Robert Häusser (1924-2013)
Das Moortagebuch


4. Februar 1984. Robert Häusser fotografiert im Emsland in schwieriger, öder Landschaft. Der Torfberg fordert ihn heraus - "Habe den Eindruck, ich bin in einem Magnetfeld: Ströme, Spannungen. Ich weiß, hier ist es. Aber ich habe noch keinen Zugang," notiert er in sein Tagebuch.

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Copyright der Fotos auf dieser Seite: Robert Häusser (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

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Robert Häusser zum 80.
Robert Häussers Bilder der Berliner Mauer von 1983

20-05-2008

Der Kampf um ein Verstehen von innen
Robert Häussers "Moortagebuch" von 1984 erstmals geschlossen ausgestellt im Mannheimer Forum Internationale Photographie (FIP) 2008

Von Christel Heybrock

Es fing damit an, dass der damals bereits hoch dekorierte Mannheimer Fotograf Robert Häusser 1984 den Kunstpreis der Stadt Nordhorn erhielt. Der Preis ist mit folgenden "Nebenwirkungen" verbunden: einem Arbeitsaufenthalt des Künstlers im Gästehaus vor Ort, mehreren Werkstattgesprächen, einer Ausstellung in der Städtischen Galerie, einem Katalog sowie endlich auch einem Preisgeld. Für die Ausstellung nun sollte Häusser auf Wunsch von Kurator Eckhard Schneider (heute Leiter des Kunsthauses Bregenz) noch zwei, drei Fotos aus dem Emsland machen - und heraus kamen 24, weil Häusser, einmal auf eine Sache konzentriert, sich ja nicht mit hurtiger Oberflächlichkeit zufrieden gibt. "Aber", so der Meister im Jahr 2008 vor der Presse, "besessen muss man schon sein, sonst braucht man gar nicht erst anzufangen." Und besessen war er, denn weder lausiges Wetter (man denke, Norddeutschland zwischen 30. Januar und 23. Februar) noch eine öde, reizlose Moorlandschaft konnten ihn abschrecken.

Für diese 24 Bilder fuhr Häusser rund 2000 Kilometer durch die Gegend, immer auf der Suche nach dem richtigen Licht - und nach der inneren Substanz der Landschaft. Das klingt geheimnisvoll und ist es doch nicht, jedenfalls hatte diese Suche sehr praktische Voraussetzungen. Die bestanden darin, dass Häusser sich am zweiten Tag Gummistiefel kaufte, aber vor allem auf einer Karte des Moorgebietes bestimmte Orte eintrug, die ihm als Motiv interessant schienen, und die richtige Uhrzeit nebst Sonnenstand notierte er gleich dazu. Der Sonnenstand war dabei oft das schwierigste Problem, denn häufig gab es nichts als "Regen, Regen, Regen" (Häusser), so dass die von seinen Eintragungen verunzierte Karte auch als Dokument der Verzweiflung gelten kann. Und um seinen Frust abzureagieren, schrieb er Tagebuch, für jeden Tag ein paar kurze Sätze, die Aufschluss geben über seinen Kampf mit Wasser, Schlamm und Wind. Nie vorher und nie nachher hat Häusser solche Äußerungen festgehalten, aber das "Moortagebuch" gibt gerade deshalb einen unersetzlichen Einblick in seine Arbeitsweise und seine Impulse, in seinen unstillbaren Drang nach Einfühlung und Erkenntnis. Das "Moortagebuch" kann unversehens als exemplarisch gelten auch für das Ziel, das Häusser mit seinem Gesamtwerk in sechs Jahrzehnten verfolgte.

Kaum zu glauben, dass es rund 24 Jahre dauerte, bis dieser zentrale Komplex aus Fotografien und Schriftnotaten der Öffentlichkeit zugänglich wurde! Bisher waren immer nur einzelne Bilder des Tagebuchs in wechselnden Zusammenhängen zu sehen. Claude W. Sui, Leiter des Mannheimer Forums Internationale Photographie (FIP) an den Reiss-Engelhorn-Museen, entnimmt jedes Jahr dem umfangreichen Lebenswerk, das Robert Häusser 2003 dem FIP vermachte, einen bestimmten Aspekt für eine Ausstellung - 2008 ist es das "Moortagebuch", das endlich komplett gezeigt wird mitsamt den Notizen, der erwähnten Karte und ein paar Erinnerungsfotos vom Künstlerhaus in Nordhorn und von Robert Häusser, wie er windzerzaust mit Kamera und Stativ in der Gegend herumfuhrwerkt.

