Nachruf auf einen Unbekannten

Von Christel Heybrock


Einer weniger, dachte ich. Wieder einer weniger.
Schulterzuckend dachte ich das, sofort, als ich davon hörte.

Erst später und viel langsamer erschrak ich über meine Gleichgültigkeit.

Aber es ist ein normaler Vorgang: Jemand ist nicht mehr da. Nicht mehr am Leben. Was kann ich dafür? Da gibt es nichts zu erschrecken.

Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen. Der kann nicht tot sein, der nicht. Der war doch gerade erst in Kanada. Der lief hier herum, mit seinen glänzenden schwarzen Haaren und den braunen Augen, der hatte doch diese Brauen, bei denen einzelne Härchen sich seidig bis über die Nasenwurzel ziehen, das hab ich doch gesehen. Der kann ja nicht einfach so verschwinden, als seien alle, die ihn gekannt haben, mit einem Phantom umgegangen.

Trotzdem. Fühle ich nicht, wie er durch sein Nichtmehrdasein eine Lücke gelassen hat? Bewegen sich die Menschen nun nicht eine winzige Nuance lockerer, abständiger, getrennter voneinander durch die Straßen? Nur ganz wenig, man spürt es nur, wenn man genau darauf achtet. Hat er mit seinem Sichwegziehen aus der Welt nicht eine seltsame, durchsichtige Silhouette in die Luft gerissen? Vielleicht könnte man seine leer gewordenen Konturen noch überm Asphalt sehen, wenn man sich darauf konzentrierte? Wie ausgeschnitten und ins Nichts gekippt jemand, der mal da war und an den man sich erinnert, dessen Umrisse man als Aussparung gegen die Häuserwände oder den Regenhimmel ahnt.

"Sie haben ihn tot in der Wohnung gefunden," hat jemand erzählt.
"Was? Den? Wieso denn, der war doch nicht krank?"

Nein. Der war nichts, der hatte nichts. Keine Drogen. Keine Dramen. Keine Arbeit. Man bringt sich ja nicht einfach um, bloß weil man keine Arbeit mehr hat. Und außerdem - wie hat er es denn gemacht? Wie fand man ihn denn?

Ich weiß es nicht. Man weiß es nicht, es gibt da zufällig eine Informationslücke. Man könnte natürlich nachforschen, sich mit den Eltern in Verbindung setzen, beim Arbeitsamt, der Polizei fragen. Bloß: warum denn? So genau hat man ihn nicht gekannt, so genau nun auch wieder nicht. Es hätte schon etwas Gewaltsames, etwas Zwanghaftes, den Anblick eines toten Körpers aus der Überwucherung hervor zu zerren, in der er ihn doch versteckt hat. Er hat sich ja zurückgezogen wie in einen Schleier, einen Kokon, in dem man ihn buchstäblich vergaß. Wir hatten ihn alle lange nicht mehr gesehen, und wenn man ihn sah, dann nur eben mal, weil man ein paar Straßen weit denselben Weg hatte. Er lächelte sanft, immer. Eine behutsame, leise Freundlichkeit, in der alles eingehüllt blieb, so dass man auf die üblichen Fragen zwar stets alles von ihm erfuhr, einfach so, auch wenn man es so genau vielleicht gar nicht hatte wissen wollen, aber gleichzeitig schien es auch nichts zu sein, nichts, er lächelte, es schien kaum Bedeutung zu haben, es berührte ihn nur außen.

"Ich bin arbeitslos." - "Ich war in Tunesien." - "Ich habe in Kanada Bäume gefällt." Er sagte es, wie man sagt: "Gestern in der Kassenschlange im Supermarkt hat mich jemand an der Jacke gezupft."

Wie hat er es bloß gemacht - DAS?
Unvorstellbar.
Schuss in den Mund, so dass der halbe Kopf blutig an der Wand klebte?

Bestimmt nicht. Der nicht. Der war weder unordentlich noch brutal. So was Scheußliches, einen so hässlichen, schockierenden Anblick hätte er niemals von sich hinterlassen, und noch dazu die blutige Kleckerei im Zimmer, so dass erstmal eine Renovierung nötig geworden wäre ...! Nein, unmöglich.

