Feuer

 

Von Christel Heybrock

 

"Wann fährst du denn nun nach Hamburg?" fragte sie ihn so beiläufig wie möglich.

 

"Sehr wahrscheinlich morgen", sagte Mathias, "morgen früh um sieben."

 

Das kannte sie schon. "Sehr wahrscheinlich" - wie zuverlässig und entschieden das klang! Jemand anderes würde glatt darauf hereinfallen. Aber sie wusste, es war nichts, woran man sich halten konnte. Noch wenn er ankündigte: "Ich gehe morgen früh um sieben aus dem Haus, ich muss den Intercity um 7.30 Uhr kriegen", dann bedeutete das gar nichts. Ernst wurde es erst, wenn er anfing herumzukramen, Papiere suchte, fragte, wo die vorbereitete Quittung für die Treppenhaus-Reinigung liege, ob sie seinen Regenmantel bereitgehängt habe und welches Hemd er anziehen solle. Wenn es ernst wurde, hatte sie keine Chance mehr, ungestört am Schreibtisch zu sitzen; das war eigentlich das einzige untrügliche Zeichen.

 

Die Unruhe, die er dann verbreitete, wäre ihr im Augenblick gar nicht gelegen gekommen; sie war schon selber unruhig genug. Trotzdem hätte sie es lieber gesehen, wenn er nach Hamburg gefahren wäre, bald, vielmehr sofort, es war dringend. Am liebsten wäre sie selbst gefahren, heute Abend noch. Dass er es nun schon seit Tagen verschob! Sein Zögern, mit dem sie dieses Mal nicht hatte rechnen wollen, machte sie angespannt und nervös, als risse jemand schmerzhaft an einem Faden in ihr.

 

Herrgottnochmal, es musste jemand nach der Wohnung sehen! Sie hatten eine kleine Stadtwohnung in Hamburg. Noch vor ein paar Tagen hatte sie dort auf der Durchreise übernachtet, dankbar für die Gelegenheit, die Fahrt unterbrechen und sich ausruhen zu können. Sie war am nächsten Morgen fortgegangen in dem undeutlichen Gefühl, alles ordentlich hinterlassen zu haben. Es würde ja auch nicht lange dauern, bis einer von ihnen wieder herfahren würde, schließlich musste Mathias seine Termine und Verabredungen einhalten, auch ein Arztbesuch war vorgesehen. Sie hatte den Schlüssel umgedreht und war weggegangen, nächste Woche würde er hier sein.

 

Nächste Woche, die war inzwischen angebrochen, ohne dass er Anstalten zum Aufbruch machte.

 

"Ich weiß nicht mehr bestimmt, ob ich das Fenster richtig zugemacht und die Kochplatte ausgeschaltet habe!" erklärte sie ihm, um ein wenig von der wachsenden Angst endlich auf seine Schultern abzuladen. Es war nicht diplomatisch, ihm solche Eingeständnisse zu machen. Er geriet dann aus dem Häuschen, riss die Augen auf, ermahnte, erzog sie, fuchtelte aufgeregt herum. Es machte sie immer ganz kribbelig; sie hatte längst Methoden entwickelt, solchen Szenen zu entgehen. Auch dieses Mal war er betroffen: "Ach du liebe Güte! Konntest du denn nicht darauf achten?"

 

"Ich weiß nicht, ich sollte meinem Gedächtnis wohl nicht mehr so ohne weiteres trauen", erklärte sie zögernd. "Seit der Geschichte mit meiner Armbanduhr sag ich mir, dass ich anfange, Dinge zu vergessen...Und ich kann mich jetzt zum Beispiel absolut nicht mehr an den Moment erinnern, in dem ich das Fenster zugemacht und die Kochplatte ausgeschaltet habe. Ich kann mich noch erinnern, dass ich beim Geschirrspülen daran dachte, an beides, aber nicht mehr daran, dass ich es auch wirklich getan habe."

