Die Erzählung beruht auf authentischen Ereignissen der Jahre 1940/1941. Dalberts Briefe an Emma haben sich in einem Nachlass erhalten.

 

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 Dalberts letzter Traum

 

Von Christel Heybrock 

 

 

Wenn es eine Wahrheit gibt, die man lernen muss, dann ist es die, dass die Frauen uns Männer nicht brauchen. Sie benutzen uns bestenfalls, weil ihnen unerklärlicherweise gelegen ist an der Reproduktion der Menschheit. Sie benutzen uns womöglich zur Sicherung ihres Lebensunterhalts oder als Mittel gegen ihre Langeweile – aber Geld verdienen können sie bereits alleine, und Langeweile ist nur eine Frage individueller Fantasie. In dem Augenblick, in dem wir die Wahrheit unserer völligen Nutzlosigkeit begreifen, zerbricht etwas, das nicht mehr heilt. Es wäre gut, wenn wir an der eisigen Last dieser Erkenntnis sofort stürben. Aber glücklich schon der, auf dessen Herz erst im Alter der Felsen herabstürzt: Leben kann man danach nicht mehr lange.

 

Immerhin war Dalbert wenigstens dieses Glück zuteil geworden. Indem er sich fragte, ob er manchmal noch an Emma dachte, wurde ihm gewiss, dass er die Reste, die er empfand, die wenigen Dinge, die er wahrnahm, immer noch auf sie bezog. Nichts war mehr so deutlich wie früher, es gab nicht mehr diese überwältigende Klarheit. Emma hatte sich in der unerreichbaren Tiefe seines Lebens ausgebreitet und begonnen, ihn von dort aus zu zerstören. Er schützte sich dagegen, indem er taub und kalt wurde. Der flüchtige rosafarbene Streifen quer über den ganzen Himmel, ankündigend die baldige Dämmerung, bevor es zum Abendessen ging – es hätte ein Zeichen sein können all der Zärtlichkeit und Freude in der Welt, von denen er einen Teil abbekommen hatte. Aber es bedeutete nichts mehr. Nicht für mich, stach es in seinem Leib, nichts mehr für mich. Und der Anblick der Schwimmer und Badenden, die den ganzen Tag in der Mittelmeerbrandung verbracht hatten, verstärkte in ihm die Gewissheit, dass sie sich vergebens abmühten. Wie schön das aussah, wie herrlich, diese Geschicklichkeit, mit der sie die Wölbungen der Wogen und das Umschlagen nutzten, um in den gewaltigen Kehlen aus Wasser zu schweben oder über die Kämme hinweg zu pflügen! Welch ein Bild elastischer Körper, wie sie sich anpassten und bestehen lernten in der Natur! Ich habe sie nicht bestanden, dachte er, vom Hotelfenster herabsehend, und sie, sie werden vielleicht die Brandung, aber nicht die Frauen bestehen. Für jeden kommt irgendwann die Frau, die einen Mann wertlos macht, die ihm zeigt, was die Wahrheit der Natur ist.

 

Im Schlafzimmer nebenan kramte Erika am Kleiderschrank. „Vergiss deine Pillen nicht,“ rief sie zu ihm herüber. „Wir sollten jetzt runtergehen zum Abendessen, sonst haben diese Scharen das Büffet leergegessen, bevor wir auf der Bildfläche erscheinen!“

 

Jaja. Es war Erikas Idee gewesen, hierher zu kommen, um zu vergessen. Ein ehemaliges spanisches Fischerdorf, überlaufen von Touristen aus aller Welt, auch aus Spanien selbst, erstaunlicherweise. Neulich hatten sie am Strand ein Ehepaar aus Alaska kennen gelernt: „Wir kommen jedes Jahr im Januar und Februar hierher,“ hatte der Mann erklärt, „in Alaska ist die Sonne jetzt verschwunden! Nur im Sommer ist sie immer da, sie geht einfach nicht unter,“ und in Erinnerung an den nachtlosen Sommer des Nordens hatten seine Augen gestrahlt. Er liebt sie, dachte Dalbert, er liebt die Sonne, er liebt immer noch etwas, obwohl er bestimmt zehn Jahre älter ist als ich. Er hat es nicht begriffen. Es rührte ihn.

 

„Wirst du ihr noch mal schreiben?“ fragte Erika beim Nachtisch.

 

„Wie?“ zuckte Dalbert zusammen. „Wem?“

 

„Na, Emma und Anna Brede,“ erläuterte sie. „Sie werden vielleicht immer noch damit rechnen, Emma und ihre Mutter!“

 

„Es ist mir egal,“ sagte Dalbert entschlossen. „Womit rechnen sie nicht alles! Und womit haben wir gerechnet, du und ich! Ich habe keine Lust zu schreiben. Das ist vorbei.“

 

Aber war das die ganze Wahrheit? Er hatte sein Herz nicht für so rein gehalten wie das von Emma, die ihn entzückt hatte, als sie sich ihm entzog mit den Worten: „Ich kann nichts hinter dem Rücken meiner Mutter tun!“ Als kompromisslos klares Geschöpf hatte er sie eingeschätzt, als jemand, mit dem er nicht konkurrieren konnte. Und er hatte Emma oft geschrieben, fast öfter als er sie gesehen hatte. Seine Briefe hatte er Erika nicht verschwiegen, nur den Wortlaut hatte er ihr vorenthalten. Den hätte Erika nicht verstanden. Sie hätte ihn für nicht mehr zurechnungsfähig erklärt.

 

„Verehrteste Freundin,“ hatte er geschrieben, „liebste Emma! Vor Mittwoch nächster Woche darf ich dich nicht mehr sehen? Dein Wille – sei er auch nur angedeutet – ist mir Befehl! Ob ich aber dann noch lebe? Ich glaube, ich habe mich bis dahin vor Sehnsucht nach dir verzehrt, und was dir begegnen wird, ist nur noch ein Schatten meiner selbst.“ Er lachte stumm in sich hinein. Tatsächlich, das hatte er geschrieben, er hatte sich von Emma in Fesseln legen lassen wie ein Schuljunge, er, ein alter Mann von sechzig Jahren. Und Erika, die jetzt vor ihm saß und vergnüglich an ihrer Desserttorte herumgabelte, hatte weder damals von den Erfüllungen etwas geahnt, die er vor sich glaubte, noch ahnte sie heute etwas von seiner Leere. Erika und er, sie gaben einander ihre Gegenwart und Freundlichkeit, nachdem sie in Jahrzehnten gelernt hatten, dem andern nicht ins Herz zu sehen, nicht unter die Haut. Vor allem das, dachte Dalbert, ist das Geheimnis einer guten Ehe, dass man sich kennt und sicher ist, am nächsten Tag derselben Nase, dem gleichen Suppenschlürfen, dem ausholenden Schwung des Badetuchs zu begegnen, und auch in der nächsten Woche, im nächsten Jahr. Es ist nicht nötig, ja, es wäre geradezu obszön, tiefer zu sondieren. Man sollte darauf verzichten, einen Menschen, den man schätzt, bis auf den Grund zu erkennen. Man verliert die Achtung vor ihm. Was man in ihm entdeckt, ist in jedem Fall fürchterlich.

 

In der Nacht erwachte Dalbert von einem stechenden Gefühl im Leib. Als er sich im Bett aufrichtete und Erikas Atemzüge neben sich hörte, schien sich das Gehäuse des Zimmers um ihn zu drehen. Erschrocken legte er sich wieder hin, nachdem er das Kopfkissen vorsichtig und unter Vermeidung größerer Anstrengung geknickt hatte. Er fixierte die gelbliche Nachtbeleuchtung des Strandhotels gegenüber und lauschte auf das beruhigende An- und Abschwellen der Brandung, versuchte ihr seinen Atemrhythmus anzupassen. Tatsächlich ließ es sich so aushalten, tatsächlich schien er eine aufsteigende Übelkeit damit dämpfen zu können. Trotzdem könnte ich sie jetzt brauchen, dachte er vage, indem er mit einem brackigen Geschmack im Mund allmählich schläfrig wurde, jetzt müsste Emma hier sein und sich um mich kümmern, so wie damals, als ich sie zum ersten Mal sah.

 

Die Sache war eigentlich noch gar nicht so lange her, ein paar Monate, dreiviertel Jahr. Auf einem Reviergang hatte er sich entschlossen, den Ablauf zu beschleunigen. Schon damals hatte er geahnt, hatte er in seinem Körper empfunden, dass es völlig gleichgültig war, ob er lebte oder nicht. Vielleicht, nein, ganz bestimmt, hätte er sich nicht überwältigen lassen von dieser Empfindung, wenn er mit Dieburg gegangen wäre. Sie machten die Reviergänge immer zu zweit, aber an diesem Tag hatte sich Dieburg mit einer fiebrigen Grippe abgemeldet, und Dalbert musste allein nach dem Rechten sehen. Die alten Fichten hatten Sturmschäden, und als er die zerfetzten Zweige sah und die bedrohlich angehobene Erde über den Wurzeln, wusste er plötzlich, dass er selber auch nicht besser, nein, keinen Deut sicherer dran war. Er würde mit dem Kreisamt beraten müssen, welche Bäume gefällt würden und ob überhaupt noch ein Erhalt im einen oder andern Fall zu verantworten war. Nicht auszudenken, wenn so ein Riese beim nächsten Gewitter auf den Weg kippte, womöglich einem Spaziergänger auf den Kopf!

