James Dean (1931-1955)

 


Cover des kleinen Bildbandes bei Schirmer/Mosel, der zum 50. Todestag des Filmschauspielers neu aufgelegt wurde. Das Titelfoto ist ein Filmstill aus James Deans letztem Streifen "Giganten" (Regie George Stevens, 1956). Aus unerfindlichen Gründen stilisierte Stevens die Szene zu einer symbolschwangeren "Kreuzigung" mit Elizabeth Taylor als eine Art Maria Magdalena, James Dean machte daraus immerhin eine Geste katzenhafter Lässigkeit und verlieh der Abstraktion dadurch Realitätsnähe.

 

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27-09-2005

 

Sprengkraft eines kurzen, wilden Lebens

Vor einem halben Jahrhundert starb Hollywood-Star James Dean mit 24 Jahren

 

Von Christel Heybrock 

 

Ein unreifer Rotzbengel sei er gewesen, behaupteten die Leute, die nicht mit ihm klar kamen. Ein Mannsbild von ungewöhnlichem Charme, bekannten dagegen die Frauen, die ihm begegneten. Und dass er ein erstklassiger Schauspieler, ein notorischer Außenseiter und schließlich ein ebenso egozentrischer wie selbstmörderischer Grenzgänger war, das ist immer noch jedem klar, der seine Filme gesehen und etwas über sein Leben gelesen hat. Am 30. September 1955 starb der 24 Jahre junge James Dean, und es heißt, er sei auf dem Höhepunkt seiner Karriere, also just zum richtigen Zeitpunkt aus dem Leben verschwunden, um endgültig zum Mythos zu werden, zum Idol nicht nur seiner Generation, sondern einer aufbegehrenden Jugend schlechthin.

 

So was sagt sich leicht, wenn man selber in der Banalität seines Lebens Wurzeln geschlagen hat und sich nicht vorstellen mag, dass es Menschen von anderem Schlag gibt, Menschen, die sich nur finden können, indem sie sich riskieren. Ins Herz gesehen hat diesem James Dean wahrscheinlich niemand, diesem widerborstigen, sensiblen, verschlossenen Typ. Insofern ist jeder, der sich ihm heute noch verstehend und analysierend nähert, auf die Spur angewiesen, die er hinterlassen hat – als Schauspieler in drei Meisterwerken der Filmgeschichte, als Mensch bei seinen Biografen und denen, die ihn kannten. Zwar ist die Liste der Publikationen, die in einem Mediennetzwerk der Universität Hamburg aufgestellt wurde, neun Seiten lang, aber eine deutschsprachige Neuerscheinung zum 50. Todestag ist nicht dabei. Für den kleinen Geldbeutel hat wenigstens der Schirmer/Mosel Verlag ein Fotobändchen von 1989 wieder aufgelegt, so dass die Fans eine attraktive, wenn auch kleinformatige Bildergalerie zur Hand haben – der biografische Text von Axel Arens (1939-1986) indes ist satte 20 Jahre alt und eher von journalistischem Ehrgeiz und dem Drang zu flotter Schreibe geprägt als von nachdenklicher Objektivität. Und da eine kurze Liste biografischer Daten die drei großen Filme nur gleichsam beiläufig vorstellt, seien sie hier noch einmal aufgeführt:

 

- „East of Eden“ (Jenseits von Eden), nach dem Roman von John Steinbeck, Regie Elia Kazan, 1955

- „Rebel without a Cause“ (Denn sie wissen nicht, was sie tun), Drehbuch nach einem soziologischen Report über die amerikanische Jugend von Robert Lindner, Regie Nicholas Ray, 1955

- „Giant“ (Giganten), nach einem Roman von Edna Ferber, Regie George Stevens, 1956

 

Arens vertritt in dem kleinen Band den bizarren Standpunkt, James Dean habe sich in kühler Kalkulation selber aus seinem Leben katapultiert, um für alle Zeiten als Mythos im Gespräch zu bleiben. Künstlerisch habe er mit den drei Filmen (von denen die letzten zwei übrigens erst nach seinem Tod Premiere hatten) bereits alles vermittelt, was er zu sagen gehabt hätte – Entwicklungsmöglichkeiten darüber hinaus könne man ihm wohl nicht zugestehen. Überhaupt sei er eigentlich kein richtiger Schauspieler gewesen, sondern habe – dies allerdings beeindruckend – sich immer nur selber gespielt und seine manische Selbstdarstellung als Schauspielerei verkauft. Mit dieser Ansicht steht Arens übrigens keineswegs allein. Aus seinem Text wird freilich nicht klar,  warum er in seltsamer Schizophrenie (oder ist das alles ironisch gemeint?) gleichzeitig aber das Bedürfnis nach symbolschwangeren, geheimnisvollen Bedeutungen nährt, die James-Dean-Fans damals (und heute?) in den Details von dessen Biografie entdecken. So starb das Idol angeblich wie einer der von ihm bewunderten Stierkämpfer, indem sich ihm die Lenkradsäule seines Porsche-Rennwagens in die Brust bohrte. Noch aus dem Namen des Fahrers, der mit Jimmys Porsche zusammenstieß, wird ein nicht ganz geheurer Schicksalsfaden geknüpft: Donald Gene Turnupseed hieß der Ford-Sedan-Fahrer, der den eben 90 Zentimeter hohen, silberfarbenen Porsche Spider an der Highway-Kreuzung nicht kommen sah. Turnupseed = Saatwender. Wurde mit der für Jimmy Dean tödlichen Kollision nicht tatsächlich die Saat gewendet, damit sie nämlich aufgehen sollte für alle Zeit?