"Alles grau, grau, grau, ausdruckslos," schreibt er am 30. Januar, dem ersten Tag, an dem er zum Kennenlernen durchs Moor fährt. Schon am zweiten Tag (31. Januar) entdeckt er ein irrwitziges, typisches Häusser-Motiv: mitten in menschenleerer Weite eine Bude auf Rädern mit der Aufschrift "Germania Edel-Pils". "Wie kommt die ins Moor? Wer soll hier 'Germania Edel-Pils' trinken?" notiert er im Tagebuch. Er fotografiert das Motiv wie eine surreale Erscheinung, etwas erhöht vorm Horizont, so als müsse man mühsam zwischen scharfen, weißen Grasbüscheln im Vordergrund und über schwarzen Boden darauf zugehen wie auf ein Ziel, das man sich erkämpfen will. "Die Füße nass, eiskalt, friere, habe keine Lust mehr," schreibt er noch.

Am dritten Tag (1. Februar) findet er immerhin: "Die Landschaft ist schön. Aber für mich noch unverbindlich. Muss behutsam Kontakt mit ihr aufnehmen. Muss mich zuerst selbst aufschließen." Damit formuliert Häusser eine prinzipielle Lebenshaltung, die sich durch sein ganzes Werk zieht: Sehen nicht nur mit den Augen, sondern vor allem mit Intuition und meditativer Offenheit. Aus einem inneren Verstehen der Motive kommt für ihn der Impuls, die Dinge auch fotografisch so erscheinen zu lassen, wie sie sich ihm gezeigt haben, den Betrachter teilhaben zu lassen an einem Erkenntnisprozess. Freilich wird ihm der im Moor nicht leicht gemacht: "Ich friere und ein Vertiefen in die Sache fällt mir schwer," bekennt er und fährt etwas mutlos nachhause.

Vierter Tag (2. Februar): "Möchte hineinhorchen und ausfragen. Möchte mich gerne hinsetzen und schauen. Aber Kälte und Nässe und immer schärferer Wind ... Es wird immer dunkler und undefinierbarer. Breche ab. Bin völlig durchgefroren." Auf dem Foto dieses Tages schwarzer Schlamm, in der Bildmitte durchzogen vom Silberband eines zerfransten Rinnsals. Noch hat sich das Moor dem Künstler nicht geöffnet, zumindest an diesem Tag hat es kein Motiv preisgegeben, in dem das Moor sein Wesen gezeigt hätte. Kein Motiv, das eine Häussersche Bildmitte hätte dominieren müssen - im schön gemachten Katalogbuch betont Ausstellungskurator Claude W. Sui mit Recht, dass ein Großteil der intensiven Wirkung von Häussers Fotografie auf der Zentrierung herausgehobener Motive beruht.

Am fünften Tag (3. Februar) erinnert Häusser sich an eine bereits entdeckte einsame Hütte mit Wassergraben und fährt wieder hin: "... ein magisches, weißes Objekt in der schwarzen Landschaft. Der Graben sollte Wasser haben, müsste wie ein weißer Keil in das dunkle Moor stoßen. Jetzt bestimmt voll Wasser." Das Wasser ist wichtig, weil es den Himmel spiegelt, das Licht, und der Mann mit der Kamera wird auch nicht enttäuscht: "Jetzt scharfes, grelles, tiefstehendes Licht. Es öffnet sich etwas! Spüre, dass ich jetzt dazugehöre... Bekomme jetzt etwas in den Griff." Aber ach, die Höhenflüge enden schrecklich, der Boden gibt nach, Häusser findet an der Hütte ein paar Bretter, um wenigstens das Stativ darauf zu stellen, steht aber nach kurzer Zeit selbst bis zum Knie im Morast. Beim Versuch, das versinkende Bein herauszuziehen, kippt er um mitsamt Stativ und Kamera, er selbst und die kostbare Ausrüstung landen im Schlamm, Alptraum eines Fotografen! Dass er nach einer Stunde am Warmluftgebläse im Auto die Kamera (und sich selber) wieder trocken hat, grenzt an ein Wunder, aber mehr noch, dass der Verschluss dicht geblieben und der Film gerettet ist. Das Foto des Tages lässt von dem Drama nichts mehr ahnen: die verlassene weiße Hütte im Moor, daneben wie ein Keil aus Licht der schmale Wassergraben, der sich sozusagen von den Füßen des Betrachters bis zum Horizont zieht. Ein Bild, das dieser Landschaft abgerungen wurde und sie überwältigend kennzeichnet in ihrer Einsamkeit.