Also wie? Irgendwie muss er es gemacht haben, denn von alleine ist es in seinem Alter nicht denkbar. Er war erst Anfang Dreißig, und es war ja kein Autounfall. Pulsadern auf? Nee. Kleckereien kommen grundsätzlich nicht in Betracht.

Hat er sich aufgehängt? Unwahrscheinlich. Das sieht ja auch widerlich aus.

Stromschlag mit dem Fön in der Badewanne? Tja, vielleicht. Das ist aber keine ganz sichere Methode. Wenn er es wirklich wollte, hätte er sich etwas anderes ausdenken müssen.

Hat er es denn wirklich gewollt? Gab es überhaupt etwas, was der wirklich gewollt hat? Vielleicht hat er es bloß probieren wollen? Vielleicht, nein, bestimmt war er in einer Krise, in einem Prozess, der ganz langsam und unmerklich angefangen und sich an diesem Zeitpunkt zugespitzt hatte, und da kam ihm der Gedanke, einfach davonzulaufen. Mal gucken, wie weit er käme. Hat ihn sicher gereizt, mit dem Risiko zu spielen. Kanada war auch so ein Risiko, der Bär, der sich plötzlich im Bach aufrichtete und auf ihn zukam. Tunesien war so ein Risiko oder auch bloß damals die Frau mit den nackten Brüsten, die sich aus dem Fenster lehnte, als er die Post austrug. Die Frau hat er nicht angerührt, aus Tunesien und Kanada ist er zurückgekommen. Hat er gewusst, dass er zuhause in der Wohnung so weit davonlaufen konnte, dass es nicht mehr zurückging? Gewusst hat er es sicher. Aber hat er es gewollt? Hat er sich so richtig wütend zerstören wollen, mit aller aggressiven Energie, die er in sich hatte?

Aggressive Energie?

Ich stelle mir vor, dass er Schlaftabletten genommen und sich in den Sessel gesetzt oder ins Bett gelegt hat. Vielleicht hat er auch nur auf einem unbequemen Küchenstuhl gesessen mit dem Kopf auf der Tischplatte. Vielleicht standen noch schmutzige Kaffeetassen im Spülbecken.

Sanft und leise, wie er herumgegangen ist, hat er sich davongestohlen. Abschiedslos. Sicher hat er niemandem ein Wort gesagt.

Der hatte doch mal ein Ausbildungsjahr in unserer Firma. Warum ist er eigentlich nicht übernommen worden? Wie sagte der Chef neulich, als die Todesanzeige in der Zeitung stand? "Er war ein lieber Mensch, aber leider nicht recht brauchbar für uns. Er hatte immer so etwas abweichende Vorstellungen."

Ja, er stand außen auf der Kreislinie statt im Zentrum. Freundlich lächelnd unter seinen schwarzen Augenbrauen, mit blassem Gesicht, stand er da und sah zu. Er war interessiert, immer, an allem. Er hatte seinen Standpunkt. Er wusste, was er dachte, was er verlangte. Eigentlich hatte er sich immer schon enschieden: das da, das nicht, jedenfalls nicht ganz. Er näherte sich, sah hin und wusste: nein, das nicht. Und war schon wieder zurückgetreten.

Ich fand ihn sympathisch. Ich habe innerhalb meiner Möglichkeiten versucht, ihm einen Freiraum zu verschaffen, in dem er sich hätte profilieren können. Es war nur ein schmales Stückchen Boden, aber er hätte sich dort ausbreiten können.

"Es interessiert mich nicht so," sagte er. "Ich verstehe auch eigentlich nichts davon. Ich würde vielleicht lieber etwas anderes versuchen. Ich schau mich noch mal ein bisschen um und lasse von mir hören."

Na gut, warum nicht. Er war dann in mehreren anderen Abteilungen. Und eines Tages schon nicht mehr im Haus. "Haben Sie nicht Lust, es noch mal zu versuchen...?" fragte ich erneut, als ich ihn traf.

"Ach, ich glaube, das ist nichts für mich. Ich hab jetzt etwas anderes vor, ich will erst mal nach Tunesien."
"Mein Gott, wie lange denn? Wollen Sie da bleiben?"
"Nein," lachte er. "Nur zwei Monate."
"Ja, und dann?"
"Da hab ich im Moment keine festen Pläne."

