Gesicht im Dunkeln

 

Von Christel Heybrock

 

Das Telefon klingelte, und sie lief hinüber ins andere Zimmer, wo sie vor ein paar Wochen mit ihm gelegen hatte. Sie nahm ab und hörte seine Stimme und war wieder bei ihm, ließ sich fallen in die Vertrautheit, die sie beide sofort umschloss.

 

„Wie geht es dir?“ fragte er.

 

Sie war plötzlich mutig: „Mir geht es gut!“ sagte sie fest.

 

„Ja?  Und wieso?“ Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, sicher war er auf Tränen, Ängste, flehentliche Beschwörungen gefasst gewesen.

 

„Ich habe nachgedacht“, erklärte sie, „weißt du, im Grunde brauche ich sie ja nicht. Ich habe es viel einfacher, wenn ich sie nicht mehr berücksichtigen muss. Warum soll ich es mir nicht auch einmal einfach machen?“

 

„Aber wir werden uns erheblich seltener sehen können“, gab er zu bedenken.

 

„Es ist mir egal!“ sagte sie. „Ich möchte mit dir zusammen sein, so oft es geht, selten genug war es bisher auch schon, aber jetzt  brauche ich sie wenigstens nicht mehr mitzudenken.“

 

Sie spürte, dass er beeindruckt war. Vielleicht hatte sie jetzt endgültig gewonnen, aber man konnte das nicht wissen.

 

„Du verstehst sie doch?“ fragte er fast bittend. „Ich meine, man muss ihr Verhalten verstehen. Ich hätte so etwas ja auch nicht dulden können. Wir haben uns eben etwas heraus genommen, was sie als unzumutbar empfindet“, erklärte er überflüssigerweise noch einmal, mit den gleichen Worten wie vor ein paar Tagen.

 

„Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre“, beharrte sie sanft, „wäre ich anders damit umgegangen. Es hat mir immer gefallen, dich mir in den Armen anderer Frauen vorzustellen. Warum hätte ich mir wünschen sollen, dass du weniger geliebt würdest?“

 

Sie erinnerte sich an Ms Gesicht, das Gesicht seiner Frau. Bisher hatte sie es nie erkennen können. Es war ein Gesicht im Dunkeln, von dem man nicht sagen konnte, ob es einen heimlich betrachtete oder wegsah. Und falls es denn wegsah, was O notgedrungen hätte hinnehmen müssen und hingenommen hatte: was befand sich dann in seinem Blickfeld? Was war es, was diese Frau beeindruckte, glücklich oder traurig machte? O wusste es nicht, sie hatte es nie herausgefunden. Nach vielerlei Missempfindungen und kämpferischen Versuchen, von M gesehen und anerkannt zu werden, hatte sie gelernt, das fremde, verschlossene, entzogene Gesicht zu lassen, wie es nun einmal sein wollte. Es hatte keinen Zweck, M zu bedrängen. Aber O hätte sie gerne verstanden. Sie war bereit gewesen, ihr eigenes Verhalten abzustimmen auf das, was die Andere brauchte, hinnehmen konnte oder zurückweisen musste.

 

Vor einigen Jahren, als sie sicher wurde, dass er sich ihr zuwandte und sich an O binden würde, hatte sie M geschrieben. „Ich will kein Versteckspiel mit deiner Frau“, hatte O ihm gesagt. „Ich will’s mir nicht stehlen müssen, wenn ich mit dir zusammen bin. Wir können es nicht in allen Einzelheiten vor ihr ausbreiten, aber sie hat ein Recht darauf, von unserer Beziehung zu wissen und dazu Stellung zu nehmen, jetzt, so lange wir vielleicht noch auseinander können.“

 

Er war nervös. Er fand so viel Offenheit beunruhigend. „Man kann überhaupt nicht leben ohne Verrat“, behauptete er. Andererseits machte es ihn glücklich, dass sie etwas riskierte, was vielleicht gut ausging. „Schreib ihr nur...“, meinte er schließlich. „Wahrscheinlich werde ich es wundervoll finden. Wenn es das gäbe, dass ihr beiden euch verständigen könnt! Versuch es, wenn du meinst. Mehr als ablehnen kann sie dich nicht.“

 

Damals war das Gesicht, das O kaum kannte, noch im Licht gewesen, hell, mit unsichtbaren, verschwimmenden Zügen, die sich bald klären würden, deren Energien sie nun, schmerzhaft oder in allmählichem Einverständnis, begegnen würde. Es wird nicht ablaufen, ohne dass wir aneinander geraten. Hoffentlich wirft es mich nicht um, dachte sie damals. Hoffentlich macht sie mir keine Angst. Hoffentlich ist sie nicht unüberwindlich.

