Horst Hamanns Broadway bei Nacht


Das Cover von Horst Hamanns Fotoband "One Night on Broadway" bei Schirmer/Mosel. Die Aufnahme zeigt eine Ecke von Reade Street, die Hamann auf seinem nächtlichen Fußweg morgens um 6.12 Uhr erreichte.


Von Tiemann Place (19.36 Uhr) wanderte Hamann in der Nacht vom 10. auf den 11. September 2002 den Broadway herunter bis Battery Park durch New York und drückte alle paar Minuten auf den Auslöser seiner Digitalkamera.


Ankunft 23.52 Uhr an der 67. Straße. Der Fotoband über New York bei Nacht enthält zwar zahlreiche vertikale Perspektiven, zeigt die Metropole aber völlig anders als Hamanns berühmte "New York Verticals".


Am Times Square nachts um 1.27 Uhr, eine der wenigen strahlend hellen Nachtaufnahmen Hamanns aus New York.

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Horst Hamann "Mannheim"

 

 

28-08-2004

Verträumt und fast ein bisschen spießig in der Nacht

Horst Hamanns Fotoband „One Night on Broadway“ zeigt New York von einer andern Seite

 

Von Christel Heybrock 

 

Fast schüchtern blühen die Farben auf. Leise scheint alles zuzugehen, die Hektik des Tages ist fern, die Erinnerung daran wie ein Gedanke an eine andere Welt. Der Mannheimer Fotograf Horst Hamann, berühmt geworden durch seinen großformatigen Schwarzweiß-Band „New York Vertical“, hat die Metropole, die ihm zur zweiten Heimat wurde, noch einmal mit der Kamera durchstreift, aber auf ganz andere Art. Nachts, auf einem genau zwölfstündigen Fußmarsch den Broadway entlang, von abends halb acht bis morgens halb acht, und zwar ein Jahr nach dem Anschlag aufs World Trade Center, am 10./11. September 2002. Der Schirmer/Mosel Verlag brachte das Ergebnis dieses unvergleichlichen Spaziergangs jetzt als Buch heraus – in der ebenso unvergleichlichen Art, in der dieser Verlag seine Autoren zu betreuen pflegt: einfühlsam und kongenial. (Einzig der Seitenfalz, der manche Aufnahmen just im Zentrum unkenntlich macht, stört die Wahrnehmung.)

 

Nein, es ist kein hochformatiger Riesenband geworden, der jedes Buchregal sprengt, sondern fast eine Art Handbuch, ein (sorgfältig) in flexible Pappdeckel gebundenes, eigenartig intim wirkendes Arbeitsbuch, das für viele Betrachter zum Erinnerungsbuch an die Weltstadt werden kann. Auf nachtblauen Seiten leuchten Hamanns Bilder. Man muss sich da etwas einsehen, denn der Blick in eine dunkle Hausecke, gedruckt auf dunklem Papier, ist nicht immer gleich ein Appell an die Augen. Mitunter „kommen“ die Farben langsam, schälen sich erst allmählich zum plastischen, von einem ruhigen Atem durchpulsten Bildeindruck heraus. Das schrille, eilige, anonyme New York hat nachts ein anderes Gesicht. Ein menschliches, obgleich weithin menschenleeres, ein von warmen Farben, von dunklem Rot und sanftem Orange geprägtes Gesicht ... das auch seine kleinbürgerlichen, spießigen Züge nicht leugnet.

 

Das Erstaunlichste jedoch scheint die Art, wie Hamann seinen nächtlichen Fußmarsch dokumentiert hat: mit der Digitalkamera und in einem Drang nach Bildern, der ihn alle paar Minuten förmlich zwang, auf den Auslöseknopf zu drücken. Hochformate, noch dazu seine berühmten, extrem langen? Kein einziges! Statt dessen New York quer. Einsame Ecken. Trübes Licht aus trüben kleinen Imbissstuben oder aus Schaufenstern, hinter denen es dunkel ist. Und wenn am Times Square oder an der 67. Straße schon mal die Neonwerbung zuckt und der Blick nach oben (auf den in New York ja niemand verzichten kann) die Fassaden stürzen lässt, dann wirkt das alles andere als sensationell und atemberaubend, sondern erweist sich als irritierende Mischung aus Banalität und wärmendem Licht. Das Verkehrsschild „No Turns“ an der Adolph Ochs Street wirkt sich gar als psychologische Sperre für den Blick aus, und von solchen nachdenklichen, das Sehen verzögernden Details ist Hamanns nächtliches New York erfüllt.