 

Die Äxte würden kommen müssen, die Sägen, die Transportfahrzeuge, und er sah vor sich, wie ins lebendige Fleisch geschnitten wurde, wie die Stücke auf die Ladeflächen knallten als tote Klötze, und er fragte sich, wohin er selbst fallen, was sein eigenes Fallen anrichten würde. Nichts, sagte er sich, vielleicht würden die Kinder ein paar Tränen vergießen, vielleicht würde Erika ein wenig trauern und sich zur Beerdigung ein schwarzes Hütchen kaufen. Aber sie alle hätten es höchstens bequemer ohne ihn.

 

Im Strauchwerk fand er ein paar Stellen mit Wildverbiss. Das war nicht schlimm. Aber dann sah er sie, dunkel und glänzend, und er nahm davon, halb um auszuprobieren, wie weit er sich der Grenze seines Lebens würde nähern können. Sie schmeckten süß, harmlos und etwas wässrig. Und dann stieg eine namenlose Angst in ihm hoch und rüttelte an seinen Fingern, rüttelte an ihm wie der Sturm an den Bäumen. Es jagte ihn zum Auto und er schaffte es tatsächlich bis zum Forsthaus, wo Erika in der Küche werkelte und ihn ungläubig ansah bei seinen Worten: „Telefonier’ nach dem Notarzt, schnell!“

 

Sie machten irgendwas mit ihm, damit er sich übergeben sollte, Erika bekam noch durchs Telefon Anweisungen, was sie mit ihm machen musste, bis der Arzt da wäre. Er hatte vergessen, was passierte, ja doch, trinken sollte er, warmes Wasser, Unmengen von warmem Wasser, es war gar nicht schlecht, weil alles so trocken war in ihm, er fühlte sich kleiner werden im Zentrum eines hektischen Geflatters, Erika flatterte dauernd um ihn herum und machte einen Nebel daraus, in dem er sich verstecken konnte und leicht wurde, leicht... Aus dem Nebel tauchte irgendwann Emma auf, an seinem Bett, mit einer Spritze, mit ihrer Besorgtheit, strahlend vor Unschuld und Wärme, die Augen, das Haar so dunkel wie das, wonach er gegriffen hatte und was ihm ans Leben ging. Ihm war so übel! Diese Hetzjagd in ihm! Er hatte sich nicht vorgestellt, dass der Tod oder nur die paar Schritte an den Abgrund so qualvoll sein würden.

 

Emma, der Engel, schenkte ihm neu, was er aus der Hand hatte gleiten lassen. Sie war noch nicht lange in der kleinen Stadt, wo sie erst vor ein paar Wochen eine Praxis aufgemacht hatte. Sie lebte dort mit ihrer Mutter und hoffte, das Unternehmen werde florieren. Sie war Mitte dreißig, sanft, ein wenig rund im Gesicht und am Körper, und ihre Wangen schienen ihm zwei rosige, duftende Kissen, an denen er gern seine Nasenflügel gerieben hätte.

 

Sie bestellte ihn zur Nachbehandlung in die Sprechstunde, als es ihm besser ging. Er setzte sich ins Wartezimmer, wo er allein war, und nahm in Gedanken die Sekunde vorweg, in der sich die Tür öffnen und Emma in weißem Kittel erscheinen würde, um ihn hereinzubitten. Er war aufgeregt, schwitzte ein wenig vor Schwäche. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie noch einmal einen Hausbesuch bei ihm gemacht hätte. Und als sie dann im Türrahmen stand, stach ihr Bild ihm ins Herz. Emma hatte nichts von der eiligen Kühle und Gleichgültigkeit vielbeschäftigter Ärzte. Sie war ja auch noch nicht vielbeschäftigt. Sie forschte in ihm, untersuchte seinen Körper und seine Seele mit inquisitorischer Genauigkeit – oder waren es nur ihr Blick, die prüfende Eindringlichkeit, mit der sie in ihn hineinsah, was ihn förmlich festnagelte in sich selbst?

 

„Warum haben Sie das getan?“ wollte sie wissen, und wie ein Kind, das sich, beim Naschen ertappt, vor der Mutter rechtfertigen muss, stammelte er etwas davon, dass ihn Selbstzweifel und ein momentanes Gefühl von Sinnlosigkeit gepackt hätten, etwas, das er jetzt selber nicht mehr begreifen könne.

 

Sie schürzte dennoch missbilligend die Oberlippe. „Der liebe Gott,“ kam es tatsächlich aus ihrem vollen, schön geschwungenen Mund, „der liebe Gott hat uns das Leben nicht geschenkt, damit wir es mutwillig zerstören. Vielleicht hat er Sie nur prüfen wollen. Sie müssen fester auf dem Boden stehen. Lernen Sie vertrauen!“

 

„Ja,“ hauchte er brav und ein ganz klein wenig amüsiert.

 

„Haben Sie denn nicht mal mit Ihrer Frau darüber gesprochen?“ wollte sie weiter wissen. „Was hat die denn zu der ganzen Sache gesagt?“

 

„Ach,“ entfuhr es ihm. „Daran habe ich nicht gedacht... ich meine, es war kein Gedanke, solche Dinge mit ihr... wissen Sie, wir sind seit fünfunddreißig Jahren verheiratet, wir sind nicht mehr jung, wir kommen miteinander aus, die Kinder sind alle aus dem Haus, leben in andern Städten, mein Sohn hat eine Französin geheiratet und ist in Paris in der Miederbranche tätig, ausgerechnet, meine Tochter hat sich im Spirituosengroßhandel verehelicht, der zweite Sohn studiert, was soll ich meiner Frau denn vorjammern, im Grunde geht es uns gut!“

 

„Sie sind in einer neuen Lebensphase angekommen,“ erklärte Emma und sah ihn wieder an mit ihren dunklen Kirschenaugen, schloss verriegelte Tore auf in ihm. „Sie müssen in diesem neuen Abschnitt wieder lernen, aufeinander zuzugehen und einen neuen Sinn, neue gemeinsame Inhalte zu entdecken. Wenn Sie bisher miteinander ausgekommen sind ohne schwere Konflikte, besteht doch eine wunderbare Chance, das Sie es weiterhin miteinander schaffen werden. Machen Sie sich die Chance eines Neuanfangs bewusst. Was werden Sie tun, wenn Sie jetzt nachhause kommen?“

 

„Oh, nichts,“ stammelte Dalbert, „was werde ich tun, ich werde vielleicht die Post durchsehen, mit meinem Forstgehilfen oder dem Kreisamt telefonieren, um anzudeuten, dass ich bald wieder das Heft in der Hand habe.“

 

„Nein, nein,“ korrigierte Emma. „Das dürfen Sie ja gerne machen, aber wie verhalten Sie sich mit Ihrer Frau? Was tut die gerade, wenn Sie ins Haus treten?“

 

„Ich weiß nicht,“ rätselte Dalbert, „vielleicht kocht sie Marmelade oder bezieht die Betten?“

 

„Nun, das macht doch eine Menge Arbeit,“ befand Emma etwas streng, „dann gehen Sie ihr mal zur Hand dabei! Was meinen Sie, wie sie sich freuen wird!“

 

Dalbert signalisierte stumme Zustimmung, um die Sache endlich zum Ende zu bringen. Es war blödsinnig, Erika beim Einkochen oder Bettenmachen zu helfen, denn wahrscheinlich tat sie etwas ganz anderes. Er verstand nichts davon. Er hatte sich nie in ihre Tätigkeiten eingemischt. Aber als er zum Abschied Emmas Hand in seiner fühlte und die Ermahnung hörte, am Montag wiederzukommen, hätte er sie, verwirrt vor Glück, am liebsten in die Arme genommen. Ein himmlisches Brausen füllte seinen Kopf. Für Erika kaufte er einen Blumenstock und ein Fläschchen teures Parfum, eingewickelt in Geschenkpapier, und sie sagte überrascht „Oh, Lieber, was hast du da gemacht?“, als er ihr beides überreichte.

 

„Sie ist eine ganz edle Person, die junge Ärztin,“ sagte er statt einer Antwort.

 

„Was hat sie denn damit zu tun?“ lachte Erika und deutete auf ihre Geschenke.