 

Sie hatte die Andere um ihr Leben, um ihren Anspruch auf Glück gebeten. Es war nicht möglich, dass M sie damit zurückwies, so grausam konnte sie nicht sein. M würde sich O lächelnd zuwenden und nach den Unsicherheiten des Kennenlernens akzeptieren, dass es sie gab, in seinem Leben, aber auch in ihrem Leben.

 

Ja, ein Lächeln gab es dann auch, ein anderes, als O gehofft hatte, eines, das sie sich nicht erklären konnte. Immerhin, es war ja nicht unfreundlich! Und das Gesicht blieb hell und unklar. Warum war das so? Was hatte sie falsch gemacht? Man musste darüber reden. Man konnte ein Gespräch nun nicht mehr aufschieben. O bekam Herzklopfen bei dieser Einsicht, denn was würde die Frau ihr deutlich machen? Wo würde sie die Grenzen in Os Lebens ziehen? Konnten sie beide überhaupt aushalten, dass jemand, den sie kaum kannten, plötzlich so empfindlich in sie eingriff und seine Notwendigkeiten über den Kopf der jeweils anderen stülpte? Egal, O würde sich alles anhören und dann wissen, ob es erträglich war.

 

Sie saß auf der Couch, der Frau gegenüber, M hatte Tee gekocht. Sie war eine alternde Frau mit zwei Falten auf der Oberlippe und dünnem, farblosem Haar, das sie halb lang in sorgfältigen Locken trug. An den Füßen steckten flache, etwas ausgetretene Sandalen.

 

„Früher war sie sehr umschwärmt“, hatte er erzählt. „Sie war sehr schön, ich habe sie gewollt! Sieht man es nicht mehr?“

 

Nein, fand O. Insgeheim bedauerte sie ihn ein wenig. Sie hatte sich seine Frau aparter, eigenwilliger, selbstbewusster vorgestellt. Sie hatte mit einer Frau gerechnet, die Ausstrahlung hatte, Reste einer leidenschaftlichen Wärme. Die feinen, seltsam spröden Züge in Ms Gesicht verstand sie nicht. Diese Frau sollte ihn geliebt haben? Es musste Os Dummheit und mangelnde Erfahrung sein, dass sie es nicht erkennen konnte. Aber sie würde es lernen. Wahrscheinlich war es in den Worten, in den Forderungen zu erkennen, die die Andere in den nächsten Minuten mitteilen würde.

 

„Ist das ein Wetter heute!“ sagte M und zündete ein Licht im Rechaud unter der Teekanne an. „Gestern war es auch schon so schlimm, jedenfalls hier. War es bei Ihnen anders?“

 

„Nein“, antwortete O verblüfft. Die Andere brauchte wahrscheinlich Zeit, um zum Thema zu kommen, nun ja, wenigstens das verstand sie, und um sich auf M einzustellen, begann sie bereitwillig zu erzählen, dass es gestern und vorgestern auch bei ihr geregnet hätte.

 

Man sprach von Bekannten, die etwas gesagt und getan, von Büchern, die man gelesen, von Ausstellungen, die man gesehen hatte, und am Rande war auch die Rede davon, wie diese Dinge ihm gefallen hatten, was er dazu geäußert hatte, er, um dessentwillen sie hier beieinander saßen.

 

Als O nach anderthalb Stunden ging, hatte sich das fremde Gesicht immer tiefer in einen Nebel zurückgezogen, in dem nichts mehr erkennbar war. Offensichtlich hatte M das Gespräch nicht gewünscht, zu dem O gekommen war, oder nicht für nötig gehalten, aus welchem Grund auch immer.

 

„Sie hat dich doch akzeptiert!“ stellte er später fest. „Man kann sie nicht zwingen zu einer Auseinandersetzung. Sie hat nichts gegen dich. Ich finde, es ist ein Erfolg. Du musst bitte respektieren, dass sie sich scheut vor der Radikalität, die du erwartet hast. Das muss doch auch nicht sein!“

 

Nein. Allmählich gewöhnte sich O daran, mit dem anderen Gesicht zu leben, das immer dunkler und schattenhafter zu werden schien, je öfter sie es betrachten konnte. Die Andere und sie, sie lächelten einander zu, umarmten sich bei Begrüßung und Abschied (M nahm dabei Os kleine Küsse hin) und entfernten sich voneinander. Es passierte gelegentlich, dass O sich schmerzlich danach sehnte, die Andere möge sich endlich zeigen, möge offen sein für sie und ihr zuhören, möge sehen, wer sie war. Dann schrieb sie wieder einen Brief in verhaltener Zärtlichkeit, in dem sie berichtete über Dinge, die sie gesehen und erlebt hatte und von denen sie wusste, dass sie auf  Ms Interesse stoßen müssten. Aber sie bekam nie eine Antwort.