 

"Ja, dann fahr ich ganz bestimmt morgen hin", sagte Mathias einsichtig. "Mach dir keine Gedanken, ich seh nach der Wohnung.“

 

Sie seufzte erleichtert auf. Das Schlimmste war, dass sie das feuchte Geschirrtuch auf die Kochplatte gelegt hatte. Die Wohnung lag im Erdgeschoss, und selbst bei geschlossenen Doppelfenstern drang ein zäher, fettiger Ruß von draußen herein, der sich auf allen Möbeln und Gegenständen ablagerte. Sie hatte auch die Sessel und Sofas mit alten Betttüchern abgedeckt, obwohl sie diesen gespenstischen Anblick seit ihrer Kindheit hasste. Aber sie war es satt, jedes Mal die Polstermöbel mit der Saugbürste zu bearbeiten, bevor man sich hinsetzen konnte, und die ganze Kücheneinrichtung abzuwischen, bevor es möglich war, eine Tasse Tee zu kochen. Wenn nun allerdings die Kochplatte eingeschaltet war, würde es nicht nur Ruß, sondern einen richtigen Brand geben ...

 

"Deine Uhr hast du wohl nicht wiedergefunden?" fuhr Mathias fort.

 

"Nein", bekannte sie, "ich hab in der ganzen Wohnung den Teppichboden abgesaugt, ich habe die Matratzen auseinander genommen und das Bett frisch gemacht, ich habe staubgewischt, es war eine schöne Arbeit, aber die Uhr ist weg. Ich kann's mir einfach nicht erklären. Ich sehe noch vor mir, wie ich sie ausgezogen und irgendwo abgelegt habe, aber wo? Sie ist weg."

 

Auf dem Fernsehschirm hatten die Abendnachrichten begonnen, und Mathias war mit seinen Gedanken schon anderswo. Was er wohl von ihr dachte? Dass so was eben passieren könne, wenn es auch ungewöhnlich war? Immerhin hatte er dieses Mal nicht versucht, ihr die "Kopflosigkeit" und „Schusseligkeit" abzuerziehen, die er ihr sonst vorgeworfen hatte. Er zeigte sich in letzter Zeit überzeugt, dass sie nun erwachsen genug war, um auf Kleinigkeiten zu achten. Erwachsen genug ... Gott, war das komisch! Tatsächlich wurde sie älter, sie wurde alt, und sie selber schob ihre Gedächtnislücken eher darauf. Jedenfalls Mathias gegenüber, obwohl der das nicht so wahrhaben wollte.

 

Ja, das mit der Uhr, das war wirklich merkwürdig gewesen. Sie war ihr wie im Traum abhanden gekommen. Sie hatten die Wohnung betreten, so vorsichtig und heimlich es eben ging; niemand, am wenigsten Mathias, durfte erfahren, dass sie miteinander hier waren. Im Dunkeln, in der Kälte, zwischen Küssen und Berührungen hatten sie sich ausgezogen. Er lag schon nackt unter der Decke, und bevor sie sich zu ihm legte, hatte sie die Uhr abgenommen, halb bewusstlos schon und doch hellsichtig, damit kein fremder Gegenstand ihn störte oder verletzte.

 

Die Uhr müsse, so erklärte sie später Mathias in falscher Harmlosigkeit und so glaubte sie auch selbst, irgendwie beim Aufräumen verkramt worden sein. Sie würde sie schon wiederfinden, sie konnte sich ja nicht aufgelöst haben. Aber die Uhr blieb verschwunden. Es war nicht schlimm, es war eine von diesen billigen Digitaluhren gewesen, und sie hatte sich längst eine andere gekauft. Hauptsache, Mathias fuhr morgen nach Hamburg.

 

Mathias aber blieb ins Fernsehprogramm vertieft, auch als sie ihm eine Stunde später das Abendessen brachte. Es wurde spät, und nichts deutete darauf hin, dass er morgen wirklich fahren würde. Dann eben übermorgen, in Gottes Namen, sie hatte keine Lust, ihn zu drängen, das Tuch lag jetzt sowieso eine Woche lang auf der vielleicht heißen Kochplatte ... du lieber Himmel ... da machte ein Tag mehr oder weniger ja nicht viel aus. Sie hatte ihm angedeutet, wie dringend es war, nun lag die Verantwortung bei ihm.

