Karl Blossfeldt (1865-1932)

Die Arbeitscollagen

 

 

So sah das Cover der inzwischen vergriffenen Erstausgabe von Karl Blossfeldts "Arbeitscollagen" beim Schirmer/Mosel Verlag im Jahr 2000 aus: großzügiges Querformat, auf der Vorderseite der Bogen mit Winterling- und Bocksbart-Aufnahmen (Foto oben), auf der Rückseite Kürbis- und Zaunranken (unteres Foto).

 

 

 

Und so sieht die im Jahr 2012 erschienene preisgünstige Studienausgabe aus:  Hochformat (hier das Cover), aber weil die Original-Bögen von Blossfeldt eben Querformate sind, werden sie im Abbildungsteil allesamt durch den Falz beeinträchtigt. Es hätte natürlich noch weniger Sinn gemacht, einfach das Gesamtformat zu verkleinern: Blossfeldts eingeklebte Kontaktabzüge sind ohnehin oft winzig.

 

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Alle Abbildungen auf dieser Seite: Copyright Karl Blossfeldt Archiv München/ courtesy Schirmer/Mosel

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08-09-2012

Update 28-09-2013

Kraft und Schönheit der Pflanzen

Karl Blossfeldts fotografische Arbeitscollagen in einer neuen Studienausgabe bei Schirmer/Mosel

 

Von Christel Heybrock

 

Zu Lebzeiten galt der Kunstdozent Karl Blossfeldt (1865-1932) als ein bisschen von gestern. Die Idee, dass angehende Bildhauer auch Ornamentik lernen müssten, noch dazu den Formenreichtum von Pflanzen als Basis allen Zierrats, die war wohl doch noch tiefstes 19. Jahrhundert. Zu diesem Ausbildungszweig, den Studenten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dennoch gern wählten, weil Blossfeldts Unterricht so angenehm war, fällt einem heute nur noch das Möbeldesign zwischen Historismus und Jugendstil ein, aber Skulpturen? Die Bildhauerkunst ist inzwischen radikal andere Wege gegangen. Erstaunlich nur, dass Blossfeldts Werk mittlerweile trotzdem als Pioniertat der Moderne geschätzt wird - die Pflanzenfotografien, mit denen er seinen eher gelangweilten Schülern Formenmaterial an die Hand gab, gelten heute als Klassiker der Fotografie der Neuen Sachlichkeit (an der Einschätzung köِnnte man Zweifel anmelden), mehr noch: als großartige Leistungen auf dem Gebiet der Pflanzenfotografie schlechthin, vergleichbar nur mit einigen Aufnahmen Robert Mapplethorpes oder den Gemälden Georgia O'Keeffes: Sie alle fanden in der Pflanze verborgene Energien von fِörmlich explosivem Drang, eine Kraft, wie sie auf der Ebene des Menschen nur mit Sexualität zu vergleichen ist.

 

Seit langem publiziert der Schirmer/Mosel Verlag das Werk Karl Blossfeldts; die Schirmer/Mosel-Bände haben wesentlich dazu beigetragen, dass Blossfeldt heute einem breiten Publikum bekannt ist - und sie haben sicher auch dazu beigetragen, dass viele Menschen dem Phänomen der Pflanze mit anderem Bewusstsein gegenüber stehen, mit einer Mischung aus Staunen, Nähe und Distanz statt mit der sonst üblichen gelangweilten Gleichgültigkeit, mit der man Pflanzen gerade noch einen dekorativen Wert beimisst, so lange sie blühen. Blühpflanzen jedoch sind bei Blossfeldt eher die Ausnahme, Blüten behandelt er nicht anders als Blatt-, Trieb- und Samenformen. Seit 1928 Blossfeldts Bildband "Urformen der Kunst" und 1932 sein "Wundergarten der Natur" erschienen (sie gerieten durch die Nazizeit zunächst in Vergessenheit), setzen sich Betrachter nun sowohl mit ihm als auch mit den stummen, kraftvollen Lebewesen auseinander, die dank ihrer Fähigkeit, Licht in Wachstumsenergie zu verwandeln, die Existenz des Menschen auf unserem Planeten erst ermöِglicht haben.

