellen aus Nummer vier wie ein kleiner Schneesturm um die Ohren. Die tapferen Männer nahmen flugs ihre gebrauchte Unterwäsche und fingen die fatalen Bestandteile wieder ein. Ob der Experimentleiter im Institut für Biochemie in München restlos glücklich war über den Zwischenfall, ist nicht überliefert.

 

Am nächsten Tag, dem 17. Juli, sollte das große Andocken stattfinden, und nach einer weiteren Kurskorrektur der Apollo, die hinter der Sojus zurück lag und ihr nun bei jeder Erdumrundung um 255 km näher kam, gingen die Astronauten etwas früher schlafen.

 

17. Juli 1975 – das Rendezvous gelingt

Sie wurden morgens um drei durch einen Fehlalarm geweckt und blieben dann gleich wach. Deke Slayton beobachtete beim Überflug einen Savannenbrand in Afrika und Stafford einen Waldbrand auf einem Berg in der Sowjetunion – die Erde sah fast so aus wie aus einem 12.000 Meter hohen Flugzeug. Die Apollo machte noch eine Kurskorrektur, und kurz nach acht Uhr konnten die Apollo-Männer mit ihren russischen Kollegen über Funk miteinander reden. Brand hatte die Sojus bereits in seinem Sextant gesichtet, und auf beiden Seiten war man guter Dinge. Auf der Erde versammelten sich allmählich alle, die mit der Mission zu tun hatten, die Astronautenkollegen, der russische Botschafter Anatoli Dobrynin und der französische Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau, aber auch die Bürger in Ost und West vor den Fernsehkameras, und manch einer dürfte vor Aufregung weiche Knie bekommen und zeitweise das Atmen vergessen haben. Was, wenn etwas schief ginge, wenn die beiden Raumschiffe durch einen Defekt mit einander kollidieren oder sich verfehlen würden? Selbst für jemand, der das Ereignis nach Jahrzehnten noch einmal verfolgt, ist die Gelassenheit der Protagonisten an Bord der Apollo wie an Bord der Sojus bewundernswert, mit einer Art fröhlicher Eleganz machten die Boys oben in der Schwerelosigkeit einen richtig tollen Job.

 

Gegen halb neun Uhr stellte Kubassow auf das Signal von Stafford hin seinen Transponder an (range tone transfer assembly, ein automatisches Funk-Kommunikationsgerät, wie es bereits bei den Mondlandungen unerlässlich gewesen war). Der Abstand zwischen den Raumschiffen hatte sich auf 222 km verringert. Um 9.12 Uhr vollzog die Apollo-Crew ein erneutes Manöver, um den Orbit weiter auszudehnen und dem der Sojus anzugleichen (der Anfangs-Orbit der Apollo hatte bei 150 x 167 km gelegen, war bei 169 km Höhe kreisförmig geworden  und musste noch auf 225 km Höhe gebracht werden). Um 10.17 Uhr lagen noch 35 km zwischen Apollo und Sojus, und um 10.46 Uhr meldete sich CapCom  Richard Truly von der Bodenstation: „Moskau ist bereit zum Docken, Houston ist bereit zum Docken, jetzt seid ihr dran, Jungs, viel Spaß!“ Stafford funkte zu Leonow herüber: „Noch ne halbe Meile, Alexej!“ Und Leonow antwortete: „800 Meter!“

 

Aus Sicherheitsgründen hatten Leonow und Kubassow sich ins Landemodul der Sojus zurückgezogen und die Luke zum Orbitalmodul geschlossen (die Sojus besteht aus drei Komponenten – Servicemodul, Landemodul und dem taucherglockenähnlichen Orbitalmodul; das Landemodul liegt geschützt in der Mitte und bietet der Crew dreieinhalb Kubikmeter Lebensraum ... ziemlich eng auch für nur zwei Leute). In der Apollo ging es ähnlich zu, die Luken zwischen Kommando- und Docking-Modul wurden geschlossen, dann gab Stafford an Leonow das Okay für ein 60-Grad-Rollmanöver, damit die Sojus die Endposition fürs Andocken einnahm. Auf den irdischen Bildschirmen leuchtete die Sojus grün vor der Schwärze des Weltalls, und als sich der Abstand zwischen den Raumschiffen oben immer mehr verringerte, wurde es im Viewing-Raum unten ganz still, nur die Kommunikation zwischen den Astro-/Kosmonauten und der Bodenkontrolle war zu hören.

