Axel Heller
Indien


Zwei kleine Muschelbläser aus Gangtok in der indischen Provinz Sikkim, von Axel Heller 2003 auf den Film gebannt. Der Fotograf erreicht mit Duplizierungen, mitunter auch Reihungen innerhalb des Bildaufbaus oft ungeahnte Aussagen - zumindest fordert er das Bewusstsein seiner Betrachter für Nuancen heraus.

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Die Bilder auf dieser Seite wurden dem Band "Indien" von Axel Heller entnommen. "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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08-08-2008

Die magischen Orte des Lebens

Fotografien von Axel Heller in einem Bildband aus Indien

 

Von Christel Heybrock

 

Eindringlich und distanziert zugleich, nüchtern und doch mitfühlend - altmodische Qualitäten? Wenn einer im Zeitalter farbenfroher Digitalfotografie lieber strikt auf Schwarzweiß, auf seine Leica und das Feuchtbiotop aus Filmstreifen und Dunkelkammer setzt, ist er ja schon fast aus der Welt. Obwohl man gerade das dem1962 in Rostock geborenen Axel Heller nicht vorwerfen kann, schließlich ist er seit 1988 fast dauernd auf diesem Globus unterwegs und hat abgesehen von Europa auch Süd- und Mittelamerika, Israel, Indien, Vietnam und China bereist. Was der Globetrotter dort sucht, sind nicht die Glanzpunkte der Metropolen – er hat nichts gegen Megastädte, sondern kennt sich in Kalkutta ebenso aus wie in London oder Paris – aber es ist der auftrumpfende Glanz, der ihn nicht interessiert. Was er sucht, sind Menschen und ihre Orte. Und was er auf den Film bannt, ist das Wechselspiel zwischen Mensch und Umgebung, sind die Prägungen, die Menschen in ihrer Umwelt hinterlassen, und die Prägungen, die sie von ihrer Umwelt erhalten. Axel Hellers Bilder zu sehen, ist immer auch ein Bewusstseinsprozess, denn wann denkt man schon über derart subtile Zusammenhänge nach?

 

Vielleicht sieht er ja deshalb so genau hin, weil er ursprünglich als Forstfacharbeiter die Verflechtungen ökologischer Systeme im Visier haben musste – warum dann also nicht das vielfältig vernetzte System aus Mensch/Stadtraum/Landraum? (Seine Landschaftsaufnahmen gehören übrigens zu den Erfahrungen, von denen die Wahrnehmung eines Betrachters nachdrücklich verändert wird: Landschaft als ästhetischer, von Natur und Mensch zu unterschiedlichen Teilen gestalteter Raum, da guckt man nach Heller in der Realität nie wieder so bewusstlos drüber weg.)

 


Ein Beispiel für Hellers Landschaftsfotografie. Die Straßenszene aus Rumänien mit dem sensenbewehrten Bauer war 2008 in der Ludwigshafener Scharpf-Galerie ausgestellt. Charakteristisch bei Heller das Wechselspiel von Mensch und Umgebung - beide werden vom jeweils anderen geprägt.

 

Heller stellt seine Fotos seit 1992 aus, er wurde mit zahlreichen Arbeitsstipendien gewürdigt und hat mehrere Bildbände publiziert, darunter 2005 im Steffen Verlag Friedland den Band „Denkmale in Mecklenburg-Strelitz“. Die Scharpf-Galerie Ludwigshafen, die Projektgalerie des Wilhelm-Hack-Museums, zeigte 1998 und 2008 seine Arbeiten, und als Nachschlag zu der Schau von Februar 2008, in der rund 50 Bilder aus Rumänien und Indien zu sehen waren, brachte der Steffen Verlag einen gewichtigen Bildband der Indien-Fotos heraus mit Aufnahmen der Jahre 1999 bis 2005. Es ist eine unpaginierte bibliophile Ausgabe mit 106 Tafeln und zwei Texten von Susanne A. Ecker und Maik Buttler, das Ganze auf schwerem Kunstdruckpapier, und der Verlag vermerkt mit gewissem Stolz, dass man sich auf mehr als zweieinhalb Kilo einrichten sollte. Einrichten freilich sollte man sich auch darauf, dass man da öfter mal blättern muss, um Hellers wunderbare Balance aus Realitätsdokument einerseits und fast grafisch-strengem Bildaufbau andererseits zu erkunden, seine Balance auch aus verhaltenem Witz und Schonungslosigkeit, aus Empathie und Distanz angesichts der Fremdheit anderer Lebensentwürfe. Irgendwann wird einem klar, dass diese Orte zwischen Fluss und Straße, zwischen Schmutz, Verfall, Skurrilität und, ja, auch Freude, erfüllt sind von einer magischen Intensität. Sie bergen die ganze Spanne zwischen Vitalität und Tod.

