Candida Höfer

Fotografien aus Weimar und Umgebung

 

Das Cover von Candida Höfers Fotoband im Verlag Schirmer/Mosel. Das Titelfoto zeigt eine Ansicht aus dem Treppenhaus des Neuen Museums Weimar mit einer Goethestatue in der Mitte: "Goethe und Psyche" des klassizistischen Bildhauers Carl Steinhäuser (1813-1879) nach einem Entwurf Bettina von Arnims. Das von Josef Zítek 1863-1869 erbaute Museum, in dem die bei Schirmer/Mosel publizierten Fotografien Candida Höfers 2007 ausgestellt wurden, war Ende des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt worden und in den Jahrzehnten der DDR verfallen. Es wurde 1996-1998 wieder hergestellt. Im Zuge der Restaurierung teilte der französische Künstler Daniel Buren das Treppenhaus in zwei Hälften: Man blickt rechts auf eine Spiegelung; die Streifen auf der linken Seite sind ein Symbol für die Rettung der nackten Bausubstanz, die zwischen der weißen Putzschicht in Abständen von 8,7 cm sichtbar wird.

 

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Die Fotos auf dieser Seite wurden dem Band entnommen: Copyright by Candida Höfer/VG Bildkunst, Bonn 2007; courtesy Schirmer/Mosel Verlag

 

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Monographie

 

31-08-2010

Wie das Licht die Räume ordnet

„Weimar“, Candida Höfer porträtierte die Erinnerungsstätten der deutschen Klassik

 

Von Christel Heybrock

 

In ihrer Nüchternheit und Klarheit haben Candida Höfers Fotografien von menschenleeren Innenräumen stets etwas tief Bewegendes. Archive, Bibliotheken, Theater, ja sogar Treppenhäuser zeigen plötzlich, reduziert auf den verblüffenden Reichtum ihrer formalen Strukturen, so etwas wie eine Seele. Vor der Kamera der Künstlerin hat noch der spartanischste Innenraum einen unverwechselbaren Eigencharakter. Aber dass Candida Höfer im Sommer 2004 gebeten wurde, die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar zu fotografieren – das wurde in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall.

 

Wie aus dem „Weimar“-Bildband im Verlag Schirmer/Mosel hervorgeht, plante die Klassik Stiftung Weimar, die Bibliothek zu renovieren. Der Bau hatte zwar zwei Weltkriege und die schwierigen Jahrzehnte des Sozialismus heil überstanden, war aber seit 150 Jahren nicht mehr restauriert worden. Candida Höfer sollte vorm Beginn der Arbeiten noch den historischen Zustand festhalten. Die Bibliothek war 1761-1766 von Landbaumeister August Friedrich Straßburger in den ersten Stock des einstigen Zeughauses eingebaut und unter anderem auf Initiative Johann Wolfgang Goethes im 19. Jahrhundert noch einmal verändert worden. Berühmt war vor allem Straßburgers Rokoko-Saal auf ovalem Grundriss, der von 12 Pilastern gegliedert und auf zwei umlaufenden Galerien mit bibliophilen Raritäten bestückt war. Allerdings hatte die nach zweijähriger Ehe (1756-1758) bereits verwitwete junge Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach (1739-1807) damals Ausgaben sparen müssen und möglichst kostengünstiges Material einsetzen lassen. Der Saal war komplett aus Holz, die Rocaillen nur teilweise vergoldet, die Wände weiß – die Bücher sollten die Hauptrolle spielen.

 


Blick in den Rokoko-Saal der Anna-Amalia-Bibliothek vor dem Brand von 2004. Der fiktive Betrachter steht in der Mitte des Saals mit Sicht zur Eingangstür.

 

Drei Wochen, nachdem Candida Höfer ihre Aufnahmen gemacht hatte, führte ein unbemerkter Schwelbrand am 2. September 2004 zur Katastrophe: Die Bibliothek, die rund eine Million Bände enthielt, brannte lichterloh. Zwar konnten noch während des Brandes 50.000 Bände gerettet werden, aber ebenso viele gingen unersetzlich verloren, und von den 62.000 Bänden, die durch Löschwasser beschädigt wurden, wurden bis 2006 immerhin 36.000 restauriert, aber die komplizierte Wiederherstellung der durchnässten und sofort tiefgefrorenen Kostbarkeiten wird sich noch bis 2015 hinziehen. Candida Höfers Fotografien haben allein durch die dramatischen Ereignisse einen unerwarteten dokumentarischen Zusatzwert, ganz abgesehen von ihrem künstlerischen Rang.