 

Es war am frühen Morgen gegen halb zwei, als sie ihm gute Nacht sagte und ins Bett ging. Er sah kaum hoch von einem Stapel Bücher, die er um sich herum aufgebaut hatte, und ließ sich flüchtig umarmen. "Ich komme auch bald", murmelte er, und sie wusste, dass er nun noch zwei, drei Stunden so sitzen und vermutlich nicht vor sechs schlafen gehen würde. Wenn er nach Hamburg fuhr, musste er aber schon um halb sechs aufstehen. Es war aussichtslos.

 

Sie sah Flammen hochschlagen. Sie lag im Dunkeln im Bett und sah scharfe, heiße Zungen an den Wänden lecken. Das würde ein Fest werden, wenn auch das Kippfenster in der Küche offengeblieben war und die Flammen genug Sauerstoff bekamen! Wie fing so etwas an, wie musste sie sich das vorstellen? Das Geschirrtuch wäre zuerst braun versengt, und vielleicht würde der Stoff irgendwo am kreisrunden Rand der Platte, die darunter lag, abbröckeln und schwelend herunterfallen. Wohin? Auf den Teppichboden. Der war, so glaubte sie sich zu erinnern, schwer brennbar, da musste schon allerhand passieren, bevor der anfing zu schmelzen. Aber vielleicht war das nicht alles, vielleicht fiel ein hell loderndes Stück Tuch aufs Lüftungsgitter des Kühlschranks und sogar durch die Gitterstäbe auf das stets heiße, empfindliche Kühlsystem an der Rückseite. Was dann? Ein Zischen, ein Knall, eine blaue Stichflamme, Kurzschluss, explosionsartig aufplatzende Flammen?

 

Sie wälzte sich im Bett herum. Das war alles Unsinn, nächtliche Angstphantasie. In Wirklichkeit gab es das nicht. Sie musste endlich schlafen. Warum fuhr sie nicht selber nach Hamburg? Das wurde zu spät, vor Donnerstag kam sie hier nicht weg. Bis dahin konnte das Haus abgebrannt sein. Es war wahrscheinlich nicht abgebrannt. Und wenn, dann konnte sie im Augenblick nichts daran ändern. Die Katastrophe ließ sich nicht mehr dadurch rückgängig machen, dass sie ihren Schlaf dafür opferte. Oder war es so, dass man Katastrophen verhindern konnte, indem man mit der Angst kämpfte? Sich der Angst stellte und sie nicht wegschob? Blödsinn. Sie sank schwerer in die Kissen und gab sich dem Rieseln der Müdigkeit hin. Es war ja gut so. Alles war dunkel und ruhig, sollte es doch anderswo brennen. Hier war sie in Sicherheit. Im Dunkeln zuckte es orangefarben auf, unten am Boden, vom Boden stieg es hoch und fasste mit roten Krallen nach dem Zipfel des Betttuchs, das sie vorsorglich über die Couch in der Küche gehängt hatte, hui, ließ das Ding sich fressen! Es schlug lichterloh empor und sank dann in schmorenden Fetzen auf die Polster nieder, in die es sich langsam, langsam hineinfraß, schwarz, kalt beinahe, dass man glauben konnte, es sei nichts, nur kalter Ruß, aber darunter fraß es sich weiter wie eine ätzende Säure, das Feuer. Wie lange würde es dauern, bis die ganze Wohnung brannte? Eine Woche? Brannte sie jetzt?

 

"Ich muss nächste Woche doch sowieso nach Hamburg", sagte Mathias. "Ich meine, die Kochplatte explodiert ja nicht, selbst wenn sie nicht ausgeschaltet ist, der Thermostat schaltet ja immer wieder ab, da kann doch nichts passieren, im Grunde gesehen. Warum soll ich unbedingt zweimal fahren?"

