Sophia Loren

auf Fotografien von Tazio Secchiaroli

 

Das Cover des Bildbandes von Tazio Secchiaroli (1925-1998), den der Schirmer/Mosel Verlag zu Sophia Lorens 70. Geburtstag 2004 herausgab.

 

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11-10-2004

 

Rollenspiel bis in die kleinste Geste

Fotoband von Tazio Secchiaroli zum 70.Geburtstag von Sophia Loren im Verlag Schirmer/Mosel

 

Von Christel Heybrock 

 

Was ist ein Star? Eines ist sicher: kein Mensch wie Du und Ich. Ein Star wirkt bizarr nach zwei Seiten: Einerseits weckt er bei seinen Fans Sehnsüchte und Phantasien. Andererseits kann er ja nicht persönlich darauf antworten – er fungiert als mehr oder weniger anonyme Projektionsfläche für eben die Wünsche, die er weckt. Wer ist er selbst, was für ein Mensch verbirgt sich hinter der Fassade, die der Star in der Öffentlichkeit abgibt? Bei Audrey Hepburn, Marilyn Monroe oder Romy Schneider ließ sich das zumindest ahnen, wobei die Kluft zwischen Sein und Schein mitunter tragische, selbstzerstörerische Züge annahm.

 

Die Frage nach dem Menschen stellt man sich aber beispielsweise bei Sophia Loren vergeblich, und sie wird auch nicht beantwortet in einem Fotoband, den der Schirmer/Mosel Verlag zu ihrem 70.Geburtstag (am 20. September 2004) herausgab. Die Aufnahmen stammen von ihrem Leib- und Magen-Porträtisten Tazio Secchiaroli (1925-1998), mit dem sie eine Jahrzehnte lange, ebenso intensive wie distanzierte Freundschaft verband; die Diva und ihr Fotograf fanden offenbar in einer natürlichen Geistesverwandtschaft zusammen. Secchiaroli, aus einfachsten Verhältnissen stammend, ursprünglich Straßenfotograf und Urvater aller Paparazzi, der seinen „Opfern“ auflauerte wie einer Beute, schien den Traum, den Sophia verkörperte, im Innersten zu verstehen: Nach oben gelangen, raus aus der elenden Enge, Wünsche erfüllen, perfekt werden, unangreifbar werden, realisieren, was anderen nicht gelingt. Auch Sophia kam ja von ganz unten; bevor sie Secchiaroli 1964 kennen lernte (durch Marcello Mastroianni), hatte sie schnell und zielstrebig Ruhm erlangt. Die fruchtbare Beziehung zwischen beiden entwickelte sich rasch zu einer Art künstlerischer Symbiose.

 


Während der Dreharbeiten zu dem Film "Hochzeit auf Italienisch" (Matrimonio all' italiana) 1964. Während der Arbeit an diesem Film machte Marcello Mastroianni seine Partnerin Sophia Loren mit "ihrem" Fotografen Tazio Secchiaroli bekannt. 

 

Sophia war das Bild einer Frau mit strammem Körper, mit Formen, die wie aus der Erde gewachsen schienen und zum Anfassen lockten. Von vulkanischem Temperament, schien sie nie zickig, nie schwierig zu sein – eine in sich ruhende, schwellende Muttergöttin, mit Intelligenz, Ironie und gesundem Realismus begabt. Einerseits Dame, andererseits ein hinreißend schönes Energiebündel, haute sie auf der Leinwand mit Vorliebe männliche Bedenkenträger in die Pfanne, respektive auch schon mal in den häuslichen Pastatopf. Und Secchiaroli tat mit der Kamera alles, damit dieses Bild, diese stets sprühend lebendig vorgeführte Kunstfigur bis ins Privatleben, bis in die kleinste Geste stimmig blieb. Wer Sophia Loren zu seinem persönlichen Star erkoren hat, wird in diesem Fotoband Seite für Seite bestärkt. Wer nach dem Menschen sucht, nach einer Person mit ihren Zweifeln und Widersprüchen, findet keinen Zugang, entdeckt nichts.

 

Hat die Loren sich so grundlegend stilisiert, dass sie pausenlos sich selber spielte? Waren ihre von Witz und Wärme erfüllten Rollenfiguren stets nur Aspekte ihrer selbst? War da nicht die leiseste Distanz zu den Frauen, die sie darstellte, und rührt von dieser Totalität Sophias überwältigende, fast haptische Präsenz auf der Leinwand? Keine Ahnung.