 

Eine ihrer Aufnahmen in dem Schirmer/Mosel-Band zeigt beispielsweise eine Ansicht des Magazins im Mansardgeschoss: Man blickt auf einen altersgrauen Holzdielenboden und eine Bücherwand mit einer wunderbaren, rund 30-bändigen alten Publikation, in der Mitte des Raumes steht ein kleines Gebäudemodell auf dem Boden, man meint die trockene, nach alten Papieren duftende Luft fast zu atmen – aber der Raum existiert nicht mehr. Das historische Modell des Großherzoglichen Museums (heute Neues Museum), um 1860 von dem Prager Architekten Josef Zítek (1832-1909) geschaffen, verbrannte ebenso wie die 30-bändige „Maxima Bibliotheca“ der Kirchenväter. Einige Bücher konnten aus dem Magazin nur gerettet werden, weil Teile der Dachkonstruktion darauf gefallen waren. Es ist klar, dass solche Zusammenhänge auch den nicht unmittelbar Betroffenen unter die Haut gehen.

 

Was aber vor allem berührt, ist die tiefe innere Verwandtschaft zu den Klassikern, wie sie sich in Candida Höfers Blick, in ihrer Auffassung von Räumen, Licht und Proportionen äußert. Den bezaubernden Rokokosaal mit seinem schmalen Grundriss und der lichten Höhe, die den Blick nach oben zieht, hat sie einmal vom Eingang aus (Bücherleiter auf der linken Seite an einem Regal) und einmal von der gegenüber liegenden Seite aus fotografiert (Bücherleiter rechts am Regal, siehe Foto oben). Zunächst nimmt man nur die wechselnde Position der Leiter wahr, erst dann notiert das Auge Details wie die beiden divergierenden Scheitelpunkte, wie die beiden jeweils verschiedenen Büsten rechts und links vor den Pfeilern und schließlich auch die unterschiedlichen Farbnuancen der Bücher in den Regalen. Die Maße dieses Raumes, seine verblüffende Harmonie, in der sich die klassische Forderung nach Einheit in der Vielfalt verwirklicht, sie werden bei Candida Höfer zum fast körperlichen Erlebnis. Dramatischer dann eine dritte Aufnahme, wo der Blick oben auf der Galerie über die Saalöffnung hinweg schweift zu den Bücherregalen auf der anderen Seite des Ovals – Büsten auf den rocaillegeschmückten weißen Balustraden, die Regale der bibliophilen Kostbarkeiten schön eingebettet in flache Arkaden, darüber eine weiße Stuckdecke, die sich in eine dunkle kleine Kuppel öffnet ... und tief darunter die Arkaden der Regale im Rokokosaal. Die Aufnahme Tafel 16 in dem Band lässt einen fast schweben zwischen Büchern oben und Büchern unten; zwischen Kuppel und Boden erstreckt sich ein betörendes Reich aus Informationen, Wissen, Geschichten, Träumen und Erkenntnissen.

 

Ganz anders das moderne Studienzentrum der Bibliothek, das Candida Höfer einmal im Rohzustand fotografierte, als nicht einmal die Regalsysteme fertig montiert waren, einige andere Male voll eingeräumt mit Tausenden von Büchern über vier Galerie-Etagen hinweg. Es entstanden Eindrücke von fast irrealer, geometrischer Nüchternheit mit Strukturen wie aus einem Lehrbuch über den rechten Winkel. Dabei vermitteln die filigranen Senkrechten der Buchrücken einen abenteuerlichen Reiz – schließlich weiß man ja nicht, was alles zwischen den Einbänden verkündet wird. Aber auch hier muss man genau hinsehen, um festzustellen, dass die Fotografin tatsächlich mehrmals dieselbe Wand vom Boden bis unters Dach ins Blickfeld nahm, aber aus verschiedener Entfernung und vor allem mit verschiedenen Lichtverhältnissen. Wie Kustodin Gerda Wendermann in ihrem Text bemerkt, setzt Candida Höfer bei großformatigen Aufnahmen ihre Linhof-Plattenkamera mit Belichtungszeiten von manchmal einer halben Stunde und mehr ein: Das Licht, das den Charakter der Räume entscheidend mit prägt, bleibt dabei stets an der Realität und wird von der Künstlerin nicht verändert oder beeinflusst.