 

Heller hat die Bilderfolge weder nach Schauplätzen noch nach einem zeitlichen Verlauf gegliedert, sondern offenbar nach einem lockeren Prinzip visueller Rhythmik, das die Aufmerksamkeit des Betrachters stets wach hält. Der Band beginnt und endet mit zwei Straßenszenen: Am Anfang schreitet eine junge Frau mit Kind auf dem Arm im Gegenlicht durch eine dunkle, kopfsteingepflasterte Straßenschlucht. Das Licht im Rücken, hat sie sich auf einen beklemmenden Weg gemacht. Am Ende de Bandes erneut eine schwarze Schlucht, vermutlich ein finsterer Hinterhof, den ein kleines Mädchen soeben verlassen hat auf dem Weg ins Helle – ins „Licht“ freilich nicht, denn die beleuchteten Partien der Hausfront, auf die das Kind zugeht, sind ärmlich und alles andere als verheißungsvoll, ohne Hoffnung aber auch wieder nicht.

 


Eisverkäufer aus Kalkutta, von Axel Heller 2003 bei der Arbeit aufgenommen

 

Es ist das Wechselspiel aus existenziellen Unmöglichkeiten und der tapferen Erschließung winziger Lebensnischen, das auf diesen mehr als hundert Bildern nicht zuletzt von menschlicher Würde erzählt. Indien, der chaotische Kontinent voll von den Ärmsten der Armen, lässt eben denen auch Überlebenschancen: auf schwierigem und stets riskantem Boden. Insofern könnte die Momentaufnahme aus Varanasi (früher Benares) 2005 als beispielhaft für den ganzen Band gelten - da springt ein kleiner Junge von der Kante eines schwankenden Holzbootes mutig auf ein anderes, ebenso unsicheres Boot hinüber, die Arme gereckt, die Beine in der Luft gespreizt. Möglicherweise könnte sich ein solcher Anblick auch anderswo in der Welt finden lassen – aber was ist mit dem ausgemergelten, verschwitzten Eisverkäufer, der auf verdreckter Straße einen schweren Block am Haken hinter sich herzieht (Kolkata = Kalkutta 2003)? Was mit der von Lumpen verhüllten Frau, die am Straßenrand kauert, während aus einem unsäglichen Wasserrohr ihr zerbeulter Eimer voll läuft (Varanasi 2005)? Von skurrilem Eifer und sicherlich vom Drang auf ein besseres Leben erfüllt die Schar sauber gekleideter Herren, die ihr "Schreibbüro" mitten auf der Straße haben und die Korrespondenz ihrer analphabetischen Kunden einfach im Schneidersitz in die Maschinen hacken.

 


Auf den ersten Blick kaum identifizierbar: eine Schläferin mit herabhängendem Sari auf schmaler Mauernische (Palitana, 2004)

 

Zu den für europäische Augen ungewohnten, mitunter fast surrealen Eindrücken gehören die Szenen mit (in der Öffentlichkeit) schlafenden Menschen. Eine alte Frau auf notdürftig bedeckter Holzpritsche bildet einen eindrucksvollen kompositorischen Kontrast zu einer Reihe seltsamer Ballongefäße hinter ihr an der Mauer. Auf der Kühlerhaube seines Taxis hat es sich der Fahrer bequem gemacht, sogar ans Kopfkissen hat er gedacht. Ein kleiner Rikschafahrer dagegen schützt sein Gefährt noch im Schlaf vor Diebstahl, indem er sich zwar platt auf den Betonboden eines verfallenden Treppenpodests gelegt hat, aber wohlweislich den Fuß auf eine Deichselstange hält. Vollkommen unkenntlich dagegen eine offenbar weibliche Figur, lang ausgestreckt auf schmaler Mauernische, während ihr schwarzer Sari in weitem Bogen herabhängt und einen durchsichtigen Schatten auf die Wand wirft – eine Szene, so unwirklich wie aus einem Alptraum. Noch elender aber dürfte sich der soeben vom Fotografen erschreckte Schläfer unter seiner panisch vom Gesicht gezogenen Decke fühlen. Er hat in einer schmalen Gasse auf einer merkwürdigen Holzplanke „geruht“, einer von vielen, die dort aufgereiht hintereinander auf dem Boden liegen. Beim weiteren Blättern erst entdeckt man, worum es sich da handelt: es sind die Transportoberflächen von Pritschenwagen, wie sie von Männern als Handkarren durch die Straßen gezogen werden.

