Claus Bury

Fotografien von "Bauernarchitektur"

 


Das Cover von Claus Burys Fotoband im Wienand Verlag. Das Titelfoto zeigt eine Ansicht aus Spanien von 2009.

 

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Mehr von Claus Bury:

"Spannungsbogen" in der Mannheimer Kunsthalle 2002

Bühnenbild für die Mannheimer "Tristan"-Inszenierung 2004

 

29-04-2013

Duftende Tempel im Strom der Zeit

„Bauernarchitektur“, Reisefotografien von Claus Bury im Wienand Verlag

 

Von Christel Heybrock

 

Sie sind weich, knuffig, schön und irritierend – die merkwürdigen Gebilde, die Bauern aus ihren Heu- und Strohvorräten bei der Ernte machen. Weltweit errichten sie je nach kultureller Tradition verschiedene Konstruktionen, mal schichten sie das Heu zu runden, an Iglus erinnernden Knubbelgebilden auf, mal stellen sie lange Schilfbündel zu spitzen Kegeln zusammen, sie türmen dicke Heurollen übereinander, mitunter entstehen richtig große Bauten, die an Häuser oder gar Tempel erinnern, aber es werden auch einfach lange, dicke Mauern aus aufgetürmten Ballen auf die abgeernteten Felder gestellt.

 


Heuballen, aufeinander geschichtet zu Iglu-förmigen Rundbauten, fand Bury 2008 in Kambodscha.

 

Mussten früher diese Formen mit Hand zusammengepresst und verschnürt werden, so übernehmen heutzutage oft diverse Landmaschinen diese Arbeit, die fast schon ein agrarisches Spezialgebiet darstellt, aber der Einsatz von Maschinen hat den Bildhauer Claus Bury nicht interessiert. Als Fotograf, der er ja auch ist, war er nur fasziniert von den Ergebnissen, und mit seinen Aufnahmen hat er das uralte Motiv des Erntebildes, das sich aus der Zeit der Pharaonen über die mittelalterliche Buchmalerei bis hin zu Pieter Brueghel, Jean-François Millet und Vincent van Gogh erstreckt, um eine sehr moderne Variante bereichert. Alle seine Vorgänger außer dem impressionistischen Maler Claude Monet, der die Zeitgenossen mit der Radikalität einsamer Heustapel irritierte,  setzten die Ergebnisse der Ernte in Beziehung zur Arbeit von Menschen oder zumindest zu menschlichen Proportionen. Was von Menschen gemacht wurde, scheint ohne die sichtbare Anwesenheit von Menschen nicht gedacht worden zu sein.

 


So menschenleer wie die Fotografien von Claus Bury: Ein Beispiel aus der Heuschober-Serie von Claude Monet (1840-1926). Im Gegensatz zu Bury, dem es vor allem um die Form der Heubauten und ihr Auftreten in der Umgebung ging, malte Monet die atmosphärischen Veränderungen im Tageslauf. Das abgebildete Werk "Meules - milieu du jour" entstand 1890/91 und ist im Besitz der National Gallery of Australia in Canberra
Foto:
Wikimedia Commons

 

Aber während einzig Monet seine menschenlosen Heustapel in unerschöpflichen Varianten malte, indem er ständig die Veränderungen des Lichts und der Atmosphäre einfing, geht es Claus Bury um die Formen und die plastischen Akzente, die solche Erntestapel in der Landschaft setzen. Das Wechselspiel zwischen Form und Umgebung ist schließlich ein fundamentales Element auch in Burys bildhauerischer Arbeit.

 

Der Kölner Wienand Verlag hat 139 Aufnahmen aus aller Welt als Bildband herausgegeben: Bury dokumentierte „Bauernarchitekturen“ in Deutschland ebenso wie in Italien, Spanien und Griechenland, ja sogar in Bali, Japan, Kambodscha und China. Der Band ist (nicht immer ganz plausibel) in sechs Kapitel eingeteilt, die sich vom Aufbau bis zum Verfall der Heu- und Strohbauten erstrecken – die Faszination, die Bury zu dieser Arbeit antrieb, kann der Betrachter mühelos nachvollziehen. Die Schwarzweiß-Fotos reduzieren jeweils das Motiv just zu einem solchen Grad auf die reine Form, dass sich eine reizvolle Ambivalenz zwischen Wirklichkeitsnähe und kühler Distanz herstellt, aber niemals Banalität einerseits und niemals ein Anflug von Abstraktion andererseits. Menschen sind konsequent fast nie zu sehen, einmal nur trabt ein Pferd zwischen aufgeschichteten „Architektur“-Elementen hindurch und bewirkt eine animalische Dynamik, die bei den anderen Aufnahmen nur latent im Unterbewusstsein des Betrachters angestoßen wird: Im Unsichtbaren hinter all der ruhigen ländlichen Statik sind millionenfache Prozesse spürbar – wie die Halme keimten und wuchsen, wie sie eine bestimmte Größe erreichten, bevor sie gemäht, mit großer Kraftanstrengung gebündelt, geschichtet, zu architektonischen Formen geordnet wurden ... Nicht zuletzt schwingen auch klimatische Bedingungen mit, die notwendigen Regenfälle, die zum Wachstum beitrugen, vielleicht der Wind, der die Halme wogen ließ, vor allem aber die Energie der Sonne, die man beim Betrachten förmlich selber auf der Haut spürt.

