August Sander

Das Gesamtwerk der Porträts

 


Das Cover der 808 Seiten umfassenden Sonderausgabe 2010 mit dem gesamten Porträt-Werk August Sanders. Der Schirmer/Mosel Verlag hatte Sanders Porträts 2002 in einer siebenbändigen Kassette herausgegeben, 2010 kam es in einem einzigen,voluminösen Band heraus.

 

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Fotos auf dieser Seite: Copyright Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur - August Sander Archiv, Köln/ VG Bild-Kunst, Bonn/ courtesy Schirmer/Mosel Verlag, München

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26-01-2011

Menschen zwischen den Zeiten

Der Schirmer/Mosel Verlag brachte seine August-Sander-Gesamtausgabe jetzt auch als gewichtigen Einzelband heraus

 

Von Christel Heybrock

 

Immer sehen sie einen an, über Jahrzehnte, über ein Jahrhundert hinweg. Es ist, als könnte man zurückblicken in der Zeit, in eine andere Gesellschaft, als die Menschen noch ein anderes, uns fremd gewordenes Bewusstsein von sich selbst hatten. Die irritierende Klarheit und Schnörkellosigkeit der Blicke, der Posen, der Selbstdarstellung ganz normaler Leute, die sich im Zuge der Technisierung dramatisch veränderte, sie hat den Kölner Fotografen August Sander (1876-1964) berühmt gemacht. Bereits vor der Machtergreifung der Nazis 1933 hatte Sander einen hervorragenden Ruf als Fotograf. Es ließ sich damals schon ahnen, dass er an einer revolutionären Bestandsaufnahme von Menschenbildern arbeitete, denn Sander legte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seine Themenmappen an, die den „Bauer“, den „Handwerker“, „Die Frau“, „Die Stände“ bis hin zu den „Letzten Menschen“ dokumentieren sollten. Das verhängnisvolle braune Regime hatte sofort verstanden, dass Sander zu den Avantgardekünstlern gehörte, die mit der Ideologie verlogenen Heldentums nichts zu tun hatten. Er rettete sich aufs Land und arbeitete in den vierziger Jahren in Kuchhausen im Westerwald.

 

Nach dem Krieg blieb Sander für eine kunstsinnige Öffentlichkeit lange eine Art Geheimtipp, und erst der Münchner Schirmer/Mosel Verlag, der 1975 sein Programm mit der Publikation von August Sanders „Rheinlandschaften“ eröffnete, sorgte mit konsequenten Veröffentlichungen für einen regelrechten Siegeszug: Die Geschichte der Fotografie wäre ohne Kenntnis dieses großen Lebenswerk völlig anders geschrieben worden, Sander gehört heute zu den bekanntesten und bedeutendsten Fotografen überhaupt. 2002 krönte der Verlag diese bemerkenswerte Kontinuität mit einer anspruchsvollen Gesamtausgabe von Sanders Porträtfotografie, wie sie wohl nicht mehr übertroffen werden kann. In einer zehn Kilo schweren Kassette konnten nach rund zehnjähriger Forschungsarbeit von Mitarbeitern des Kölner August-Sander-Archivs alle Menschenbilder erstmals veröffentlicht werden.

 


Vielleicht das bekannteste Porträtfoto August Sanders: der "Konditor" (1928), dessen Leibesfülle mit der Rundung seiner Rührschüssel konkurriert.

 

Die sieben Bände orientierten sich dabei an den von Sander selbst angelegten Mappen, so dass jeder Band einen Themenkomplex vereint. Zusätzlich legte der Verlag noch einen Studienband mit biografischen und kulturhistorischen Texten vor, der auch alle Fotografien im Kleinformat noch einmal präsentiert. Wegen der hervorragenden Informationen gerade des Studienbandes konnte man auch auf den nicht verzichten, ließen sich doch wichtige biografische und künstlerische Informationen nur hier nachlesen. Insgesamt wurden 180 zuvor unbekannte Aufnahmen erstmals veröffentlicht. Die mehr als 200 Euro teure Ausgabe der sieben Bände in einer Kassette ersetzte der Verlag 2010 durch eine einbändige Sonderausgabe, die vielleicht nicht nur des günstigen Preises wegen auf Liebhaber trifft: Wer bestimmte Bilder und Informationen sucht, blättert vielleicht schneller und effektiver in einem einzigen (allerdings voluminösen) Buch als in mehreren Bänden, die sich auf dem Schreibtisch stapeln.