 

Einmal hatte sich O für Samstag Nachmittag mit ihm zu einem kleinen Ausflug verabredet. M hatte sich einen Besuch bei einer Freundin vorgenommen, es schien alles in Ordnung zu sein, sie schien einverstanden mit dieser Verteilung. O war schon zum Essen gekommen, weil er es sich gewünscht hatte. Sie aßen zu dritt in der Küche, friedlich, freundlich, ohne Arg.

 

Dann hatte M sich umgezogen, um fortzugehen. Unversehens entstand eine Leere, ein deutliches Warten, das nicht mehr verschleiert werden konnte. Als M aus dem Schlafzimmer kam, parfümiert, teuer und zurückhaltend angezogen im dunklen Kostüm, das sie nicht schöner machte als die Küchenschürze, schwebte eine Wolke von Feindseligkeit um sie herum. War es denn M jetzt erst klar, dass er und O allein in der Wohnung zurück bleiben würden? Dass sie beide die Möglichkeit hätten, den Ausflug zu verschieben und sich statt dessen zu umarmen? Hatte M nie daran gedacht? In eisiger Verschlossenheit verließ M die Wohnung. Als sie allein waren, machte O ihn darauf aufmerksam. Er sah seiner Frau kurz nach, wie sie unten auf der Straße eilig ihrem Ziel entgegen ging, und maß dem Vorfall keine Bedeutung zu. Nach einem Kuss setzten sie sich in sein Auto und fuhren aus der Stadt. Sie hatten sich ein Hotelzimmer genommen.

 

In seinen Armen, unter seinen Blicken, mit seinem Flüstern, seinen Schreien in den Ohren lernte O ihr Leben kennen. Zögernd und unter Ängsten wurde sie kühn und aufmerksam. Es dauerte lange, bis sie sich aufeinander verließen, aber man konnte das lernen, indem man sich losließ. Sie traf ihn, wenn er auf Reisen war und sie beide an nichts denken mussten als daran, dass sie beieinander waren. Sie nahm seine rücksichtslosen Zärtlichkeiten in sich auf, seinen Hunger, sie nährte sich damit. Es erfreute ihn. Manchmal schienen sie vertraut wie Geschwister und doch aus zwei Welten. Es kostete Mühe und Schmerzen, einander zu erkennen, man irrte sich so leicht, aber es war unmöglich, den Drang nach Genauigkeit zu unterdrücken. Sie mussten einander sehen, einander ausleuchten, um das Entzücken zu lernen. Es war eine Spirale, die kein Ende fand.

 

Sie ließen M nichts davon spüren, nichts von dieser Leidenschaft. Sie fürchteten sich, ihr Verletzungen zuzufügen. Einmal, als er abends nachhause kam und M gewusst hatte, dass er den Tag mit O zusammen gewesen war, erklärte er in ihr fragendes Gesicht: „Ja, wir waren zusammen, und ich habe gemerkt, dass ich ein alter Mann bin!“ Da lächelte die Frau.

 

Er war dann immer kühner geworden mit der Zeit. Er hatte sich gewünscht, M möge seine Freundin unter Liebkosungen zu ihm bringen, M möge selbst den Wunsch haben, sie ihm zuzuführen, weil sie beide ihn liebten. Und beiläufig gestand er ihr bei anderer Gelegenheit wieder ein, dass O ihn besucht habe auf einer Reise. Die Frau sah ihn erstaunt an und sagte nichts.

 

Als er einmal einen Zug verpasst hatte und erst am Abend statt am Nachmittag zurück war, wurde M sehr ärgerlich. „Wenn du dich wieder auf eine Affäre einlässt wie vor ein paar Jahren, dann werde ich das nicht dulden!“

 

Er hatte viele Affären in seiner Ehe gehabt, viele kurze und ein paar längere. Und es gab auch noch eine, die anhielt, obwohl sie ruhiger und fast stumm geworden war. Vor ein paar Jahren? Was war da gewesen? Was meinte sie? Er kam nicht darauf, es war nicht so wichtig. Er würde sich natürlich etwas zurückhalten müssen, er war wohl zu weit gegangen.