 


Ein Haus aus Heu, aufgenommen 1984 in der Nähe von Siena in Italien. Charakteristisch für einige Fotos von Bury ist die Sicht von einer Ecke aus, die es ermöglicht hat, eine verschattete Wand in Kontrast zu bringen zu einer besonnten.

 

Bury ist mit diesen Fotografien ein ganz vertrackter Wahrnehmungsanspruch an den Betrachter gelungen, eine höchst komplexe, zu uferlosem Nachdenken herausfordernde Leistung. Dabei scheint jede Aufnahme zunächst vollkommen klar und einfach, fast ohne Geheimnis, es sind Ansichten, in denen scheinbar nichts zurückgehalten wird. Es gibt auch keine dramatisierenden fotografischen Kniffe, im Gegenteil, häufig erstreckt sich eine solche Heu-Architektur oder Mauer aus Ballen fast parallel zur Bildkante, wodurch sich der Eindruck von Monumentalität ganz undramatisch verstärkt. Und natürlich sind „Hochbauten“ aus einer Untersicht aufgenommen – weil sie nun mal höher sind als der Fotograf selbst. Der einzige Kniff besteht darin, dass Quaderbauten manchmal von der Ecke her aufgenommen wurden, wohl auch deshalb, weil Bury sie so am besten in den Griff bekam. Schließlich ergibt sich dabei ein wunderbarer Licht-Schatten-Kontrast, der die Plastizität der Objekte zur Geltung bringt, denn stets liegt nur eine Gebäudeseite voll im Licht, während die andere verschattet bleibt.

 

Überhaupt das Licht! Es zaubert die feinsten Hälmchen ins Bewusstsein des Betrachters, das Auge wird nicht satt am Kontrast zwischen der Feinstruktur der Heusubstanz und der Wucht der Ballenformen. Man gibt sich genussvoll einem unwiderstehlichen Appell an die Sinne hin sogar bis zum Geruch – mein Gott, dieser Duft von frischem, sonnentrockenem Gras, der unwillkürlich im Kopf entsteht! Weiche Halme lugen manchmal noch ein wenig aus den dicken Rollen hervor, man möchte schnuppern, mit den Fingern berühren, ja, und am liebsten in die Bauten hineinkriechen, in diese Häuser, diese duftenden Tempel ... Ein archaisches Schutz- und Naturbedürfnis bricht sich Bahn im Innern von uns zivilisatorisch degenerierten Zeitgenossen, die Wirklichkeit zunehmend aus elektronischen Medien erfahren, während wir in den Innenräumen von Beton- statt von Heubauten vor irgendeinem Display oder Monitor sitzen, was für Gegensätze!

 

Hineinkriechen in die wundersamen Häuser aus Heu – was nur mag darin sein, wie werden wir uns fühlen, rings umgeben von sonnenwarmen, würzig riechenden Wänden? Mitunter suggerieren Öffnungen tatsächlich, es gäbe solche bewohnbaren Innenräume, aber ach, es ist nur ein Wunschtraum, den Burys Bilder einem aus der Seele locken. Die Häuser, die Tempel aus Heu sind nur Wand, massive Schichtungen, nichts sonst. Wenn man so will, verweigern sie sich an dieser Stelle zum ersten Mal und spielen eine Widersprüchlichkeit aus, die sich auf anderer Ebene fortsetzt.

 


Der Stoff, aus dem die Häuser sind - die Pyramide aus gepressten Halmen errichteten Bauern 2003 in Dornheim in Hessen.

