Manfred Rinderspacher

 

 

 

Manfred Rinderspacher in einer Ausstellung seiner Jazz-Porträts im  Jahr 2000 im elsässischen Mulhouse. Die beiden Aufnahmen machte sein Pariser Kollege Horace.

 

 

"Kunst und Kosmos" dankt Manfred Rinderspacher für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion seiner Arbeiten auf dieser Seite

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Fotografie/Rinderspacher.html

Sitemap

Übersicht Fotografie

 

12-01-2004

Die Gesichter der Musik

Der Mannheimer Jazz-Fotograf Manfred Rinderspacher

 

Von Christel Heybrock  

 

Er ist ja ein gefragter Mann. Zeitungen und Firmenkonzerne bemühen sich um ihn, weil sie seine Kompetenz, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit schätzen. Auch die Webseiten von „Kunst und Kosmos“ wurden durch seine Aufnahmen mit geprägt und entscheidend bereichert. Hat Manfred Rinderspacher jemals einen Termin vergessen? Hat er jemals mehr Zeit gebraucht, als man ihm, eilig und ahnungslos, zugestehen wollte? („Ach bitte, das haben wir doch übermorgen, oder geht es schon vorgestern?“) Im hektischen Alltag eines Pressefotografen ist Rinderspacher der reinste Fels in der Brandung, immer ruhig, zielbewusst, flexibel und von lautloser Einfühlsamkeit.

 

Aber was sonst noch in ihm steckt, seine eigene, unverwechselbare Substanz als Fotograf, das kümmert die Auftraggeber seines Brotberufes wenig, und es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch Zeit und Energie dafür findet. Immerhin hat er seine Werke in Büchern, auf Plattencovern und in Zeitschriften veröffentlicht, und auch Ausstellungen im In- und Ausland haben ihn in der Szene bekannt gemacht. Angefangen hat es in den wilden sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – wer hätte sich damals den großen Rock- und Popgruppen entziehen können? Mit der Kamera war Rinderspacher an vorderster Front, bis er Mitte der Siebziger „sein“ Thema doch genauer definieren konnte: Jazz, eine Leidenschaft, die immer noch anhält, die ihn drängt, mit Bildern zu antworten auf Rhythmen und Töne. Etwas in dieser Art Musik findet in Manfred Rinderspacher eine bedingungslose Entsprechung, eine natürliche Nähe und Geistesverwandtschaft. Er sei, urteilte sein Kollege Matthias Creutziger einmal, „nicht nur ein Kenner der Jazz-Szene – er ist ein Teil von ihr. Er hat diese Musik, den Blues, den Swing, die vertrackten Rhythmen und die abhebende Expressivität des Free-Jazz verinnerlicht und lebt sie." Und Musikkritiker Georg Spindler konstatierte, seine Fotografien seien „hochkonzentrierte Porträts, die das Typische jedes einzelnen Musikers vermitteln“.

 

Die Voraussetzung solcher gelungenen Porträts ist bei Rinderspacher nicht nur die akustische Wahrnehmung, sondern das Interesse an der spezifischen sozialen Organisation des Jazz, an den Menschen also, die diese Musik machen. Jazz gehört nicht zu den hierarchischen Künsten, bei denen sich ein Ensemble der Alleinherrschaft eines Dirigenten oder Solisten unterzuordnen hätte. Jazz ist zutiefst demokratisch organisiert, was das Vorhandensein ausgeprägter Persönlichkeiten bedingt: Da steht jeder mal als Solist mit seinem ureigenen Ausdruckscharakter im Zentrum, und da muss jeder auch wieder loslassen und dem andern den Soloauftritt einräumen können, wobei sich meist ein spontaner Dialog ergibt, ein Fragen und Herausfordern, ein Antworten, spielerisches Auftrumpfen und Mitreißen.  Diese große Freiheit und Selbstverantwortung, dieses lockere und von neurotischen Zwängen völlig ferne Zusammenspiel, genau das ist es, was offenbar in Manfred Rinderspacher die „Saiten zum Klingen“ bringt, was er als verwandte Lebenshaltung empfindet.

