Marilyn Monroe und Bert Stern

"The Last Sitting"

 


Das Cover des Fotobandes bei Schirmer/Mosel über Marilyn Monroes letzte Session mit Fotograf Bert Stern. Aufnahmen, die ihr für eine Publikation nicht perfekt genug schienen, strich Marilyn, so wie beim Titelfoto, auf den Kontaktabzügen mit Nagellack durch. Einige Dias durchstach sie mit der Haarnadel und machte sie komplett unbrauchbar. Erst als er seine Kontaktabzüge wieder durchsah, ahnte der Fotograf, dass Marilyn sich symbolisch selbst auslöschte. Der Schirmer/Mosel Verlag, der die "Last Session" seit 1982 im Programm hat, gab den Band zum 80. Geburtstag von Bert Stern (3. Oktober 2009) erneut heraus.

 

 


Titelfoto des Flyers zur Ausstellung im Kurpfälzischen Museum Heidelberg, wo eine Auswahl von Bert Sterns Aufnahmen im Winter 2006/2007 gezeigt wurde. Das Foto entstand beim ersten Tag der berühmten Session, die wenige Wochen vor Marilyns Tod in einem Hotel stattfand.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Film/MonroeLastSitting.html

 

Fotograf Bert Stern ist am 26. Juni 2013 im Alter von 83 Jahren in New York gestorben.

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Kurpfälzisches Museum Heidelberg

 

15-12-2006

Update 30-06-2013

Marilyn, ein Männer-Mythos

Bert Sterns Aufnahmen des „Complete Last Sitting“ in einem Fotoband bei Schirmer/Mosel und einer Ausstellung in Heidelberg

 

Von Christel Heybrock

 

Wer jung stirbt, kann seine Jugend nicht mehr verlieren. Marilyn Monroe wäre am 1. Juni 2006  achtzig geworden. (Können Sie sich das vorstellen?) Am 5. August 2007 jährte sich ihr Todestag zum 45. Mal. Der Preis, den eine Frau dafür zahlt, dass sie nicht mehr zu den Menschen, sondern zu den Göttinnen gerechnet wird, ist immer unverhältnismäßig hoch. In Marilyns Fall bestand er darin, dass sie mit 36 Jahren nicht mehr weiter leben konnte. Was hat dazu geführt, dass Norma Jean Baker zum Mythos Marilyn Monroe wurde? Zwei Dinge: zum einen ihre biografisch nur zu verständliche Sucht, anerkannt und geliebt zu werden, und zum andern der Traum von Männern, wie die ideale Frau zu sein hätte. Die Frau als Mythos schlechthin, jenseits von Individualität, jenseits auch von jener Verantwortung, wie eine reale Person sie von Männern hätte einfordern müssen. Marilyn – süß, blond, folgenlos, auf ewig jung, auf ewig Projektionsfläche von Träumen.

 

Zur Erinnerung an eine Schauspielerin, die in einigen anspruchsvollen, mehr noch in anspruchslosen Hollywoodfilmen dem Männermythos vom leckeren, sündigen Weibchen ihr Leben und ihre Energien einhauchte, zeigt das Kurpfälzische Museum Heidelberg zum Jahresende zwischen 80. Geburtstag und 45. Todestag eine Auswahl aus Bert Sterns berühmtem „Complete Last Sitting“, jener dreitägigen Fotosession 1962 in einem Hotel. Das Museum mit seinen faszinierenden historischen Sammlungsbeständen nimmt alle paar Jahre auch klassische moderne Themen ins Ausstellungsprogramm – und ist an Bildern weiblicher Schönheit auch sonst nicht eben arm. Während der Fotosession wenige Wochen vor Marilyns Tod entstanden mehr als 2500 Aufnahmen, es dürfte die letzte zusammenhängende Arbeitsphase der Monroe gewesen sein. Vielleicht ist es symptomatisch, dass Vogue-Fotograf Bert Stern, der sich mit dieser Begegnung einen Lebenstraum erfüllte, während der erschöpfenden, stundenlangen Tätigkeit in keiner Sekunde ahnte, dass er es mit einem zutiefst gefährdeten Menschen zu tun hatte, mit jemand, der bereits am Rand des Abgrunds stand. Was er sah, auch er, war eben nur eine Frau, war die tolle Frau schlechthin, nicht eine Person.