 

Ein grundsätzlicher Widerspruch liegt ja bereits im Material: Der Stoff, aus dem die Häuser sind, ist notwendigerweise hart und fest, man muss nicht einmal Beton, Stahl und Glas zitieren, selbst Holz und Lehm stellen die zum Bauen nötige Festigkeit zur Verfügung. Burys Bauernbauten dagegen sind aus Gras und Stroh, das Material ist weich, locker und zum Schichten erst brauchbar nach intensivem Druck, der einen Großteil seiner Elastizität herauspresst. Andererseits liegt gerade in der Widersprüchlichkeit des Materials ein besonderer Reiz für Bury ebenso wie für den Betrachter, ein Reiz, der auf taktile Erfahrungen hinzielt: Man möchte diese Mauern aus Heu immer wieder anfassen, das Gras unter den Fingern spüren ... welcher Fachwerk- oder Betonbau würde zu solchen Erprobungen verführen?

 

Ein weiterer, fundamentaler Widerspruch liegt in der Dimension der Zeit. „Normale“ Architekturen sind als dauerhaft gedacht (auch wenn moderne Brücken nicht nach Jahrhunderten, sondern meist schon nach wenigen Jahrzehnten restauriert werden müssen). Die Häuser aus Heu bilden kompakte, unübersehbar skulpturale Akzente in ihrer Umgebung, es sind stärkere Akzente, als sie ein Steinhaus in einer städtischen Straßenzeile jemals setzen kann. Dennoch halten sie nicht und sollen das auch nicht tun, das Heu ist als Vorrat gedacht, der innerhalb eines Jahres aufgezehrt werden muss – bis dahin ist neues Gras gewachsen, und das Spiel beginnt von vorn. Und selbst wenn der Vorrat länger halten sollte – witterungsbedingt und trotz schützender Planen geraten die Rollen und Quader aus getrockneten Halmen mit der Zeit in Schieflage, sie verziehen sich unter ihrem Gewicht, sie werden womöglich feucht und modern irgendwann vor sich hin. So massiv sie auch sind, so prägend sie sich auch auswirken auf das Gesicht der Landschaft - haltbar sind sie nicht.

 


Eines der bekanntesten Bilder von Pieter Brueghel d.Ä. (1526/1530-1569) ist die "Kornernte" im Metropolitan Museum New York. Auf dem 1565 entstandenen Gemälde errichten die Bauern just die gleichen Strohgarben wie heute.
Foto: Szilas, Metropolitan Museum of Arts/
Wikimedia Commons

 

Freilich muss man diese Tatsache gleichzeitig etwas weiter sehen: Zwar hat sich die Architektur von Städten in den letzten 150 Jahren so radikal verändert wie nie zuvor, doch die Heuhaufen und Strohgarben auf den Erntebildern Pieter Brueghels sehen just so aus wie die von heute. Für die jährlich wiederholte Baukunst von Landleuten ist Dauer ein Begriff von Jahrhunderten, vielleicht von Jahrtausenden, Bauen ein immer neu wiederholter Prozess, ein Handeln, das über Generationen hinweg fortgesetzt wird. Da fragt man sich doch, was letztlich haltbarer ist – Heu oder Beton? Ein „normales“ Haus wird ein Mal gebaut, dann steht es. Bauernarchitektur dagegen ist ein fortlaufender, im Rhythmus der Natur wiederholter Vorgang, eine menschliche Äußerung, die einer Landschaft Gestalt gibt, aber nie abgeschlossen werden kann.

 


In Thüringen nahe Wandersleben entstand im Jahr 2000 diese imposante Architektur aus Rundballen - winzig klein in der Mitte eine dunkel gekleidete menschliche Figur, deren Arme auf den Heuballen liegen.

 

Uferlose Widersprüche, endloses Nachdenken – an Claus Burys Fotografien kann man immer wieder andere Aspekte entdecken. Bauten als Skulpturen, die ständig neu entstehen. Zwischen Sonnenlicht und Schatten entwickeln sie auch im Tagesverlauf immer neue ästhetische Wirkungen. Zwischen hart und weich, zwischen Dauer und Verfall, zwischen massiver Kraft nach außen in die Landschaft hinein und dem unerfüllten Versprechen eines bergenden Innenraums sind die Grasbauten alles andere als simpel und banal – sie täuschen das nur vor auf den ersten Blick. Und dann lassen sie einen nicht mehr los.

 

Info:

Claus Bury: „Bauernarchitektur. Reisefotografie“, herausgegeben von Florian Hufnagl, mit einem Text von Ulrich Schneider, Wienand Verlag, Köln 2012, 144 Seiten mit 110 S/W-Abbildungen, deutsch/englisch, ISBN 978-3-86832-114-2, Preis 38 Euro. Der Band ist zur Zeit vergriffen (Stand Mai 2013).
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