Peter Lindbergh

 


Cover des Schirmer/Mosel-Bandes "Peter Lindbergh. On Street", der eine Ausstellung in der Fotogalerie C/O Berlin 2010/2011 begleitet. Das Titelfoto zeigt das italienische Supermodel Mariacarla Boscono in New York 2008.

 

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Fotos auf dieser Seite: Copyright 2010 Peter Lindbergh/ courtesy Schirmer/Mosel

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13-02-2011

Das weite Feld zwischen Schönheit und Schrecken

Fotograf  Peter Lindbergh in Bildbänden des Schirmer/Mosel Verlags

 

Von Christel Heybrock

 

Da gibt es diese Fotoserie von Peter Lindbergh mit Starmodel Naomi Campbell und den Dalmatiner-Hunden. Die farbige Schöne, damals 25, trug weiße, schwarz gefleckte Kleidung und damit ein Outfit, das dem gesprenkelten Fell der vier Dalmatiner verblüffend ähnlich war. Mit dem Kontrast der eher würdevoll dreinblickenden Hunde, Naomis wuscheligem Lockenkopf und ihrer ungezwungenen Gestik versprüht die kleine Bildfolge von 1995, Teil des vergriffenen Fotobandes „10 Women“ bei Schirmer/Mosel, soviel Witz und Lebenslust, dass man gerne immer wieder hinguckt. Inzwischen ist das Model über 40, schön noch immer und auch immer noch auf dem Laufsteg präsent, aber in den Medien eher anwesend aufgrund zügelloser Wutanfälle und damit verbundener Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung. Die hässliche Seite der Schönheit – würde der gefeierte Modefotograf Peter Lindbergh auch sie auf seinen Schwarzweißfilm bannen? Er würde.

 


Jeanne Moreau, gesehen von Peter Lindbergh 2003.

 

Weder er noch seine Modelle hatten bisher Scheu, das weite Feld auszuloten, das zwischen Ästhetik und Wirklichkeit, zwischen Schönheit und Schrecken liegt. Das 2003 in Paris aufgenommene Porträt der 75-jährigen Filmschauspielerin Jeanne Moreau, zu sehen unter anderem in Lindberghs Retrospektive 2010/2011 im C/O Berlin (International Forum for Visual Dialogues), zeigt ein vom Leben verwüstetes Gesicht. Schönheit im klassischen Sinn konnte der Moreau nie zugeschrieben werden, faszinierende Ausdruckswerte dagegen immer – und die zeichnen sich auch in dem Lindbergh-Porträt ab, das als Summe eines Schauspielerlebens gelten kann.

 

In derselben Ausstellung, die von dem Schirmer/Mosel-Bildband „Peter Lindbergh. On Street“ begleitet wurde, findet sich das klare, schöne Gesicht von Supermodel Kate Moss (1994) und, ähnlich natürlich und bewegend, von Berri Smither (1993). Eine Serie über Veruschka (Berlin 2009), einst Deutschlands faszinierendstes Fotomodell mit einer Körpergröße von 1,83 Meter, mutet schon ganz anders und geradezu verstörend an. Die vom Alter gezeichnete, einstige aparte Schönheit (Vera Gräfin von Lehndorff, wie ihr richtiger Name lautet, ist Jahrgang 1939), tritt bei Lindbergh mit seltsamer schwarzer Kopfbemalung auf. Oder sie lehnt sich in den Berliner Sophiensälen (der führenden Produktionsstätte freier Theater und Performance-Aufführungen) in verrutschtem Clochard-Outfit an einen Konzertflügel. Sie verknotet ihre immer noch geschmeidigen Gliedmaßen im Leoparden-Anzug. Auf einer in Bewegungsunschärfen fast zerfließenden Aufnahme agiert sie mit Helmmaske wie in einer Science-Fiction-Szene mit Pistole, ein anderes Mal tritt sie als Graffiti-Sprayer vor Resten der Berliner Mauer auf. Was das alles soll? Rundherum sind es Porträts nicht eines glamourösen Models, sondern einer Künstlerin, die sich nie den Abgründen menschlicher Fantasie verweigert hat. Dass Lindberghs Veruschka-Serie von 2009 eher harmlos wirkt im Vergleich zu Vera Lehndorffs eigener Kunst als Selbstdarstellerin, entdeckt man auf der Bildergalerie ihrer Webseiten, wo sie in atemberaubender Schonungslosigkeit alles durchspielt vom Erscheinen als Tier bis zum Verschwinden ihres Körpers in Mauerwerk oder Lumpenbergen.

