Der Krieg im alten Ägypten

 

Köpfe von Gefangenen als Basis einer ägyptischen Statue um 2700 v. Chr. Die einst dargestellte Figur konnte die Unterworfenen eindrucksvoll mit Füßen treten. Das Fragment wurde aus dem Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München entliehen.
Foto: D. Wildung

 

Fingernagelgroße Unterseite eines Skarabäus mit der klassischen Szene "Der König beim Erschlagen von Feinden". Bis tief in die christliche Ikonographie scheinen sich solche Bildtypen über Jahrtausende fortgesetzt zu haben. Der kleine blaugrün glasierte Steatit stammt aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. und wurde aus einer Hamburger Privatsammlung in die Ausstellung entliehen.
Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

 

Wie sich die Bilder gleichen - Erzengel Michael besiegt "das Böse" auf einem Wirkteppich aus dem Dom zu Halberstadt um 1180. (Die Ausstellung über den Stellenwert des Krieges im alten Ägypten thematisiert diese Verbindungslinie allerdings nicht, sie drängt sich jedoch jedem Betrachter auf.)

 

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07-06-2005

Der ständige Kampf gegen das Chaos

„Pharao siegt immer!“, eine Ausstellung zeigt ein etwas anderes Bild des alten Ägypten

 

Von Christel Heybrock

 

Geht Ihnen das auch so? Sie wachen morgens auf und wissen, dass die Post auf Ihrem Büroschreibtisch auch heute wieder die Höhe eines kleinen Gebirges erreichen wird. Dass in Ihrer Mailbox wieder Hunderte von schrecklichen Leuten etwas von Ihnen wollen, und sei es nur Ihre Aufmerksamkeit. Dass Sie die Blätter vor der Haustür wegfegen müssen, weil einfach dauernd neue Blätter herunterfallen, dass die Spülmaschine mal wieder kaputt ist und dass Sie endlich zur Bank gehen sollten, um Ihren Kontostand durchzuchecken. Mit jedem Tag fängt der Kampf gegen das Chaos wieder an, grauenhaft!

 

Trösten Sie sich, im alten Ägypten war das auch schon so. Wer auch immer mit der gleichen Unerschrockenheit wie Sie in seiner persönlichen Welt damals für Ordnung sorgte – er konnte gewiss sein, dass der Pharao an der Spitze des Reiches das Gleiche tat, nur in größerem Ausmaß. Dazu war er schließlich da, der göttliche Herrscher. Auch für den Pharao kam das Chaos meist von außen. Da brandeten feindliche Völker heran wie eine Woge des Unheils: Der Pharao als alleroberste Ordnungsinstanz besiegte sie alle! In den Tempeln, an den Reichsgrenzen, ja bis hinab zu Gebrauchsgegenständen wie Peitschengriffen oder Möbelbeschlägen, überall konnte man das sehen, wie chaotische Ausländer in Fesseln gelegt oder durch Pfeil und Bogen, beziehungsweise beherzte Hiebe mit der Streitaxt zur Räson gebracht wurden, vorausgesetzt, sie ließen sich nicht nutzen als Tributpflichtige oder Sklaven. Auch damals war der Kampf gegen das Chaos lebens-, im Fall des ägyptischen Herrschers staatsnotwendig, wie sich nicht nur bildlichen Darstellungen, sondern auch zahlreichen schriftlichen Quellen entnehmen lässt.

 

Besiegte Feinde (und aus ägyptischer Sicht gab es nur die) hatten dem Sieger zu dienen, in diesem Fall als hölzerner Griff auf einem Kästchendeckel. Selbst die Benutzung alltäglicher Gebrauchsgegenstände signalisierte im Pharaonenreich die Sicherheit dieses Ordnungsprinzips. Die kleine Liegefigur von knapp 14 cm Länge entstand um 1350 v. Chr. und stammt aus dem Rijksmuseum van Oudheden in Leiden.

Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

 

Noch mal zurück zu Ihnen: Hand aufs Herz, kriegen Sie es wirklich hin, jeden Tag Ihre Post zu erledigen? Die Blätter vor der Haustür...? Im übertragenen Sinn haben sich moderne Ägyptologen das auch angesichts der pausenlosen Siege der Pharaonen gefragt und herausgefunden, dass deren triumphale Ergebnisse mitunter alles andere als das waren. Dass militärische Niederlagen dem eigenen Land gegenüber als Siege deklariert, dass Handelsbeziehungen mit Nachbarvölkern als Tributleistungen hochstilisiert und fremde Erfindungen wie beispielsweise der Streitwagen als eigener Geniestreich hingestellt wurden. Das System war so perfekt, dass die Wissenschaftler gar nicht mal von dreister Schummelei sprechen: Es war hoch entwickelte Staatspropaganda und im Grunde ein unerlässliches Verfahren, um die Einheit und Ordnung des Staates und damit die Lebensstruktur der Bürger zu garantieren. Ma’at heißt das Zauberwort – Weltordnung, Harmonie, Richtigkeit.

 

Eine Ausstellung von Ägyptologen des Gustav-Lübcke-Museums in Hamm 2004 wurde im Jahr 2005 von den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen übernommen und widmete sich erstmals diesem bisher kaum beachteten Phänomen. Es geht hier einmal nicht um große, spektakuläre Kostbarkeiten, um goldene Totenmasken und verschwenderische Grabmalereien, sondern um das Selbstverständnis eines versunkenen Staatsgebildes, um den Rang des Herrschers, um Militär, Waffen, den Umgang mit anderen Völkern und den Alltag. Internationale Museen zwischen New York und München, Paris und Wien, Stockholm und Florenz haben Leihgaben beigesteuert, und eines der ältesten Stücke, eine prachtvolle Statuenbasis aus der Zeit um 2700 v.Chr. mit den Köpfen von „Gefangenen“, ist nur in Mannheim zu sehen und kam gar nicht erst in den Katalog (Foto oben).

 

Ein vom Motiv her ähnliches Stück, aber viel jünger und kleiner, stellte das Ägyptologische Institut der Universität Heidelberg zur Verfügung. Dort ist der ideologische Zweck der dicht nebeneinander gequetschten, sichtlich „unägyptischen“, also „ausländischen“ Köpfe aber besser erkennbar: Zwei Fußfragmente über den Köpfen deuten an, dass eine Statuette auf den feindlichen Gefangenen wie auf einem Kissen oder einem Podest stand – die Feinde wurden nicht nur buchstäblich mit Füßen getreten, sondern dienten auch der Überhöhung der Figur, die sich auf ihnen erhob. Mitunter fast karikaturistisch verzerrte Ausländerköpfe wurden nicht nur als Basis von Statuen, sondern auch zur ideologischen Dekoration von Tempelfriesen benutzt. Sie waren ebenso unterhalb von Türen oder unter dem rituellen „Erscheinungsfenster“ angebracht, an dem der Pharao sich dem Volk zeigte.

 

Diese Reliefkachel mit der Darstellung eines Schasu-Beduinen (eines ausländischen Nichtägypters) stammt aus dem Tempelpalast von Pharao Ramses III. in Medinet Habu (1183-1152 v. Chr.). Die 11,5 cm große Fayence ist heute im Besitz des Kestner-Museums Hannover.  Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

 

Gefangene tauchen noch auf winzigen Gebrauchsgegenständen auf, wie etwa einem eben drei Zentimeter hohen Tuschetöpfchen mit dem Namen des Königs, oder als Stabaufsatz: Das Holzköpfchen eines Nubiers mit erschrocken aufgerissenen (Glas-)Augen konnte ans untere Ende eines Stabes gesteckt und somit bei jedem Schritt in den Staub gedrückt werden. Stäbe mit Feindfiguren wurden sogar dem jugendlichen Pharao Tutanchamun ins Grab gegeben, der sich gewiss keinen militärischen Exzessen hingegeben hatte – das In-den-Staub-Treten der Feinde war einfach Teil eines Rituals, mit dem Macht beschworen wurde, und mit dem lautmalerischen Wort „petpet-chasut“ gab es sogar einen festen Begriff dafür.