Der Torfberg am sechsten Tag (4.Februar), umkreist von konzentrischen Licht- (Wasser-) bahnen, ein Bild von fast kosmischer Wirkung (Foto oben). "Ich weiß, hier ist es," notiert Häusser. "Aber ich habe noch keinen Zugang. Gedanke und Form müssen eine Einheit werden ... Nur Wesentliches. Das Licht muss den Gedanken unterstreichen. Nicht irgendein Licht." Am siebten Tag (5. Februar) streift Häusser durch das Gelände einer Torffabrik und wird von ein paar Jungen auf Fahrrädern aus der Entfernung beobachtet. Schließlich nähert sich auch ein Auto - offenbar hat er Misstrauen erregt mit seinem Alukoffer und der fremden Autonummer. Immerhin entdeckt er noch einen anderen Torfberg mit einer Kette aus Loren drumherum. Am Nachmittag nach etlichen Geländefahrten ist das Licht dort plötzlich günstig, das wenige Stunden zuvor noch ausdruckslos war: Eine feine weiße Doppellinie aus Schienen zieht sich diagonal durch das Bild, das nun entsteht, und stößt am Horizont knapp an den Loren vorbei, die den Torfberg wie einen weißen Kragen umziehen.


Nach 600 km Fahrerei das Bild des neunten Tages im Moor: ein Tisch, ein Graben in endloser Weite, Relikte menschlicher Anwesenheit, deren Logik zum Rätsel wurde.

Der achte Tag (6. Februar) wird zur totalen Pleite: Es regnet in Strömen, Häusser kann das Atelierhaus gar nicht verlassen. Am neunten Tag (7. Februar) scheint das Wetter besser, er fährt los und gerät in einen Eisregen mit Hagel. Er gibt schon auf, aber bei der Rückfahrt "reißt der Himmel auf ... Grandioses Licht! ... das Licht ist heiß! Wie ein Schrei." Er trotzt dem Sturm auf den schlammigen Wegen und der beißenden Kälte. Für dieses Bild, stöhnt er, sei er 600 Kilometer gefahren: ein weißer Tisch im Vordergrund, zurückgelassen von Gottweißwem nach einer rätselhaften Arbeit, diagonal dahinter ein Wassergraben, der sich entfernt als grelles Band, in der Nähe wie eine seltsame Naht durch den schwarzen Boden zieht. Ein Bild ortloser Weite, definiert nur von Resten einer menschlichen Anwesenheit, deren Logik nicht mehr nachvollziehbar scheint.

Das Wetter ist auch am zehnten Tag  (8. Februar) nicht angenehmer: "Der Wind peitscht die Wasserpfützen. Habe Mühe vorwärts zu kommen, bin völlig durchgefroren," notiert Häusser. Abends fährt er trotzdem noch einmal ins Moor: "Dieses Licht! Moor und Wasser eine große Einheit. Man darf nie aufgeben." Entstanden ist die Ansicht eines breiten Kanals, der das Bild in der Mitte teilt und aus dessen spiegelnder Fläche silbrige Grasbüschel hervorstechen. Grasbüschel werden mit ihren scharfen, filigranen Halmen später eine immer größere Faszination auf Häusser ausüben, nachdem Wasser als Motiv irgendwann ausgeschöpft ist.


Der weiße Zug im Moor, begleitet von einem fast parallel verlaufenden Wasserband - zwei Varianten einer Form. Unter anderem für solche überraschenden Verwandtschaften, die man in der Realität kaum wahrnehmen würde, sind Häussers Bilder berühmt. Das Foto entstand am 9. Februar 1984.  

Noch freilich ist es nicht so weit. Am elften Tag (9. Februar) nimmt er es mit einem seltsamen weißen Zug auf, neben dem fast parallel ein weißes Wasserband verläuft und im Vordergrund als Pfütze endet. Die Übereinstimmung und zugleich Variation der Formen zwischen Zug und Kanal ist von geheimnisvoller Beweiskraft, Symbol von Statik und Bewegung zugleich, unerklärlich in der Tiefe. "Spüre, dass sich die Situation jetzt mir öffnet. Jetzt kommt alles einfach auf mich zu. Das ist es!"