 


"Mathilde", gefährlich auf dem Pariser Eiffelturm balancierend und doch cool wie eine archaische Herrscherin, die ihr Reich überblickt.

 

Möglicherweise ist Lindberghs Mentalität fast ein wenig zu behutsam und vorsichtig distanziert, um die Risikobereitschaft dieser Persönlichkeit auszutesten. Obwohl Schöpfer einiger überwältigend fantastischer Szenen, ist er mehr am Fluss der Wirklichkeit und an deren permanenten visuellen Veränderungen interessiert, als in den Seelenzuständen seiner Models herumzubohren. Ein Foto wie „Mathilde“ von 1989 zeigt ein barbusiges junges Model im Gestänge des Eiffelturms, das wie eine gefährdete Herrscherin auf ihr Reich, auf die Stadt Paris hinab blickt. In der krassen Gegensätzlichkeit zwischen der autonomen Pose der jungen Frau und ihrer waghalsigen Position liegt eine elementare Spannung, die das Bild zur Ikone macht. Andererseits sind eine ganze Abteilung sowie der Titel der Berliner Ausstellung und des begleitenden Schirmer/Mosel-Buches dem Zyklus „On Street“ gewidmet – jener potentiell endlosen Fotoserie, in der Lindbergh unter anderem das amerikanische Supermodel Annie Morton 1996 im Zusammenhang mit Straßenpassanten in  New York begleitet hat.

 

In dem vergleichbaren Zyklus „Looking at“ 1999 scheint Lindbergh eine anonyme junge Frau wie zufällig in wechselnden Menschengruppierungen, in wechselnden Bewegungsabläufen und Absichten „verfolgt“ zu haben, während sich im letzten Teil von Buch und Ausstellung, in der „Selection“ von Lindbergh-Fan Klaus Honnef, erneut Beispiele für Straßenszenen mit Stars befinden. Mit den Damen des Glamour-Gewerbes jedoch geht Lindbergh nicht anders um als mit der „Namenlosen“ – auch sie sind Teil alltäglicher Straßenszenen, in denen sie Bewegungsunschärfen, halben Verdeckungen oder Anschnitten unterworfen werden, als eilten sie aus dem Bild davon. Und von Glamour ist nicht viel zu spüren. Zwar beherrscht Annie Mortons gepflegte Präsenz eindeutig die Szenerien, aber das italienische Supermodel Mariacarla Boscono, auf den Webseiten ihrer Agenturen von perfekt gestylter Sinnlichkeit, kommt bei Lindbergh mit eher hölzerner Eleganz oder gar mit „abgeschnittenem“ Kopf daher, auf dem Buchcover taucht sie aus der Unschärfe einer unkenntlichen Vordergrundperson nur halb auf in schwarzem Spitzenkleid mit scheußlich unpassendem, hoch geschlossenem Kragen, eine Aufnahme ohne ersichtliche Komposition, gleichsam ein Zufallsschuss (siehe Foto oben).