 


Als der Heyne Verlag noch Filmbiografien herausgab: 1975 erschien Ronald Martinettis "James Dean Story" in USA, 1979 die deutsche Ausgabe bei Heyne. Das Taschenbuch ist mehr als eine "Story", sondern eine ernsthafte Biografie - leider vergriffen.

 

An biographische Texte werden heute doch etwas andere Ansprüche gestellt, und wer das Glück hat, etwa an Ronald Martinettis leider vergriffene „James Dean Story“ zu kommen (1979 als Taschenbuch im Heyne Verlag erschienen), kann zumindest sein Urteil etwas differenzieren. Das Charakterbild James Deans lässt sich hier anhand etlicher, ganz unspektakulärer Details wesentlich anders zeichnen, voll von Widersprüchen zwar (wie bei jedem Menschen), aber unglaublich dicht und geprägt von Ehrgeiz, Selbstansprüchen und einer wahren Sucht nach Erfahrungen. Dass James Dean wie ein ungezogenes Kind sich immer dann am grauenvollsten benahm, wenn er im Grunde geliebt werden wollte – es dürfte sicherlich ein richtiger Aspekt sein, der durch den frühen Tod der Mutter und die Distanz zum Vater auch erklärlich scheint (Jimmy wuchs bei Onkel und Tante auf). Aber es ist wohl doch nur ein Aspekt von vielen.

 

Wenn Martinetti beschreibt, wie MGM-Drehbuchredakteur Leonard Spiegelgass den arroganten Jungvogel aus seiner Wohnung wirft oder wie James Dean dem Schriftsteller George Bradshaw „aus Versehen“ einen antiken Stuhl anzündet, dann gilt das natürlich als Beweis für ein absolut „störrisches und unverträgliches“ Benehmen. Irgendwann vermutet man jedoch, Jimmy habe auf diese Weise auch seinen sicherlich fast physischen Widerwillen gegen jede Art von Autoritätsgehabe ausgelebt – und mit diesem Problem musste er im Amerika der fünfziger Jahre einfach anecken. In zwei Fällen scheint dieser Konfliktstoff in ihm förmlich explodiert zu sein. Einmal in New York in Lee Strasbergs Actor’s Studio, als der berühmte Schauspielpädagoge ihn vor seinen Kommilitonen fertig machte und Dean wortlos, aber in den Grundfesten erschüttert, das Studio verließ: “...wenn ich zulasse, dass sie mich auseinandernehmen wie ein Versuchstier in einem Laboratorium, finde ich vielleicht keine Energie mehr weiterzumachen,“ erklärte er damals seinem Kollegen Bill Bast.

 

Zum zweiten Mal kam eine derartige Situation während der Dreharbeiten an „Giganten“ durch Hollywood-Regisseur George Stevens zustande, der mit seinem autoritären Arbeitsstil die Schauspieler wie gefühllose Sklaven behandelte und ihnen noch winzigste Details befahl, ohne ihnen die Chance zu persönlicher Identifizierung mit der Rolle zu geben. James Dean rächte sich durch „Mauern“ und Unverschämtheiten – versetzt man sich in seine Lage, wundert man sich, dass er zu derartiger Selbstkontrolle überhaupt imstande war, denn Stevens’ Regiemethode widersprach ihm im Innersten. Fantasievoll (auch damit musste er überall anecken) und sensibel, war Jimmy immer dann am besten und übrigens auch mit sich selbst im Reinen, wenn er völlig in seiner Rolle aufgehen und sich die fremde Person zutiefst aneignen konnte. Das forderte eine fast meditative Konzentration von ihm, und es forderte immer neues Lernen, von neuem errungene Perfektion – alles andere als automatenhaftes Ausführen von Befehlen, und in diesem Antrieb steckte auch alles andere als fehlende Entwicklungsmöglichkeiten.

 

Regisseur Nicholas Ray („Rebel without a Cause”) verstand das, und dass gerade Ray dem blutjungen Schauspieler eine großartige Wandlungsfähigkeit bescheinigte, deutet auf eine völlige Fehleinschätzung der Kritiker hin, deren Horizont offensichtlich enger war als alles, was James Dean von sich selber forderte: Grenzen auszuloten und Grenzen zu sprengen, Grenzen in sich selber – und schließlich auch die Grenzen des eigenen Lebens, das er dem Rausch der Geschwindigkeit aussetzte. Motorräder anfangs, Rennwagen später – bis wohin würde man gehen können? Was war möglich? Man musste, man musste es einfach ausmessen, auch wenn oder gerade weil man dabei alles riskierte! „Er verwandelte sich praktisch in die Menschen, die er darstellen wollte, und übernahm ihre Eigenheiten,“ zitiert Martinetti den Regisseur Ray: „Das vor allem machte die Magie aus, die dieser Schauspieler um sich verströmte.“ Ein mäßig begabter, egozentrischer Selbstdarsteller, dessen Höhepunkt eh vorbei war? Es ist wohl an der Zeit, das Phänomen James Dean endlich neu und mit anderer Ernsthaftigkeit zu beurteilen.

 

Info:

- „James Dean, Photographien“, mit einem Essay von Axel Arens, Verlag Schirmer/Mosel, München 1989/2005, 136 Seiten, 51 Tafeln, ISBN 3-88814-343-8, Preis 6,95 Euro, www.schirmer-mosel.com

- Bibliografie: http://www.rrz.uni-hamburg.de/Medien/berichte/arbeiten/0011_03.html

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