Ich glaube, ich hatte ihn zu einer Tasse Kaffee im Straßenrestaurant eingeladen, es war Sommer, und er blickte amüsiert von seiner Tasse hoch. Dass ich es aber auch nicht begriff! Nun ja, es lag sicher daran, dass ich älter war als er und schon nicht mehr fassen konnte, offensichtlich, dass ein junger Mann etwas anderes als permanente Sicherheit sucht. Seine schönen weichen Augen blitzten warm. Oh nein, schläfrig wirkte er nie! Er sah überall mit offenem Blick hin, mit weiten, gedehnten Lidern. Er war tolerant. Er nahm einem nicht übel, wenn man etwas besorgt oder ein klein wenig erstaunt war.

Nur etwas nahm er übel, ganz überraschend. Da hatte die Toleranz ein gnadenloses Ende: Unzuverlässigkeit. Oder wenn man ihn unter Druck setzte. Oder etwas von ihm erwartete oder verlangte. Ich glaube, er ist gestorben, weil es plötzlich nur noch solche Barrieren in seinem Leben gab. Worüber jeder andere sich leichtherzig oder vielleicht auch murrend hinweg gesetzt hätte, brachte ihn zum Stillstand. Er muss eingekesselt gewesen sein von lauter kleineren und größeren Misslichkeiten, mit denen ihm sein Leben nicht mehr zumutbar war.

Er hat manchmal von solchen Dingen erzählt.
Er erzählte, dass er aushilfsweise bei der Post Briefe und Geldanweisungen auszutragen hatte. Bei der Gelegenheit hatte sich jene Szene ereignet, dass er an der Wohnung eines Frauenarztes klingelte und sich oben, im ersten Stock wohl, ein Fenster öffnete. Eine großbusige
junge Frau, offenbar die Frau des Arztes, beugte sich nackt heraus, sah den Briefträger und lächelte: "Kommen Sie eben rauf!"

"Das ist ja ein tolles Ding!" entfuhr es mir.
Er lächelte höflich und sanft: "Ja."
"Na, und Sie?" hastete ich weiter. "Was haben Sie gemacht? Wie war das denn für Sie?"
"Ja, ich hätte gern mit ihr geschlagfen," sagte er, so selbstverständlich und unschuldig, wie wenn man sagt, ach, eigentlich hätte ich gerne ein Bier getrunken.

Er war nicht von solchen Situationen befremdet, sondern von ganz anderen. Der Dienst bei der Post dauerte von sieben bis dreizehn Uhr, und manchmal wurde die Zeit überzogen. Besonders wenn er Geld austragen musste, was ihm wegen der hohen Summen ohnehin nie behagte. Das Auszahlen kostete Zeit, mehr Zeit als das Austragen der Briefe, es hielt auf. Und wenn er dann glücklich um halb zwei oder zwei zurück war, ärgerte sich bereits der Beamte, der auf die Quittungen wartete und abrechnen wollte. Als habe der Briefträger schuld an der Verspätung. Ja, diese Schuldzuweisungen schienen eine ernste Beeinträchtigung zu sein.

Eine andere Beeinträchtigung erlebte er später in Tunesien. Er war mit einem Mädchen hingefahren, sie wohnten bei einer arabischen Familie. Natürlich wollte er etwas unternehmen, Ausflüge machen, Besichtigungen, Tagesreisen zu Schiff. Sie vereinbarten, morgens pünktlich aufzustehen und zu einer bestimmten Uhrzeit aufzubrechen. Meistens kam das Mädchen dann völlig verschlafen und lustlos an, wenn er eben zu Ende gefrühstückt hatte und fort wollte. Sie meinte allen Ernstes, man könne doch auch zwei Stunden später losgehen. Es war so irritierend für ihn, so unerträglich, dass er nach einigen heftigen, vorwurfsvollen Szenen, in denen sie stumm und staunend da saß, die Beziehung abbrach. Er ließ sie einfach dort, wo sie war, und zog in ein anderes Quartier. Er sah sie nie wieder.