 

„Tom, vergiss bloß deine Triebwerke nicht,“ erinnerte Leonow aus der Sojus heraus den Apollo-Commander Stafford. Gekicher im Viewing-Raum auf der Erde, zumindest bei denen, die wussten, auf welches Theater im großen, weiten Vorfeld der ganzen Mission Leonow anspielte. Es hatte die Amerikaner nämlich tagelange Anstrengungen gekostet, die Russen von der Überzeugung abzubringen, der Ausstoß der Lageregelungstriebwerke bei der Apollo würde beim Andocken die Thermo-Isolierung und die Radio-Antennen der Sojus beschädigen, falls die Apollo-Crew vergäße, die Triebwerke im kritischen Moment abzuschalten. Stafford gab derweil ungerührt die Daten des spannenden Vorgangs an die Bodenstation: „Weniger als fünf Meter Abstand. Drei Meter. Ein Meter. Kontakt!“ Die Hydraulik-Puffer nahmen die Stoßenergie auf, es gab einen kleinen Rums, die Sojus wackelte ein wenig, und Leonow rief: “Wir sind eingefangen... okay, Sojus und Apollo reichen sich jetzt die Hände!“ Es war 11.10 Uhr in Houston. Stafford zog den Führungsring ein, aktivierte den Einrastmechanismus und verriegelte die Verbindung.„Gut gemacht, Tom!“ funkte Leonow aus der Sojus, die nun ein gemeinsames Raumschiff mit der Apollo bildete. „Es war eine gute Show. Jetzt freuen wir uns aufs Händeschütteln mit euch in der Sojus.“

 


Schematische Darstellung des Rendezvous, NASA-Astronauten in Braun, Kosmonauten in Türkis. Bei den Begegnungen im jeweils anderen Teil des Doppelraumschiffs blieb aus Sicherheitsgründen immer ein "Einheimischer" vor Ort, aber nach und nach kam jeder mit jedem zusammen.
Grafik:
NASA

 

Das dauerte aber noch etwa drei Stunden, weil die Atmosphären in den beiden Raumschiffen nicht zueinander passten und zunächst angeglichen werden mussten. Als Slayton die Verbindung zum Dockingmodul öffnete, schlug ihm der Gestank von verbranntem Klebstoff entgegen. Vance Brand setzte seine Sauerstoffmaske auf, und Stafford informierte Leonow, dass es ein Problem mit der Atemluft gäbe. Bei der Bodenkontrolle entstand leise Panik, aber die Apollo-Crew bekam dann doch grünes Licht zum Weitermachen, als der Geruch sich allmählich verzog, ohne dass ein Defekt erkennbar gewesen wäre. Derweil wurde eine Grußbotschaft von Sowjet-Staatschef Leonid Breschnew an die Astronauten im Fernsehen verlesen. Oben im Orbit machten sich Stafford und Slayton auf ins Dockingmodul und ließen Vance Brand hinter verschlossener Luke allein im Kommando-Service-Modul zurück, denn es war festgelegt worden, dass bei den binationalen Begegnungen immer mindestens eine Person in jeweils ihrem Raumschiff vor Ort bleiben sollte. Im Apollo-Dockingmodul wurde der 78-prozentigen Sauerstoffatmosphäre Stickstoff hinzugegeben und der Druck erhöht, so dass er im Tunnel zwischen Dockingmodul und Sojus identisch wurde.

 

Um 2.17 Uhr am Nachmittag öffnete Stafford die Verbindungsluke zum Sojus-Orbitalmodul und erblickte jede Menge herumfliegender Kabel: „Sieht so aus, als hätten sie hier auch ein paar Schlangen...“ murmelte er und rief dann laut: „Alexej, jetzt komm doch mal rüber!“ Und hoch oben überm französischen Metz (nach damaligen Presseberichten überm Atlantik, 990 km westlich von Portugal) konnten sie endlich einander begrüßen. Sie taten das offenbar ohne großes Aufheben, so als handle es sich um einen ganz normalen Vorgang. US-Präsident Gerald Ford dachte etwas später ziemlich anders darüber und dehnte mit endlosen Fragen an die Astronauten die Kommunikation von geplanten fünf auf neun Minuten aus. Dann tauschten die beiden Mannschaften feierlich Nationalflaggen, Medaillen, Urkunden und Baumsamen (die später in dem jeweils fremden Land ausgesät wurden) und nahmen etwas weniger feierlich endlich zusammen eine Mahlzeit ein – aus der Tube natürlich, weil in der Schwerelosigkeit den Astronauten das leckere Mahl sonst um die Ohren geflogen wäre.

 

Um viertel vor sechs am Abend verabschiedeten sich die vier Männer voneinander, Stafford und Slayton segelten zurück in ihr Dockingmodul, Stafford schwebte ins Kommandomodul, während Slayton die Luke zum Dockingmodul schloss. Auch in der Sojus wurden die Verbindungsluken gesichert, aber als die Kosmonauten ein kleines Leck zwischen den Luken entdeckten, wurde der Tag im Orbit noch ein bisschen länger als geplant: Um 19.36 Uhr endlich sagte Stafford der Bodenkontrolle gute Nacht – ein historischer Tag war zu Ende.