 

In dem gewichtigen Fotoband, den der Münchner Schirmer/Mosel Verlag 1982, erneut 1992, 2002 und zu Bert Sterns 80. Geburtstag 2009 noch einmal herausgab, schildert Stern seine Auffassung vom Mythos Marilyn und vom Verlauf der Shooting-Session – ein bewegender Text, ohne dessen differenzierte Äußerungen man sich von der Fülle der mitunter doch etwas stereotypen Aufnahmen und der fast die Hälfte des Buches füllenden Kontaktabzüge förmlich erdrückt fühlen müsste. Stern bekennt sich da ungeniert als einer der Männer, die dem blonden Star verfallen waren, noch bevor sie in seine Nähe kamen. Die Modezeitschrift Vogue hatte damals noch nie Aufnahmen der Monroe veröffentlicht, und als die Umschwärmte auf Anfrage hin tatsächlich für einen Termin zusagte, scheint Fotograf Stern völlig elektrisiert gewesen zu sein. Im Hotel Bel Air außerhalb von Los Angeles richtete er nicht nur sein mobiles Aufnahmestudio, sondern alle georderten Räume mit einer Konzentration ein, als erwarte er eine Liebesbegegnung. Wer das bei der Lektüre als zwanghaft und verblendet empfindet, wird überrascht: Es wurde tatsächlich eine Liebesbegegnung, es wurde ein hoch erotischer, für beide schöpferischer Kontakt. Ein sexueller Kontakt freilich wurde es nicht.

 

Was den Mann hinter der Kamera vom ersten Augenblick an verblüffte und faszinierte, waren Marilyns einfache, unkomplizierte Reaktionsfähigkeit und ihre natürliche Intelligenz. Ganz allein und etwas verhuscht kam sie ins Hotel, mit keiner Geste die große Diva hervorkehrend und schon gar nicht das piepsende Dummchen ihrer Filmrollen. Allerdings kam sie Stunden verspätet, aber wahrscheinlich hätte Bert Stern auch Jahre auf sie gewartet. Mit simpler, die Wünsche des Fotografen stets schon vorwegnehmender Professionalität ließ sie sich auf die Kamera ein, begann ein freies, ungezwungenes Spiel mit (billigem) Schmuck und transparenten Tüchern, während der Mann mit dem Fotoauge nicht nur das Wesen der Person einfing, die sich ihm zeigte, sondern sich anschickte, in dieses Wesen tiefer einzudringen, ihm auf den Grund zu sehen, sein Geheimnis ans Licht zu holen. Nicht das Geheimnis einer fragilen, bereits zerbrechenden Person, sondern das Geheimnis, eine Frau zu sein, eine Art Naturereignis, aus dessen Tiefe wie von selbst fantasievolle Gesten, spielerische Freude und kindliche Eleganz hervordrangen. Womöglich war die Monroe von dem wechselseitigen, wortlosen Einverständnis selbst so erfüllt, dass sie für die Stunden der Aufnahmen ihre bereits unabwendbare Gefährdung vergaß.

 


Posieren im Pelz - es war nicht das, was Vogue-Fotograf Bert Stern aus Marilyn herausholen wollte, sondern ein Wunsch der Redaktion. Auf der kahlen Papierbahn, die hier im Hintergrund zu ahnen ist, setzte sich der Filmstar dennoch hoch professionell in Szene.
Foto: Bert Stern (Copyright1982/2009) - courtesy  Schirmer/Mosel Verlag

 

Die Session sollte eigentlich nach der einen Begegnung beendet sein, aber als Stern die Aufnahmen später seiner Redaktion vorlegte, wünschte die eine Fortsetzung, und zwar auf eine Art, die weder dem Fotografen noch der Monroe wesensgemäß war: Es sollten Modefotos werden mit einem tollen Pelz, schicken schwarzen Kleidern, Highheels und einer schwarzen Perücke. Die Monroe erschien mit Coiffeur und Visagist, Stern mit seiner Redakteurin, an ein spontanes, schöpferisch intimes Spiel war nicht mehr zu denken, es wurden für beide anstrengende, ja auslaugende Stunden, in denen sie gegen die eigenen Bedürfnisse agieren mussten. Die entsprechenden Fotografien jedoch, das muss ein heutiger Betrachter zugeben, lassen davon nichts ahnen. Die Monroe mit der angeblich so unpassenden schwarzen Perücke ist ein höchst aparter, ästhetischer Anblick und ihr Umgang mit dem Pelz so wunderbar inspiriert und alle Möglichkeiten auslotend zwischen Kuscheln und Berühren, zwischen Sichbergen und Sichzeigen, dass man kaum nachvollziehen kann, es habe ihr auch nur die geringste Mühe bereitet.