 

Auf „gestellte“, also sorgfältig komponierte Szenen verzichtet Lindbergh zwar nicht, aber selbst bei einer auf den ersten Blick extravaganten Aussage entpuppt sich die Szene als sinnvoll, ja geradezu als distanziert und verhalten. In seiner einfühlsamen Einführung bemerkt Klaus Honnef nicht zu unrecht, Lindbergh fehle der besitzergreifende Blick und ein zwanghaftes Stilisieren. Den Fotos der Berliner Ausstellung sieht man das nicht sofort an – leider fehlen in der Schirmer/Mosel-Publikation fast alle Detailangaben, die Lindberghs Bilder verständlich machen oder durch Vergleiche in einem adäquaten Schaffenszusammenhang erscheinen ließen ... ganz abgesehen von der störenden Misslichkeit, dass der Seitenfalz oft mitten durchs Bild läuft und die Rezeption böse behindert.  (Wer die Aufnahmen ohne Knick in der Mitte sehen möchte, ist auf Lindberghs Homepage angewiesen, wo die Ausstellung mit ihren rund 100 Fotografien sowie die Eröffnungsveranstaltung dokumentiert sind.)

 


Verrenkung bis zum Gehtnichtmehr, und dann noch rauchend! Nina Burri vor Lindberghs Kamera.

 

In der Ausstellungsabteilung „Berlin“ sind solche etwas verdreht und gewollt anmutenden Aufnahmen zu sehen – die bereits erwähnte Veruschka gehört dazu, aber auch Nina Burri, die sich mit nacktem Oberkörper entsetzlich verrenkt und dabei noch eine Zigarette raucht. Modefotografie? Lindbergh als Schöpfer der Supermodels? Muss der Anblick nur schräg genug sein, um die Aufmerksamkeit internationaler Medien zu sichern? Das mag stimmen, aber nicht hier: Die 1979 geborene Schweizerin Nina Burri ist eine bewunderte Kontorsionskünstlerin. Ursprünglich Balletttänzerin mit staatlicher Ausbildung in Berlin und internationalen Engagements, machte sie eine schonungslose Zusatzausbildung zur „Schlangenartistin“ in China und brilliert seither mit Auftritten, in denen sie keine Knochen mehr zu haben scheint. Die Lindbergh-Fotos sind alles andere als Produkte eines aufmerksamkeitssüchtigen Starfotografen – sondern einfach Alltagsdokumente aus dem Leben einer Künstlerin.

 

Was Lindberghs Fotografie ausmacht, ist das Interesse an flüchtigen Erscheinungen, an Augenblicken, die sich kaum festhalten lassen, am Fluss des Lebens, an seiner Schönheit, aber auch an Schrecken und Verfall. Dass die Supermodels Lindbergh für seine Mentalität lieben, ist verständlich. Er zeige sie so, wie sie selbst seien, heißt es, er steckt sie nicht in die Zwangsjacke eines Machoblicks. In Berlin hat er nicht nur Aufnahmen kreativer Menschen gemacht, sondern auch trostlose Anblicke der Stadt und von Institutionen dokumentiert, die gemeinhin eher mit Glanz und Ruhm verbunden sind: der Deutschen Oper etwa oder von Szeneclubs. Die Flüchtigkeit der Realität, sie interessiert Lindbergh bis hin zu den Aufnahmeorten selbst: Eine Szene am Strand von Ostia in Italien 1991 mit Teilen der Aufnahmecrew, Riesenscheinwerfern, Leitern und anderen Geräten ähnelt in ihrer tristen Stimmung der Mojave-Wüste im Westen der USA, wo Lindbergh ein anderes Mal arbeitete. Es sind in beiden Fällen wohlgemerkt keine Landschaftsaufnahmen, sondern Augenblicke aus den eigenen Arbeitsprozessen. Dass er seine Karriere in den sechziger Jahren eigentlich als Konzeptkünstler begann, ist vielleicht immer noch latenter Bestandteil seiner Fotografie.