 


Tafel 14 aus den "Arbeitscollagen": Wachstumsformen von Farnen

 

Einer der Blossfeldt-Bände bei Schirmer/Mosel machte im Jahr 2000 sogar erstmals die Arbeitsmethode des Meisters publik. Im Nachlass fanden sich 61 graue Kartonbögen, auf denen Blossfeldt insgesamt über tausend Kontaktabzüge zerschnitten und in neuen Zusammenhängen aufgeklebt hatte, offensichtlich geordnet nach Formen und Motiven, um die ungeheure Spannweite gleicher Vorgänge bei verschiedenen Pflanzen vor Augen zu führen. Wie sieht es aus, wenn sich Keimblätter, Knospen, Neutriebe, Samen entwickeln? Zu welchen Formen sind Blätter zusammengefaltet, wenn sie sich aus der schützenden Hülle befreien? Wie ranken sich Farne, bevor sie den Trieb entrollen? Welche Strukturen entwickeln die Blütenstände verschiedener Doldenblüher? Zu welchen Variationen sind Thuja-Arten imstande? Und wie ist das mit den Formverwandtschaften von Ähren, Zapfen, Kätzchen und Kapseln? Es gibt keine Wörter, mit denen die unerschöpflichen Formkräfte von Pflanzen, wie Blossfeldt sie sichtbar machte, angemessen beschrieben, ja auch nur angedeutet werden köِnnten.

 

Der Band im bibliophilen, großen Querformat mit ganzseitigen Bildtafeln war lange vergriffen, aber anlässlich einer Blossfeldt-Ausstellung 2012 in der Münchner Pinakothek der Moderne brachte der Verlag die „Arbeitscollagen“ in einer preiswerten Studienausgabe neu heraus. Es handelt sich zwar um einen unveränderten Nachdruck der Erstausgabe, aber gelitten haben bei dem neuen kleineren Hochformat die Abbildungen, die nun konsequent durch den Falz beeinträchtigt sind - alle 61 von Blossfeldt zusammengestellten Bögen. Das ist ärgerlich, weil ausgerechnet der Blossfeldt-Forscher dadurch behindert wird, aber wer aus purer Empathie für Pflanzen oder aus Freude an ästhetischen Formen den Studienband zur Hand nimmt, kommt natürlich immer noch auf seine Kosten.

 


Balsaminen- und Kornelgewächse - Blüten und voll entwickelte Blätter interessierten Blossfeldt weniger, meist war er fasziniert von Triebknospen. In ihnen wird die enorme Formkraft von Pflanzen am deutlichsten sichtbar.

 

Im Grunde hat Blossfeldt sichtbar gemacht, was Populärwissenschaftler in den letzten Jahren einer ungläubig staunenden Leserschaft vermittelten, nämlich nicht nur die Formkraft, sondern sogar das Formbewusstsein und die sensorische Intelligenz von Pflanzen. Auf Blossfeldts Arbeitscollagen erinnern die verblüffenden Gestaltungskräfte unserer stummen Mitgeschöpfe manchmal sogar an Tier- oder Menschenkörper. Geschlossene Koniferenzapfen etwa können fast mit schuppigen Schlangenköpfen verwechselt werden – viele Pflanzen, auch die Thuja, bereiten mit Schuppenzellen ihren Blatt- und Blütentrieben schützende Hüllen. Kastanienknospen nehmen mit ihren verdickten Kolben menschliche Phalli vorweg, und einige Baumknospenstände wirken wie winzige Totempfähle. Die ästhetische Prägnanz mancher Triebe ist schlicht atemberaubend: Kürbis- und Ritterspornranken haben die visuelle Sprengkraft aufgerollter Metallfedern, und wenn Blätter sich entfalten, breitet sich ein Variantenreichtum aus, der von Pinselformen über geöffnete Handflächen bis zu aufgeklappten Fächern reicht. Die Blattknospen der Esche geben in manchen Stadien eine menschliche Figur mit erhobenen Armen ab, und indem Farne ihre Triebe aufrollen, durchlaufen sie die phantastischen Verwandlungen von fein gedrechselten Bischofsstäben über breite Schneckenhäuser bis zu aufrecht stehenden, gefiederten Halmen.

 

Obwohl Blossfeldts Interesse eindeutig auf Jungformen lag und ihn adulte Bestandteile von Pflanzen nur noch selten fesselten, sind auch einige Bögen mit Blüten und trockenen „Skeletten“ sehr aufschlussreich hinsichtlich der Vielfalt und Gegensätzlichkeit ihrer Erscheinungen. Zwischen haptischer Plastizität und geometrischer Strenge ist alles möglich, Blütenstände treten als vielköpfige Polster auf oder als Dolden von mal duftig zarter, mal praller, fedriger oder filigraner Konsistenz, und wenn manche Geschöpfe mit Buckel und Mulden, dicken Körbchenfeldern und glatt gewölbten Parzellen daher kommen, setzen sich andere mit dünnen, großflächigen Blütenblättern durch oder sind bewaffnet mit feinen, spitzen Stacheln. Trockene Dolden zeigen ein zerbrechliches Gerüst aus feinsten, verschlungenen Schleifen, andere Skelette geben perfekt gewachsene Sterne ab.

