Elsie

 

Von Christel Heybrock

 

Als er in Burgdorf den Bummelzug verließ, fuhr ihm ein Kälteschauer wie ein Reibeisen über den Rücken. Er zog die Schultern hoch und fühlte den klebrig kühlen Kragen seiner Lederjacke am Kinn. Dabei war es gar nicht kalt, ein feuchtwarmer, grauer Dezembertag. Er warf sich die große Beuteltasche über die Schulter und verließ das Bahnhofsgebäude mit raschen, ungelenken Schritten, die ihn störten. Er würde stolpern, wenn er nicht anders ginge, aber überall warfen sich Widerstände in seinen Gelenken auf, er konnte nichts dagegen tun. Zu müde, es kam sicher von der Müdigkeit. Während er die fast menschenleere Straße entlang ging, sah er die brennende Schreibtischlampe wieder vor sich, das liniierte Papier, seine schmerzende Hand mit dem Kugelschreiber. Es war ja viel zu spät gewesen, alles. Er hatte nicht einmal das Konzept fertig bekommen.

 

Das Café war noch geöffnet, im Laden brannte die Thekenbeleuchtung, im Gästesaal über jedem Tisch eine gelbe Hängelampe, es sah gemütlich aus, und es waren sicher noch zehn, fünfzehn Gäste da. Sich wie ein Fremder an so einen Tisch setzen, die Beine lang machen und warten, dass sie kommt. Der Überraschungsblitz in ihren Augen. Das Küsschen zur Begrüßung. Und dann, schnell, die Tasse Kaffee. Kuchen vielleicht. Das Küsschen zur Begrüßung? Nicht mehr als das, womöglich nur ein kurzer Kameradschaftstupfer wegen der Leute? Oder weniger noch, ein Handschlag, bei dem sie ihn auf Abstand halten konnte?

 

Das wäre heute .nicht zu ertragen. Vor der gardinenbespannten Glastür mit dem täglich polierten Messinggestänge machte er kehrt. Schmutziggelb verputztes Haus, um die Ecke herum, Seiteneingang, Haustür Gott sei dank nicht abgeschlossen, er stand schon im Gang, der wie immer säuerlich muffig roch wie von zersetzten Sahnerückständen, ja, und was nun? In der Küche würde Frau Dressler Augen machen; später, zuhause oder beim Metzger, würde sie auch das Mundwerk laufen lassen, scheinbar beiläufig erführe in wenigen Tagen der ganze Ort, dass er schon wieder da gewesen sei, wer denn, na, der junge Mann, der Freund von der Elsie, ach nein, die hat einen Freund, wo kommt er denn her, wie sieht er denn aus, wird sie sich gut verheiraten ... Lieber ins Wohnzimmer, da ist niemand. Er stellte sich die dunkelbraunen schweren Stilmöbel vor, "altdeutsche" Imitationen aus dem Katalog, die elfenbeinfarbenen Blumenvorhänge, das Barockkissen auf dem Sofa, den Spitzenläufer auf dem Eichentisch, an dem würde er sitzen, jetzt gleich, wenn er es wollte, und warten, dass sie käme, zufällig hereinkäme irgendwann, denn sie wusste ja nicht, dass er gekommen war, und wie sollte er sich unauffällig bemerkbar machen, wenn sie im Café bediente? Er konnte im Wohnzimmer am Tisch sitzen und in den kahlen Hof hinaussehen, bis es dunkel war, mittlerweile dämmerte es ja schon. Sie würde erschrecken, wenn sie ihn so im Dunkeln fände, es wäre eine seltsame Szene. Also wohin stattdessen?

 

"Elsie!“ rief er leise und war mit ein paar Schritten bei ihr. Sie kam aus der Küche und wollte offenbar in den Keller, vielleicht war das Bier ausgegangen, und nun stand sie da, stumm und blöde vor Überraschung, und dann hauchte sie "Walter! Meine Güte!" und war sofort in seinen Armen. Ja. So. So war alles gut. Warm. Ihr Fleisch wie ein Kissen, auf dem er endlich schlafen durfte. Jetzt erst fühlte er die Schmerzen im Rücken, im Nacken, in den Knien. Müdigkeit wie ein langsames, drahtiges Ziehen.

 

"Wo kommst du her, wieso bist du plötzlich da, hast du Hunger, soll ich dir was zu trinken bringen, wo willst du dich hinsetzen?" Es schien, als fragte sie alles auf einmal, und sie hatte ebenso rasch den Mund weggedreht und ihn schon auf die Wange geküsst, als er ihr mit geöffneten Lippen entgegenkam. "Ich muss noch bedienen, du, nachher machen wir’s uns gemütlich, ja? Willst du im Café sitzen, bis ich zumache? Na, so zwei Stunden wird’s noch dauern.“

 

Um Gotteswillen. So lange.

