Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie 


Altchinesische Tänzerin? Von wegen - das gute Stück aus der Sammlung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen erwies sich im Labor des museumseigenen Archäometrie-Zentrums als jugendliche Fälschung von gerade mal hundert Jahren. Dem kritischen Auge zeigt die Dame freilich auch ohne Labor eine bedenkliche Nähe zum Jugendstil, und beargwöhnt worden war sie schon lange. Gewissheit aber gibt es erst seit der Thermolumineszenz-Untersuchung.
Foto: Jean Christen/Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie

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11-03-2006/Update 05-09-2011

Zum Schrecken der Fälscher, zur Freude der Wissenschaft

Das Mannheimer Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie untersucht alte Kulturgegenstände mit modernster Ausrüstung

 

Von Christel Heybrock

 

Eigentlich war es überfällig, das neue Mannheimer Zentrum für Archäometrie, das am 22. März 2006 eröffnet wurde. Untergebracht im Quadrat D6 in direkter Nachbarschaft der Reiss-Engelhorn-Museen hat das seit 2003 in Aufbau befindliche Institut den musealen Sammlungen bereits eine beispielhafte Korrektur verpasst: Eine bisher zwar etwas beargwöhnte, aber dennoch als „altchinesisch“ katalogisierte Tänzerin aus Keramik entpuppte sich bei der Thermolumineszenz als eben mal hundert Jahre alt. Die auch von Wissenschaftlern bezweifelte Echtheit der Himmelsscheibe von Nebra dagegen erwies sich bei den Untersuchungen im Labor zweifelsfrei als archäologisches Fundstück mit einem Alter von 3600 Jahren, wobei sich sogar die Herkunft der verwendeten Metalle und die rüde von den Raubgräbern zerstörte Bodenstelle identifizieren ließen.

 

Professor Dr. Ernst Pernicka vor dem Massenspektrometer, mit dem Isotopenverhältnisse in Metallen und anderen Materialien gemessen werden. Pernicka ist Leiter des Archäometrie-Zentrums und zugleich Lehrstuhlinhaber an der Universität Tübingen.
Foto: Jean Christen/Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie

 

Isotopenanalysen, Röntgenfluoreszenz, Neutronenaktivierung, Radiochemie oder Emissionsspektrometrie dürften potentielle Fälscher das Fürchten lehren – in Mannheim wird man ihnen auf die Schliche kommen, vorausgesetzt, dass sich Museumsleute und Privatsammler im „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“ kundig machen, bevor sie ein begehrtes Stück erwerben. Das Zentrum wurde als sogenanntes „An-Institut“ der Eberhard Karls Universität Tübingen ins Leben gerufen, und damit auch der entsprechende Nachwuchs an dieser faszinierenden Schnittstelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ausgebildet werden kann, übernimmt Institutsleiter Professor Ernst Pernicka den neu gegründeten Tübinger Lehrstuhl für Archäometrie (zu den jetzt schon acht Doktoranden zählen Diplomphysiker und Geologen).

 

Pernicka hatte bereits den ersten Archäometrie-Studiengang im deutschsprachigen Raum im sächsischen Freiberg eingerichtet. An der Freiberger Bergakademie gab es seit 1997 eine von der Volkswagen-Stiftung finanzierte Professur mit Labor – seit 2003 konnte diese Einrichtung mit Hilfe der Mannheimer Curt-Engelhorn-Stiftung aber entscheidend ausgebaut (und in die Kurpfalz-Metropole im deutschen Südwesten verlegt) werden. Auf  800 Quadratmetern, in 20 Räumen und mit einem Expertenteam aus Mineralogen, Geologen, Chemikern, Archäologen und Restauratoren sollen nicht nur Einzelstücke, sondern ganze Verbreitungsgebiete untersucht werden, wobei „nebenher“ Kurse für Kunsthistoriker, Restauratoren und Archäologen angeboten werden. Stipendiaten aus aller Welt können zudem jeweils ein Praxissemester absolvieren.

 

Die Liste der Forschungsschwerpunkte ist bereits jetzt ebenso lang und anspruchsvoll wie die der Labor-Ausrüstung. Reinraum und Ultramikrowaage sind ebenso selbstverständlich wie Laserablation, Rasterelektronenmikroskop, Muffelofen, Fliehkraftpulvermühle und Polarisationsmikroskopie nebst diversen Massenspektrometern, Gammaspektrometer und Atomabsorptionsspektrometer. Obendrein haben die Fachleute natürlich Kontakt mit anderen Forschungseinrichtungen. So wurde die Nebra-Himmelsscheibe unter anderem mittels Synchrotron-Strahlung im Berliner Elektronensynchrotron BESSY untersucht, wobei die genaue Zusammensetzung der Goldauflagen eruiert wurde. Zwar ist das „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“ nicht die einzige derartige Institution in Deutschland, aber auf dem Gebiet der Metallurgie und der Isotopenanalyse hat es eine international führende Position. Bereits jetzt verfügt es über die weltweit größte Datensammlung für archäologische Metallobjekte – geplant ist die globale Verfügbarkeit der Daten für Wissenschaftszwecke im Internet.