 

„Sie hat mir ins Gewissen geredet. Sie meinte, wir beide, du und ich, müssten lernen, wieder mehr voneinander zu haben. Wie findest du das?“

 

„Wenn’s dir recht ist, koch ich erst mal Tee für uns. Ich habe Kuchen gebacken. Wir können es uns mal gemütlich machen. Aber ehrlich gesagt,“ plauderte Erika, während sie das Wasser aufsetzte und die Tassen hervorholte, „ehrlich gesagt, finde ich sie auch fantastisch. Sie ist so idealistisch und so anständig, so offen und unbefangen. Und sie hat sich so viel Mühe mit dir gegeben...“ Der Kuchen duftete auf der gestickten Tischdecke. Der Blumenstock leuchtete blau wie in unsäglicher Sehnsucht, und in den Tassen dampfte der rötliche Tee. „Was meinst du,“ lächelte Erika, „wenn wir sie als Dankeschön mal zu uns einladen, vielleicht mit ihrer Mutter. Die haben hier doch noch gar keine Freunde!“

 

Dalbert atmete tief ein. „Oh, Erika!“ stieß er hervor. Er umarmte sie später, als sie den Tisch abräumen wollte. Er nahm seine Frau in die Arme und küsste sie aufs Haar, und Erikas fester, etwas knubbeliger Körper hielt still und drückte sich an seinen. „Ich bin so froh, dass du am Leben geblieben bist,“ hörte er, aber da war er schon ein wenig fern mit seinen Gedanken. Da fragte etwas, was wie ein Traum emporstieg, wie wohl Emmas Leib sich anfühlte, wenn er dasselbe mit ihr täte.

 

Sie kamen, Mutter und Tochter, Anna und Emma Brede. Frau Anna, umweht von matten Düften, war in ein Schwarzseidenes geschlüpft, präsentierte ihr Haupt gerahmt von den ornamentalen Kurven einer frischen Dauerwelle. Dalbert bewunderte sie: Wie energisch sie war, wie entschieden! Es passierte, dass sie mit dem Zeigefinger auf die Tischkante klopfte, wenn es galt, ihren Ansichten Gehör zu verschaffen. Ihren Ansichten? Oh, es waren Verdikte, die keinen Widerspruch duldeten. Das war schön, fand er, man konnte sich an dieser Festigkeit anklammern wie an einem Geländer. Man sah in ein Paar Augen, die lächeln konnten, ohne etwas preiszugeben, die stets klar zu sein schienen wie funkelnde Steine. Wird sie denn nie müde, fragte er sich.

 

Emma hing an ihr mit der niemals in Frage gestellten Liebe eines Kindes, das sich in die Verantwortung des Erwachsenen fügt. Sie ging mit ihrer Mutter ähnlich fürsorglich um, wie sie es mit Dalbert getan hatte, leise bebend beobachtete er es und erkannte, welche Steigerungen in Emmas Verhalten noch möglich waren: Eigenhändig stopfte sie der Mutter ein Kissen an den Rücken, halbierte ein Stück Torte, hob das herunter gefallene Taschentuch auf, brachte das gestickte Handtäschchen, das in der Garderobe liegen geblieben war – kleine Aufmerksamkeiten, die Anna offenbar so selbstverständlich waren, dass sie sie nicht einmal mit einem dankenden Kopfnicken erwiderte.

 

Aber Emma, Dalbert hatte es ja bereits selber erfahren, war nicht nur hingebungsvoll und anhänglich, sondern in gewisser Hinsicht auch ebenso festgefügt wie ihre Mutter. Sie erwiesen sich beide als kirchentreue Protestanten. Sie gingen beide von der Voraussetzung aus, dass die geringste Abweichung von dieser Überzeugung auch für alle anderen Menschen einen Schritt vom richtigen Weg bedeutete und dass man ihnen den Pfad des Glaubens notfalls kenntlich machen musste, damit sie darauf zurückkehrten.

 

„Aber was ist mit dem Islam, mit dem Buddhismus, mit dem afrikanischen Animismus?“ fragte Dalbert neugierig. „Wer diesen Überzeugungen anhängt, kann nicht einfach zum protestantischen Christentum gezwungen werden!“

 

Anna überhörte seinen Einwurf. Musste man etwas so Abseitiges denn beantworten? Und Emma zuckte die Schultern: „Unser Herr Jesus gibt allen, auch ihnen, die uns doch recht fern sind, die Gelegenheit, sein Evangelium zu hören und danach zu handeln. Es ist ihre Entscheidung, wenn sie bei ihrem alten Irrglauben bleiben und jede seelische Entwicklung zum Besseren, zum Höheren von sich weisen. Was kann man da tun? Wir haben genug zu tun mit uns selbst.“

 

Dalbert nahm kaum wahr, was sie sagte. Er starrte in ihr weiches Gesicht, in dem sich wieder diese Züge von Entschlossenheit abzeichneten, und er wäre am liebsten vor ihr auf die Knie gesunken. Emma. Sie war ein Stern, der in sein Leben leuchtete. Nicht dass er ihre Überzeugungen geteilt hätte! Niemals würde er das können. Aber dass sie sie hatte, dass sie sie unbeirrt vertrat, dass sie nicht schwankte in ihrer Hingabe, das verlieh ihr Größe.

 

„An die kostbarste der Frauen,“ schrieb er später, noch ganz betäubt von dem Nachmittag. Erika, die er erneut umarmt hatte, damit sie zeitig schlafen ging und nachträglich vom Erfolg ihrer gastlichen Bemühungen träumte, Erika hatte ihn glücklich allein gelassen. „Verehrteste Freundin! Mitternacht! Ich achte nicht auf die Stunde, sondern sitze am Schreibtisch, um Ihnen ein Bekenntnis zu machen. Sie haben ein Recht darauf, zu erfahren, welcher Art meine Liebe zu Ihnen ist, und ich muss Ihnen sagen, was ich im tiefsten Herzen für Sie empfinde. Zunächst aber lassen Sie mich danken dafür, dass ich Ihnen begegnen durfte und in Ihnen einen Menschen kennen lernte, für den ich nicht nur Liebe empfinde, sondern dem auch meine unbegrenzte Hochachtung und meine tiefste Verehrung gilt. Unendlich viel habe ich Ihnen zu sagen. Ich möchte Ihnen mein Herz weit, weit öffnen, damit Sie jederzeit darin lesen können wie in einem aufgeschlagenen Buch. Wenn ich Ihnen meine Liebe offenbare, so geschieht das mit der Versicherung, dass sie nicht durch den leisesten Schatten eines unreinen Gedankens verdunkelt ist. Heilig sind Sie mir und werden es bleiben bis an mein Ende. Ich weiß, dass meine Liebe einem Menschen gehört von ganz reinem, lauterem Herzen, einem Menschen von besonderem Format und seelischer Größe, wie sie einem im Leben nicht oft begegnen. Verehrteste Freundin, es ist nicht gar so leicht, all sein Denken und Fühlen in die richtige Form zu bringen. Nie und nimmer würde ich diesen Versuch unternommen haben, wenn ich nicht von der Lauterkeit Ihres Denkens überzeugt wäre. Lassen Sie uns frei und unbeschwert von jedem unschönen Gedanken, Seit’ an Seite in zärtlicher Freundschaft leben, Bruder und Schwester gleich.“

 

Er hielt es nicht aus, den festgesetzten Behandlungstermin abzuwarten. Er zog am nächsten Morgen einen Stadtanzug an und stieg klopfenden Herzens, den Brief in der Tasche, einen Blumenstrauß in der Hand, die Treppe zu Emmas Praxis hoch. Mutter Anna begegnete ihm; es war ihm nicht unlieb, und er gab einem blitzartig sich meldenden Instinkt nach, indem er Anna die Blumen überreichte und auf das Freundlichste log, er habe sich damit bei ihr für den Besuch gestern Nachmittag bedanken wollen. Es war ein gelungener Schachzug, denn Mutter Anna zeigte sich solchen Komplimenten ganz und gar nicht abgeneigt; ihre Überraschung ging augenblicklich in Rührung über und die wiederum in huldvolle Geneigtheit. „Wenn Sie meine Tochter noch kurz sehen möchten – sie ist in der Praxis und wird sich freuen!“ ermunterte sie ihn.

 

„Was für ein feiner Mensch!“ meinte Anna beim Abendessen, als die Rede auf Dalbert kam.