Ja, aber, dachte ich. Hat er sie denn so wenig gemocht? War es so wichtig, im Urlaub "pünktlich" zu sein? Man fährt doch nicht nach Tunesien, wenn man sich schlimmer als in Europa zum Sklaven der Zeit machen will. Ich brachte diese Einwände aber nicht heraus, ich konnte sie einfach nicht über die Lippen kriegen. Er hätte sie nicht gehört.Oder er hätte mich stumm und anklagend angesehen, so ähnlich wie das Mädchen ihn angesehen hatte. Oder, dies war am wahrscheinlichsten, er hätte eine oberflächlich zurückweisende Bemerkung gemacht und nie wieder mit mir gesprochen. Und etwas, was ich noch viel weniger laut gesagt hätte, blitzte mir durch den Kopf: dass manche Leute, die ihre eigene Unzulänglichkeit wie eine Wunde in sich tragen, just die unantastbare Perfektion von ihren Mitmenschen erwarten, die sie selber nicht haben. So als müsse das Leben sich, mit welchen Mitteln auch immer, in einem Gleichgewicht erfüllter Erwartungen befinden.Wenn ich nichts erfülle, müssen die anderen es mir erfüllen, und zwar umso vollkommener, je weniger ich es kann. Im Hintergrund muss es stimmen, eine geheimnisvolle Summe muss einfach stimmen.

Die Affäre mit dem Mädchen in Tunesien schien ihn bestärkt und sein Bewusstsein geschärft zu haben. Zum ersten Mal schien er deutlich erkannt zu haben, was er von anderen fordern musste und was für ihn richtig war. Ich habe vergessen, was er machte, als er von der Reise zurück war. Es könnte die Zeit gewesen sein, als er ins Krankenhaus musste, ja, ich glaube, so war es. Ein paar Monate später ging er nach Kanada mit einem Freund. Er wollte weg aus Europa, ganz anders leben, ich konnte nicht deutlich sehen, auf welche Weise er anders leben wollte, aber es lag sicher daran, dass ich nicht darüber nachdachte.

Er verdingte sich mit dem Freund bei einer Sägewerksbesitzerin; sie wurden mit einer Holzfällerkolonne in den kanadischen Urwald geschickt. Gefährliche und entbehrungsreiche Erlebnisse machten ihm nichts aus. Schlittenfahrten bei 40 Grad Kälte zum Beispiel. Er holte sich Erfrierungen im Gesicht und an den Händen, er hatte es zunächst gar nicht gemerkt. Es heilte später, aber sein Freund behielt etwas zurück. Man müsse dort mit solchen Dingen rechnen, erzählte er: mit Schneestürmen, Versorgungsproblemen. Und im Sommer jener riesige Bär, den sie versehentlich in einem Bachbett aufscheuchten, mitten in der Wildnis, und der nach ein paar bedrohlichen Schritten auf sie zu schließlich abdrehte und sich weg trollte. Kanada war unvorstellbar. Wollte er zurück dorthin? Warum war er überhaupt aus den Wäldern fortgegangen?

Er hatte nicht mehr gewusst, wovon er leben sollte. Er hatte sich überworfen mit der Sägewerksbesitzerin. Er sagte nicht, in welchen Angelegenheit, und ich wollte es auch nicht wissen. Es wird wohl wieder so eine Nebensächlichkeit gewesen sein. Jedenfalls scheint der Freund es wesentlich länger im Dienst der Dame ausgehalten zu haben.

Er schrieb Gedichte und veranstaltete zusammen mit anderen jungen Autoren eine öffentliche Lesung. Es waren harmlose, aber empfindsame Liebesgedichte. Er bewarb sich bei einer Zeitung als Volontär, und der Chefredakteur ließ ihn kommen: "Ich will Sie ja gar nicht einstellen, das sag ich Ihnen ganz unverblümt. Ich wollte bloß mal sehen, was das für einer ist, der so lebt wie Sie und in seiner Bewerbung so viele seltsame Berufserfahrungen angibt ..."

Das hatte ihn tief erstaunt und befremdet. Er hatte gar keine Begriffe dafür. Der Chefredakteur und er schienen beide für lange Minuten und in totalem Unverständnis voreinander erstarrt zu sein.