Während zuhause in Mannheim Häussers Frau Elf(riede) die per Post versandten Filme entwickelt, arbeitet er weiter. "Was für ein Licht", jubelt er am 12. Tag (10. Februar). "Alles bekommt Eigenleben ... Und dann wieder Regen, Regen, Regen. Ich will nicht mehr. Bin durchgefroren." Aber das Foto des Tages lässt von Regen und Kälte nichts ahnen, es hat das offenbar nur kurz hereinbrechende Licht bewahrt und zeigt einen schmalen, mit sperrigen Grasbüscheln gesäumten Kanal als magischen Ort, der von Schienen wie hinter einem Doppelhalbkreis vor Entweihung geschützt ist. Einem solchen Ort kann man sich, sagt das Bild, bestensfalls behutsam nähern, betreten kann man ihn nicht.


Ein schmaler Wasserkanal in der Bildmitte, gesäumt von Grasbüscheln. Halbkreisförmig laufende Schienen scheinen den Ort magisch zu schützen (Ergebnis des 12. Tages von Häussers Arbeit im Moor).

Die beiden nächsten Tage entdeckt Häusser hinter Stacheldraht und einem hohen Wall ein Wasserloch als Relikt des Zweiten Weltkriegs: "Das Wasser tiefschwarz und unheimlich, ein Grab: ein englisches Flugzeug stürzte tief ins Moor. Moorleichen? ... Lange stehe ich da. Liegen sie da unten? Zerrissen? Konserviert? ... Wie kann ich ein Bild machen? Wie kann ein Bild sagen, was hier geschehen ist? Ich weiß es nicht. Der Ort lässt sich nicht vereinnahmen. Er verschließt sich. Ich bin ein Fremder", stellt Häusser am 11. Februar fest und bannt mit der Fischauge-Linse den Drahtverhau auf den Film, chaotisches Knäuel aus weißen Linien vor Schwarz. Am nächsten Tag (12. Februar) ist das Wasser in dem Loch dünn mit Eis bedeckt. Häusser setzt sich in der Kälte fast eine Stunde davor im Versuch, das Geschehen intuitiv zu ergründen und mit dem abweisenden aktuellen Seheindruck zu vereinbaren. Plötzlich "drücken sich Luftblasen kreisförmig durch die dünne Eisdecke. Ein runder Kreis mit blendend weißen Blasen in der dunklen blauschwarzen Fläche. Ein magischer Kreis. Ich mache ein Bild, bleib noch lange sitzen. Dann fühle ich mich leer." Das Foto unspektakulär, zusammen mit der Geschichte aber fast unglaublich. In seinem langen Fotografenleben hat Häusser immer wieder erlebt, wie sich ihm Dinge erschlossen durch meditatives Schauen oder wie er sogar unbewusst mit seinen Bildern Ereignissen zuvor kam.

Eine Wellblechhütte mit Schienen davor, daneben ein langer dünner Mast mitten in einer flachen Weite, die bis zum Horizont keine weitere Erhebung und erst recht kein weiteres Zeichen menschlicher Anwesenheit erkennen lässt: Ergebnis des 15. Tages (13. Februar). "Jeder Gegenstand bekommt hier eine Bedeutung", bemerkt Häusser. "Setze mich auf einen Stapel Schienen in der Nähe. Ich muss nachdenken. Ich spüre, es wird ein Bild, wenn ich nur behutsam mich nähere."


Wann waren zuletzt Menschen hier? Eine verlassene Hütte, ein sinnloser Mast, Schienen - und eine Endlosigkeit, in der jeder Gegenstand zum Zeichen wird (Foto vom 13. Februar 1984).

Am 16. Tag (14. Februar) fotografiert Häusser einen zerfetzten Drahtzaun auf einem Torfberg. Wie immer ist das Licht erst mal ungeeignet, als er die Stelle findet, so dass er die Fahrtroute ändert. Unterwegs wird der Himmel plötzlich weiß und verheißungsvoll, Häusser zurück zum Gitter, das sich jetzt grafisch gegen den Himmel abhebt: "Das ist es! Standpunkt Augenhöhe zu hoch. Tiefer! Ganz tief! Lege die Kamera auf den Boden, muss aber in den Sucher schauen, lege mich eben in den nassen Dreck." Das Bild gelingt, aber kaum ist es im Kasten, fängt es wieder an zu regnen: "Nichts wie ab. Im 'Häuschen' ist es warm und trocken. Ein heißer Kaffee ist wunderbar!"