 

In Weimar blieb es nicht bei der Dokumentation der Anna-Amalia-Bibliothek. Im Sommer 2006 fotografierte Candida Höfer weitere Kulturstätten in Weimar und Umgebung: das Goethe- und Schillerarchiv, das Residenzschloss, das Neue Museum (dessen kleines Modell, wie oben erwähnt, beim Brand verloren ging), das Goethe-Nationalmuseum, das Deutsche Nationaltheater, das Wittumspalais, das Schloss Belvedere und aus der Umgebung das Liebhabertheater Schloss Kochberg, das Ekhof-Theater in Gotha, das Volkshaus Jena und schließlich das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt, in dem das von Goethe geleitete Schauspielensemble seit 1791 im Sommer gastierte.

 

Gerade die intimen kleinen Theaterchen mit ihren teilweise noch erhaltenen Proszenien, Vorhängen und Kulissen bieten einen faszinierenden Anblick. In Lauchstädt, wo auf Initiative Goethes 1802 der heutige Neubau entstand, wurde in den 1960er Jahren sogar die alte Bühnentechnik wieder eingerichtet – Candida Höfer fotografierte den menschenleeren Innenraum einmal mit Blick auf die kleine Bühne bei gehobenem Vorhang und einer Waldlandschaft als Rückprospekt, ein anderes Mal mit Blick von der Bühne in den Zuschauerraum bis zur Empore an der Rückwand. Der ganze Raum ist überspannt von einem schirmartig aufgefächerten Gewölbe aus der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts, als der Goethe-Neubau zu zerfallen drohte.

 

Repräsentativer das Ekhof-Theater in Gotha, das sich bei Candida Höfer in kühlem Weiß mit roter Bestuhlung und Proszeniumsvorhang präsentiert. Der historische Hintergrund wird nur für den Betrachter sinnfällig, der gewohnt ist, Fragen zu stellen, so beiläufig taucht die Bühnentechnik auf, die aus dem Ekhof-Theater in der Realität ein Juwel macht. Zwischen 1681 und 1683 in den Westturm von Schloss Friedenstein in Gotha eingebaut, ist es das weltweit einzige Theater mit funktionierender Schnellverwandlungs-Technik aus der Erbauungszeit: Szenische Veränderungen können bei offener Bühne durch ein System von je drei Kulissenwagen rechts und links, durch Seilzüge, Holzwellen und Umlenkrollen in kürzester Zeit durchgeführt werden, und zwar einschließlich der drei Kulissengänge, der Soffitten und des Rückprospekts. Auch hier fotografierte Candida Höfer einmal von der Bühne aus den Zuschauerraum mit Empore und  Herrscherloge, sowie vom Zuschauerraum aus die Bühne bei hoch gezogenem Draperie-Vorhang und aufgefahrenen Kulissen, die mit ihren Säulen und abschließendem Prospekt einen nach hinten offenen antiken Palast suggerieren. Denkt man sich die Misslichkeit weg, dass im Buch der Falz das Proszenium schneidet, bietet diese Aufnahme gleichsam den Blick in die Unendlichkeit einer fernen Zeit. Aber die liegt geheimnisvoll verborgen in einer weiteren Ansicht des Proszeniums mit geschlossenem Vorhang, dessen rotsamtene Draperie und Kronleuchterpaar die Künstlerin ebenso fasziniert haben dürfte wie die Betrachter.

 

Ein durchgehendes Prinzip im Werk Candida Höfers ist die Zentralperspektive: Meist steht die Kamera in Augenhöhe so in der Mitte eines Raumes, dass er sich vom Boden bis zur Decke erschließt. Wie beim Rokokosaal der Anna-Amalia-Bibliothek und wie bei den Theaterräumen wird der Blick des Betrachters so gelenkt, als stünde er einmal mit dem Gesicht zur Tür und einmal mit dem Gesicht zur entgegengesetzten Seite. Er erfasst den Raum aus der Perspektive von jeweils einer halben Körperdrehung, ohne seine Position grundsätzlich zu verändern.