 

 Die besondere Porträttechnik Sanders, der 1892 im Alter von 16 Jahren seine Karriere in ganz traditionellem Stil und mit solidem handwerklichem Können begann, bestand in einer zunehmend radikalen Vereinfachung. Die „künstlerischen“ Kopierverfahren, die „malerischen“ Effekte, die ein Modell in weiches, schmeichelndes Licht tauchen und mit geheimnisvollen Schatten umgeben, lehnte Sander ab zugunsten von simplem Tageslicht, einer Belichtungszeit zwischen 2 und 8 Sekunden, einer meist frontalen Pose der Modelle und einer kalten, klaren Authentizität. Auf dekorativen Umraum, der nicht charakteristisch für das Modell und seinen sozialen Stand war, wurde völlig verzichtet, häufig wurde das Modell sogar vor eine anonyme weiße Wand platziert, so dass der Mensch wie aus dem Nichts auftaucht und nur sich selbst zeigen kann, sich zeigen muss. Im Vorfeld ermittelte Sander durch lockere Gespräche, wie sich das Modell natürlicherweise bewegte, welche Körperhaltung charakteristisch war, welche Pose ihm das Gefühl gab, ganz bei sich selbst zu sein.

 


Repräsentanten eines vergangenen Jahrhunderts: Sanders "Bauernpaar" von 1912.

 

So wuchtig und selbstbewusst steht er dann heute noch vor uns, der Konditor mit der barocken, weiß bekittelten Leibesfülle und der bauchigen Rührschüssel aus dem Jahr 1928.  So schnöselig arrogant gucken sie uns heute noch an, die Jungbauern in schwarzen Sonntagsanzügen von 1914. Zwei Jahre zuvor scheint ein altes Bauernpaar noch das 19. Jahrhundert zu repräsentieren: Die Frau mit schwarzseidenem Häubchen, die müden Hände überm Bauch aneinander gelegt, während er, sitzend auf den Stock gestützt, in seinen harten Gesichtszügen ein Leben aus Kampf und Mühsal erkennen lässt. Es gibt Aufnahmen, die unversehens apart bis exotisch wirken, so 1931 die WDR-Sekretärin mit der Bubikopffrisur und der kostbaren Ornamentik ihres Kleides oder die irritierend androgyne „Frau eines Malers“ im weißen Hosenanzug von 1926. Andere Aufnahmen sind dermaßen entlarvend, dass man sich wundert, wie das Modell nicht über sich selbst erschrak, etwa der Nationalsozialist mit dem dräuenden Blick von 1937/38 oder der pummelige, verloren dreinschauende Witwer von 1914 mit seinen beiden hohläugigen Kindern.

 


Nicht gerade fürs Büro geeignet wirkt auf heutige Betrachter das mit kostbaren Blumenranken bestickte Kleid der WDR-Sekretärin (1931). Rundfunksekretärin zu sein, war wohl seinerzeit kein alltäglicher Job.

 

Aber auch unfreiwillige Komik hielt Sander mit dem gleichen nüchternen Blick fest, den er allen seinen Modellen zukommen ließ: Er hat sie buchstäblich hervorgelockt damit aus ihren Lebenshülsen. Wahrer und authentischer als bei ihm haben sie sich vermutlich nie gezeigt. Empfinden wir heute ein Doppelporträt wie das von „Mutter und Sohn“ (1925-1930) als schonungsloses Dokument einer allzu engen, eheähnlichen Beziehung (der folgsame, weiche Sohn eng an die schmallippige, resolute Mama gerückt), so zeigt Sander im Kapitel „Die letzten Menschen“ seine ganze, bestürzend moderne Radikalität. Nur 16 Aufnahmen sind aus seiner Mappe „Idioten, Kranke, Irre und die Materie“ erhalten, darunter die Totenmaske seines 1944 in der NS-Haft gestorbenen Sohnes Erich und eine Reihe behinderter Kinder aus der Blindenanstalt Düren (um 1930).

 

Menschen zwischen Tradition und vorwärts drängender Utopie – Sanders Lebenswerk führt uns die dramatischen sozialen Veränderungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor Augen. Die rasende Fahrt ins Unbekannte, die immer noch andauert in eine Zukunft voller sozialer und politischer Umstürze, sie hat ja auch uns im Griff und längst unser Selbstverständnis geprägt. Ein neuer Sander hätte viel zu tun ...

 

Infos:

- Eine Wanderausstellung mit 200 Fotos war vom 26. Mai bis 21. Juli 2002 im Salzburger Rupertinum zu sehen und ging später nach San Francisco, New York, Berlin und Frankfurt/Main.

- August Sander: „Menschen des 20. Jahrhunderts“, Gesamtausgabe in 7 Bänden, dreisprachig, Verlag Schirmer/Mosel, München 2002, zusammen 1436 Seiten mit 619 Fototafeln, 228 Euro (ISBN 3-8296-0006-2). Der Studienband erschien bereits 2001 und kostet 29,80 Euro (208 Seiten, 695 Abbildungen, ISBN 3-8296-0024-0).

- August Sander „Menschen des 20. Jahrhunderts. Ein Kulturwerk in Lichtbildern“, eingeteilt in sieben Gruppen, Sonderausgabe in einem Band mit Schuber, herausgegeben von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln. Mit Texten von Gabriele Conrath-Scholl und Susanne Lange, Verlag Schirmer/Mosel, München 2010, 808 Seiten, 619 Duotone-Tafeln, gebunden, ISBN 978-3-8296-0500-7, Preis 98 Euro, www.schirmer-mosel.com

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