 

Das „Niedertreten“ setzte jedoch voraus, dass der Feind bereits besiegt war, und die zentrale, den Staat stabilisierende Standardszene ist die, in der der Pharao die Bildfläche fast diagonal durchmisst, in der einen Hand den Feind am Schopf packend (oft ist es gleich ein ganzes Bündel von Feinden, die da an den Haaren zusammengefasst werden), mit der anderen weit ausholend und die Waffe schwingend. Diese Kernszene pharaonischer Ideologie findet sich auf Grenz- und Grabstelen, auf Tempelreliefs und wiederum auf winzigen Gegenständen wie Skarabäus-Unterseiten, bei denen man sich einer Lupe bedienen muss (Foto oben). Das Ikon „Erschlagung der Feinde“ geht, so die Wissenschaftler, bis auf die ägyptische Frühzeit zurück und hat durchaus auch religiöse Aspekte, beispielsweise in der Verbindung mit Segenswünschen oder der Beschwörung göttlicher Instanzen. Sogar Königin Nofretete wird auf einer Barke beim Erschlagen der Feinde gezeigt, überm Kopf die segenspendenden Strahlen des Aton, der Sonnengottheit, mit der in der 18. Dynastie, fast anderthalb Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung, der Monotheismus eingeführt wurde (was sich damals freilich als zu früh erwies).

 

Das Böse, das Chaos, verkörpert in Gottheiten wie Apophis oder Seth (der seiner Kraft wegen aber auch positiv gesehen werden konnte), kommt fast immer „von unten“ und erfordert in der Bilddarstellung, dass eine Waffe von oben dagegen geführt wird. Ob Apophis als Wasser- oder Wellenschlange aufgefasst wird, die frech ihr Haupt gegen die Barke des Sonnengottes Re erhebt und von Seth ins Maul gestochen wird, oder ob der falkenköpfige Gott Horus, als dessen Inkarnation der Pharao gilt, seinerseits den als Nilpferd erscheinenden Seth ersticht – die Geste von schräg oben nach schräg unten ist eine variantenreiche Standardlösung. Wie sehr sie sich in der mythologischen und religiösen Kunst bis heute erhalten hat, ist freilich nicht mehr Thema der Ausstellung, aber verblüffend genug.

 

Die Gesten, mit denen in der griechischen Mythologie Helden wie Theseus oder Herakles die Kentauren oder die Hydra von Lerna besiegen, setzen die altägyptische Bildfindung mühelos fort, und diese findet ebenso mühelos Eingang in die christliche Kunst, die sich natürlich eines Bildkanons bedienen musste, der bereits existierte. Hier scheint der Erzengel Michael als glanzvoller Sieger über „das Böse“ nicht nur das ägyptische Ikon „Erschlagen der Feinde“ weiterzuführen, sondern auch die Vorstellung hinter dem Bild: „Du Fürst der himmlischen Heerscharen, du Besieger des höllischen Drachens, beschütze uns gegen die Bosheit und die Nachstellungen des bösen Feindes“, welch selbiger „in die Hölle hinabgestoßen“ werden soll – so lauten noch heute die Gebete gläubiger Christen. Offenbar ist es ein menschliches Urbedürfnis, durch die saubere (leider unrealistische) Trennung von Gut und Böse eine Ordnungsstruktur zu schaffen.

 

Vielleicht sollten auch Sie mal versuchen, Ihre Poststapel mit altägyptischen „Hemhem“-Schlachtrufen und „petpet-chasut“ in Grund und Boden zu treten. Kleiner werden sie bestimmt dadurch!

 

Info:

„Pharao siegt immer! Krieg und Frieden im Alten Ägypten“, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, D 5, vom 29. Mai bis 11. September 2005, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr. Der Katalog (Kettler Verlag, Bönen 2004) ist mit 18,50 Euro ein Schnäppchen. www.reiss-engelhorn-museen.de

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