 

18. Juli 1975 – der zweite Tag unter Freunden

Der vierte Tag im All (18. Juli) begann für die Amerikaner um 2 Uhr morgens Houston-Ortszeit. Während die Astronauten geschlafen hatten, war am Boden über das Gas-Leck zwischen den geschlossenen Luken der Apollo-Sojus diskutiert worden. Das Gas, so die Erklärung, dehnte sich aus, und die Sensoren konnten nicht unterscheiden zwischen Leck und Ausdehnung. Die Crews im Orbit machten dann auch einfach weiter, und dieses Mal waren es Vance Brand und Valerij Kubassow, die zusammen kamen und für das amerikanische Fernsehpublikum eine binationale Übertragung veranstalteten. Kubassow machte dabei einen kleinen Rund“gang“ durch die Sojus, wobei er die Funktion technischer Details erläuterte und Brand die „Küche“ zeigte, nämlich die Stelle, an der die Tuben-Mahlzeiten der Kosmonauten aufgewärmt wurden. Anschließend trafen Leonow und Stafford für die russischen Zuschauer in der Apollo zusammen, wobei Stafford die technische Ausrüstung des amerikanischen Raumschiffs erläuterte. Die Live-Übertragungen schienen für die Menschen am Boden eigentlich ganz simpel, und vor allem in den USA wurden sie fast als Normalität wahrgenommen. Für die Zuschauer in der UdSSR handelte es sich um eine Sensation, und tatsächlich hatten Planung und Vorbereitung etliche Stunden gedauert, weil die weltweite Übertragung einer der Hauptaspekte des ganzen Unternehmens war.

 

Die Männer im Orbit spielten dabei auch bereitwillig mit. Kubassow beispielsweise sprach auf Englisch, als das Doppelraumschiff sich der UdSSR näherte: „Liebe amerikanische Fernsehzuschauer, es wäre verkehrt sich zu fragen, welches Land schöner wäre – tatsächlich gibt es nichts Schöneres als unseren blauen Planeten.“ Und direkt überm Territorium der UdSSR fuhr er fort: „Unser Land nimmt ein Sechstel der Erdoberfläche ein, hier leben mehr als 250 Millionen Menschen in 15 Sowjetrepubliken. Im Augenblick überfliegen wir die Stadt Wolgograd, die früher Stalingrad hieß, wo im Winter 1942/43 deutsche faschistische Truppen von der Sowjet-Armee besiegt wurden...“ Im Kommando-Modul der Apollo mit Stafford und Slayton sprach dann Leonow über den Ural und über Kasachstan, wo sie vor drei Tagen gestartet waren, und die Übertragung endete mit einer Filmaufnahme, bei der die Auswirkungen der Schwerelosigkeit demonstriert wurden und die zu Schulungszwecken auf der Erde eingesetzt werden konnte.

 


"Guten Appetit!" - mit Tubenfraß (hier russischer Borschtsch) ernährten sich die Männer im Orbit. Tom Stafford (links) und Deke Slayton probieren eine Nationalspeise aus der Sojus.
Foto:
NASA

 

Bei diesem zweiten Treffen hatte Vance Brand seine Tuben-Mahlzeit in der Sojus eingenommen und Leonow in der Apollo. Sobald Brand in die Apollo zurückkam, schwebten Stafford und Leonow in die Sojus, wo sie den Platz mit Kubassow tauschten, der seinerseits zur Apollo hinüberruderte. Dabei musste jedes Mal die Luftzusammensetzung in der Sojus kontrolliert werden, um sicher zu gehen, dass durch die Bewegungen nicht zuviel Stickstoff davongeweht war. Sobald die Männer wieder an ihren angestammten Plätzen waren, wurden die Verbindungsluken geschlossen, um die jeweilige Kabinenatmosphäre zu schützen.

 

Bei der dritten Begegnung stand ein spektakuläres Interview zwischen Astro-/Kosmonauten und binationalen Pressevertretern auf dem Programm, wobei die Fragen der Journalisten zuvor gesammelt und von der Bodenkontrolle in Houston an die Crews im Orbit gefunkt wurden. Stafford begann mit einem Statement, das die friedens- und verständigungsstiftende Funktion der Mission noch einmal betonte. Kubassow hatte 1969 am ersten Schweißversuch in der Schwerelosigkeit teilgenommen und wurde jetzt nach der Herstellung neuer Materialien im All gefragt – er entwarf ein kühnes Zukunftsszenario mit ganzen Fabriken im All. Aber – so eine weitere Frage – sei es nicht dringender, Probleme auf der Erde zu lösen als soviel Geld in Raumfahrtmissionen zu stecken? Stafford wies auf die unschätzbaren Vorteile der Raumfahrt hin, mit der irdische Probleme gelöst werden könnten. Im Zuge der Übertragung zeigte der künstlerisch begabte Leonow eine Reihe von Porträtzeichnungen, die er während des Fluges gemacht hatte. Dass Leonow auch  mit diplomatischem Hintersinn begabt war, bewies er mit seiner Antwort auf die Frage, wie ihm beim Besuch in der Apollo denn das amerikanische Essen geschmeckt habe? Leonow: „Es kommt nicht darauf an, was man isst, sondern mit wem. Insofern war das Essen ganz wunderbar, weil meine Freunde Thomas Stafford und Deke Slayton bei mir waren.“ Zum Schluss äußerten Stafford und Leonow den Wunsch, in Zukunft erneut gemeinsame Raumfahrt-Missionen unternehmen zu können.

