Das Flüstern der Dinge, ein Fragment

 

Von Christel Heybrock

 

In Schränken, Schubladen, Kartons. In einem Zimmer. Im ganzen Haus.

 

Was bleibt, wenn einer stirbt, ist seine Umgebung, die nichts mehr umgibt. Der Tote ist aus einem Bild herausgefallen, das sich über der Leerstelle schließt, die wuchernden Dinge schließen sich über der Leerstelle. Für einige Zeit sind sie die Könige. Sie haben jetzt alle Macht.

 

Wenn ich das Haus betrete. Seine rosa getünchte Außenfront ist eine erstaunliche Täuschung, weiß der Himmel, wer sie dir aufschwatzen konnte, dir, die niemals ein Gefühl für Schönheit, Annehmlichkeit, Aussehen gehabt hat. Ich trete Steinstufen hoch, wie viele? Du hast sie einmal gezählt und auf einem deiner fahrigen Notizzettel notiert, weil es um einen Prozess ging: Es sind fünfeinhalb Stufen bis zur Haustür. Eine schmale Haustür, ich fühle mich immer etwas unsicher auf den Beinen, wenn ich den Schlüssel einstecke, als wäre ich zu hoch gestiegen und müsste gleich fallen. Du hast aber auch mit mir nicht mehr gerechnet. Wüsstest du, dass ich dort stehe, alle zwei Wochen an einem Samstagnachmittag, du stürbst vor Hass und Erregung ein zweites Mal.

 

Und ich, ich betrete dein Haus, das ich nicht einmal mehr fürchte trotz seiner Finsternis und obwohl es noch deinen Atem ausströmt. Wie lange hast du in ihm gelebt? Ich habe die Akten noch nicht gefunden: zwanzig Jahre, fünfundzwanzig? Du hast dein Leben in die Wände hineingeatmet, sie sind fahl und grau geworden davon, und was sie nun ausatmen, dringt in meine Lungen. Ich nehme es auf mit einem heimlichen Schauder, bevor ich mit primitiver Freude feststelle, dass ich dabei unbeschädigt bleibe, ja, dass ich diesen widerlich intimen Vorgang sogar in Ordnung finde. Schließlich bin ich Fleisch von deinem Fleisch, schließlich hast du mir meinen Atem gegeben, indem ich in deinem Bauch gewachsen bin.

 

Außer dieser irritierenden Tatsache hat uns nichts verbunden. Wer ich war und bin, davon hast du nichts geahnt. Ich hatte gelernt, deine Ahnungslosigkeit zu erhalten, oh, schon sehr früh war die mein einziger Schutz vor dir. Und du? Habe denn ich dich verstanden?

 

Du warst nicht zu verstehen, nicht aus der entsetzlichen Nähe, die mich an dich gekettet hat, und auch nicht aus der

Entfernung, in die ich mich später gewalttätig retten musste. Aber ich bin lernwillig. Ich betrete dein Haus, um zu entdecken, wer du warst, und ich finde dich. Seit du tot bist, entgehst du mir nicht mehr. Wer tot ist, steht den Lebenden vollständig zur Verfügung. Nicht einmal nackt könntest du so wenig verbergen. Und du bist ungefährlich geworden. Du kannst mich nicht mehr hindern, mich dir zu nähern, du kannst nicht mehr zugreifen, die Falle nicht mehr zuschnappen lassen, mich nicht mehr verletzen, dir keine Bosheiten mehr ausdenken.

 

Das, was ich finden werde von dir, wird mich nicht unberührt, vielleicht nicht unverletzt lassen. Aber du kannst es nicht mehr erneuern, die Spirale nicht weiter drehen. Das Böse ist gedacht und getan worden. Jetzt kannst du es nicht mehr denken.

 

Das Haus birgt einen Urwald, den Dschungel deiner Person, die wahllos festhielt, was ihr zwischen die Finger geriet.

Nichts, aber auch gar nichts hast du wieder losgelassen. Du musst unersättlich gewesen sein im Anhäufen. Was für einen Abgrund hast du damit aufschütten müssen? In welche Bodenlosigkeit sind sie alle hineingefallen, die Dinge, mit denen du dich anfüllen wolltest und die immer noch nicht genügten?

 

Wenn sie dich nicht satt machten, so haben sie doch die Zimmer gefüllt. Von den Ecken aus quollen sie hervor, auf dich zu, ließen dir nur noch schmale Wege zum Bett, zu den Schränken, zum Tisch, ließen dir auf dem Tisch nur noch einen kleinen Fleck, auf den du Tasse und Teller stellen konntest. Hättest du länger gelebt, wärst du an dir selber erstickt. Vielleicht ist das ja auch geschehen, ohne dass jemand es begriffen hat.