 

Infos:

 

Peter Lindbergh kam als Peter Brodbeck am 23. November 1944 in Lissa (heute Polen) zur Welt und wuchs in Duisburg auf. Erst mit 27 begann er zu fotografieren, in den späten siebziger Jahren wurden internationale Magazine auf seine fotografischen Arbeiten aufmerksam. Seiner frühen Biografie liegt bereits die eigentümliche Gegensätzlichkeit seines Schaffens zugrunde: Nachdem er zunächst Schaufensterdekorateur werden wollte, trieb es ihn in den sechziger Jahren zur Konzeptkunst. Er habe, sagt er, als Fotograf keinen Stil und wolle auch keinen haben, aber die Spannweite seiner Arbeit liegt zwischen einer Faszination an Ästhetik und an der Dokumentation von Prozessen – zu denen auch Gesichter wie das von Jeanne Moreau gehören können, in dem sich der Prozess eines gelebten Lebens eingegraben hat. Wie Klaus Honnef in dem hier vorgestellten Fotoband „Peter Lindbergh. On Street“ erläutert, hat Lindbergh Modeserien geschossen, ohne in den Sucher zu sehen oder unter Verwendung von Selbstauslösern. Ziel war, konventionelle Kompositionsregeln auszuschalten und die Wirklichkeit des Zufalls als Gestaltungsprinzip mit zu nutzen.

 

Der Schirmer/Mosel Verlag hat zur Zeit (2011) folgende Titel im Programm:

 

- „Peter Lindbergh. On Street“, mit einem Text von Klaus Honnef, Deutsch/Englisch/Französisch, 216 Seiten mit ca. 88 Farb- und Duotone-Tafeln, München 2010, ISBN 978-3-8296-0506-9, Preis 29,80 Euro. Die damit verbundene Ausstellung in der Berliner Fotogalerie C/O Berlin zeigte Beispiele aus drei Jahrzehnten von Peter Lindberghs Schaffen (vom 25. September 2010 bis 9. Januar 2011).

 

- Der Band „Images of Women“, ursprünglich erschienen 1997 als Begleitbuch zu Lindberghs erster Retrospektive im Berliner Museum „Hamburger Bahnhof“, liegt als „Collector’s Edition“ in einer Ausgabe von 100 Exemplaren vor (alle signiert und  nummeriert, 10 Exemplare als épreuves d’artiste), Preis 1000 Euro. Die Sonderausgabe 2004 anlässlich von Lindberghs 60. Geburtstag ist vergriffen (312 Seiten, 189 Duotoneabbildungen, Großformat 26 x 38,5 cm, ISBN 3-8296-0143-3, Preis 39,80 Euro). Eine verkleinerte Sonderausgabe im Format 19,5 x 29 erschien 2014 (39,80 Euro, ISBN 978-3-8296-0637-0).

 

- „Untitled 116“ mit einer Fülle von Starporträts erschien erstmals 2006 und liegt bereits in dritter Auflage vor (356 Seiten mit 207 Tafeln in Farbe und Duotone, Text Deutsch/Englisch/Französisch, ISBN 978-3-8296-0179-5, Preis 98 Euro).

 

Lindberghs erstes großer Fotoband bei Schirmer/Mosel war der Klassiker „10 Women“, München 1996, mit einem Text von Karl Lagerfeld. Der Band ist vergriffen, ebenso wie die 2004 erschienene Sonderausgabe (120 Seiten, 110 Abbildungen in Duotone und Farbe, ISBN 3-8296-0137-9, Preis 14,80 Euro. Der Band enthielt die Porträts der zehn internationalen Supermodels (Naomi Campbell, Helena Christensen, Cindy Crawford, Linda Evangelista, Kristen McMenamy, Kate Moss, Tatjana Patitz, Claudia Schiffer, Christy Turlington und Amber Valletta).

 

- Homepage Peter Lindbergh: http://www.peterlindbergh.com/#HOME

- Webseiten Vera von Lehndorff: http://www.veruschkaselfportraits.com/about.html,

http://www.veruschka.net/

- Information über Nina Burri: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/das-bond-girl-als-schlangenfrau--24034150.html

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