 


Ziemlich eng, aber es geht: Tom Stafford (oben) und Alexej Leonow im Verbindungstunnel zwischen Apollo-Docking-Modul und Sojus-Orbital-Modul.
Foto:
NASA

 

Das große Interview war freilich nicht die einzige Aufgabe der Crew am 18. Juli, es ging auch um die russisch-amerikanische Betreuung wissenschaftlicher Experimente an Bord. Als Teil des Erdbeobachtungsexperiments MA-136 machte Slayton Aufnahmen der Meeresströmung um die Halbinsel Yucatan und in der Florida-Meerenge. Er versuchte auch die von Mikroorganismen hervorgerufene Rotfärbung des Meeres bei Tampa und Cape Cod zu dokumentieren, wurde aber durch Wolkenbildung an der Sicht gehindert. Insgesamt waren fünf bilaterale Experimente in der relativ kurzen Zeit der Begegnungen zu absolvieren, fast mehr als die beiden Crews schaffen konnten. Darunter befand sich auch das Schmelzexperiment, bei dem unter einer Temperatur von mehr als 1000 Grad Celsius Metalle geschmolzen wurden. Um 15.39 Uhr Houston Ortszeit verabschiedete sich Stafford von Leonow und Kubassow in der Sojus und kehrte zurück in sein Dockingmodul. Dann wurden alle Luken geschlossen – insgesamt hatte Stafford 7 Stunden 10 Minuten in der Sojus verbracht, Brand sechseinhalb Stunden und Slayton eine Stunde 35 Minuten. Leonow war 5 Stunden 43 Minuten zu Gast in der Apollo gewesen und Kubassow 4 Stunden 57 Minuten.

 

19. Juli 1975 – Abdocken, Andocken und endgültig auseinander

Die Amerikaner waren herzlich müde von der getanen Arbeit und begannen um 19.20 Uhr die verdiente Schlafphase, wurden aber schon eine Stunde später durch einen Alarm geweckt, weil der Sauerstoffdruck im Dockingmodul zurückging und die Crew erst mal dafür sorgen musste, dass mehr Sauerstoff ins Modul floss. Am nächsten Morgen wachte sie deshalb verspätet auf. Der Tag hielt erneut schwierige Aufgaben bereit, es ging nicht nur um die weitere Betreuung wissenschaftlicher Experimente, sondern auch um ein Abdocken der beiden Raumschiffe morgens um 7.12 Uhr nach 44 Stunden gemeinsamen Fluges und um späteres erneutes Andocken für nur mehr kurze Zeit. Zunächst musste das Experiment MA-148 durchgeführt werden, bei dem die Apollo eine künstliche Sonnenfinsternis für die Kollegen in der Sojus herbeiführte: Die beiden Raumschiffe koppelten sich voneinander ab, und die Apollo manövrierte sich aus einem Abstand von 200 Metern so vor die Sonne, dass der Durchmesser des Servicemoduls für die Crew in der Sojus das Gestirn völlig verdeckte. Leonow und Kubassow konnten so die Sonnenkorona fotografieren. Zeitgleich fanden Sonnenbeobachtungen vom Erdboden aus statt, damit sich vergleichen ließ, welchen Einfluss die Interferenzen der Erdatmosphäre auf die Ergebnisse hätten. Zudem hatte anderthalb Jahre zuvor die Skylab-Mission die Korona beobachtet, so dass sich jetzt auch mögliche Veränderungen der Sonnenaktivität konstatieren ließen.

 


Die Apollo mit dem Docking-Mechanismus vorn, im Orbit fotografiert aus der Sojus.
 Foto:
NASA/Akademie der Wissenschaften der UdSSR

 

Nach der künstlichen SoFi stand das erneute Andocken der beiden Raumschiffe auf dem Programm, aber dieses Mal gab es keine Kontakte der beiden Crews mehr. Die Apollo näherte sich der Sojus, und nun sollte Slayton das Docking erledigen. Stafford funkte zur Bodenkontrolle, dass auch Slayton das seltsame Problem mit dem COAS-Gerät hätte. Solange das Ziel, die Sojus, vor dem dunklen Hintergrund des Alls im Visier war, schien die Sache zu klappen, aber bei einer Entfernung von rund 100 Metern zwischen den Raumschiffen kamen die Erde und das Licht ins Gerät, und zack, nichts war mehr zu sehen von der Sojus. Slayton fürchtete schon, das Partnerraumschiff zu überrennen, aber um 7.33 Uhr kam es doch noch zum regulären Kontakt und Leonow, der in der Sojus den Führungsring ausgefahren hatte, konnte ihn einholen. Am Monitor in der Apollo wirkte das Docking härter als beim ersten Mal, und tatsächlich torkelte das Doppelraumschiff danach etwas. Offenbar war die Ursache aber das versehentliche Betätigen der Antriebsdüsen durch Slayton im Augenblick des Dockens, und der sowjetische Experte Syromjatnikow hatte zunächst Sorge, dass der Dockingmechanismus der Sojus dadurch gelitten haben könnte. Der Verdacht stellte sich dann doch als unbegründet heraus, der Mechanismus war so stabil gebaut, dass er auch einen Fehlgriff aushalten konnte.