 

Unerklärlicherweise wurde sie plötzlich ganz ruhig. Ja. Mathias würde nicht hinfahren. Er würde es gar nicht sehen. Es ging ja nur sie allein an. Sie würde alles in Ordnung bringen, bevor er käme, falls es nicht zu schlimm war. Sie würde das angeschwelte Tuch wegnehmen und die Flammen austreten, die Flammen in den Polstern ersticken, das Fenster aufreißen, die Ascheflusen absaugen. Falls es sie gab. Sie würde ihn anrufen und ihm die Katastrophe erklären, falls sie passiert war. Dann hatte er daran fast soviel Schuld wie sie, schließlich hatte sie es ihm rechtzeitig gesagt, und das mit dem Tuch musste er überhaupt nicht wissen. Sie hatte schon früher manchmal versucht, die Kochplatte abzudecken, bevor sie nach längerem Aufenthalt abreisten, und jedes Mal hatte Mathias ihr einen belehrenden Vortrag über das Risiko gehalten, ein Elektrogerät, selbst wenn es ausgeschaltet war, zugedeckt zurückzulassen. "Nimm das Tuch runter!" hatte er mahnend gesagt. Jetzt erst fiel es ihr wieder ein. Wenigstens diese Katastrophe ließ sich verhindern, dass Mathias das vermaledeite Tuch fand. Nein, wirklich, nie wieder würde sie so etwas machen ... Irgendwie hatte er recht.

 

Sie setzte sich zu ihm. „Hör mal", sagte sie sanft und lügnerisch. "Lass nur, bleib ruhig hier. Ich hab selber schon überlegt, dass ich Donnerstag ja einen Termin in Hamburg habe, da kann ich auch eben nach der Wohnung sehen. Es ist wahrscheinlich alles in Ordnung, aber ich fahre rasch vorbei, dann brauchst du nicht mehr daran zu denken."

 

Mathias brummte zufrieden. Mit den üblichen idiotischen Fanfarenstößen hatte das Fernsehprogramm angefangen. Sie ging in die Küche, um allein zu sein und nachzudenken, am Esstisch, den Kopf in den Händen. Da saß sie dann und griff schließlich nach der Zeitung, weil immer dieselben Bilder sich in ihrem Kopf umeinander drehten. „Frau starb an Rauchvergiftung", las sie erschrocken auf der ersten Seite. Und: "Brand in Metallfirma. Flammen schlugen bis zu 50 Meter hoch in den Nachthimmel. Die Bewohner eines Wohnblocks mussten vorübergehend evakuiert und in zwei Bussen untergebracht werden ..." Ihr wurde schlecht, sie stopfte die Zeitung in den Papierkorb. Die mörderischen Katastrophen lauerten im Boden, unter ihren Füßen, und warteten darauf, durch die dünne Erdschicht nach oben zu brechen. Normalerweise konnte man den Boden für fest halten, für meterdick und sicher, vielleicht war er das auch meistens, wie sollte man sonst leben? Aber es gab Wegstrecken, auf denen er gefährlich dünn wurde und man es unter den Füßen kochen fühlte. Die Wahrheit war es, die da rumorte, und sie hätte eigentlich alles zerstören müssen, aber mit zähen Lügen und Täuschungen und den braunen Schichten des Vergessens konnte man Brücken über die schon klaffenden Erdspalten schlagen. Es war ekelhaft, ein schweres, sumpfiges Gefühl im Magen, und doch besser als das gnadenlose Sausen und Zischen, in dem alles Gewohnte zerbarst.

 

"Wenn man etwas gegessen hat, wovon einem schlecht wird, ist es besser, sich zu übergeben, dann hat man Ruhe." Sie erinnerte sich an diesen Rat ihrer Mutter, dem sie nie gefolgt war, nicht einmal als Kind. War es denn nicht viel fürchterlicher, würgend und umnebelt von säuerlichem Dunst den Kopf über die Kloschüssel zu halten, als ein paar Tage krank zu sein? Musste nicht wenigstens nach außen hin alles sauber und ordentlich bleiben, statt knirschend aus den Fugen zu gehen? Das Grauenvolle, das Raubtier, blieb nur gebändigt, wenn man es in sich zudeckte.