 

Leider sind die botanischen Angaben zu den einzelnen Tafeln äußerst lückenhaft, hier hätte ein Naturwissenschaftler sinnvolle Arbeit leisten müssen. Und unglücklicherweise ist auch der Einführungstext der Schweizer Autorin Ulrike Meyer Stump nicht geeignet, den Leser auch nur auf die richtige Spur zu führen - mit der traditionellen Perspektive des Kunst- und Fotohistorikers kann man Blossfeldt nicht gerecht werden, auch wenn sich im Text der Autorin einige schöِne biografische Details finden. Die verschieden farbigen Fotopapiere, auf denen die Negative abgezogen wurden, vermitteln zwar großen ästhetischen Reiz - da stehen bläuliche neben röِtlichen oder dunkelbraunen Feldern - aber es ist ein Irrweg, in diese offenbar zufälligen Farbzusammenstellungen eine künstlerische, gar konzeptionelle Absicht hinein zu geheimnissen.

 


Dreiblattgewächse (ganz oben links) und andere Gattungen. In dem mittleren Feld ganz rechts außen ist sogar eine Schlüsselblume zu entdecken - der Bogen zeigt die eher seltene Auseinandersetzung Blossfeldts mit Blatt- und Blütenformen.

 

Auch wenn Blossfeldt für die Publikation seiner großen Bände später die Formen der Pflanzen noch weiter isolierte, wenn er kleine, ablenkende Unregelmäßigkeiten, wie man sie auf den Arbeitscollagen noch entdeckt, anschließend beseitigte und so den Überraschungseffekt ihrer Energien verstärkte, so ist doch alles hier bereits angelegt. Alle 120 Tafeln der „Urformen der Kunst“ sind in den Arbeitscollagen schon als Motiv festgehalten und mit rotem Kreuzchen markiert. Obwohl die Kontaktabzüge mitunter nur ein, zwei Zentimeter groß sind, unterscheiden sie sich in der Zielsetzung nicht von den großartigen "Endprodukten", mit denen Blossfeldt etwa den Schachtelhalm in die Nähe moderner Hochhausbauten rückte, und es handelt sich bei den Arbeitscollagen keineswegs um "gewöhnliche Pflänzchen, die für die Aufnahme auf Nägel gespießt und mit Modelliermasse befestigt wurden", wie es im Text heißt. Natürlich mussten sie befestigt werden, aber stört das irgendwo? Verliert die Pflanze an Aussage dadurch? Vielleicht sollte man den Band immer wieder betrachtend durchblättern mit wachsenden persِönlichen Erkenntnissen, aber ihn nur einmal lesen. Das eigene denkende Sehen genügt durchaus, um Pflanzen in der Natur anders und angemessen zu begegnen.

 

Infos:

 

- Karl Blossfeldt: "Arbeitscollagen", herausgegeben von Ann und Jürgen Wilde, mit einem Text von Ulrike Meyer Stump, Erstausgabe 156 Seiten, 61 Farbtafeln, 10 Abbildungen, Verlag Schirmer/Mosel, München 2000, 49,80 Euro, ISBN 3-888-14-786-7. Die Neuausgabe von 2012 kostet 29,80 Euro, ISBN 978-3-8296-0568-7.

 

- Bei Schirmer/Mosel waren 2012 ferner Studienausgaben der „Urformen der Kunst“ (24,80 Euro) sowie das „Alphabet der Pflanzen“ (6,95 Euro) lieferbar. Blossfeldts gesamtes fotografisches Werk aus den Publikationen "Urformen der Kunst" und "Wundergarten der Natur" erschien 2014 in einem Band  (mit einem Text von Gert Mattenklott, 312 Seiten, 240 Tafeln, 29,80 Euro, ISBN 978-88814-718-0).  www.schirmer-mosel.com.

 

- Pinakothek der Moderne, München,  Barer Str. 40, Ausstellung Karl Blossfeldt im Saal 10, vom 31. August bis 21. Oktober 2012, http://www.pinakothek.de/karl-blossfeldt

 

- Ein kurzer Werküberblick über Blossfeldts Pflanzenfotografie nebst biografischen Daten findet sich in dem kleinen Buch "Karl Blossfeldt (1865-1932)" von Hans Christian Adam, Taschen Verlag, Köln 2001, 190 Seiten mit zahlreichen SW-Abbildungen, ISBN3-8228-5509-X, www.taschen.com

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