 

Um 10.27 Uhr trennten sich die beiden Raumschiffe dann endgültig. Beim vierminütigen Vorgang des Abkoppelns war es Leonow, der mit der Sojus die aktive Rolle übernahm. Sobald die Trennung perfekt war, manövrierte Slayton die Apollo in eine sichere Entfernung von 40 Metern, während Leonow für das zweite Wissenschaftsexperiment des Tages die Retroreflektoren an der Sojus öffnete, denn auch das Experiment MA-059 (UV-Absorption in der Atmosphäre) konnte nur als Gemeinschaftsarbeit der beiden Crews durchgeführt werden. Es ging um die Frage, wie groß die Menge atomaren Sauerstoffs und Stickstoffs in der Orbithöhe der beiden Raumschiffe wäre, eine Frage, die buchstäblich zu einem Solo-Ballett im All führte, denn Slayton musste mit der Apollo etliche hoch präzise Manöver absolvieren.

 

Die Sojus behielt den kreisförmigen Orbit bei, aber die Apollo verließ diese Ebene, indem Slayton sein Raumschiff so platzierte, dass die Apollo-Nase auf den Reflektor an der Seitenfront der Sojus zielte. In dieser Formation flog die Apollo rund um die Sojus herum von der Vorder- bis zur Rückseite, während sie laserähnliche Lichtstrahlen auf die Retroreflektoren der Sojus schickte. Die von der Sojus zurückgeworfenen Strahlen wurden wiederum von einem Spektrometer auf der Apollo aufgefangen, der die Wellenlänge des Lichts dokumentierte und damit die gewünschten Ergebnisse möglich machte. Die Sache sollte mit einer Entfernung von 150 Metern zwischen den beiden Raumschiffen beginnen, aber eine Lichtemission von der Sojus brachte den Spektrometer auf der Apollo durcheinander. Die zweite Stufe des Experiments sollte aus 500 Metern Entfernung stattfinden, und da klappte die Sache vorzüglich, und auch aus 1000 Metern wurden noch brauchbare Ergebnisse gewonnen, da flog die Apollo dann noch einmal in einer Ebene mit der Sojus.

 

Der ganze Vorgang dauerte anstrengende drei Stunden, und CapCom Karol Bobko am Boden lobte die Crew: „Jungs, das habt ihr aber fein gemacht!“ Anstatt auf sich selber stolz zu sein, schickte Slayton ein Dankeschön an das Bodenteam, das die komplizierte Choreographie ausgearbeitet hatte. Die drei Spezialisten Roger Burke, Steve Grega und Bob Anderson hatten Stunden in den Simulatoren verbracht, und selbst Burke, der seit Jahren Erfahrung mit der Entwicklung von Flugmanövern hatte, hielt das UV-Experiment für eine der schwierigsten Aufgaben, die eine Crew jemals erfüllen musste. Es kam hinzu, dass die Details des ganzen Manövers erst wenige Tage vorm Start festgestanden hatten. Slayton gestand später, alle drei Astronauten hätten alle Hände voll damit zu tun gehabt. Er selber war mit den eigentlichen Flugmanövern befasst, Vance Brand bediente den Computer und Stafford hatte ständig irgendwelche Geräte an- oder abzuschalten und Sensoren zu aktivieren. Es kam hinzu, dass die Gesetze der Himmelsmechanik sich auf den Flug auswirkten, denn sobald die Apollo beim Rundumflug um die Sojus ihre Geschwindigkeit verändern musste, beeinflusste das die Umlaufbahn des Raumschiffs um die Erde. Es wäre alles kein Problem gewesen, wenn man nicht noch mit dem Treibstoff hätte sparen müssen.

 

Nach dem Experiment flogen Sojus und Apollo dann endgültig auseinander, nachdem die Männer noch einmal miteinander telefoniert und sich „Auf Wiedersehen auf der Erde“ gesagt hatten. Gegen 13.45 Uhr Ortszeit Houston veränderte die Apollo tatsächlich den Orbit und flog jetzt eine Bahn von 217 auf 219 Kilometern um die Erde. Die Sojus flog der Apollo voraus, aber auf einer tiefer gelegenen Bahn, und dort bereiteten sich Leonow md Kubassow bereits auf die Schlafphase vor, während die Apollo-Mannschaft noch einen dicht gedrängten Zeitplan hatte.