 

Flüsternd kamen sie überein, dass er sich im Gästezimmer einrichten konnte. Sie brachte ihm gleich ein Tablett mit Broten, Salat, heißen Würstchen und Bier. Er fasste sie am Handgelenk, um noch einen Kuss zu bekommen, aber sie wand sich heraus und war schon durch die Tür. Wenigstens hatte Frau Dressler nichts bemerkt.

 

Dann endlich kam sie zu ihm, es war später geworden, als sie geglaubt hatten. Er hatte aber alles aufgegessen. Er hatte sich, halb demonstrativ, halb weil die Müdigkeit ihn übermannte, im Schlafanzug ins Bett gelegt und sich, unruhig eindämmernd und wieder hochschreckend, vorgestellt, dass Elsie vielleicht doch zwischendurch bei ihm hereinsähe und ihn so fände, so verlockend und entspannt, im Dunkeln.

 

Nun sah er blinzelnd in die Deckenleuchte und setzte sich auf, die Bettdecke vor der Brust. Seine Haare standen wie struppiges Gebüsch in die Höhe. Elsie saß am Tisch und sah zu ihm herüber.

 

"Wir sollten uns jetzt endlich richtig begrüßen:" brummte er, „kannst du nicht ein bisschen zu mir kommen? Du bist ja so weit weg."

 

Sie lächelte und stützte das Kinn auf die Hand. "Begrüßt haben wir uns doch schon. Erzähl erst mal, wie es dir ergangen ist. Du hast doch heute morgen im Oberseminar dein Referat gehalten. War's gut? Hast du deinen Prof endlich mal in die Tasche gesteckt?"

 

"Nein", sagte er kurz und schwang die Beine aus dem Bett, die Decke vor der Brust  festhaltend, weil sie ihn tröstete in ihrer weichen Plustrigkeit. Dass Elsie gleich damit anfangen musste!

 

"Wie: nein?" fragte sie erstaunt. "'Hat er dich durchrasseln lassen?"

 

"Durchrasseln? Ja..." Er stand nach einer heftigen Bewegung plötzlich kerzengerade auf der schwankenden Matratze, hob die Hände empor und deklamierte verzückt: "Süße, heilige Natur, lass mich gehn auf deiner Spur! Du heiliges und weites Meer, wie ist dein Anblick mir so hehr!"

 

Elsie riss sprachlos die Augen auf und sagte nur: "Hä?" Dann begann sie leise vor sich hinzuglucksen, während er, auf dem Bett bedächtig von einem Bein aufs andere tanzend, zu singen versuchte: „Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab ..." Während er noch sang, gedämpft, aber aus voller Brust, schlüpfte sie aus den Schuhen und kletterte unsicher balancierend zu ihm. So sangen sie denn schließlich beide und lachten und fielen um, rappelten sich wieder hoch, einander umarmend, „geehrter Herr Professor", tönte Walter, mit einem Arm gestikulierend, mit dem anderen Elsie vorm Umkippen bewahrend, "das waren die dümmsten, albernsten, lächerlichsten Gedichte, die ich jemals lesen musste, da sind ja meine eigenen besser, Sie mit Ihrem idiotischen Göttinger Hain, Ihrem Hölty, Boie, Miller, wie gut, dass ich mich nur zwei und nicht zwanzig Nächte mit ihnen herumgeschlagen habe, Sie können mir gestohlen bleiben mit Ihrem ganzen eingetrockneten Mist..." Und so purzelten sie nun glücklich übereinander und lagen da, kichernd, lallend, singend, japsend, und er begann sie zu küssen in kleinen, kurzen Berührungen, um zwischendurch Luft zu holen. Schließlich wurden sie ruhiger, und Elsie blieb liegen, schwer wie warme Erde, als er ihre Brüste unterm Pullover streichelte und dann ihren Bauch und ihre Schenkel suchte.

 

"Also mit andern Worten", raunte sie tonlos wie in Leidenschaft, "hast du dieses Oberseminar nicht bestanden. Was war denn los mit dir?"