 

Wie sah das aus, ein Geschirrtuch eine Woche lang auf einer heißen Kochplatte? Vielleicht passierte ja gar nichts dabei. Sie musste es einfach mal ausprobieren, um sich zu beruhigen. Sie nahm ein feuchtes Tuch vom Haken, legte es auf die Platte und schaltete sie ein, nicht zu hoch, schließlich musste sie es wenigstens hier unter Kontrolle halten. Das Tuch wurde langsam warm. So musste es auch in der Hamburger Wohnung gewesen sein. Nach anderthalb Minuten war es trocken. Es hatte ein bisschen Dampf gegeben. Und nun hob es sich leicht an. Der Dampf war verschwunden. Etwas roch. Mit klopfendem Herzen beugte sie sich über die Platte, nein, es roch nicht versengt, sondern nach dem Weichspüler, den das Tuch in der Waschmaschine abbekommen hatte. Drei Minuten waren vergangen. Wann würde es versengt riechen? Sie schaltete die Platte aus und hing das Tuch an den gewohnten Haken. Lass es doch eine halbe Stunde da liegen! (Und wenn Mathias reinkommt?) Guck doch einfach mal, was passiert, nur eine halbe Stunde!

 

Sie hatte Angst. Sie würde es nicht aushalten, sie war nicht imstande zuzusehen. In Hamburg lag das Tuch neun oder zehn Tage auf der Platte. Es gab keinen Zweifel - wenn sie die Platte nicht ausgeschaltet hatte, stand die Wohnung in Flammen. Das war keine Phantasie. Es musste ganz unschuldig angefangen haben, ein Kräuseln im Stoff, ein wenig Rauch, Hitze, die beißend hochschoss. Zufällig. Von allein. Niemand von den anderen Hausbewohnern ahnte oder merkte etwas davon, es war ein ganz heimlicher, unschuldiger Vorgang. Inzwischen würden sie anfangen, allerhand zu ahnen! Waren die Scheiben schon geplatzt? Schlug es schon rot und krachend aus den Fenstern? Roch es nach Rauch im Treppenhaus? Mach dich nicht verrückt. Vielleicht hast du die Platte ausgeschaltet.

 

Vielleicht. Wie gut sie geschlafen hatte in jener Nacht! Sie hatte morgens Tee gekocht und heißes Wasser fürs Geschirrspülen gemacht. Sie hatte gemütlich gefrühstückt. Sie wollte nicht, dass Mathias und sie irgendwann in eine unaufgeräumte Wohnung zurückkämen. Außerdem musste sie ein paar Spuren vom Vorabend beseitigen. Es trieb ihr das Blut in die Wangen, wenn sie daran dachte. Sein Gesicht über ihr, wie er sie ansah mit aufgerissenem Blick. Sein zuckender, heißer Körper in ihren Armen und später sein Schlaf wie der eines erhitzten Kindes. Alles, alles hatte sie in sich aufgenommen mit einer leichten Entferntheit und Gelassenheit, oder täuschte sie sich? Und dann dieser Augenblick, in dem es dann doch aufbrach, das Dunkle, das Feuer unter ihren Füßen ... Sie war plötzlich vor der Haustür in einen trockenen Weinkrampf ausgebrochen, ganz kurz nur, als er ins Auto steigen und davonfahren musste. Bitte ruf noch mal an, hatte sie stumm gefleht, als sie wieder in der Wohnung war, allein am zerwühlten Bett, bitte lass mich nicht einschlafen, ohne dass ich deine Stimme noch mal höre! Aber das Telefon war still geblieben. Und allmählich hatte sich die Kluft wieder geschlossen. Nur Mathias hatte angerufen, um gute Nacht zu sagen und sich zu vergewissern, dass sie morgen zurückkäme. Da war aber schon alles behutsam zugedeckt, selbstverständlich.

 

Nein, sie hatte in der Nacht gut geschlafen, in den Kissen, die noch nach der fremden Haut rochen. Sie war so schwer gewesen am nächsten Morgen, so weich und gelassen. Alles, was sie erledigte, tat sie wie ein Schlafwandler in der Gewissheit des Glücks. Deshalb hatte sie auch gar nicht mehr nachgesehen, ob sie das Fenster geschlossen und die Elektroplatte ausgeschaltet hatte. Sie war einfach in einem Nebel von instinktiver Sicherheit aus der Wohnungstür gegangen, hatte abgeschlossen, die Reisetasche vom Boden gehoben und das Haus verlassen.

 

Donnerstag würde sie es wissen, endgültig. Vielleicht würden Mathias und sie die Wohnung, sogar das ganze Haus renovieren müssen, vielleicht war jemand zu Schaden gekommen und sie mussten Arztrechnungen und eine Rente zahlen? Sie würde es wissen.