Dann kam er als Redakteur bei einer privaten Fernsehanstalt unter und hatte Probleme mit seinem Vertrag, der ihm Monate nach Arbeitsbeginn noch nicht ausgehändigt worden war. Nachdem er sich mehrfach beschwert hatte, bekam er das Papier endlich und weigerte sich zu unterschreiben. Er verlangte Änderungen, sie wurden abgelehnt. Da schmiss er von einer Stunde zur andern die Arbeit hin und ging. Er hatte keine andere in Aussicht und bekam keine andere. Ein paar Wochen half er aus in einem Sportgeschäft. Zusammen mit dem Freund, der aus Kanada zurück kam, zeigte er schließlich eine Fotoausstellung aus dem entfernten Land. Er hatte Arbeitslosengeld beantragt, das wie üblich mit beachtlicher Verspätung überwiesen wurde. Seine Eltern, bei denen er nicht mehr lebte, hätten ihm helfen können, er lehnte es ab, mit ihnen auch nur darüber zur reden.

"Ich bin arbeitslos," sagte er. "Eine Weile kann ich noch so leben, ich habe noch etwas Geld aus Kanada. Dann muss ich irgendwas finden, egal was."

Ich hatte ihn auf der Straße getroffen. "Was machen Sie denn so den Tag über? Ist es nicht langweilig?"

"Oh nein," seine Augen blitzten wieder sanft auf, "langweilig ist es überhaupt nicht. Ich lese viel zuhause, und wenn ich rausgehe, treffe ich eine Menge Leute, Freunde, Bekannte, mit denen ich rede. Wir sollten uns einmal abends sehen, damit wir etwas Zeit haben, was meinen Sie?"

Ich hatte abends überhaupt keine Zeit. Höchstens mittags eine Stunde. Er wollte nicht zum Essen eingeladen werden, er habe eben zu Hause ein Brot gegessen, sagte er. Er wollte nur reden, und länger als eine Stunde. Ich höre gerne zu, ich hatte ihn oft gebeten, mir von sich zu erzählen. Aber ich hätte es nur mittags die eine Stunde einrichten können. Und so ging er weiterhin von seinem häuslichen Buch zu den vielen Freunden, die in der Kneipe den ganzen Tag auf ihn warteten oder auch nicht, und ging von den Freunden nachts wieder zurück zu seinem Buch. Er wirkte ausgeglichen, ruhig, durchdrungen von Freundlichkeit. Er lebt offenbar gerne so, dachte ich. Warum soll er auch anders leben, wenn es gerade so reicht.

Bevor er nach Kanada ging, hatte er ein halbes Jahr im Krankenhaus gelegen wegen seines Rückens und war noch Wochen nach der Entlassung mit einem schweren, idiotischen Gipspanzer herumgegangen, dessen zentimeterdicke Schicht man unterm Hemd ahnen konnte.

"Was hatten Sie denn mit dem Rücken?"
"Die Ärzte sagen, es ist angeboren und hat sich in letzter Zeit verschlimmert."

Er war operiert worden. Ich hatte vorher versprochen, ihn im Krankenhaus zu besuchen, aber ich wusste nicht genau, wo er lag und wann er besuchsfähig sein würde. Ich hoffte, er würde mich anrufen, aber er tat es nicht. Er war hinterher ein wenig erstaunt, dass ich nicht gekommen war, und wunderte sich über meine Erklärung.

Über ein Jahr, bevor er starb, muss ich ihn noch einmal gesehen haben, flüchtig und zufällig. Er habe zuletzt eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gehabt, sagte man mir, einen befristeten Job, der fast abgelaufen war. Eines Morgens war er an diesem Arbeitsplatz nicht erschienen, und da wollte man ihn in der Wohnug aufsuchen und fand ihn tot.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass er tot ist. In meinem Notizbuch steht noch seine Telefonnummer. Einmal hatten wir im Sommer auf einer Bank am Fluss gesessen, und ich dachte, jetzt wird sein Männerinstinkt ihm sagen, dass ich ihn gerne mag und auf ihn neugierig bin. Dass ich mit ihm in seine Wohnung gehen und ihm zuhören und ihn umarmen möchte. Ein paar Rad fahrende Kinder umkreisten uns bereits mit wissendem Grinsen. Er begann sich in aller Ruhe mit ihnen zu unterhalten, höflich, lächelnd, interessiert. Er kannte sie, sie wohnten im selben Haus wie er oder in der Nachbarschaft. Ich wunderte mich, dass er sie nicht dazu brachte, uns in Ruhe zu lassen, aber er fühlte sich gar nicht gestört. Er saß neben mir und war nicht da. Er strahlte etwas Flaches, Fades, Unbestimmtes aus. Nichts an ihm war greifbar. Ich weiß bis heute nicht, wer er war.

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