Nach einer total verregneten Nacht stellt Häusser am 17. Tag (15. Februar) markante Veränderungen in der Moorlandschaft fest: Das Wasser fließt nicht ab, überall haben sich kleine Seen gebildet. Darüber ist er nicht unzufrieden: "Das Schwarz des Moors und das leere Weiß des Wassers abstrahieren alles. Das ist gut." Doch dann fängt es erneut an zu regnen: "Jetzt reicht's mir. Durchnässt und frierend nach Hause. Es gibt eine heiße Nudelsuppe!" Der See mit den ausgefransten Ufern in der Bildmitte, das Foto dieses Tages, weicht am 18. Tag (16. Februar) einem flachen, breiten Kanal, in dem der Betrachter förmlich selbst zu stehen scheint und der am Horizont im Nichts endet. Häusser hat sich einen Schirm geliehen und arrangiert sich mit Wasserlandschaften als Motiv. Aber "alles ist aufgeweicht, jeder Schritt ist mühsam mit der großen Kamera ... Wo gestern noch ein schmaler Graben war, ist jetzt ein langer Teich." Trotz der Anstrengungen zeigt er sich völlig begeistert von der sich anbietenden Zentralperspektive: schwarz gesäumtes Wasser bis zum Fluchtpunkt, wunderbar!

Noch einmal ein kegelförmig aufgeschütteter Torfberg an den beiden nächsten Tagen. Am 17. Februar regnet es ausnahmsweise nicht und Häusser fährt frohgemut ins Moor, aber im aufgeweichten Boden bleibt sein Auto stecken. Auf  wildes Hupen nähert sich schließlich ein Traktor aus der Ferne und zieht den Abenteurer aus dem Schlamm. Der Mann fragt dann aber doch: "Was machen Sie denn hier?" und entfernt sich wortlos kopfschüttelnd, als Häusser bekennt: "Ich fotografiere." Man muss ja wirklich verrückt sein, in dieser öden, leeren Landschaft mit der Kamera herumzulaufen. Das Foto des 19. Tages bannt in hellen Grau- und Weißtönen Rinnsale auf den Film, die in der Mitte zu einem kleinen See auflaufen, und in dem See steckt der aufgeschüttete schwarze Hügel. Am 18. Februar (20. Tag) kommt Häusser just dorthin zurück, aber es hat wieder geregnet, und das Foto vom selben Standort wie tags zuvor zeigt eine völlig andere Landschaft. Der See hat alle Rinnsale geschluckt und umgibt den Hügel jetzt weiträumig, so dass der schwarze Kegel sich in voller Größe im Wasser spiegelt, majestätisch ruhend wie ein dunkler Tierkörper.

Von Wasserlandschaften hat Häusser jetzt aber genug. Am 21. Tag (19. Februar) entdeckt er ein weites Feld mit wogenden Gräsern, hinter denen sich ein flacher, langgestreckter Torfberg erhebt. Als er ankommt, wirft die Sonne ein tolles Licht auf das Gräsermeer - und ist sofort wieder weg. Häusser wartet zwei Stunden in der Kälte, dass sie wieder kommt, das tut sie aber erst, als er endlich weggefahren ist. Verbissen, wie der Mann nun mal ist, saust er sofort wieder zurück ... und kriegt sein Bild in dem kurzen Augenblick, bevor der Himmel sich wieder bezieht. Ein Bild, das dem Betrachter suggeriert, er stehe selber bis zum Knie in dem Gewebe aus Gräsern und lasse den Blick zu dem fernen dunklen Gebilde am Horizont schweifen.

Die charakteristischen Moorgräser beschäftigen Häusser auch die letzten Tage, nachdem er auf seiner Karte die entsprechenden Stellen notiert hat. Doch die feinen, harten Halme sind tückisch, weil sie im Wind ständig Bewegungsunschärfen produzieren: "Suche besten Standpunkt, aber muss näher, näher, noch näher. Verdammt dieser starke Wind, alles wackelt, möchte Präzision der Gräser." Er wartet über eine Stunde und gibt nicht auf. Dann plötzlich sind Himmel und Boden schwarz, der Wind hört für kurze Zeit auf, und im grellen Licht stehen die Grasbüschel vor ihm wie gebündelte Leuchtfäden. "Ganz unwirklich! Hurra", frohlockt Häusser über sein Foto vom 20. Februar (22.Tag).