 


Offenbar von religiöser Verehrung umsorgt: zwei Totenköpfe aus Puri (2003)

 

Das Bild mit dem Pritschenschläfer bezieht einen Großteil der Aussage von Elend und Unbehaustsein der Tatsache, dass Heller durch die Wiederholung der Holzflächen eine Reihung erzielte. Mit diesem Mittel gibt er vielen seiner Aufnahmen eine verblüffende kompositorische Überzeugungskraft. Die kleinen Muschelbläser sind zu zweit wie in einer spontanen Choreographie (Foto oben); zwei blumengeschmückte und sichtlich rituell verehrte Menschenschädel wären einzeln wohl nicht mehr als eine exotische Kuriosität und lassen ihre Tiefenbedeutung erst als Paar erahnen. Die beiden Straßenbarbiere mit ihren auf unbequemen Hockern sitzenden Kunden faszinieren mit den subtilen Variationen der Doppelszene: Mit jeweils fast der gleichen Geste halten sie den Kopf ihres Kunden, und diese drehen ihnen jeweils mit ähnlicher Kopfhaltung die Backe hin, während der Boden voll ist von Steinen und Haarbüscheln. Frauen im Gegenlicht mit gewaltigen Reisstrohbündeln auf dem Kopf treten zu viert hintereinander auf und erinnern beinahe an Wandmalereien aus ägyptischen Gräbern. Von stupender Wirkung zwei zerbeulte Wasserkessel, die offenbar immer noch in Gebrauch sind – um den Griff des einen Kessels sind Lumpen als Fingerschutz gewickelt.

 

Das Elend, das die Menschen klaglos bestehen, gab dem Fotografen aber unversehens auch die eine oder andere Gelegenheit zu Bildeindrücken von konzentrierter Schönheit. Da ist die eigentlich nichtssagende, staubige Straße in Pushkar, die Heller 1999 von oben aufnahm. Man sieht nichts als die Linien einiger straff gespannter Leitungen – und eine weiße Figur, eine alte Frau mit Stock, deren extreme Obersicht-Verkürzung wettgemacht wird durch einen extrem langen schwarzen Schatten, einen Schatten, der fast so lang ist wie die Straße selbst: Einsamkeit. Tiefstehende Sonne. Tapferes, unbeirrtes Vorwärtsschreiten. Wohin? Ist das Ziel überhaupt zu erreichen?

 

Die schwarzen Linien von elektrischen Leitungen, Kabeln und Drähten nutzt Heller immer wieder als Ordnungssystem und Kontrastelement. Auf einem Bild aus Rishikesh 1999 fährt ein Radfahrer über eine Brücke – das Gitter der Brüstung scheint nur eine Verdichtung der Kabelstränge, die die Brücke von oben halten, während unten einige wenige Querlinien von leicht gebogenen, feinen Strichen gekreuzt werden. Sonst ist nichts zu sehen, kein Himmel, kein Wasser, es ist ein Anblick wie herausgeschnitten aus der Welt. Eine federleichte, fast abstrakte Bildgestaltung gelang ihm 2003 in Gangtok, wo gegen die Ballungen weißer Wolken am Himmel eine Reihe buddhistischer Gebetsfahnen als durchsichtige schwarze Schleier flattern und in der heftigen Bewegung fast die Flügel einer imaginären Figur suggerieren. Am Strand von Puri dagegen sitzen junge Fischer auf einem feinen weißen Netz, das sie reparieren, während im Mittelgrund als riesiges Dreieck ein Segel in die Luft ragt. Das Netz am Boden und das Segel in der Luft scheinen sich, versetzt nur um wenige Zentimeter, mit ihren Endpunkten fast zu berühren; Heller hat hier eine Komposition geschaffen, bei der Dreidimensionalität wie mit Händen zu greifen ist, als sei mit dem Segel ein Teil des Bodens hochgeklappt worden (was faktisch ja auch so ist).

 

Eine seiner poetischsten, unaufwändigsten Aufnahmen entstand 2005 in Varanasi am Ufer des Ganges. Bodenpflaster, eine Holzpritsche, daran primitiv festgebunden ein paar Stöcke mit einer kleinen Fahne, zwei armselige Wäschestücke baumeln an einer durchhängenden Leine. Aber wie eine Verheißung reflektiert die Sonne in Ufernähe auf dem Wasser und glimmt zugleich direkt in der Fahne, von der sie just in diesem Moment verdeckt wird. Dieses Bild von Ruhe, Licht und Menschenleere wäre jedoch unvollständig ohne einen Vogel, der in rührender Bewegungsunschärfe durchs Bild flattert. Vor solchen Aufnahmen möchte man immer wieder innehalten und sich selber finden – in einer Balance aus Nähe und Weite, in einer Sinnerfüllung aus Wasser, Licht und Leben.

 

Info:

- Axel Heller, „Indien 1999 – 2005. Photographien“, mit Texten von Susanne A. Ecker und Maik Buttler, 236 Seiten mit 106 Tafeln (unpaginiert) auf 200g/qm-Papier, Format 30,5 x 30,5 cm, Steffen Verlag, Friedland 2008, Preis 69,90 Euro, ISBN 978-3-940101-20-4, http://www.verlag-steffen.de

- Im selben Verlag erschien von Axel Heller „Denkmale in Mecklenburg-Strelitz“, 150 Seiten, Friedland 2005, Preis 22,50 Euro, ISBN 3-937669-32-9

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