 


Ein Weib wie die Natur selber, dramatisch, handfest, atemberaubend: Sophia Loren am Set des Films "Schöne Isabella" (C'era una volta) 1972.

 

Was das Buch jedoch in einem Interview und in einem Text der Herausgeberin Giovanna Bertelli bestätigt, ist die Tatsache, dass diese Inszenierung von der Schauspielerin ebenso wie von Secchiaroli bewusst geplant und immer neu erarbeitet wurde. Nichts gelangte an die Öffentlichkeit, was die Identität des Stars mit eben seiner Funktion gestört hätte. Der tolle Körper, das ausdrucksvolle Gesicht (Gott, trugen die Frauen damals Lidschatten auf!), die erstklassigen Rollen, die prominenten Partner (Marcello Mastroianni, Gregory Peck, Marlon Brando, Vittorio de Sica), die behütete Ehe mit dem einflussreichen (aber nie sympathisch wirkenden) Filmproduzenten Carlo Ponti, die Kinder, wie es sich gehörte, der geschmackvoll mit Kunstwerken ausgestattete Palazzo, in dem nächtliche Parties mit Prominenten gegeben wurden ... alles bruchlos, nicht nur herzeigbar, sondern hoch repräsentativ, jeder von uns hätte gern so ein Leben (vorausgesetzt, man hätte auch die Nerven dazu).

 

Sophia mit Löwenmähne, großen Augen und sinnlichem Mund, ganz auf mädchenhaft, ziert das Cover. (Passte das Mädchenhafte vielleicht eher in die damalige Zeit als zu ihr, die immer mehr üppige Frau als Mädchen war? Ist der Ausdruck auf diesem Foto überhaupt glaubhaft? Nun ja, Fans wollten und wollen es halt glauben.) Sophia in allen möglichen Perspektiven „gerahmt“, um sie hervorzuheben: in quer- und hochovalen Spiegeln, in Fenstern, in Reflexen auf einer Scheibe, gerahmt von tiefen Schatten oder Unschärfen, die nur Mund und Augen erkennen lassen, gerahmt in einer „Fischauge“-Aufnahme oder Sophia sogar doppelt auf ein- und demselben Foto, weil sie sich noch auf dem Brillenglas des Modefotografen Richard Avedon spiegelt.

 


Sophia, bei Dreharbeiten 1972 zu dem Film "Die Sünde" (Bianco, rosso e...) keck auf einer Tonne herumhampelnd - Sekunden, bevor sie einen Eimer Wasser abbekommt. Auch solche scheinbar spontanen Szenen gehörten ins Spektrum der Selbstinszenierung des gefeierten Filmstars, einer Selbstinszenierung, zu der Secchiaroli bewusst beitrug.

 

Sophia immer in Pose, noch zu Hause bei den Kindern, auf dem voluminösen Salonsofa mit dem machohaft sich fläzenden Carlo Ponti oder unterm monumentalen Madonnengemälde auf dem gewaltigen Bett im Schlafzimmer. Sophia am Set in Aktion mit berühmten Partnern. Sophia bei Dior. Sophia auf dem Roten Platz in Moskau. Sophia mit Hut, Sophia übermütig auf einer Tonne, noch trocken, dann mit Wasser überschüttet und erschrocken. Sophia in bezaubernden weißen Negligees in ihrer Villa in Marino. Mit Kopftuch und Zigarette. Das Gesicht halb verborgen hinter einem hohen schwarzen Plisseekragen. Neckisch platziert zwischen Perückenköpfen. Seelenvoll, warum auch immer, den Blick nach oben gerichtet. Breit lachend, warum auch immer, zwischen verschwommenen Lichtreflexen. Sophia wer? Niemand Persönliches. Ein Star eben.

 

Info:

„Sophia Loren“, rund 150 Fotografien von Tazio Secchiaroli, mit einem Vorwort von David Secchiaroli, herausgegeben und mit Texten von Giovanna Bertelli, 168 Seiten, Verlag Schirmer/Mosel, München 2003, Preis 39,80 Euro, ISBN 3-8296-0101-8, www.schirmer-mosel.com

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