 

20. Juli 1975  - sechster Tag im All

Während die Amerikaner in der Apollo endlich schliefen, begann der sechste All-Tag für die Sojus-Raumfahrer bereits um 1.10 Uhr in der Frühe, denn auch bei ihnen mussten wissenschaftliche Experimente durchgeführt werden. Dabei ging es um Fotoaufnahmen von Erde und Sonne sowie um eine Pilzkultur, und Leonow checkte schon mal die Liste fürs Deorbiting durch, also die Rückkehr aus der Umlaufbahn zur Erde, einschließlich der Entfaltung der Landefallschirme – das Ende der Mission nahte schließlich für den nächsten Tag. Zwischendurch gaben die beiden Kosmonauten noch eine Fernsehübertragung fürs heimische Publikum, und am Nachmittag begannen sie, das Raumschiff aufzuräumen und alles, was zur Erde zurück sollte, im Landemodul zu verstauen. Bis zur Rückflugsprozedur war damit alles erledigt und die Kosmonauten konnten eine zehnstündige Ruhepause einlegen.

 

Auch die Apollo-Crew wurde bereits um 1.54 Uhr morgens geweckt, weil ein arbeitsreicher Tag bevorstand. Abgesehen von einer ganztägigen Erdbeobachtung sollten wissenschaftliche Experimente durchgeführt werden wie der Betrieb des Mehrzweckofens (MA-010), eine Beobachtung im Extremen Ultraviolett (MA-083, einer Strahlung, die im elektromagnetischen Spektrum an der Grenze zur Röntgenstrahlung liegt), sowie die Züchtung von Kristallen (MA-085) und der Beobachtung des Helium-Glimmens in der Umgebung des Sonnensystems (MA-088). Mittendrin meldete sich CapCom Robert Crippen und erinnerte daran, dass auf den Tag genau vor sechs Jahren Neil Armstrong seinen Fuß auf die Mondoberfläche gesetzt hatte.

 

21. Juli 1975 – Sojus kehrt bereits zurück

In der Sojus legten Leonow und Kubassow nach dem Frühstück die Raumanzüge an und informierten die Bodenkontrolle in Moskau, dass alle Funktionen normal und sie bereit zur Rückkehr seien. Daraufhin erhielten sie die Daten für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ... Abstiegsgeschwindigkeit 120 Meter pro Sekunde, Bremsstoß 194,9 Sekunden in der Höhe von 214 Kilometern... auf der Erde versammelten sich die Menschen vor den Fernsehgeräten, um die seltene Übertragung einer Sojuskapsel-Landung zu verfolgen, sogar in Houston, wo es früher Morgen war. Die Triebwerke fürs Deorbiting wurden exakt von 5.09 Uhr bis 5.13 Uhr (Houston Ortszeit) gezündet, neun Minuten später löste sich das Orbitalmodul der Sojus und Leonow informierte die Bodenstation, dass die Erdgravitation sich bemerkbar mache, allerdings weniger als erwartet. Derweil begab sich eine ganze Flotte von Hubschraubern und Lastwagen ins Landegebiet in Kasachstan. Um 5.40 Uhr empfingen die sowjetischen Bergungspiloten Funksignale von der Sojus-Landekapsel, und fast zeitgleich begannen die Fernsehkameras in den Hubschraubern die Übertragung der an rotweiß gestreiftem Fallschirm zur Erde herabschwebenden Kapsel, deren automatische Landetriebwerke kurz überm Boden noch einmal zündeten, den Aufprall abmilderten und eine dichte Staubwolke verursachten. Um 5.51 Uhr, drei Minuten nach dem Aufsetzen, kam ein etwas schwindliger Kubassow aus der Kapsel, dann folgte Leonow – trotz der nach Tagen der Schwerelosigkeit ungewohnten Anziehungskraft der Erde gelang ihnen ein breites Lächeln, sie winkten sogar den Fotografen zu. Die Bodenkontrolle in Houston meldete an die Apollo, dass die Sojus sicher gelandet sei und Alexej und Valerij sich in guter Gesundheit befänden. Stafford, Slayton und Brand ließen die Kollegen grüßen – sie selber hatten noch dreieinhalb Tage Arbeit in der Umlaufbahn.

 

22. und 23. Juli 1975 – Arbeit für die Wissenschaft

Zunächst standen 23 wissenschaftliche Experimente auf dem Programm. Zwar verlief der 22. Juli ruhig, aber am 23. musste das Doppler Tracking Experiment (MA-089) durchgeführt werden, das zusammen mit dem Geodynamik-Experiment (MA-128) erkunden sollte, welche Methode zur Erforschung der Plattentektonik auf der Erde besser geeignet wäre. Das Geodynamik-Experiment bediente sich einfach der Apollo und des geostationären Kommunikationssatelliten ATS-6, der in einem viel höheren Orbit (35.900 km) um die Erde sauste – diese Art der Messung von Bewegungen der Erdtektonik wurde als „low-high approach“ bezeichnet. Das Doppler Tracking Experiment dagegen setzte auf zwei Satelliten im niedrigen Orbit („low-low-approach“), um irdische Massenanomalien mit einer Ausdehnung von mehr als 200 km zu messen. Im Fall der Apollo setzte das eine Abkopplung von Dockingmodul und Servicemodul voraus. Sobald die beiden Module in der Umlaufbahn mehr als 300 km voneinander entfernt waren, hätten sich Massenanomalien auf der Erde auf den Orbit der beiden Komponenten auswirken müssen, und wenn ihre Umlaufbahnen dadurch gestört wurden, musste auch die Funkverbindung zwischen beiden beeinträchtigt sein.