 

Kein Wunder, dass die großen Musiker ihn als einen der Ihren betrachten, obwohl er ja selber nicht zu Saxophon oder Schlagzeug greift. So wie die Jazzer ihr Leben und ihre Umgebung nach den ihnen angemessenen Tönen und Rhythmen erkunden, so behutsam und neugierig guckt sich Rinderspacher unter den Jazzern nach adäquaten visuellen Eindrücken um, diskutiert mit ihnen, sucht sie in der Garderobe auf, fährt mit im Bus zu den Sessions... dass er mit seiner leisen Art sich dabei nie aufgedrängt hat, dass in seinem Verhalten stets eine sichere Balance aus Nähe und Distanz war – es ist eine Eigenart, die man auch bei Presseterminen mit höchst unkünstlerischen Personen bei Rinderspacher beobachten kann. Er ist da, und ohne mehr zu reden als die nötigsten „Regieanweisungen“, entdeckt er in Gesicht und Haltung einer Person sofort ihr Wesen, ihre inneren Spannungen, ihre Selbstgewissheit. Seltene Fähigkeit noch dazu: Nie gibt er ein Urteil ab, weder verbal noch mit der Kamera. Rinderspacher lässt Menschen so, wie sie sind.

 

 

Seine Jazzfotos bilden die sichtbare Substanz dieser Lebenshaltung. Es ist, als würde er der Musik mit seinen Schwarzweißaufnahmen erst ein Gesicht geben, genauer gesagt, eine Fülle von Gesichtern, denn die Menschen erscheinen bei ihm so versunken in ihre Tätigkeit, so verwachsen mit ihren Instrumenten, als seien sie der bildliche Ausdruck der Musik, das visuelle Pendant zu den akustischen Eindrücken. Die Taschentrompete von Don Cherry wird zur Verlängerung seiner Finger, die geblähten Wangen und die Rundung des Schalltrichters erscheinen als konkav-konvexes Formenpaar, die wie gedrechselten Haarsträhnen auf dem Kopf sieht man förmlich davonfliegen, als wären es Klänge. Ähnlich Posaunist Craig Harris, bei dem der ganze Kopf mitsamt den mächtigen Wangen und den aufgerissenen Augen als Formvariante des Schalltrichters und als dessen Gegenpart zu fungieren scheint. Was immer Spontaneität im Jazz bedeutet – bei solchen Bildern wird sie sichtbar im festgehaltenen Augenblick, in der einen „richtigen“ Sekunde, in der Rinderspacher auf den Auslöser gedrückt hat.

 

 

Da taucht Drummer Elvin Jones wie ein schweißnasser, seliger Schwimmer zwischen seinen Trommeln auf, und Free-Jazz-Saxofonist Archie Shepp hat seine Körperhaltung dem Instrument so angepasst, als seien er und es eine untrennbare Einheit. Shepp antwortet dem leicht emporstrebenden Schwung des Saxofon-Mundstücks und dem senkrechten Verlauf des Instruments mit zurückgelegtem Kopf und schräg nach hinten geneigtem Oberkörper – der Mensch wird zur Entsprechung des Instruments, das Instrument wiederum zu seiner Verlängerung.

 

 

Genial die spontane Komposition aus Bögen bei dem Porträt des Multi-Instrumentalisten Gunter Hampel: Der Ausschnitt des Bildes zeigt nur Hampels Gesicht zwischen Ohr und Adamsapfel im Profil, wie er mit gespannten Halssehnen das gebogene Mundstück eines Instruments beatmet. Zwischen den Zufallskurven einiger Haarsträhnen und der Biegung des Instruments scheint ein natürliches Fließen stattzufinden, ein Prozess, der durch Hampels energischen Augen- und Mundausdruck eine gegenläufige Spannung, eine raue, asketische Charakteristik bekommt. Die Aufnahme könnte geradezu als Beweis einer Äußerung dienen, die Hampel einmal in einem Interview mit Carina Prange machte: „Jedes Instrument ist eine Verlängerung meines Körpers, wie ein Arm oder ein Bein... aus meinen verschiedenen Körperteilen ‚ziehe’ ich die Musik in die Instrumente.“

 

Leichter, spielerischer dagegen das Porträt von Drummer Alvin Queen, dessen Kopf über einem Bogen aus Lichtpunkten schwebt – einer Arkade aus Tönen, die noch einen Sekundenbruchteil im Raum hängen und vergehen. Und ganz poetisch und versunken der französische Bassist und Komponist Renaud Garcia-Fons, den man im Gegenlicht von hinten und im Viertelprofil mit dem Volutenhals seines mächtigen Saiteninstruments sieht. Der Mensch nach rechts, der Hals des Instruments nach links gedreht, laufen beide in der Bildmitte zusammen und werden ein gemeinsamer Körper: Musik als greifbares Leben.

 

Info:

- http://www.jazz-network.com/fotograf/rinderspacher

- http://www.jazzpages.com/Rinderspacher/bilder_main.htm
- https://nps.nikon.de/de/04_01_01_fotografen_national.php?artist_id=252

E-Mail: rinderspacher@t-online.de

kostenlose counter