 

„Ja, das finde ich auch,“ bestätigte Emma. „Aber ein bisschen überspannt scheint er manchmal zu sein. Er lässt uns Grüße von seiner Frau ausrichten und überreicht mir im selben Atemzug einen Liebesbrief. Hier, lies mal!“

 

„Das ist ja allerhand!“ meinte Anna, als sie den Brief gelesen hatte. „Es ist an der Grenze zur Ungehörigkeit, liebes Kind. Achte auf dich, dass du solche Avancen nicht duldest. Er mag ein netter Mensch sein, aber er muss wissen, wo seine Grenzen sind.“

 

„Ach, Mutter,“ entgegnete Emma, „er ist fast doppelt so alt wie ich. Er könnte mein Vater sein – und so schlecht ist das gar nicht für mich, da wir Vater durch seine Krankheit so früh verloren haben. Dalbert wird seine Grenzen schon respektieren. Schau ihn dir doch bloß mal an! Sieht so ein Frauenheld aus? Mit solchen kleinen Äuglein und einem eingedrückten Mund? Er ist wirklich kein schöner Mann, keiner, von dem man träumt. Was mich betrifft, so kannst du da beruhigt sein. Ich habe ihm heute Nachmittag übrigens schon eine Andeutung gemacht, dass er etwas Abstand nehmen sollte.“

 

„Verehrteste Freundin,“ schrieb Dalbert in derselben Nacht. „Nun habe ich Sie gesehen und gesprochen. Ich musste ja zu Ihnen kommen, um ruhiger zu werden. Wie reich haben Sie mich gemacht! Die Ruhe ist eingekehrt in mein Herz. Wie danke ich Ihnen! Noch stehe ich ganz im Bann der Stunde, die ich durch Sie erleben durfte. Ich werde immer kleiner angesichts Ihrer Seelengröße, die sich mir offenbarte. Und meine Seele klingt wie eine Harfe, in die Sie mit zarter, feiner Hand hineingegriffen haben. Solcher Frauentyp, wie Sie ihn verkörpern, ist wirklich ein Segen. Das habe ich nicht erwartet, dass ich mich Ihnen so eng verbunden fühlen und mich Ihren väterlichen Freund nennen darf. Aus dieser glücklichen Verbindung kann sich nur Gutes und Schönes entwickeln, und der Grundstein zu einer dauerhaften, echten Freundschaft ist gelegt.“

 

Der Zustand seines Gleichgewichts dauerte jedoch nicht lange. Die Ruhe, die Emma in sein Herz gesenkt hatte, kam vielleicht nur aus einem Irrtum. Er hatte Emma womöglich nicht in allen Facetten verstanden, sich nicht jede Nuance ihrer Mitteilungen bewusst gemacht. Hatte sie nicht auch etwas anklingen lassen, wogegen er sich wehren musste? War in dem beglückenden Einverständnis ihrer letzten Begegnung nicht auch eine tiefe Störung verborgen gewesen, etwas, das er klarstellen musste, weil sie es noch nicht begriffen hatte? Er saß auch in der nächsten Nacht am Schreibtisch, während Erika glaubte, er arbeite sich nun wieder energisch durch den forstamtlichen Papierkram.

 

„Liebste Freundin,“ schrieb er, „liebe Emma. ‚Denken Sie doch bitte nicht so viel an mich’, so sagten Sie vor kurzem zu mir. Es klang wie eine Bitte und liebevolle Mahnung zugleich. Und was war die Folge? Sie können es ahnen! Was Sie mir sind? Köstliche Blume und kostbares Gefäß zugleich, das man nur mit reinen, zarten Händen nehmen darf. Kann ich denn wirklich Ihr väterlicher Freund sein? Darf ich als solcher auch ein klein wenig Teil haben an Ihrem Glück und an Ihren Freuden? Darf ich mich mit Ihnen freuen? Und Ihren Schmerz teilen, wenn Kummer und Leid Ihrer Seele Wunden geschlagen haben? So nehmen Sie denn das Versprechen eines Sechzigjährigen entgegen, dass er treu und unwandelbar zu Ihnen halten wird in allen Lebenslagen, komme, was kommen mag. Ja, jedermann darf es wissen, dass ich zu Ihren ergebensten Freunden zähle, dass ich Sie verehre, aber niemand braucht und soll es ahnen, wie groß meine Empfindungen für Sie sind, da man befürchten muss, letzten Endes missverstanden zu werden.“

 

Er seufzte erleichtert auf, ja, das hatte er noch sagen müssen. Er schickte den Brief per Post. In ein paar Tagen würde er sie ohnehin in der Sprechstunde sehen.

 

„Meine Mutter ist nicht sehr glücklich über den Ton Ihrer Briefe,“ sagte Emma, während sie im Medikamentenschrank nach einem Mittel für ihn suchte.

 

Dalbert war froh, dass sie nicht sah, wie er erbleichte. Er hatte sich aber gefasst, als sie sich ihm wieder zuwandte. „Das sind unnötige Befürchtungen, Emma, ich habe doch stets betont, dass ich keine solchen Absichten habe! Ich möchte mit Ihnen befreundet sein und an Ihrem Leben teilnehmen. Darin kann auch Ihre liebe Mutter nichts Böses finden! Erzählen Sie mir, was Sie gestern Abend gemacht haben! Wie verbringen Sie Ihre Zeit außerhalb der Praxis?“

 

„Oh,“ sagte sie rasch, als fiele ihr plötzlich etwas ein, „wenn Sie das wissen wollen – ich habe ein Buch gelesen über Hochalpinismus.“

 

„Wie kommen Sie denn darauf?“ fragte Dalbert verblüfft.

 

Das ist gut, dachte Emma, er hat sicher geglaubt, ich hätte immer nur von ihm geträumt. Man muss ihn, auch wenn es unsanft geschieht, auf den Boden der Tatsachen zurückholen. „Ich bin mit dem Autor sehr gut bekannt, er hat mir das Buch geschenkt,“ erklärte sie. „Wollen Sie es mal lesen? Wenn Sie wissen möchten, womit ich mich beschäftige, sollten Sie vielleicht reinschauen.“

 

„Aber gerne. Würden Sie es mir leihen?“ Sie hatte ja recht. Er musste doch wissen, wohin ihre Gedanken gingen! Dennoch schien ihm die heutige Begegnung mit Emma weniger intensiv als sonst. Irgendwo schien eine Leere zu lauern, er bekam keinen Boden unter die Füße, obwohl sich nirgends eine Gefahr zeigte. Unmöglich hätte er in diesem schrecklichen Zustand gehen können. Als sie sich verabschieden wollten, zog er sie daher einfach an sich. Er musste fühlen, dass sie wirklich war. „Wollen wir uns nicht Du sagen, liebe Emma?“

 

„Wenn Sie wollen,“ gab sie nach und löste sich schon aus seinen Armen.

 

„Wenn Sie wollen?“ lachte er. „Wenn du willst, Emma!“

 

Nun lachte sie auch. „Gut, Dalbert. Also: wenn du willst!“

 

Es machte ihn so glücklich, dass er sie noch einmal kurz an sich drückte.

 

„Meiner lieben Emma von ihrem W.“ las er in der Nacht am Schreibtisch als Widmung in Emmas Buch. Zum Donner, was sollte das? Wer war W? Gott, da stand es ja, der Autor Werner Garstein. Dalbert schlug das Buch wieder zu. Auf dem Umschlag prangte der Mont Blanc wie eine billige Tourismusreklame vor kornblumenblauem Himmel. So etwas konnte er nicht lesen, das war eine Zumutung! Er legte die Hände hinterm Rücken zusammen und wanderte im Zimmer auf und ab. Es war nicht möglich, dass eine Frau wie Emma mit so einem aufgeblasenen Windbeutel... Nein, dazu war sie zu fest verankert in ihren Überzeugungen! Wieder quoll das Glück warm und beruhigend in ihm empor: Wie sie an ihrer Mutter und an ihrer Religion hing! Es war unsinnig, an ihrer Standfestigkeit zu zweifeln. Ein solcher Abenteurer passte nicht zu ihr. Zeitverschwendung, sich wegen dieses lächerlichen Buches aufzuregen. Er würde darin blättern, na schön, er wollte sich schließlich keine Blöße geben, falls das Gespräch gelegentlich darauf kommen sollte.

 

Er schlug das Buch wieder auf. Der hintere Klappentext war mit dem Porträt des Autors dekoriert. Der? Der hatte ja eine Glatze! Er war mindestens zehn, fünfzehn Jahre älter als Emma. Also, der kam bestimmt nicht für sie in Frage! Dennoch blieb ein Zweifel in Dalbert zurück wie ein Schatten, der nicht verschwinden wollte. Es war, als blickten ihn die großen dunklen Augen dieses Mannes aus den Zeilen an, Augen, die mit Emmas Augen verwandt schienen, wenn sie auch mehr Neugierde ausdrückten und einen Tatendrang, etwas Expansives, das sie nicht hatte, Gott sei dank, sie blieb ja stets bei sich und in sich selbst.