Irgendwann hatte er eine Stelle gefunden, an der Torfstapel in endlosen Reihen liegen, dort fährt er am 21. Februar wieder hin. Als beste Zeit für die natürlichen Lichtverhältnisse steht 10 Uhr morgens auf seiner Karte, und siehe da, sein Foto ergibt einen fast abstrakten Rhythmus aus grellweißen kleinen Flächen und schwarzen Furchen, aus kurzen Diagonalen und längeren, auf ein Zentrum zulaufenden Linien, während der Blick im Vordergrund in die Dunkelheit der Erde abzusinken scheint. Das Pulsieren und zugleich die Statik der menschenleeren, aber vom Menschen geformten Landschaft sind auf diesem Bild in unerschöpflichen Details erfasst. Nur - der Meister ist nicht zufrieden! Vielleicht ging das alles zu leicht? Hat das, was einem so zufällt, überhaupt Substanz? Er bleibt am Ort und wartet auf eine andere Gelegenheit. "Ich warte, warte. Von Stunde zu Stunde verändert das Licht die Landschaft. Was ist Wirklichkeit?" fragt er sich. Dann endlich, bevor die Abenddunkelheit hereinbricht, wirft sich noch einmal grellweißes Licht wie Schnee über die Stapelreihen, die von tiefschwarzen Furchen getrennt werden, und alles zusammen läuft an einem schwarzen Horizont zusammen, Häusser ist selig.

Aber eines seiner schönsten, versunkensten Bilder macht er am vorletzten Tag (22. Februar). Gräser, Wasser, in der Ferne zwei kleine Hügel, nichts sonst. Der Betrachter steht im Wasser, leuchtende Grasbüschel vor seinen Füßen. Die schwarze Landschaft, die von den beiden Hügelchen abgeschlossen wird, zieht sich wie ein Schutzring um den hellen Himmel, beziehungsweise um dessen Spiegelung im Wasser. Zerzaustes Gras noch einmal, bevor das Land zu den Hügeln ansetzt. "Große Stille, ein Ort zur Meditation. Ich bleibe lange. Frage mich, kann man diese Stimmung überhaupt fotografieren? Ich weiß es nicht", hält Häusser im Tagebuch fest.

23. Februar, der letzte Tag. Kein Regen, aber der Boden ist so aufgeweicht, dass er sein Stativ mit den Fußmatten aus dem Auto stabilisieren und sich selbst am Stativ festhalten muss. Trotzdem gelingt das Bild: zerzauste Gräser in Lichtbüscheln bis zum Mittelgrund, dahinter schwarze, von hellem Wasser gefleckte Landschaft, Masten, grauer Wolkenhimmel. "Noch einmal große Rundfahrt. Sehe meine Motive wieder. Habe ich sie wirklich erfasst? Es gibt viele Wirklichkeiten," weiß Häusser - und ohne Selbstzweifel scheint er das Moor nicht verlassen zu haben.

Was er versucht hat in den Winterwochen 1984, war nicht weniger als das Verstehen einer Landschaft von innen, war ein Kampf um dieses Verstehenlernen. Ein Kampf, der nicht nur mit dem Blick eines Künstlers und mit einfühlender Intuition geführt wurde, sondern auch mit hartem körperlichen Einsatz. Mit dem "Moortagebuch" können Betrachter von Häussers Bildern ihrerseits lernen, worum Häusser hier gerungen hat: bewusstes Sehen. Begreifen, welche Substanz sich verbirgt hinter den sichtbaren Dingen. Weder Wörter noch Bilder können rational definieren, was sich unter der Decke der Wirklichkeit abspielt, sie können sich dem verborgenen Wesen immer nur nähern. Insofern vermittelt das "Moortagebuch" eine grundsätzliche Haltung, Wirklichkeit zu erfassen - eine Haltung, von der Häussers gesamtes Lebenswerk geprägt ist und die er letztlich mit anderen großen Künstlern teilt: Verstehen als Näherung, als Hinwendung an etwas, das existiert, aber niemals restlos erfasst werden kann.

Info:
- Robert Häusser "Das Moortagebuch - Fotografien und Notizen", Forum Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, Zeughaus C 5, vom 17. Mai 2008 bis 3. Mai 2009, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, www.rem-mannheim.de, Katalogbuch 70 Seiten, 25 Schwarzweiß-Abbildungen, Preis 29,90 Euro, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7954-2069-7, www.schnell-und-steiner.de

- Emsland Moormuseum, Geestmoor 6, in 49744 Geeste-Groß Hesepe, vom 2. August bis 29. November 2009, täglich außer Montag 10-18 Uhr,  http://www.moormuseum.de

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