 

Ich stehe im Hausflur, die Tür hinter mir ist zu. Ich muss die Treppenbeleuchtung einschalten, um im Dämmer nicht zu stolpern. Aber das Haus ist mäßig warm, G hält immer ein wenig die Heizung in Gang, damit im Winter die Wasserrohre nicht einfrieren und damit wir es hier aushalten, er und ich, bei unserer Entrümpelungsarbeit. Von der Haustür aus blickt man direkt auf die Treppenstufen und den blinden, unglaublich protzig gerahmten Spiegel über der wuchtigen Kommode auf dem ersten Treppenabsatz. Wenn ich kam, früher, selten, konnte ich im Spiegel sehen, ob du zur Begrüßung herunter kämst, und noch immer suche ich dort dein Gesicht, deine vertraute, ungeliebte Gestalt, die mit den Jahren kleiner und krumm wurde, ohne dass das, was sie barg, schwächer geworden wäre: deine phantastischen Energien, die blinde Zielstrebigkeit deines Kämpfens. Meistens allerdings war es G, der mir auf den ausgetretenen Holzstufen entgegenpolterte, so geschwind, dass ich im Spiegel immer nur einen vorbeihuschenden Schatten sah, bevor er schon selber in Erscheinung trat.

 

Ich stelle meine Tasche auf den Resopaltisch im Hausflur. Auf dem Tisch liegt eine bedruckte Kaffeedecke mit

Blumenmuster, von den Ansprüchen einsamer Witwen kündend, die putzen gehen müssen, weil die Rente nicht ausreicht, die es aber "gemütlich" haben wollen in ihrem Heim und denen die Billigkaufhäuser wohlweislich solche Artikel zum Trost anbieten. Woher du wohl diese Decke hast - du warst ja nicht in der Situation. Im Wäscheschrank ein Stockwerk höher lagen ganz andere Stücke, die du vergessen hattest, weil es zu viele waren. Wahrscheinlich bekamst du die Decke auf dem Resopaltisch von deiner Putzfrau geschenkt,und womöglich stammt der Tisch aus einer ähnlichen Quelle. Beides wirst du dankbar angenommen haben, denn du warst vollständig überzeugt von deiner "Bescheidenheit" und Anspruchslosigkeit.

 

Ich hänge meinen Mantel an der Garderobe auf, die gegenüber dem Tisch an der andern Wand steht, im schmalen Hausgang ist zwischen beiden gerade so viel Platz, dass ich mich umdrehen kann. Die Garderobe, teilt mir G mit, möchte Frau S von uns kaufen. Frau S wohnt nebenan und sieht nach dem Briefkasten und den Pflanzen, wenn G und ich nicht da sind. Wie viel sollen wir verlangen? Ich bin ratlos. Zum ersten Mal betrachte ich die Garderobe. Sie ist alt und schön, ich bin erstaunt, beschämt: Eichenholz mit Messingeinsätzen, um 1900 oder etwas später. Lass uns warten damit, sage ich.

 

Ich kann mich nicht trennen.

Ich kann nicht loslassen.

 

Die Dinge, einst bedeckt vom Staub deines Atems und entwürdigt von deiner Anwesenheit, die alle Werte einebnete, sind dabei, sich von dir zu befreien. Sie stoßen dich langsam und schweigend ab, bringen unsichtbare Hüllen zum Platzen und erstrahlen in anderm Licht: Plötzlich haben sie Selbstbewusstsein, bestehen aus sich heraus, beziehen sich nicht mehr auf dich, die sie missbraucht hat. Ich entdecke, dass sie fremd sind. Ich will nicht, dass sie wieder zu unscheinbaren Sklaven werden.

 

In ihrer unerwarteten Würde sprechen sie von einer anderen, älteren Geschichte als von der, die ich kenne: Wer hat sie erworben, womöglich sogar in Auftrag gegeben? Du warst es nicht, du ganz bestimmt nicht, dieses Bewusstsein hast du nie gehabt, du hast sie nur gedankenlos übernommen, du hast sie in dein Leben eingegliedert, ohne sie auch nur anzusehen. Wer also? Dein Vater, der starb, als du noch ein Kind warst? Hat er sie begehrt, geliebt, ihre Schönheit definiert? Muss ich zurücksuchen bis dahin, wo ich nichts weiß, niemanden mehr kenne, um mir zu sagen, dass ich eine Geschichte habe, die mich begründet?

 

Aber so rasch will ich nicht vorstoßen zur großen Versöhnung, so rasch nicht. Was ich finde, bist zuerst du, sind die Schrecken, die sich in deinem Haus abgelagert haben zu einer meterdicken Schicht, in deinem Haus und in mir. So viel hat mir meine Flucht nicht genützt, dass ich nach deinem Tod weiterleben könnte, als sei nichts geschehen durch dich.

 

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