 

Er hielt überrascht inne und setzte dann das Streicheln mechanisch fort: "Ja, was war los? Ich hatte einfach keine Lust. Ich hätte anderthalb Monate früher mit dem Recherchieren anfangen müssen, ich hatte mir auch schon Literatur nachhause geschleppt und reingeguckt, aber dann kam mir die Tanztherapie dazwischen und der Chemiekurs über Kunstfälschungen und ich weiß nicht was. Ich hab einfach erst vorgestern Nacht mit dem Referat angefangen, als es sich absolut nicht länger aufschieben ließ. Ich hab zwei Nächte durchgemacht, aber natürlich war die Zeit trotzdem zu kurz. Das Referat ist nicht fertig geworden, ich wollte es dann aber so vorlesen in der Hoffnung, dass der gute Mann vielleicht drüber einschlafen und mir sein Scheinchen geben würde, aber denkste, er hat mich dauernd unterbrochen, weil es ihm nicht gefiel, und schließlich hab ich dann selber aufgegeben, vor versammeltem Seminar, stell dir das vor, ich hab einfach gesagt, dass ich unter diesen Umständen und weil ihm offenbar die ganze Sache nicht passe, auf den weiteren Vortrag verzichte."

 

Elsie lag gespannt und fast atemlos da. "Und?“ stieß sie hervor, "was hat er denn da gesagt? So was ist ihm sicher noch nie vorgekommen!“

 

Er hatte seine Hand mittlerweile zurückgezogen und sich ein Kissen unter den Kopf gestaucht. "Er hat überhaupt nichts gesagt. Das hat mich am meisten gewundert. Er hat ganz kalt ‚gut' gesagt und zugesehen, wie ich oben am Pult meine Sachen zusammenräumte und auf meinen Platz zurück marschierte. Dann ist er selbst ans Pult gegangen, hat die Referatsliste fürs nächste Semester festgelegt und den Rest mit irgendeinem Thema verbracht, so als sei ich eigentlich Luft und als sei gar nichts gewesen."

 

Sie schwieg. "Du musst ja furchtbar müde sein", sagte sie nach einer Weile und richtete sich auf. "Soll ich dir noch was zu trinken bringen, bevor du wieder einschläfst?"

 

Was sollte das nun wieder heißen? "Willst du fort? Soll ich hier etwa alleine schlafen?" fragte er unverblümt.

 

Sie war schon aufgestanden und stützte eine Hand auf die Stuhllehne, um ihre Schuhe anzuziehen. "Ach nein“, meinte sie beiläufig, "ich kann schon bei dir bleiben heute Nacht. Meine Eltern sind übrigens in Urlaub. Ich musste das Semester eine Woche früher beenden, um hier den Laden zu schmeißen. Für mich war's nicht schlimm, ich habe meine Scheine gemacht und fast alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte."

 

"Braves Mädchen", meinte er ironisch. "Welch' wohlgerat'ne Tochter!“

 

"Ach nee", erwiderte sie ruhig, "die sind da ganz anderer Ansicht. Die können überhaupt nicht verstehen, warum ich mich unbedingt an der Uni abrackern will, wo ich doch eines Tages, mit fleißigem Schwiegersohn an der Seite, das Café bewirtschaften werde, auf dass es nicht untergehe. Bis jetzt halten sie mich bloß für überkandidelt, undankbar und egoistisch." Sie war an der Tür und sah zu ihm herüber. "Na ja", fügte sie hinzu, "die Sache mit dem Oberseminar war einfach Pech. Du wirst das im nächsten Jahr wohl irgendwie zurechtbiegen, vergiss es erst mal."

 

"Warum willst du aus dem Zimmer? Wie lange muss ich nun wieder auf dich warten, mein Leben besteht nur noch daraus, dass ich auf dich warte!" Er tappte auf nackten Füssen in ihre Nähe und zog sie vorsichtig zu sich.

 

"Ich komm doch gleich wieder", nuschelte sie mit dem Mund an seinem Hals. "Ich hol uns noch was zu trinken. Und außerdem wollte ich wirklich nicht in Rock und Pullover schlafen, das verstehst du doch?"

 

"Oh ja", pflichtete er begeistert bei, die Hand auf ihrem fleischigen Hintern.

 

Sie drehte sich aus der Umklammerung und sah ihn an: "Ich bleib nur bei dir, wenn du nicht vergisst, dass ich ein altmodisches Mädchen bin. Keine Dummheiten, Walter! Mit denen müssen wir warten, bis wir richtig ..."