 

„Liebste Freundin,“ schrieb er in der Nacht darauf, „das Buch von W. mit Dank zurück. Ich las es mit Interesse, wenn ich dieser Wissenschaft auch nicht das leiseste Verständnis entgegen bringen kann. Für Hochalpinisten habe ich nicht allzu viel übrig, so heldisch und mutig ihr Tun und Wagen auch ist. Es ist wirklich schade, dass W. sich gerade diesen trockenen Zweig der Wissenschaft zum Studium gewählt hat, doch er fängt an, mir interessant zu werden. Du aber, verehrteste Freundin, sei klug und unternehme vorerst keinen einzigen Schritt in die unbekannte Region; es könnte dir sonst passieren, eines Tages in einer Gletscherspalte zu verschwinden. Denke vielmehr in erster Linie nur an dich selbst und an dein liebstes, bestes Mütterchen. Wenn du mich teilnehmen lassen magst an deinen Sorgen, deinen Nöten, dann lass mich nur dein Köpfchen aufrichten und deine Tränen wegküssen. Lass mich dir ein Helfer sein, wenn du meiner Hilfe bedarfst. Ich bin gewiss nicht unbescheiden, wenn ich dich bitte, mich auch teilnehmen zu lassen an den Freuden, die dir das Leben schenkt, und ganz von Herzen will ich mich freuen an dem Glück, das dir beschieden sein wird! Ich küsse deine Hände!“

 

Es war ihm unangenehm, den Brief mit der Post schicken zu müssen und mehrere Tage lang keinen Anlass zu haben, sich Emma zuzuwenden, nachts, am Schreibtisch, wenn er allein war mit seinen innersten, wahrhaftigsten Träumen. Er rechnete damit, dass sie vielleicht anrufen und einen Spaziergang vorschlagen würde. Er hatte ihr bei Gelegenheit das Revier zeigen wollen, und dieser Vorschlag schien geradezu auf ihre Begeisterung gestoßen zu sein. Aber er hörte nichts von den Damen Brede. Es war so auffällig, dass Erika schon danach fragte. „Ich werde sie mal anrufen, abends, wenn das Fräulein Doktor keine Patienten hat!“ schlug sie vor.

 

„Ach, nein,“ Dalbert unterdrückte seinen Schrecken mit Mühe, „ich muss ihnen sowieso schreiben. Man sollte sie nicht drängen. Womöglich ist Emma einfach durch die Praxis zu sehr in Anspruch genommen. Sie wird sich schon melden, sie oder ihre Mutter.“ Bei Emma war er ja sicher, dass sie ihn nicht verraten würde. Aber es war nicht auszudenken, wenn Erika mit Mutter Anna spräche und die sich über seine Briefe beschwerte. Dass Emma offenbar alles, auch seine Liebesgeständnisse, vor ihrer Mutter ausbreitete – ja, es bedeutete eine harte Prüfung für ihn. Aber so war sie, und so liebte er sie: kompromisslos in ihrer Geradheit!

 

Dalbert hatte wohl den Anspruch begriffen, der für ihn in Emmas Offenheit lag. Es ging nicht anders, er musste ihr gewachsen sein und sich als ebenbürtig erweisen. Anna las seine Geständnisse: Die leiseste Unwahrheit würde sich vor diesen Augen in Nichts auflösen, würde verdampfen wie ein Tropfen Wasser in der Sonne! Er konnte nur Bestand haben, wenn alles, was er schrieb, von einfacher und ewiger Wahrheit war, so klar und offen wie die Herzen der beiden Leserinnen, so lauter wie sie, so unwandelbar sicher wie sie. Jedes Wort musste abklopfbar sein und standhalten. Ach, Dalbert war atemlos glücklich über diese Herausforderung! Niemand hatte ihn bisher so im Innersten beansprucht und bei seiner Ehre gepackt! Niemand hatte auch nur geahnt, dass solche Ansprüche, ein solcher Grad von Reife und Größe in ihm schlummern würden! Auch das dankte er Emma, dass sie ihn erkannt und durchsichtig gemacht hatte.

 

Aber warum ließen sie nichts von sich hören? Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Mutter Anna hatte ihn, im Gegensatz zu Emma, sicher noch nicht richtig verstanden, zweifelte noch an ihm, verwechselte ihn noch mit dem, was sie üblicherweise in solchen Situationen würde mutmaßen müssen, mit einem raffinierten Ehebrecher nämlich. Dalbert empfand Übelkeit bei diesem furchtbaren Gedanken, der ihm so wenig gerecht wurde. Das musste er korrigieren, eher würde es kein Glück mit Emma geben! An Anna musste er schreiben, nicht an Emma, vorerst keine Zeile mehr an Emma, er würde alles nur noch schlimmer machen damit. Anna musste ihm vertrauen, ach, er würde dieser Schranke gewachsen sein, er würde es ihr schon beweisen!

 

Als er endlich dazu kam, war fast eine Woche vergangen , und es schien eine Erlösung zu sein, nun alles, alles sagen zu können. „Verehrteste, liebe Mutter Brede!“ schrieb er liebevoll und mit tiefer Zärtlichkeit. „Das Gefühl verlässt mich nicht, dass Sie beunruhigt sind über mein Verhältnis zu Ihrem Kinde. Darum betrachte ich es als Ehrensache, Ihnen die notwendigen Erklärungen zu geben. Ihnen zu sagen, dass ich Ihre Tochter liebe, ist überflüssig, denn das wissen Sie längst. Bei Ihrer Emma kommt aber noch etwas ganz Besonderes hinzu. Außer Ihrer Tochter sollen Sie als Mutter das erfahren. Seit Jahren hatten meine Frau und ich uns auseinander gelebt, und Frl. Doktor brachte das große Wunder fertig, dass das Verhältnis zu meiner Frau mittlerweile das denkbar beste geworden ist und bleiben wird. Ihre Emma stellte sich nicht zwischen meine Frau und mich, sondern sie führte uns zusammen. In überschäumender Dankbarkeit habe ich Emmas Kopf in meine Hände genommen und sie auf Scheitel und Stirn geküsst. Unsere Freundschaft ist tief und kann durch nichts mehr erschüttert werden. Meine Frau weiß alles, und auch ihre Dankbarkeit und Liebe gehört Ihrem Kinde. Sie bittet mich immer wieder, ja recht aufmerksam und lieb zu Frl. Doktor zu sein. Meine Liebe zu Emma ist rein und wird es bleiben. Ich kann vor Gottes Richterstuhl damit bestehen. Seien Sie deshalb ganz beruhigt, verehrteste liebe Mutter Brede, und nehmen Sie mir nicht das Heiligste und Erhabenste, das ich in mir trage. Frieden, Freude, Fröhlichkeit empfing ich von Frl. Doktor. Nehmen Sie mir das nicht, ich bitte Sie herzlich darum; meine Frau und ich würden unendlich viel verlieren. Ich gebe zu, dass ich etwas überschwänglich war. Dafür lege ich mir selbst eine Buße auf, indem ich für die nächsten Wochen Ihre Wohnung nicht mehr betrete. Eventuelle Briefe von mir können Sie öffnen, Frl. Doktor wird es Ihnen gestatten. Wenn ich Ihnen in der Stadt begegne, werde ich auf Sie zukommen und Sie begrüßen als das, was ich bin: Ihr ergebenster und treuer Dalbert P.“

 

„Weißt du was, Mutter,“ sagte Emma, „der Mann hat sie nicht alle. Es wird uns allen gut tun, wenn er mal ein paar Wochen Pause macht. Ich werde nicht schlau aus ihm. Dieser Brief an dich, den du mich liebenswürdigerweise hast lesen lassen – er ist ein einziger Widerspruch. Mit seiner ‚reinen Liebe vor Gottes Richterstuhl...’ – glaubt  er das eigentlich selber? Es ist ja beinahe eine Lästerung. Ich mag das nicht mehr hören.“

 

„Ich denke, damit ist die Affäre nun beendet,“ ergänzte Anna kalt. „Melde dich nicht bei ihm. In ein paar Wochen hat er am Ende alles von allein vergessen. Es wäre das Beste. Wie konntest du übrigens zulassen, dass er dich umarmt? Es gehört sich nicht, für eine Ärztin schon gar nicht. Was sollen die Leute sagen, wenn sie erfahren, dass du deine Patienten umarmst? Du hast eine Praxis und kein Bordell!“

 

„Ja, Mutter. Ich bin dir dankbar, dass du mir die Augen darüber öffnest. Verzeih mir bitte. Ich wollte dich nicht kränken damit.“

 

Anna beachtete den schüchternen Einwand nicht, sondern setzte das unvermutete Großreinemachen fort: „Und was diesen Werner Garstein betrifft, so sorge endlich für Klarheit. Heirate ihn oder beende das Verhältnis...“

 

„Liebste Mutter, du weißt doch, dass ich kein Verhältnis mit ihm...“

 

„Das spielt keine Rolle, ich habe nicht behauptet, dass du so schlecht bist oder mich hintergehst, ich meine, entweder heirate ihn, so lange es noch Zeit ist, oder trenn dich von ihm.“

 

„Aber Mütterchen, du weißt, dass ich niemanden heiraten würde ohne dein Einverständnis. Die Hauptperson bist immer du...“

 

„Nun ja,“ Anna gab sich etwas besänftigt, „irgendjemand musst du ja mal heiraten, es wäre eine merkwürdige Entgleisung in unserer Familie, wenn du es nicht tätest. Willst du vielleicht enden wie Tante Dorothee? Wenn es denn unbedingt dieser Garstein sein muss... wenigstens gehört er zu unserer entfernten Verwandtschaft, das ist ein Pluspunkt für ihn, wenn ich auch sonst nicht viel von ihm halte. Ernähren können wird er dich nicht, der hat keinen Fuß auf die Erde gekriegt bisher.“

 

