Jeanne d'Arcs Gebeine sind eine Fälschung


Die Jungfrau von Orléans auf dem Höhepunkt ihres Sieges - idealisierendes Historiengemälde von Jean-Dominique Ingres (1780-1867)aus dem Pariser Louvre (1854). Der Titel "Krönung Karls VII. in Reims" führt bewusst in die Irre - von dem schwachen König ist nichts zu sehen, dafür beherrscht Jeanne in Ritterrüstung die Szene, um ihren Kopf zieht sich ein zarter Heiligenschein.
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Jeanne d'Arc auf einer Miniatur aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Centre Historique des Archives Nationales, Paris). Authentische zeitgenössische Porträts der französischen Nationalheldin gibt es nicht.
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10-04-2007
Update 15-01-2011

 

Von Frankreichs Nationalheldin blieb nicht einmal Asche übrig

Paläopathologe Philippe Charlier in der Zeitschrift „Nature“: die Relikte stammen von einer Mumie

 

 

Von Christel Heybrock 

 

Philippe Charlier ist ganz besessen von alten Geschichten. Wenn einer sich in konkreten historischen Fakten auskennt, dann der Forscher, Paläopathologe und Mediziner am Raymond-Poincaré-Hospital in Garches bei Paris. Als beispielsweise im Jahr 2004 das Grab von Agnes Sorel (1410-1449), der schönen Mätresse des französischen Königs Karl VII., geöffnet und die Gebeine untersucht wurden, konnte Charlier feststellen, dass Agnes zum Zeitpunkt ihres plötzlichen Todes mit ihrem vierten Kind im siebten Monat schwanger gewesen war und zugleich an Wurmbefall gelitten hatte: Sie starb an einer Überdosis Quecksilber - ob durch Mord oder medizinisches Versehen (Quecksilber wurde damals als Heilmittel verwendet), musste Charlier allerdings offen lassen.

 

Was er jedoch 2006 mit den sterblichen Überresten von Jeanne d’Arc erlebte, verblüffte selbst ihn. Die französische Nationalheilige wurde nach Jahrhunderten der Vergessenheit ja erst im 19. Jahrhundert wieder ins Bewusstsein gerufen, und so ist es kein Zufall, dass sich 1867 auf dem Dachboden einer Apotheke in Tours ein seltsames Behältnis mit sorgsam bewahrten, schwärzlichen Überresten menschlicher Gebeine fand, beschriftet mit der Information, dies seien Relikte, die einst unterm Scheiterhaufen von Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orléans, gefunden worden seien. Auch seriöse Wissenschaftler mutmaßten noch Jahrzehnte später, mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ handle es sich bei dem Stück einer menschlichen Rippe, einigen verkohlten Holzstückchen, einem 15 Zentimeter großen Leinenfetzen und einem Katzenbeinchen um Relikte der 1431 hingerichteten Jeanne d’Arc. Das Behältnis wurde dem Erzbistum Tours übergeben und befindet sich heute im Diözesan-Museum in Chinon. Am qualvollen Tod der neunzehnjährigen jungen Frau waren Vertreter der Kirche seinerzeit aktiv beteiligt gewesen, obwohl es sich um einen politischen – heute würde man sagen: Mord handelte. Die als angebliche Ketzerin verbrannte Jeanne war nur zögerlich später rehabilitiert und in die Reihen der Gläubigen wieder aufgenommen worden. 1909 wurde sie immerhin selig und 1920 heilig gesprochen.

 

Um relative Gewissheit über die Qualität von Jeanne d’Arcs Relikten zu gewinnen, beauftragte die Kirche im Jahr 2006 nun Philippe Charlier, und der setzte eingehende Untersuchungen an. 18 Experten unter seiner Führung machten sich unter anderem an Infrarot- und Massen-Spektroskopie, zogen ein Elektronenmikroskop heran und analysierten Pollen. Charlier beauftragte nicht zuletzt zwei besonders empfindliche „Nasen“ aus der Parfümindustrie mit Blindtests im Schnüffeln: Sylvaine Delacourte von Guerlain und Jean-Michel Duriez von der Firma Jean Patou schnupperten an den bewussten Jeanne-d’Arc-Resten und neun anderen Gebein- und Haarproben aus Charliers Labor, ohne zu wissen, was sie vor sich hatten, und ohne Möglichkeit, sich untereinander abzusprechen. In den Jeanne-d’Arc-Proben erschnüffelten sie beide Hinweise auf verbrannten Gips (was die Echtheit bestätigt hätte, denn die arme Jeanne, die unter die Sadisten geraten war, wurde nicht auf einem Haufen Holzscheite verbrannt, sondern auf einem Scheiterhaufen aus Mörtelstücken, damit das Schauspiel länger dauerte). Aber die Parfümnasen erkundeten auch Vanilledüfte, und die konnten unmöglich aus einem Verbrennungsvorgang zurückgeblieben sein! Nach verbranntem Fleisch und Knochen jedenfalls rochen die Reste der Heiligen nicht.