 

Leere Rolltreppen, herrenlos herumstehende Zinkeimer, geschlossene Gitter schon abends um halb acht. Ein Blick in einen Waschsalon, in dem die Maschinen eine Viertelstunde vor Schluss bereits stillstehen, die Aufseherin in ihrer Ecke ist eingeschlafen. Menschen auf der Straße, wartend offenbar, im milden gelben Kunstlicht gesehen durch die Speichen eines Fahrrads. Ein Süßigkeiten-Verkäufer im Kiosk, das Gesicht nur halb zu sehen über der Masse der immer gleichen Schokoriegel. In dieses New York kann man nicht eintauchen, es ist alles andere als ein Rausch, es ist ein Ort der Einsamkeit, gekennzeichnet durch die auf dem Boden liegen gebliebene Zeitung oder die junge Frau, die um viertel vor elf am Straßenautomaten ein paar süße bunte Kugeln zieht. Menschen tauchen zwar immer wieder auf in diesen Bildern, aber sie scheinen nie miteinander zu kommunizieren, sie treten wie stumme Inseln vor den Blick des Betrachters und versinken wieder. Selbst die beiden Männer, die um Mitternacht ungerührt ihren Laden renovieren, scheinen das lautlos und in schlafwandlerischer Distanz zu tun, und je tiefer man in die Nacht vordringt, desto mehr ist es allein die täuschende, irreale Welt der Werbung, die Leidenschaften, ein emotionales Miteinander von Menschen und damit überhaupt so etwas wie Leben vorgibt.

 

„No Turns“. „Sidewalk Closed“. Gullys auf der Straße. Ein einsam baumelnder Telefonhörer in einer Zelle. Morgens um zwanzig nach drei der Blick empor an den dunklen Wolkenkratzern der 24. Straße: rührende fünf Fenster sind erleuchtet – arbeitet da noch jemand oder ist er krank? „No Entry“ heißt es wieder irgendwo. Ein Packen Zeitungen wischt unscharf  in der Hand des frühen Zustellers durchs Bild, und an einem Pflanzenkübel aus Beton am Washington Place wacht eine müde junge Frau über den unbequemen Schlaf ihres Begleiters, der ausgestreckt auf dem Gehsteig liegt. Ein Paar Schuhe wurden vergessen, Kanalisationsarbeiten (?) durch ein Gewirr rotweißer Warngitter verstellt.

 

Und dann, allmählich nach sechs Uhr, hellt der Himmel sich auf, verändert sich vom Schwarz in ein Seegrün und schließlich in helles Tagesgrau. Die Fenster der Hochhausfassaden sind unvermittelt erleuchtet wie monumentale Transparente. Polizisten versammeln sich, Menschen warten an einem Treffpunkt, ein Motorradfahrer lehnt sich stolz an seine Maschine. Noch immer aber wird der Blick durch Gitter, Stangen, Absperrungen am Eindringen gehindert, „Street Closed“ heißt es an der Wall Street, noch immer scheint es keine Geräusche zu geben, und das junge Liebespaar im Battery Park, mit dem der Gang den Broadway hinunter morgens kurz vor halb acht endet, umarmt sich ebenso weltvergessen wie stumm. New York, einmal ganz ohne Attraktionen und Zukunftsvisionen. Eine Kleinstadt von Welt.

 

Er habe ihr den Puls fühlen wollen, bekannte Hamann im Interview mit Katja Guttmann, das den Band beschließt. Zwei Begleiter, zwei Leica-Digitalkameras mit neun Akkuladungen, 16 Speicherkarten mit insgesamt 2,3 Gigabytes, ein Laptop und bequeme Schuhe haben ihm dabei geholfen. Wie viele Male er auf den Auslöser gedrückt hat, weiß er wohl selber nicht mehr, denn immer wieder hat er Aufnahmen noch vor Ort gelöscht. Als einstiger Verfechter analoger Schwarzweißfotografie aber zeigt er sich hier begeistert von den Nuancen digitaler Farben. Da kann man ja gespannt sein, wo er sonst noch seine Nächte verbringt.

 

Info:

Horst Hamann: „One Night on Broadway”, mit einem Essay von Jimmy Breslin und einem Interview mit Katja Guttmann, 240 Seiten, 180 Farbtafeln, 24,80 Euro, ISBN 3-8296-0127-1, Verlag Schirmer/Mosel, München 2004, www.schirmer-mosel.com

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