„Ach, Mutter, man sollte nicht endgültig über ihn urteilen. Er ist ein lieber Kerl, er hat einfach keine Chance gehabt. Ich glaube, er braucht nur jemand, der für sein Gleichgewicht sorgt, eine Bezugsperson, die sein Leben ins Lot bringt, dann kommt alles andere von allein.“

 

„Kind, Kind, was nimmst du dir da vor? Willst du ihn erziehen? Stell dir lieber die Frage, was er dir zu geben hat – umgekehrt wird er für sich selber schon nachgedacht haben, und es ist klar, wer von euch beiden im Vorteil ist.“

 

„Also Mutter, ich verspreche dir hoch und heilig, dass er dich akzeptieren muss. Wenn er damit einverstanden ist, gut. Alleine würde ich nicht mit ihm zurechtkommen, mit niemandem. Außerdem: es wäre undankbar, wenn ich mich nur wegen eines Mannes von dir trennen wollte, nach allem, was du für mich getan hast. Du sollst dir mein Studium nicht vom Munde abgespart haben, um im Alter zu vereinsamen. Das muss auch ein Ehemann verstehen.“

 

„Tag, Frau Brede,“ hörte Anna ein paar Tage später, als sie am Postschalter Briefmarken kaufte. Es war Erika, strahlend, liebenswürdig, erfreut über die zufällige Begegnung, und Anna, zu überrascht, um gleich die Distanz einzunehmen, die sie und Emma sich vorgenommen hatten, gab den Gruß in gleicher Verbindlichkeit zurück.

 

„Welch ein eleganter Hut!“ bewunderte Erika, „liebe Güte, man möchte einen Hofknix machen bei Ihrem Anblick!“

 

Anna lachte auf. „Wie geht es dem Gatten?“ machte sie Konversation.

 

„Oh, er hat im Augenblick viel zu tun. Er hat sein Amt ja wieder aufgenommen dank der Pflege Ihrer Tochter, und nun ist er dauernd im Revier. Es gibt halt eine Menge nachzuholen. Möchten Sie beide nicht mal mitkommen zu einem Spaziergang? Es ist herrlich bei dem schönen Wetter!“

 

Es ging alles viel zu rasch, als dass Anna sich hätte wehren können gegen die Unbefangenheit, die ihr entgegen gebracht wurde. „Wissen Sie was?“ antwortete sie kurz entschlossen, „es wäre gar keine schlechte Idee. Meine Tochter ist zur Zeit ähnlich eingespannt wie Ihr Mann. Ihr würde ein Spaziergang sicher gut tun, und mir auch. Aber werktags ist es nicht möglich für uns!“

 

„Nächsten Sonntag?“ schlug Erika vor. „Sie kommen zum Kaffee zu uns und anschließend...“

 

„Ja, das passt sehr gut. Übrigens, wir feiern in drei Wochen Verlobung! Meine Tochter wird heiraten. Dürfen wir Sie beide dazu einladen?“

 

„Ach, herzlichen Glückwunsch!“ strahlte Erika teilnehmend, „wer ist denn der Glückliche?“

 

„Fräulein Emma wird bald heiraten,“ erzählte Erika zuhause, „wir sind zur Verlobung eingeladen!“

 

Dalbert brachte sekundenlang keine Silbe hervor.

 

„Nun sag doch was,“ lachte Erika.

 

„Emma verlobt sich? Das kann doch nicht sein!“

 

„Hör mal, bist du verrückt? Warum kann das nicht sein? Sie ist mit ihren dreiunddreißig Jahren, oder sind es schon vierunddreißig, wirklich alt genug.“

 

„Ich meine nur,“ Dalberts Stimme war rau und er musste sich räuspern, „sie ist überhaupt nicht der Typ zum Heiraten. Und ihre Mutter? Was sagt die denn dazu, wenn sie nun allein leben muss?“

 

„Ach,“ meinte Erika, „darüber hab ich nicht nachgedacht. Meinst du, Anna wird die Tochter aus ihren Klauen lassen?“

 

„Erika,“ mahnte Dalbert, „wie denkst du denn über die beiden? Klauen ... also das will ich nicht mehr hören.“

 

„Ist ja auch nicht unsere Sache. Bist du einverstanden, mit Emma Verlobung zu feiern? Ich habe zugesagt, aber du kannst natürlich eine Ausrede ...“

 

„Wen wird sie denn heiraten?“

 

„Diesen Kletterfritzen, diesen Werner Dings!“

 

„Erika!“ Dalberts Stimme erhob sich lauter, als er beabsichtigte. „Also das ist ja ...“

 

„Mein Gott,“ Erika wurde ungeduldig, „man muss doch die Dinge mal beim Namen nennen. Von diesem alpinen Phantasten hast du selber wohl keine bessere Meinung!“

 

„Nein,“ bestätigte Dalbert, dankbar für die Übereinstimmung, „im Gegenteil. Ich bin entsetzt. Das kann nicht gut gehen.“

 

„Meinst du?“ Erika war betroffen. „Ich kann mir Emma auch nicht als Heimchen am Herd vorstellen. Das wird hart für sie, wenn sie den Beruf aufgeben soll.“

 

„Was?“ lachte Dalbert. „Das wird sie nicht müssen. Garstein ist doch ein Gelegenheitsverdiener mit seinen Vortragsreisen, Büchern und Bergtouren. Lieber Gott, ich habe mir für Emma wirklich etwas Besseres gewünscht!“

 

„Dalbert, man muss es ihr überlassen. Da kann man niemandem hineinreden. Übrigens: am Sonntag kommen sie beide zum Waldspaziergang!“

 

„Erika!“ Dieses Mal klang es ungläubig und froh. „Liebe! Du bist ja großartig! Wie hast du das gemacht?“

 

„Oh,“ mümmelte sie kaum verständlich an seinem Hemd, indem er ihren Kopf streichelte, „es war gar nicht schwer.“

 

In der Nacht geriet Dalbert nach Stunden der Schlaflosigkeit in eine Eiswüste. Er stolperte über knisternden weißen Boden unter einem schwarzen Himmel. Die Rauchwolken seines Atems lösten sich in der Luft sofort auf. Ich bin einfach zu warm für dieses Land, sagte er sich. Ich bin als Ganzes zu warm. Sogar aus meinen Poren steigt Dampf, wie lange wird es so weiter gehen, dass ich vor mich hinzische aus allen Ventilen? Als er sich umsah, um seine Strecke abzuschätzen, bemerkte er, dass er mit jedem Schritt lange Risse im Boden hinterlassen hatte, als sei er über dünnes Glas gegangen. Also vorwärts, entschloss er sich, da vorn, wo dieses brennende Gestirn am Himmel hängt, da muss es sein! Es ist gar nicht das Land, das so kalt ist, erkannte er irgendwann. Die Kälte kommt von dem Feuerstern, auf den ich zugehe. Er scheint Eis auszustrahlen wie andere Sterne Hitze. So etwas gibt es eben, das ist mein Weg. Wirklich, er ging schnell. Und es machte ihn glücklich, dass das Eisgestirn allmählich wuchs. Ich komme näher! jubelte er. Auch ein langer Schatten in der Ferne ließ sich jetzt ausmachen. Und dann. Hatte es Jahre gedauert? Ahhh, seufzte er, ich habe es geschafft. Wie ein riesiger, grell leuchtender Felsen hing der Stern über ihm, und er sah für einen Augenblick, dass er an den Rand der Erde gekommen war und vorm Abgrund des dunklen, unermesslichen Weltalls stand. Sein Körper sprühte wie eine Wunderkerze. Er hatte gerade noch Kraft zu schreien in dem Augenblick, in dem er erlosch.

 

„Dalbert,“ sagte eine Frauenstimme. Er fühlte etwas Warmes auf  seinem Arm. „Was ist denn?“ fragte Erika. „Hast du geträumt?“ Sie kroch zu ihm und schmiegte sich an seinen Rücken.

 

Es war eine süße Freude, dass Emma bei seinem Anblick leicht zusammenzuckte. „Ich musste zu dir kommen!“ sagte er und ging auf sie zu.

 

Sie wich seiner Begrüßung aus und schritt ihm voran ins Sprechzimmer. Sie kehrte die unnahbare Ärztin hervor, thronte auf ihrem Schreibtischstuhl, geschützt hinter ganzen Batterien von Medikamenten und Geräten, während er tief in seinem Patientensessel saß und zu ihr aufsah. Wie er das liebte! Sie ahnte es sicher nicht.

 

„Was hast du für Beschwerden?“ fragte sie sachlich mit einem Blick in seine Akte.