 

Charlier kannte den Vanillegeruch von normal verfallendem menschlichen Gewebe, speziell aber auch von ägyptischen Mumien, und dieser Verdacht bestätigte sich immer mehr. Mikroskopische und chemische Analysen der schwarzen Kruste auf der Menschenrippe und dem Katzenbeinchen brachten die Erkenntnis, dass es sich nicht um Brandrückstände, sondern um eine Imprägnierung aus pflanzlichen und mineralischen Substanzen wie Pinienharz, Gips und Pech handelte ohne die geringsten Rückstände von Muskeln, Haut, Fett oder Haar. Besonders der Stofffetzen deutete auf charakteristische Mumien-Umwickelung hin. Und die zahlreichen Bestandteile von Pinienpollen kündeten vom Mittelmeerraum, keineswegs aber von der Normandie, in der es im 15. Jahrhundert keine Pinien gab. Die allerletzte Gewissheit schließlich kam durch die Radiokarbon-Analyse, mit der sich das Alter der Proben ermitteln ließ – sie stammen eindeutig aus dem dritten bis sechsten Jahrhundert vor Christus, sind also rund 1000 Jahre älter als Jeanne d’Arc.

 


Johanna auf dem Scheiterhaufen aus der "Légende de Jeanne d'Arc", einem Zyklus von Wandgemälden von Jules-Eugène Lenepveu (1819-1898) im Pariser Pantheon. Drei Brandvorgänge sorgten damals dafür, dass von der jungen Frau nur Asche übrig blieb, die dann in die Seine gestreut wurde.
Foto: Wikimedia Commons

 

Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet Mumienreste für Jeanne-d’Arc-Relikte ausgegeben wurden? Mumienstückchen galten schauerlicherweise einst als Heilmittel in der Medizin – dass ihr Fundort eine Apotheke war, ist also mehr als plausibel. Die unbekannte Person, die mit der Jeanne-d’Arc-Beschriftung das neu entstandene Interesse an der vergessenen Heldin anheizte, dachte sich wohl, dass niemals jemand den Unterschied herausfinden würde. Auch der kleine Katzen-Oberschenkel schien die Scheiterhaufen-Version zu bekräftigen, denn man warf seinerzeit verurteilten Hexen eine schwarze Katze mit ins Feuer. Was Charlier allerdings heute bestätigt, ist die Tatsache, dass der für Jeannes Hinrichtung verantwortliche Bischof von Beauvais und seine Henkersknechte höchst erfolgreich dafür gesorgt hatten, dass von ihr absolut nichts übrig blieb. Aus Sorge, das Volk könne ihre Reliquien verehren und damit die Autorität der Kirche unterminieren, verbrannten sie Jeanne in drei Vorgängen. Charlier vermutet, dass die zuvor schon bei Fluchtversuchen verletzte und in der Haft schwer misshandelte junge Frau bei der ersten Verbrennung an einer Rauchvergiftung starb. Beim zweiten Vorgang blieben immer noch ihre inneren Organe erhalten – erst der dritte Brand machte schließlich Asche aus ihr, und die wurde in die Seine gestreut.

 

Was von ihr blieb, ist allerdings dauerhafter als ein paar Reliquien. Jeanne beendete durch ihr mitreißendes Auftreten vor einer demoralisierten Armee nicht nur den Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England, sondern gab mit der Krönung Karls VII. und der Befreiung von Paris den Franzosen eine nationale Identität zurück. Noch heute ist rational kaum nachvollziehbar, was sie innerhalb von nur anderthalb Jahren zwischen 1429 und 1430 leistete. Sie hat es teuer bezahlt, denn Dankbarkeit und Anerkennung waren im Gegensatz zu Verrat und Intrigen damals so selten wie heute. Von Karl VII. fallen gelassen, war sie in Gefangenschaft der mit England verbündeten Burgunder geraten und von den sauberen Männern für 10.000 Franken an die Engländer verkauft worden. Die wiederum dachten mit Recht, sie könnten die schwierige Person durch keine gründlichere Institution beseitigen als durch die katholische Kirche und übergaben sie der Inquisition in Rouen, wo sie am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz in den Tod befördert wurde. Die Kirche, so Charlier, habe sein negatives Untersuchungsergebnis akzeptiert. Womöglich mit unausgesprochener Erleichterung, denn ein Ruhmesblatt ist der Fall Jeanne d’Arc nicht eben für sie.

 

Info:

- http://www.livescience.com

- http://www.nature.com/nature/journal/v446/n7136/full/446593a.html

- http://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_von_Orleans

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