 

Gewinnung, Verarbeitung und Verbreitung von archäologischen und historischen Metallen bilden ein so umfangreiches Sachgebiet, dass auch hier eine Spezialisierung nötig ist: Das Team konzentriert sich auf den Raum zwischen Mitteleuropa, Nordafrika und Vorderasien und ist zur Zeit mit dem Grabungsabschluss in Troja beschäftigt (was nicht heißt, dass beispielsweise der amerikanische Kontinent völlig ausgeklammert würde). Feldforschungen im Iran, in Armenien, Georgien und der Türkei haben auch die Liste internationaler Partner verlängert: Mit dem Mannheimer Archäometrie-Zentrum arbeiten unter anderem wissenschaftliche Institutionen in Teheran, Erivan und Istanbul zusammen. Die vorislamische Zinngewinnung in Zentralsien, Kupferproduktion und –handel in der späten Bronzezeit auf Sardinien sowie das Neolithikum in Ostanatolien sind nur einige der bereits abgeschlossenen Forschungsprojekte.

 

Schwerpunkte bilden nicht nur Themen wie die frühe Verhüttungstechnologie auf dem iranischen Plateau oder Legierungs- und Gusstechnik der frühen Eisenzeit in Griechenland, sondern auch Untersuchungen keramischer Produktion und ihrer Handelswege (Troja ist nur ein Beispiel, hinzu kommt etwa mittelalterliches Steinzeug aus Sachsen) sowie die Verarbeitung von Obsidian in Armenien oder der Bergbau in den Ostalpen. Meist führt die genaue Analyse von Einzelfunden zu übergreifenden Erkenntnissen – sowohl was die geografische Verbreitung bestimmter Techniken als auch was soziale Strukturen betrifft. Sogar „Wanderungsbewegungen von Menschen und Tieren“ können mittels Isotopenanalysen von Knochen rekonstruiert werden.

 

Nach der High-Tech-Einrichtung des Zentrums in der Gründungsphase ist die Ausstattung keineswegs abgeschlossen. Im April 2008 kam ein neues Rasterelektronenmikroskop mit variablem Druckbereich hinzu, das für die Analyse von Textilfasern benutzt wird. Für die Anschaffung machte sogar die EU Geld locker, weil die Reiss-Engelhorn-Museen an einem spektakulären EU-Projekt über Textilien im alten Rom arbeitern ("Clothing and Identities - New Perspectives on Textiles in the Roman Empire"). Und schon breitet sich das Archäometrie-Zentrum auch in andere Räumlichkeiten aus, ab Frühjahr 2009 entstand auf 700 Quadratmetern Fläche im Quadrat C4 das Klaus-Tschira-Labor (KTL) für physikalische Altersbestimmung. Das nunmehr größte deutsche Labor auf diesem Sektor resultiert aus dem Ehrgeiz gleich zweier Stiftungen, die mehr als 4 Millionen Euro locker machten, der Curt-Engelhorn-Stiftung und der Klaus-Tschira-Stiftung. Gearbeitet wird dort auf der Basis von Radiokohlenstoff-Analysen. 2010 wurde im Untergeschoss des Quadrats C4,8 das Klaus-Tschira-Labor eröffnet - glanzvoll zugleich mit dem neuen Teilchenbeschleuniger MICADAS  (Mini-Carbon-Dating System). Der an der ETH Zürich entwickelte Beschleuniger wird die Datierungsgenauigkeit von Funden und Fälschungen zwischen der Eiszeit und dem Dreißigjährigen Krieg entscheidend verbessern, indem er Kohlenstoff-14 noch in kleinsten Konzentrationen nachweisen kann.

 

Was aber Fälschungen betrifft, so legt manchmal schon der Blick in ein hochauflösendes Mikroskop dar, ob es sich um antik gehämmertes Goldblech handelt oder ob eine moderne Walze im Einsatz war. Ob ein Stück Draht geschnitten wurde oder neuzeitlich gezogen. Röntgenfluoreszenz, Neutronenaktivierung oder Emissionsspektrometrie geben unmissverständlich Aufschluss über die charakteristischen Spurenelemente von Gold, Silber und Kupfer in der Antike – und auch darüber, ob das Metall einem modernen Raffinierungsprozess unterworfen wurde. Ob Farbpigmente in mittelalterlicher Buchmalerei wirklich von authentischer Konsistenz sind oder ob sie in moderner Verarbeitung feiner gemahlen und mit Zusätzen versehen sind.

 

Schade, dass dem Laien dieser Blick in Mikrobereiche verschlossen bleiben wird: der Blick über Jahrtausende hinweg auf feinste Spuren handwerklichen Könnens mit Materialien von heute kaum noch vorstellbarer Ursprünglichkeit. Nichts war da mit Hightech – alles ging mühevoll mit handgemachtem Werkzeug. Sie sind der Fingerfertigkeit und dem Einfallsreichtum von Menschen auf der Spur, die Wissenschaftler des Archäometrie-Zentrums. Von Menschen, deren Person nicht mehr fassbar ist, deren Kraft, Geschicklichkeit und Alltagsbewältigung aber bis in winzige Gesten hinein verfolgt werden kann, so als stünde man heute noch neben ihnen und sähe beim Hämmern, Klopfen und Töpfern zu. Der Gedanke fasziniert ebenso wie der Anblick vom Abdruck der Hände auf den Felswänden der Steinzeit: Wie nah uns das alles ist – und wie fern zugleich.

 

Info:

Curt-Engelhorn-Zentrum  Archäometrie, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, D6,3, Postanschrift: C5 Zeughaus, 68159 Mannheim, www.rem.mannheim.de

- Das Institut hat eine eigene Homepage: www.cez-archaeometrie.de.

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