 

„Du machst mir Sorgen, Emma,“ sagte er. „Ich freue mich, dass du und deine Mutter am Sonntag zu uns kommen, aber ich wollte vorher mit dir allein sprechen. Meinst du wirklich, dass du mit Werner Garstein eine richtige Entscheidung getroffen hast?“

 

„Jetzt hör mal zu!“ rief sie plötzlich zornig. „Das geht doch dich nichts an! Und überhaupt. Ich hab die Nase voll von deinem leeren Gesäusel. Du kannst ja gerne mit mir befreundet sein, aber hör auf, mir Liebeserklärungen zu machen! Ich werde heiraten, und damit basta!“

 

Ich wünschte, ich wäre tot, dachte Dalbert. Ich fühle noch gar nichts, aber das hätte sie nicht sagen dürfen. „Ich meine nur ,“ beharrte er trotzdem, „dass Werner vielleicht nicht ganz der Richtige ist. Was sagt denn deine Mutter dazu, dass sie dich an ihn verliert?“

 

„Sie verliert mich ja nicht,“ erklärte sie eifrig. „Das ist die Bedingung, dass sie bei uns bleibt. Das muss er akzeptieren.“

 

„Tut er es denn? Mit Freuden sicher nicht ...“

 

„Er hat zugestimmt,“ sagte sie kurz.

 

„Wirst du die Praxis aufgeben?“ fragte Dalbert.

 

„Fürs erste nicht. Seine Einkünfte sind noch zu unregelmäßig. Er sieht ein, dass es besser ist, wenn ich noch eine Weile arbeite. Welche Lösung wir später finden, müssen wir eben sehen.“

 

„Also Friede Freude Eierkuchen. Emma, das machst du weder mir noch dir selber weis! Das waren auch nicht alle deine Bedingungen. Teilt er deine religiöse Überzeugung?“

 

Sie antwortete nicht. Er sah erstaunt, dass ihre Schultern zuckten und ihre Hände das gesenkte Gesicht bedeckten. „Emma?“ fragte er begriffsstutzig. „Mein Gott, was habe ich getan?“ Er war schon bei ihr und zog sie in die Höhe, bevor er alles begriffen hatte. Es war gar nicht möglich, sie in den Armen zu bergen, sie klammerte sich mit einer Kraft an ihn, die ihn wie ein eiserner Ring umgab. Dabei durchnässte sie ihn schluchzend bis auf die Haut. „Was denn, was denn,“ murmelte er, ihren verkrampften Rücken streichelnd, wie zu einem Kind.

 

Sie verstand es als Frage und seufzte mühsam zwischen zwei Schluchzern: „Er will nicht kirchlich getraut werden! Er legt überhaupt keinen Wert auf eine christliche Ehe!“

 

Dalbert hielt den Atem an, um nicht von einem Lachanfall geschüttelt zu werden. „Aber, aber,“ raunte er vorsichtig und küsste ihre Stirn, ihre Nase. Er arbeitete sich langsam zu den Wangen vor und fühlte Emma allmählich weich werden in seinen Armen. Und dann, ohne dass er vorbereitet gewesen wäre, küsste sie ihn auf den Mund. „Emma,“ schrie er leise und bereit, die Besinnung zu verlieren. Sie küsste ihn noch einmal mit Lippen, die so weich und feucht waren wie zwei angebissene Früchte. Für den Bruchteil einer Sekunde verschmolzen Dalbert und sie zu einem Paar.

 

Dann war sie schon aus seinen Armen geschlüpft und stand vor ihm, noch mit nassem, gerötetem Gesicht: „Dalbert, das war wohl nicht ganz richtig. Ich muss meinen evangelischen Glauben leben. Das gilt auch bei dir!“

 

Seit diesem Tag hatte er Emma nie wieder allein gesehen. Sie war unzertrennlich mit Anna zusammen, die sie begleitete, wenn sie zu Spaziergängen ins Forsthaus kam, und die in ihrer Nähe blieb, wenn Dalbert mit oder ohne Erika den Besuch erwiderte. In der Praxis tauchte eine Sprechstundenhilfe auf, die Fräulein Lydia hieß und den Raum nicht eine Sekunde verließ, solange Dalbert und Emma beisammen waren. Emma sprach auch nur das Nötigste mit ihm und in Annas Gegenwart fast gar nichts. Am liebsten überließ sie es ihrer Mutter, mit ihm Konversation zu machen, und wandte sich dafür mit einer Art gehorsamer Freundlichkeit Erika zu. Auf die Dauer machte sie selbst Erika ratlos damit. Worüber sollte die sich mit dem Fräulein Doktor unterhalten? Sie hatte es schon mit Kochrezepten, Blumenpflege und der richtigen Lagerung von Äpfeln und Kartoffeln versucht: Emma schien nie über die Dinge des praktischen Lebens nachgedacht zu haben, das besorgte Anna, sie selbst begriff nichts davon. Mode? Erika, auch in dieser Hinsicht praktisch veranlagt, versuchte hin und wieder, dem Fräulein Doktor einen Rat zu geben, wie man einen Seidenschal um den Hals schlang, ohne dass er aussah wie ein Strick, oder wie weit man den Spitzenkragen eines hoch geschlossenen Kleides öffnen musste, um darin nicht wie ein überreifes Schulmädchen zu wirken. Emma ließ es sich erklären, hielt aber den Kragenknopf geschlossen („mir ist kalt“) oder kam das nächste Mal eben ohne Schal.

 

Als Erika, fast am Ende ihrer Variationen, nach einem Hochzeitsgeschenk fragte, nach etwas, das Emma würde brauchen können, bekam sie die scheue, aber deutliche Antwort: „Wir haben noch keine Hausbibel!“

 

„Was denn,“ platzte Erika heraus, „was wollen Sie denn damit?“

 

Zufällig war Werner Garstein anwesend, der sich seit der Verlobung öfter im Hause Brede aufhielt und gelegentlich auch mit ins Forsthaus kam. Er hatte ein fesselndes Gespräch mit Dalbert begonnen und mit halbem Ohr gehört, dass Emma einen Wunsch geäußert hatte. „Was, mein Liebchen, fehlt dir denn noch?“ wandte er sich ihr zu.

 

An Emmas statt antwortete Erika: „Sie wünscht sich eine Hausbibel! Nun ja. Dalbert und ich werden sehen, ob wir eine schöne finden!“

 

Werner stand der Mund offen. „Emma! Wozu brauchen wir denn noch eine Bibel, du hast doch schon zwei? Glaubst du vielleicht, ich gucke da endlich hinein, wenn es drei sind? Hör doch auf mit diesem Unsinn!“

 

Emmas rosiges Kindergesicht wurde bleich und spitz vor Zorn. „Das kann ich besser beurteilen als du,“ stieß sie heftig hervor. „Dir fehlt in dieser Hinsicht noch jede Sensibilität. Der liebe Gott hat offenbar versäumt, aus dir einen Menschen zu machen. Aber so lange du mit mir zusammen bist, werde ich an dir arbeiten. Das scheint mir der eigentliche Sinn unserer Ehe zu sein!“

 

Erika, die bemerkte, dass Mutter Anna auf die peinliche Szene aufmerksam wurde, nahm Anna mit einem harmloseren Thema beiseite und war froh, als Dalbert sich in den vorehelichen Streit mischte. Dalbert hatte vor einiger Zeit begonnen, Werners amüsante und kenntnisreiche Plaudereien zu schätzen. Er sah mit Betroffenheit, wie tief Emma ihren Verlobten verletzt hatte, und noch bevor Werner zu einem sicherlich maßlosen Gegenschlag ausholen konnte, legte Dalbert besänftigend seine Hand auf Werners Arm. „Sie werden das schon hinkriegen!“ sagte Dalbert ebenso begütigend wie zweideutig, indem er Emmas Blick suchte. Er hielt sie fest, als hätten sich seine Augen in ihr verhakt, und als eine feine Röte in ihrem Gesicht aufstieg, lächelte Dalbert, sanft den Kopf schüttelnd und alles Hässliche wegwedelnd. „Ihr werdet das schon hinkriegen!“ sagte er warm und sah nun auch Werner an, dessen versteinerte Miene sich in Traurigkeit löste.

 

„Emma ist eine Frau mit festen Grundsätzen, lieber Werner!“ sagte Dalbert, immer noch lächelnd. „Auf sie kann man bauen wie auf einen Felsen! Sie jedenfalls werden es können!“

 

„Sie scheinen sie ja wirklich gut zu kennen!“ meinte Werner sarkastisch.

 

„Oh ja!“ bestätigte Dalbert und führte seinen Kontrahenten mit leisem Nachdruck ans Spirituosenbüffet, „besser als mir lieb ist. Jedenfalls habe ich nichts bei ihr zu melden.“

 

„Den Eindruck habe ich aber gar nicht,“ beharrte Werner, dessen Züge sich dennoch allmählich geglättet hatten.

 

„Ach, was,“ Dalbert wischte auch noch den Rest weg. „Bringen Sie Ihrer schönen Braut lieber ein Gläschen Likör herüber. Sie sollte doch nicht allein auf dem Sofa da drüben sitzen bleiben!“

 

„Manchmal,“ murmelte Werner mit der Likörflasche in der Hand, „wünschte ich, sie wäre so schmiegsam in ihrem Verhalten, wie sie aussieht. Sie macht es mir nicht leicht!“

 

„Ach Gott,“ sagte Dalbert.