 

Als sie auf dem Bahnhof ankam, schien die Angst sie zu sprengen. Halb blind stieg sie in die Straßenbahn und wartete die Stationen ab wie Urteile, in denen nacheinander alles, was sie jemals getan hatte, geprüft und festgehalten wurde, bis sich das letzte, große Endurteil, das entscheidende, oben drauf türmte.

 

Es würde über den Rest ihres Lebens und auch über das von Mathias bestimmen, der für die ganze Geschichte überhaupt nichts konnte.

 

An der Haltestelle hundert Meter von der Wohnung entfernt stieg sie aus. In der Straße war nichts Ungewöhnliches zu erkennen, aber das bedeutete natürlich nichts. Die Feuerwehr konnte längst wieder abgezogen sein, vor Tagen schon. Sie ging die belebte Geschäftsstraße entlang, vorbei an Hausfrauen mit Marktkörben, Kindern mit Schulranzen, einem alten Mann auf Krücken. Sie wartete mit leerem Kopf an der Ampel, fühlte sich verschwinden, wäre am liebsten verschwunden, damit sie es nicht sehen musste. Auch nach der Kreuzung, als sie in ihre Wohnstraße einbog, schien alles wie sonst. Zwei ältere Frauen kamen ihr entgegen und sahen sie misstrauisch an. Kannten sie sie? Wussten sie, wer sie war, wo sie wohnte und dass er ihre Schuld gewesen war, der Brand im Haus? Schon immer fühlte sie sich von Leuten, hauptsächlich Frauen, ertappt und erkannt, von denen sie sicher war, sie noch nie gesehen zu haben. Sie hatte ein schlechtes Personengedächtnis. Zweifellos waren die anderen im Recht, die sie offenbar auf  Schritt und Tritt beobachteten, ohne dass sie etwas davon merkte.

 

Aber die Frauen gingen vorbei und zogen ihre fragenden Blicke mit fort. Sie erreichte die Haustür, von außen sah man nichts, die Fassade war nicht verändert, die Tür ließ sich wie immer nur öffnen, indem man sich schwer dagegen stemmte. Der Hausflur roch kühl und etwas feucht. Sie zwang sich, zuerst in den Briefkasten zu sehen, damit sie nicht noch einmal zurück musste, wenn sie erst in der Wohnung war. Reklamen, Aufruf zur Altkleiderspende, die Stromrechnung. Niemand hatte versucht, sie zu erreichen. Der Brand schien sich noch verborgen zu halten, er war nicht nach außen gedrungen. Sie musste sich jetzt nur dagegen wappnen, dass es vielleicht in der Wohnung furchtbar aussah. Das würde Mathias und sie in Schrecken versetzen, aber nicht bis an ihrer beider Lebensende belasten.

 

In der Wohnung war alles still und kühl. Es gab keine Geräusche. Kein Knistern, kein luftleeres Zusammenstürzen haltlos gewordener Gegenstände. Im Hof zwischen den frühlingshaft ergrünten Pappeln rief eine Frau nach ihrem Kind.

 

Sie stellte in der Diele ihre Tasche ab und ging in die Küche. Das Fenster war geschlossen. Das Tuch lag auf der Kochplatte. Der Stecker war herausgezogen.

 

Sie hatte es ja gewusst, dass im Grunde alles ganz unschuldig war, dass die Dinge ihre eigene Frische und Ruhe hatten. Nichts hatte sich verändert, seitdem sie fortgegangen war an jenem Morgen. Der Raum, die Gegenstände hatten auf sie gewartet und waren ihretwegen so fest und rein geblieben.

 

Sie sah noch einmal nach der Kochplatte, begriff es noch nicht. Sie musste die leere Steckdose berühren und das schwarze Kabel, das lose herunter baumelte. Der Raum schien sich fröhlich um sie herumzulegen wie eine saftige Frucht um den Kern. Sie war zuhause. Sie legte sekundenlang die Hände auf die Wangen, um sich zu fühlen.

 

Dann ging sie ins Wohnzimmer und wählte seine Telefonnummer. "Komm noch mal zu mir", sagte sie fast ohne Stimme, "jetzt gleich. Bitte."

 

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