 

Mit verfinstertem Gesicht ließ er sie durch die Tür. In solchen Augenblicken hasste er sie. Verdammte Scheiße, knurrte er lautlos. Sie würde wieder wie ein warmer, atmender Berg neben ihm liegen und verschlossen sein, weich, schwellend, aber auf groteske Weise verriegelt. Es schien ganz natürlich für sie zu sein, sie musste sich gar nicht anstrengen, sie litt nicht die Spur. Na schön. Er würde sie nicht mehr anrühren; er war ja sowieso müde, er würde einfach schlafen. Sollte sie doch sehen, wo sie bliebe. Er würde sich keine Mühe mehr geben mit diesem sinnlos pulsierenden Körper.

 

Als sie kam, war er schon eingeschlafen.

 

Am nächsten Morgen war Sonntag. Elsie musste das Café erst um zwei öffnen, sie hatten Zeit, lange zu frühstücken. Er gab sich unbefangen und nährte seinen heimlichen Zorn umso mehr, als sie anscheinend nichts von seiner Enttäuschung bemerkte. Das war ungeheuerlich, einfach ungeheuerlich! Nach dieser langen, blödsinnigen Nacht ging für Elsie alles ganz selbstverständlich weiter, sie setzte sich auf seinen Schoß, zupfte ihn am Ohrläppchen, küsste flüchtig seinen Mund und krümmte sich vor Lachen, als er ungeschickt eine Flasche Sekt öffnete. Wenn sie ihn berührte, hatte er Lust, sie in seine Arme zu zwingen wie in einen Schraubstock, sie schmerzhaft zu beißen, dass sie schreien musste, und ihr Erschrecken auszunutzen, um sie gefügig zu machen. Sekundenlang sah er sie dann vor sich liegen mit geöffneten Beinen, nackt, mit entsetztem Blick. Ja, jetzt würde er es endlich tun, nun gerade! Aber er schob das Bild weg, im Glas stiegen feine Perlen hoch, und dahinter bewegten sich neckend und plaudernd Elsies aufgeworfene, leuchtende Lippen und ihre kleinen, munteren Hände. Er trank und ließ sich nachschenken. Er blieb, wo er war, er kam nicht mehr zu ihr, er fasste sie nicht mehr an. Sie merkte es nicht.

 

Sie rannte sofort aus dem Zimmer, als unten im Gang das Telefon klingelte. Sie hatte die Tür offen gelassen, der muffig säuerliche Geruch drang zu ihm herauf, und er hörte auf, an seinem Knäckebrot zu kauen, um ihren Worten zu lauschen.

 

"Ach, du bist's, Papi! Geht's euch gut, erholt ihr euch? – Nein, hier ist alles in Ordnung. Gestern war’s voll, hab mich ganz schön abgestrampelt. Übrigens müsste neues Bier bestellt werden, sind nur noch zwei Kästen da. - Ja. Ja. Du, hör mal, ordnungshalber muss ich dich informieren, dass das Gästezimmer belegt ist. - Nein, Walter ist hier. Hör mal, den kennst du doch, der war doch schon öfter da, nun tu doch nicht so. Wann? Na, seit gestern. Ja, na klar hat er hier geschlafen, wozu haben wir das Zimmer denn? - Lieber Himmel, was sollte ich denn machen, der arme Kerl hat zwei Nächte nicht geschlafen, weil er ein Referat machen musste, ich kann ihm doch nicht einfach die Tür vor der Nase zuknallen! Also weißt du, das ist ja hirnrissig, wieso musst du dir deswegen Sorgen machen? - Meine Güte, natürlich weiß ich, dass hier kein Obdachlosenasyl ist, wie redest du denn mit mir? Zum Donner, nein, es ist überhaupt nichts passiert, nun beruhige dich doch. Ja, von mir aus, red mit Mami drüber. Wenn ich doch bloß nichts gesagt hätte! Da sieht man mal wieder, wie Ehrlichkeit sich auszahlt. Aber irgendwann hätte ich es sowieso sagen müssen. Schließlich will ich den Typ ja mal heiraten! - Ja, natürlich hat es noch Zeit. Wir können in Ruhe darüber reden, wenn ihr wieder da seid. - Puh, was soll das denn nun wieder, ihr müsst doch deswegen nicht euren Urlaub abbrechen. Noch ist der Notstand nicht bei mir ausgebrochen! - Also dann, wälz es in deinem Haupte herum, aber lass dir den Urlaub nicht derangieren! Gib Mami ein Küsschen! Tschüss!"

 

Er hörte sie unwirsch den Hörer auflegen. Die Treppenstufen knackten schon unter ihren Füßen, als es wieder läutete und sie mit einem kurzen Fluch zurückeilte.