 

Er saß am Schreibtisch und starrte vor sich hin. Ein Gebirge hob sich vor ihm, das in Worten, in vielen Worten allmählich hätte abgetragen werden müssen, damit Emma so, wie er sie liebte, dahinter wieder zum Vorschein käme. Rosig und frisch, selbstsicher, intelligent und erwachsen, warmherzig und verstehend. Die einzige Frau, die alle seine Erwartungen erfüllte, weil sie einfach nicht anders war von Natur aus.

 

Liebste Emma, schrieb er. Was hast du getan? Was ist geschehen mit dir, mit uns? Wo kommen soviel Kälte und Grausamkeit nur her? Man kann keinem Menschen den Glauben aufzwingen, und ob man ihn hat oder nicht, ist weder ein Verdienst noch ein moralisches Versagen. Doch, hätte Emma mit blitzenden Augen beharrt, Unglauben und Freigeistlertum (sie benutzte solche Formulierungen) sind moralisch absolut minderwertig und verwerflich. Dalbert seufzte und fuhr fort: Mir scheint, dass gerade deine Tugenden dich unmenschlich machen. Dass mich gerade das ruiniert, was ich an dir liebe. Er stockte erneut. Das war kein Brief. Er kam nicht weiter. Das Gebirge lag starr und reglos vor ihm, er fand keinen Zugang. Er grübelte noch eine Weile, ein paar Minuten, wie er meinte, aber plötzlich war eine Stunde daraus geworden, und seine Gedanken verloren sich. Er nahm das Papier und zerriss es. Ich muss mit ihr reden, entschied er. Sie war doch früher vernünftig, sie wird es wieder sein.

 

Er saß lange allein im Wartezimmer, bevor die Tür aufging. Aber es war nicht Emma, sondern Lydia, die mit den seltsamen Worten „einen Moment, bitte“ sofort wieder verschwand, als sie ihn erkannt hatte. Nach einer Weile kam sie zurück: „Das Fräulein Doktor hat keine Zeit,“ erklärte sie lächelnd.

 

„Wie?“ stotterte Dalbert. „Ich wollte nur fünf Minuten ...“

 

„Es hat keinen Zweck,“ kam es zurück, „sie hat keine Zeit. Bitte verlassen Sie das Wartezimmer.“

 

Etwas Nasses, Warmes rann im dunklen Treppenhaus wie aus einer Quelle über sein Gesicht, aber auf der Straße hatte er es schon abgewischt. Er wagte sich nicht vor Erikas Augen. Er trank an einem Kiosk eine Tasse Kaffee und fuhr dann gleich ins Revier. Gegen Mittag war er ruhiger geworden. Er hatte sogar Hunger und stellte sich vor, wie wunderbar und vielleicht sogar heilend es wäre, von Erika einen Teller Suppe hingestellt zu bekommen.

 

Aber irgendetwas schien auch ihr nicht zu passen. Sie erwiderte seine Begrüßung, ohne ihn anzusehen, und als sie mit dem Essen ins Zimmer kam, knallte sie zornig die Schüssel auf den Tisch.

 

„Also, was ist jetzt los?“ fragte Dalbert laut und hart.

 

Erika sank auf ihren Stuhl und weinte.

 

Dalbert rührte sich nicht. „Nun sag schon, was dir passiert ist!“ forderte er sie noch einmal auf, dieses Mal in sanfterem Ton.

 

Sie hörte auf zu weinen und sah ihn an. „Frau Brede hat angerufen,“ sagte sie.

 

Jetzt entdeckte er in ihrem Gesicht entsetzt die Spuren einer Verwundung, eines Unheils, das für ihn noch keinen Namen hatte. Er brauchte nicht weiter zu fragen.

 

„Anna hat sich beschwert über dich,“ begann Erika ihren Bericht. „Sie ist tief beleidigt über dein Verhalten ihrer Tochter gegenüber und hat erklärt, dass ihr Haus dir nicht weiter offen stünde, wenn du nicht Vernunft annähmst. Sie sei empört, dass du Emma weiterhin nachstelltest, auch nachdem sie verlobt sei, und sie hat mir den Vorwurf gemacht, ich sei offenbar blind für dein unanständiges Verhalten. Mit meiner Naivität würde ich deine Absichten geradezu begünstigen, indem ich ihnen einen täuschenden Hintergrund von Harmlosigkeit gäbe.“

 

Dalbert wischte sich stumm mit der Hand übers Gesicht. „Ich glaube, ich verlier’ den Verstand,“ sagte er nach einer Weile.

 

„Dalbert,“ schrie Erika, indem die Tränen wieder aus ihr hervorstürzten, „wer sind wir denn, dass wir uns so behandeln lassen! Die spinnen doch, diese beiden Spinatwachteln! Wir haben unsere Freundlichkeit an sie vergeudet, so etwas darf man nicht machen! Wir hatten es mit zwei Verrückten zu tun,“ lachte sie zornig, das Gesicht überschwemmt von Tränen, „und wir müssen uns sagen, dass wir selber verrückt waren, weil wir es nicht gemerkt haben! Am liebsten würd’ ich einen Teller gegen die Wand schmeißen!“

 

Dalbert saß starr am Tisch und bemerkte sie kaum noch. „Ich versteh das nicht mehr,“ sagte er ein ums andere Mal.

 

„Ich auch nicht,“ bestätigte Erika schließlich. „Lass uns etwas essen, wir können eine Stärkung brauchen.“

 

Er rührte sich nicht.

 

„Dalbert,“ sagte Erika. „Iss was. Nun gerade!“ Sie stellte ihm die Suppe hin, und er begann mechanisch zu löffeln, weil sie es auch tat. Er löffelte alles auf, was sie auf seinen Teller legte, und erbrach es eine Stunde später.

 

„Hat das verehrte Fräulein Doktor womöglich einen Hochzeitswunsch?“ schrieb er. „Ich erinnere Sie daran, dass ich die besten Verbindungen zur Miederwaren- und Spirituosenbranche habe. Vergleichbare Artikel werden Sie in unserer Kleinstadt nicht bekommen. Lassen Sie es mich wissen, wenn ich eine Bestellung für Sie aufgeben kann.“

 

Zu seinem und Erikas Erstaunen rief ein paar Tage später Lydia an und fragte nach den Preisen. Dalbert erklärte, wie viel Ermäßigung er für welche Artikel bekommen könnte, und sie sagte, sie werde „gegebenenfalls“ darauf zurückkommen. Es traf dann ein Brief von Emma ein, die für ihre Hochzeitsgäste etliche Flaschen Wein, Cognac und Liköre orderte sowie, Dalbert traute seinen Augen nicht, für sie selbst und Fräulein Lydia je zwei Büstenhalter in Trikot und zwei Miederhöschen, hautfarben und weiß. „Dafür musst du wahrlich nicht nach Paris anrufen,“ sagte Erika, „das bekämen die Damen auch selber in der nächsten Großstadt.“

 

Dalbert rief dennoch in einem unbeobachteten Augenblick bei seinem Sohn in Frankreich an, der versprach, ihm die Sachen zu schicken. Dalbert, erleichtert über die geschäftliche Nüchternheit, mit der sein Auftrag behandelt wurde, bat, die Sendung mit Rechnung gleich an Emmas Adresse zu schicken, und mit den Spirituosen machte er es ebenso. „Verehrtes Fräulein Doktor,“ schrieb er. „Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages noch die Gelegenheit bekäme, für die Standfestigkeit Ihrer und von Fräulein Lydias Busen und Hüften zu sorgen? Die Bestellung wird direkt an Ihre Adresse geliefert. Ich denke, dass ich nun nichts mehr für Sie tun kann, und wünsche Ihrer bevorstehenden Ehe reichen Kindersegen, auf dass vom Geschrei der lieben Kleinen alsbald die Scheiben klirren. Meine Frau lässt grüßen. Ihr alter Dalbert ...“

 

„Lass uns hier weg,“ hatte Erika gesagt. „Wir müssen diese Geschichte endlich vergessen. Lass uns ein bisschen Wärme und Licht im Süden genießen. Drei Wochen lang, dann sieht alles schon anders aus.“

 

Das Meer brüllte die ganze Nacht, und am Morgen peitschten Wind und Regen die Palmen. Die Stelle am Strand, wo Dalbert vor einigen Tagen den jungen Mann und die Frau gesehen hatte, war völlig in weißem Schaum verschwunden. Dalbert hatte einen weiten Bogen gemacht, um das Paar nicht zu stören, aber er hatte den heftigen Atem des Mannes noch aus etlichen Metern Entfernung gehört.

 

„Die Sonne wird schon wieder hervorkommen,“ sagte Erika aufmunternd.

 

„Ja, sicher,“ bekräftigte Dalbert matt. Er hatte ihr nicht gesagt, dass irgendetwas blutete in seinem Leib. Er wünschte sich in die Kissen zurück. Er hätte gern geschlafen und endlos dagelegen wie ein altes Stück Holz. Er hatte Schmerzen. Erika redete; er sah es an ihrem Mund, aber er war viel zu weit weg, um etwas zu verstehen.

 

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