 

Bevor die Apollo-Crew allerdings das Dockingmodul abkoppelte, musste sie noch einmal für eine halbstündige Pressekonferenz zur Verfügung stehen. Die Journalisten am Boden fragten vor allem nach der Zukunft der bemannten Raumfahrt, nach zukünftigen Marsmissionen und der Beteiligung der Apollo-Männer am geplanten Space-Shuttle-Programm (STS = Space Transportation System). Deke Slayton versicherte an einer Stelle, er hätte im All nichts getan, was nicht auch seine 91-jährige Tante hätte tun können (woraufhin die Reporter nichts Wichtigeres zu tun hatten, als den Namen der alten Dame herauszufinden).

 

Nach der Pressekonferenz machten sich die Männer wieder an die Arbeit, legten ihre Raumanzüge an und koppelten um 14.41 Uhr das Dockingmodul ab, das vollgepackt war mit Abfall und verbrauchten, nicht mehr benötigten Gegenständen. Das Modul taumelte davon und die Crew im Kommando-/Service-Modul beeilte sich, die für das Doppler-Experiment nötige exakte Entfernung zu bekommen. Das Dockingmodul flog nach der Messung noch eine Weile um die Erde, bis es durch die Mikrogravitation allmählich tiefer sank und im August 1975 beim Wiedereintritt in die dichten Atmosphäreschichten verbrannte.

 

24. Juli 1975 – Dramatische Rückkehr

24 Stunden nachdem das Dockingmodul davon geschwebt war, bereiteten sich die Männer auf die Rückkehr vor. „Party’s over. Time to come home“, weckte CapCom Robert Crippen die Crew. Um halb acht Uhr morgens begannen die Vorbereitungen fürs Deorbiting am Nachmittag, dazu gehörte auch, dass die medizinischen Daten für die ärztlichen Untersuchungen nach der Rückkehr festgehalten wurden. Crippen informierte über die neuesten irdischen Nachrichten – die Zeitungen waren voll von der Mission, stellten die Behauptung auf, dass Deke Slayton nicht zum letzten Mal im All gewesen sei (was dann doch der Fall sein sollte), aber dass die sicherlich glanzvolle Zukunft von General Stafford noch nicht entschieden sei: Blieb er bei der NASA? Würde er zur Air Force gehen, in die Industrie, in die Politik? „Also das letzte ganz bestimmt nicht,“ reagierte Stafford. Crippen informierte auch über die Wetterverhältnisse, was nicht ganz unbedeutsam für die Landung im Meer war: Sichtweite 16 Kilometer, Windgeschwindigkeit 17 Knoten, Wolkenaufkommen in 600 Meter Höhe, Wellenhöhe 1,10 Meter.

 

Die Apollo verließ die Umlaufbahn dann um 13 Uhr 37 und 47 Sekunden – 13 Sekunden vor dem festgesetzten Zeitpunkt. Sechseinhalb Minuten später wurden die beiden Komponenten Kommandomodul und Servicemodul voneinander getrennt, damit endete auch die Verbindung zum Kommunikationssatelliten ATS-6, weil die Hochleistungsantenne sich am Service-Modul befand. Während des Abstiegs dokumentierten Slayton und Brand routinemäßig den Aufbau der Gravitation und die Atmosphärenreibung, die dem Hitzeschild zusetzte und als geräuschvoller Feuerball das sinkende Raumschiff umgab. Bis in eine Höhe von 15 km überm Boden verlief der Abstieg fehlerlos, dann gab es bei einer Höhe von knapp 1000 Metern ein Missgeschick, das um ein Haar tödliche Folgen gehabt hätte: Vance Brand hätte zwei automatische Schalter bedienen müssen, um die Lageregelungstriebwerke auszuschalten und die Kappe für die Lösung der Landefallschirme abzusprengen, und Commander Stafford las den Vorgang auch von der Checkliste herunter. War die Automatik der Schalter defekt oder konnte Brand durch den ohrenbetäubenden, ungewöhnlich heftigen Lärm der Atmosphärenreibung die Anweisung nicht hören? Jedenfalls sauste das Apollo-Modul einfach weiter der Erde entgegen. Die Crew bemerkte zwar den Fehler und versuchte den Anker-Fallschirm manuell auszulösen, aber dadurch begann das Modul zu taumeln und die automatischen Triebwerke des Lageregelungssystems pulverten mächtig dagegen an. Gleichzeitig hatten sich die Druckventile des Moduls geöffnet, um Frischluft in die Kabine zu lassen, aber so wurden 30 Sekunden lang hoch giftige, gelbe Treibstoffschwaden (Nitrogen-Tetroxid) angesaugt, und als jemand glücklich die Triebwerke ausschaltete, war die Crew nur noch mit äußerster Willensanstrengung reaktionsfähig.