 

„Tag Mami! Ja, hat Papi dir's schon erzählt? Was sagst du? Ja, natürlich ist der Mann noch da, also hör mal, das ist schließlich nicht irgendein Typ von der Straße, sondern mein Freund. Wieso soll er? Ja, ich versteh nicht ... Ach so .. .ja gut... Nein, ich sag’s ihm gleich ... Doch, versteh ich irgendwie, daran hab ich nicht gedacht. Natürlich ist es euer Haus und nicht meins ... Jaja. Nun hör bloß auf, dir Sorgen zu machen, es ist überhaupt nichts passiert ... Wiedersehn."

 

Er ahnte es schon. Er hörte es an ihren Schritten, die wieder, aber langsamer, flüchtiger, den Gang entlang kamen bis zur Treppe, er hörte sie heraufkommen, gesittet, nicht zwei Stufen auf einmal nehmend, wie sie es aus Übermut manchmal machte.

 

„Waren das deine Eltern?“ fragte er, damit sie nicht noch stumm dastand.

 

Sie nickte.

 

„Und was haben sie gesagt?“

 

Sie wischte mit dem Handrücken über die Stirn. „Ach! Was für grässliche Typen! Dauernd machen sie einem Schwierigkeiten. Ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass du hier bist, na du wirst es ja mitbekommen haben. Jetzt sind sie völlig aus dem Häuschen. Zuerst wollten sie ihren Urlaub abbrechen und sofort hierher eilen! Was für ein Witz! Und zum Schluss hat meine Mutter gesagt, sie bestehe darauf, dass du hier augenblicklich deine Zelte abbrächst. Es sei ihr Haus, und sie hätten die Verantwortung hier, nicht ich, ich könne hier nicht einfach hinter ihrem Rücken Gäste einladen. Es gehöre sich nicht, wenn wir hier alleine seien. Naja. Entschuldige, du, es ist ein unerfreulicher Zwischenfall!“

 

Sie kam zu ihm, kauerte an seinem Stuhl nieder und legte die Arme in seinen Schoß. Wahrscheinlich erwartete sie, dass er ihr beruhigend übers Haar streichen würde, aber er nahm sein Glas über ihren Kopf hinweg vom Tisch und trank einen Schluck. "Und nun?" fragte er provozierend, indem er es zurückstellte.

 

„Ja, nun", wiederholte sie sachlich, "nun müssen wir uns wohl verabschieden. Schade." Es klang, als sagte sie, nun müssen wir aber den Tisch decken oder das Geschirr abwaschen. Als er nicht antwortete und wieder nach dem Glas griff, erhob sie sich. "Du kannst dir ja ein bisschen Zeit lassen. Sie hat nicht gesagt, dass du in der nächsten halben Stunde verschwinden musst.“

 

Und wenn sie es gesagt hätte, wollte er fragen.

 

„Ich geh mal unter die Dusche. Es ist schon halb eins. Ich muss dann auch im Café die Tische fertig machen.“

 

Er rührte sich nicht, als sie hinausging, er sah ihr nicht einmal nach.

 

Um Viertel vor zwei kam sie zurück, um ihm in Ruhe Aufwiedersehen zu sagen. Sie erstarrte. Er saß noch immer am Tisch, im Schlafanzug, bei den leeren Sektflaschen.

 

„Walter!“ rief sie aus. „Hör mal, willst du dich hier einbalsamieren lassen?! Ich hab zu tun nachher, ich kann nicht noch mal nach dir sehen ...“

 

Er antwortete nicht und sah aufs Tischtuch, das Gesicht versperrt wie mit Brettern.

 

Sie griff nach dem Tablett und begann, das Geschirr abzuräumen. „So was Verrücktes!“ murmelte sie vor sich hin. Es klang verächtlich und ungeduldig, und sie entwickelte nun eine Geschäftigkeit, bei der er im Wege war, jedenfalls ließ sie ihn das fühlen durch die Eile ihrer Bewegungen.

 

Mit dem vollen Tablett verschwand sie ins Treppenhaus. Er hörte sie unten in der Küche klappern. Der Tisch war noch nicht leer, sie würde gleich wiederkommen. Er knöpfte das rasch übergeworfene Hemd zu, stieg in Jeans und Schuhe, nahm die Lederjacke und die Beuteltasche über die Schultern und schlich leise hinunter. Er hatte den Gang schon fast durchschritten, als sie aus der Küche kam. Sie blieb wie angewurzelt stehen, das hörte er deutlich, und hauchte ein entgeistertes „Walter!“ Aber da war er schon draußen vor der Haustür, und er schritt jetzt kräftig aus.

 

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