 

 

Zweimal das Junozimmer in Johann Wolfgang Goethes Wohnhaus am Weimarer Frauenplan: Oben die Aufnahme von Candida Höfer im Sommer 2006, unten eine Aufnahme von Wittig Schmidt vom 22. Dezember 1958 aus dem Bundesarchiv (Bild 183-22807-0998, Foto: Wikimedia Commons). Der Unterschied betrifft nicht nur Farbe oder Schwarzweiß und auch nicht den inzwischen weggeräumten runden Tisch, sondern vor allem die Perspektive, die bei Wittig Schmidt eher einen hurtigen Blick auf die Möblierung erlaubt statt die Geometrie des Raumes zu erfassen. Candida Höfer positionierte die Kamera genau in der Mitte und ließ die Fenster auf der linken Seite quasi als Lichtwand im Gegensatz zur gemauerten Wand rechts fungieren. In der Mitte zwischen links und rechts, oben und unten taucht die Enfilade der Räume im Hintergrund auf, die den Blick in eine offene Tiefe zieht.

 

 

Dieses Grundprinzip wandte die Künstlerin auch im Goethe-Nationalmuseum an, in den Räumen von Goethes Wohnhaus am Weimarer Frauenplan, die mehr oder weniger noch ihre alte Möblierung haben. Man steht beispielsweise in der Mitte des Juno-Zimmers auf altem, gebohnertem Dielenboden, durch zwei große Fenster fällt das Tageslicht von links auf den Riesenkopf der Juno, der sich zudem in einem Spiegel zwischen den Fenstern wiederholt, auf der rechten Seite des Raumes ein Konzertflügel, ein Vertiko mit aufgesetzter Uhr und zwei Bilder an blauer Wand. Dazwischen genau in der Mitte eine offene Zimmerflucht mit kleiner werdenden Türrahmen bis hin zum Endpunkt einer wiederum blauen Wand.

 

Ähnlich die Ansicht des „Sammlungszimmers“: wieder zwei Riesenbüsten in den hinteren Raumecken, ein Tisch mit Stühlen dieses Mal in der Mitte, und dahinter der Blick ins nächste „Büstenzimmer“, aus dem nur der große weiße Männertorso und das Maskenfragment darüber zu sehen sind. Auch Goethes Arbeitszimmer ist zentralperspektivisch erfasst: Tisch mit Stühlen in der Mitte, man könnte fast nach einem der Stühle greifen, so nachdrücklich-unauffällig wird dem Betrachter die Position zugewiesen, links an der Wand ein Apothekerschrank, rechts ein Schreib- und Büchermöbel, an der Rückwand fällt das Tageslicht durch die beiden Fenster herein, in der Mitte dazwischen ein Spiegel, darunter etwas versetzt ein kleines Vertiko mit Uhr darauf.

 

Was daran so fesselt, ist die geistige Übereinstimmung von fotografiertem Motiv und Bildsprache der Fotografin: Einfachheit, Klarheit des Bildaufbaus, die Lichtquellen, die den Räumen ihre Ordnung und fast spirituelle Transparenz geben. Die karge, aber zugleich anspruchsvolle Schönheit bürgerlichen Lebens vor rund 200 Jahren wiederholt sich in der Bildauffassung einer modernen Künstlerin. Das Prinzip der Zentralperspektive ist überwältigend schön und einfach beispielsweise in der Ansicht eines weiß möblierten Vitrinenraumes im Goethe- und Schillerarchiv. Durch das Licht, das durch drei hohe Fenster hereinströmt, erhält der Raum eine fast schwebende Durchsichtigkeit und zugleich seine Ordnung: Dem rechten und dem linken Fenster ist je eine Vitrinenreihe zugeordnet, aus dem mittleren Fenster ergießt sich eine weiße Lichtbahn von fast greifbarer Dominanz auf den leeren Fußboden.