 

Gelöste Stimmung am Ende des zweiten Tages. Die Fotoserie im Bett, bei der sich Marilyn (übrigens schamhaft unterm Laken) immer weiter auszog, um sich derart entspannt ins Bild zu setzen, ist sicherlich der Höhepunkt des "Last Sitting". Zwischen Fotograf Bert Stern und ihr herrschte wortlose Übereinstimmung.
Foto: Kurpfälzisches Museum Heidelberg

 

Das aber scheint der Fall gewesen zu sein, denn Bert Stern, der noch einmal diese Frau ausloten und restlos erfassen wollte, der besessen war von dem Gedanken, das eine, einzige Foto zu schießen, in dem sie sich vollkommen offenbaren würde, Bert Stern schickte irgendwann das ganze Team aus dem Studio, munterte das Objekt seiner Begierde und sich selbst mit Champagner und der kleinen Dosis einer Droge auf und stellte die Atmosphäre eines fast animalischen Einverständnisses wieder her. Wohl hat die Monroe sich vor der Fotokamera nicht nur Bert Sterns entspannt und hingegeben gezeigt, sie hatte wohl immer ein erotisches Verhältnis zum Fotografiertwerden, zum Sichzeigen und Sichbetrachtenlassen als Akt des Erkannt- und Verstandenwerdens – aber die Aufnahmen dieses zweiten Tages des „Last Sitting“ sind einfach anrührende Dokumente der selbstversunkenen Gelöstheit einer Frau. Wie sie bäuchlings und nackt unter einem Betttuch hervor den Betrachter anblickt, ein entblößtes Bein locker hervorgeschoben, da liegt in dieser Geste eine absichtslose, aus der Tiefe strahlende Verlockung. Ein süßer, sanfter Körper, der eben von Natur aus nicht anders ist. Eine Kostbarkeit, der Bert Stern jede Freiheit ließ, damit sie aufblühen konnte von allein. Nichts Gestelltes, nichts Gekünsteltes oder perfekt Gekonntes, nichts von professioneller Dressur liegt mehr in diesen Aufnahmen. Umflossen von Licht und dem diffusen Weiß der Laken sieht eine sensible, verletzliche Frau einen an.

 

Dass Stern es damit nicht genug sein ließ und das Shooting noch einen Tag fortsetzte, indem er das Gesicht der Monroe mit irgendwelchem Glitterkram dekorierte und sie sich erneut alberne Colliers durch den Mund ziehen musste – es spricht gegen ihn und gegen seinen vorgeblichen Erkenntnisdrang. Dem vorwärts preschenden Männchen in ihm scheint der Substanzverlust nie bewusst geworden zu sein, und letztlich lag in der ganzen, von partiellem Einverständnis erfüllten Begegnung auch eine grundsätzliche Diskrepanz. Was Männer von einer Frau wahrnehmen und verstehen, ist selten individuell und ihr eklatantes Unvermögen ein Konfliktstoff für Beziehungen wohl noch in Jahrtausenden. Andererseits ist die Wahrnehmung jener sinnlichen Wärme, die Männer an Frauen bezaubert, keine Täuschung, sie entspricht einer realen weiblichen Persönlichkeitsschicht. Blöd nur, dass Frauen davon selber so wenig spüren; ihre Aura wirkt ja nicht auf sie selbst zurück und ist ihnen so selbstverständlich, dass sie kaum ein Bewusstsein dafür haben, bestenfalls einen Instinkt – und sie wollen schon gar nicht dafür geliebt werden. Geliebt werden für etwas derart Nebulöses und Undifferenziertes? Andere Ansprüche haben sie nicht, die Männer? Und frau soll sich auch noch festlegen lassen auf nichts als die Annehmlichkeit ihrer fließenden Bewegungen, ihres Busens, ihrer langen Beine? Liebe auf einer solchen Ebene ist wirklich verzichtbar, keine Frau kann so was ernst nehmen. Etwas anderes jedoch hat sie wohl nie bekommen, die Frau, die als Norma Jean Baker zur Welt kam und mit 36 Jahren als Marilyn Monroe daran zugrunde ging.

 

Info:

- Bert Stern, „Marilyn Monroe. The Complete Last Sitting“, 2571 teils farbige Photographien, 464 Seiten, ISBN 3-88814-196-6, ISBN 388814-1915 und ISBN 978-3-88814-191-1, Preis 98 Euro, www.schirmer-mosel.com

- „Marilyn Monroe, The Last Sitting“, Fotografien und Siebdrucke von Bert Stern, Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Hauptstraße 97, vom 13. Dezember 2006 bis 18. März 2007, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, www.museum-heidelberg.de

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