 

Das Apollo-Modul landete zwar wie vorgesehen im Pazifik 555 km westlich von Hawaii, und das Bodenpersonal frohlockte bereits über die geglückte Landung, wusste aber noch nichts vom Zustand der Männer und auch nichts davon, dass das Modul beim Aufschlagen aufs Wasser gekippt war und die Männer nun kopfüber in den Halterungen hingen, während Wasser eindrang. Stafford konnte sich im letzten Moment befreien und die Sauerstoffmasken heranholen. Slayton kämpfte mit Übelkeit und Vance Brand war bereits bewusstlos, kam aber wieder zu sich, als Stafford ihm die Maske aufs Gesicht drückte und konnte schließlich das Aufrichtungssystem aktivieren. Als das Modul endlich aufrecht schwamm, öffnete Stafford das Lüftungsventil und ließ Frischluft in die Kabine. Die Crew kam nach der Bergung mit einem Frachthubschrauber dann für zwei Wochen ins Krankenhaus auf Hawaii, wo bei Slayton ein kleiner Riss in der linken Lunge festgestellt wurde – dabei handelte es sich aber um einen gutartigen Tumor. Die Männer erholten sich auch rasch, und alle fünf Raumfahrer der ASTP-Mission kamen noch einmal für zwei Rundreisen durch die USA und die Sowjetunion zusammen.

 


Mickey Mouse im Raumanzug begrüßt die Astro-/Kosmonauten in Disney World Florida bei Orlando. Die Aufmunterung war Teil eines wechselseitigen Kulturprogramms, das sowjetische Kosmonauten in die USA und amerikanische Astronauten in die Sowjetunion brachte. Von links sind zu sehen: Valerij Kubassow, Deke Slayton, Vance Brand, Alexej Leonow, Tom Stafford sowie der Kosmonaut Wladimir Schatalow, Chef des Kosmonautentrainings der UdSSR.
Foto
NASA

 

Was die Amerikaner betrifft, so reisten sie mit ihren Familien in einem Air-Force-Flieger nach Moskau, Stalingrad (heute Wolgograd), Novosibirsk, Leningrad (heute St. Petersburg), Kiew, ans Schwarze Meer und nach Georgien, sie sprachen mit Breschnew und hohen Regierungsbeamten – Vance Brand, der 25 Jahre später noch einmal nach Russland reiste, zog das Resumee, die technische Kooperation zweier Nationen sei offenbar leichter gewesen als die politische. Für ihn und seine Kollegen sei es eine große Erfahrung gewesen zu lernen, wie die Russen tickten, welche intellektuellen Kapazitäten sie hatten und dass sie einfach wie Menschen dachten und fühlten. Die Kosmonauten hingegen wurden eingeladen nach Washington, wo sie Präsident Gerald Ford trafen, sie kamen nach Omaha, Salt Lake City, Los Angeles, Disneyland, Reno/Nevada und Las Vegas, und manche Freundschaft hält bis heute an (Leonow beispielsweise wird bei seinen USA-Besuchen von Tom Staffords Enkeln als „Opa Alex“ begrüßt).

 

Eine Wasserlandung hat die NASA danach nicht mehr praktiziert – das bereits in Entwicklung befindliche und seit 1981 eingesetzte Space Transportation Systemarbeitete mit Shuttles, die wie Flugzeuge auf einer Piste landen konnten. Die Koppelungssoftware, monierte Brand später, sei allerdings auf der Apollo besser gewesen als bei den Shuttles, weil die Astronauten dabei selber hätten eingreifen müssen – bei den Shuttles waren sie komplett auf die Bodenstation angewiesen. Zur Erinnerung an das ASTP-Unternehmen kamen nicht nur eine Menge Briefmarken und andere praktische Dinge heraus, sondern es wurde auch ein zwei Jahre später von Nikolai Stepanowitsch Tschernich entdeckter Asteroid auf den Namen (2228) Soyuz-Apollo getauft.

 

Infos:

- Presseunterlagen der NASA: http://www.ibiblio.org/apollo/Documents/soyuz.pdf  (123 Seiten)

- Dossier zur ASTP-Mission mit Literaturangaben: http://www.jsc.nasa.gov/history/astp.htm, darin „The Partnership: History of the Apollo-Soyuz Test Project“ (http://www.hq.nasa.gov/office/pao/History/SP-4209/cover.htm).

- Visiergerät COAS: http://history.nasa.gov/alsj/coas.htm

-  Vorgang “Transposition, docking, and extraction“ (TD&E): http://en.wikipedia.org/wiki/Transposition,_docking,_and_extraction sowie am Beispiel der Apollo-15-Mission: http://history.nasa.gov/ap15fj/03tde.htm

- Bildergalerie: http://spaceflight.nasa.gov/gallery/search.cgi (Button "Gallery" anklicken, Suchwort "Apollo-Soyuz")

- Presseberichte dpa sowie von Moskau-Korrespondent Heinz Lathe: Mannheimer Morgen 11. bis 28. Juli 1975

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