 

Der Raum bei Candida Höfer öffnet sich dem Betrachter wie eine Bühne, die nur darauf gewartet hat, dass jemand hinsieht, und die ihm suggeriert, er brauche nur zwei, drei Schritte nach vorn zu machen, um von ihr Besitz zu ergreifen. Die Perspektive spielt hier wie dort die Hauptrolle, und die Geschichte des Bühnenbildes enthält großartige Beispiele für die Wirksamkeit auch einer aus dem Zentrum verschobenen Perspektive. Bei Candida Höfer geht es dabei niemals um Effekthascherei, sondern fast um angewandte Geometrie. Vertrackt die Ansicht einer Raumflucht in Schloss Belvedere, wo die schön gerahmte Türöffnung nicht in der Wandmitte, sondern nach links versetzt liegt und ein roter Läufer, der in die hinteren Räume führt, den Raum mit seiner Dominanz scheinbar zentriert. Die Kameraposition folgt dem Teppich und der Raumflucht aber nicht, sondern bleibt in der Mitte einige Schritte vor dem rechten Türpfosten.

 


Ansicht aus Schloss Belvedere: auch hier hat Candida Höfer die symmetrische Raumperspektive nicht verlassen, obwohl der rote Teppich von der Mitte versetzt das Auge in den Hintergrund zieht. Würde der Betrachter von seinem Standort aus in gerader Linie weitergehen, stünde er vor dem schön verzierten rechten Türpfosten. Selbst bei Aufnahmen, auf denen die Künstlerin Zimmerecken ins Visier nimmt, wird die Geometrie der Sichtlinien nicht aufgegeben: Anstelle der Symmetrieachse wird der Raum dann durch eine halbe Diagonale erschlossen.

 

Was ist aber bei Candida Höfer mit den Ansichten von Raumecken? Das Residenzschloss in Weimars Stadtmitte bot der Künstlerin etliche Räume in Zentralperspektive, aber auch einige, bei denen die Kamera in die Ecke schaut. Die grundsätzliche Position in der Raummitte wird dabei nicht aufgegeben: Die halbe Drehung des fiktiven Betrachters einmal zur Tür, einmal zur Wand, jenes durchgehende Prinzip der Fotografin zur Erkundung von Innenräumen entpuppt sich hier reduziert auf eine Vierteldrehung. Innerhalb eines Raumrechtecks vollzieht der Blick also nicht nur die Symmetrieachse, sondern auch halbe oder ganze Diagonalen. Räume erschließen sich bei ihr entlang geometrischer Blicklinien, sie sind, zusammen mit der natürlichen Lichtführung, das Ordnungsgerüst des Sehens, das dem Auge Ruhe und Stabilität genug gibt, damit es sich bezaubern lassen kann von den vielen Details, die den Raum füllen. Eine „sachliche Empathie“ bescheinigte Gerda Wendermann der Fotokünstlerin nicht ohne Grund.

 

Inzwischen wurde die Anna-Amalia-Bibliothek wieder hergestellt und am 24. Oktober 2007, dem 268. Geburtstag der lesefreudigen Herzogin, feierlich wieder eröffnet. Der Schirmer/Mosel-Bildband begleitete die Eröffnungsausstellung mit  Candida Höfers Fotografien im Neuen Museum (vom 18. Oktober 2007 bis 17. Februar 2008). Die Ruhe und Gelassenheit der Proportionen, das Licht und die Lebendigkeit der Gedanken, die vom Sehen angeregt werden – diese geistige Haltung überspannt Jahrhunderte und vereint die Stätten der Klassik mit den Werken Candida Höfers weit über den konkreten Anlass hinaus.

 

Info:

- Candida Höfer, „Weimar“, mit Texten von Gerda Wendermann und dem Schriftsteller Wulf Kirsten, der sich in launigen Worten mit dem Grad von Weimars Weltläufigkeit auseinander setzte. Verlag Schirmer/Mosel, München 2007, 104 Seiten, 39 Farbtafeln, Preis 39,80 Euro, ISBN 978-3-8296-0327-0, www.schirmer-mosel.com

- Die Ausstellung der Fotografien Candida Höfers wurde vom 10. März bis 5. Mai 2008 auch auf  Schloss Benrath bei Düsseldorf gezeigt.
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