 

M hatte nichts gesagt außer diesem einen Satz. Danach hatte sie in ihrer nüchternen, praktischen Art das Abendessen hingestellt und später neben ihm auf der Couch gesessen, sie hatten sich unterhalten über unbedeutende Vorkommnisse, sie waren schlafen gegangen, alles war wie immer gewesen, reibungslos.

 

O rief selten bei ihm an, um die Frau nicht zu beunruhigen. Sie trafen sich ja auch selten, weil es sich anders nicht ergab. Sie schrieb ihm, das tat sie gern. Dann geschah es, dass O Verwandtenbesuche in seiner Nähe machen musste und anschließend eine Stunde auch zu ihm und M kommen konnte. O fühlte sich wohl, sie erholte sich bei ihnen von den lästigen, umständlichen Verwandten, sie war gut gelaunt und genoss es, dass sie beide da saßen und mit ihr sprachen. Sie hatte sich noch nie so offen und heimisch gefühlt. Manchmal, wenn sie zu ihm hinübersah, war sein Gesicht weich und behutsam wie in den Augenblicken, wenn sie nach langer Trennung aufeinander zukamen, in Cafés, Bahnhöfen, Hotelzimmern, in Os Wohnung. Er schien ein wenig zu träumen, das war sehr süß, am liebsten hätte sie ihm die Hand an die Wange gelegt, damit er sanft erwachen konnte. Beim Abschied, als O die Frau umarmte, trat sie ihr in blinder Seligkeit auf den Fuß. M verzog keine Miene, deutete nicht den geringsten Schmerz an.

 

Er hatte es nicht gesehen. „Ich bringe dich zum Bus“, erbot er sich und rührte sie damit.

 

Auf der Treppe blieb er vor ihr stehen, drehte sich um und sah sie an: „Das war nicht mehr auszuhalten“, sagte er zu ihrer Verblüffung. „Die ganze Zeit musste ich dich ansehen, ohne dich berühren zu können. Mir ist schwindlig geworden, wenn du dein Kleid im Schoß gerafft hast, und dann hast du dich auch noch bewegt und die Beine übereinander gelegt!“

 

„Ich hab’s nicht gemerkt“, flüsterte sie entgeistert. „Es tut mir leid. Hätte ich früher gehen sollen?“

 

Er schüttelte stumm den Kopf und zog sie an sich zu einem raschen Kuss, der in sie eindrang. Auf der Straße ging er neben ihr und fühlte sich heiß und unwirklich. Sie musste ihn berühren, damit er zu sich kam. In einem Hauseingang presste er ihren Körper an sich und zitterte. Sie stieg betäubt in den Bus und sah ihm nach. Er hatte sich schon umgedreht und ging langsam davon wie in einem Mantel aus Einsamkeit, abgeschirmt von allem, was ihn hätte berühren und wärmen können. Es sah aus, als ginge er fort aus seinem Leben. Am liebsten wäre sie atemlos hinter ihm hergestürzt.

 

Erst nach Wochen, als sie wieder miteinander telefonieren konnten, erfuhr sie, was sich danach bei ihm zuhause abgespielt hatte. Er hatte noch immer wie abwesend die Wohnung betreten und wollte sich ins Arbeitzimmer schleichen, um allein zu sein und dem Gedanken nachzugeben, dass er sie umarmen würde, jetzt, jetzt.

 

Die Frau trat ihm in den Weg. „Ich will nicht mehr, dass sie herkommt!“ sagte sie heftig. „Sie hat sich hier aufgespielt wie die Herrin des Hauses. Sitzt da, triumphierend, seht her, wer ich bin, er war mit mir im Bett! Was denkt sie sich denn? Sorg dafür, dass das ein Ende hat, aber rasch! Du machst dich ja lächerlich, in deinem Alter. Sieh dich an, wie du aussiehst! Die ganze Zeit, als sie hier war, hast du glasige Augen gehabt, und jetzt kommst du mir vor wie ein Idiot mit deinem verschwommenen Blick. Diese Geschichte muss aufhören. Die ganze lächerliche, sinnlose Freundlichkeit, die ich ihr entgegenbringen sollte – warum denn bloß? Was hab ich davon?“

 

Er schnurrte vor Schrecken zusammen zu einem Punkt und begann, sich zu verteidigen, kehrte den Gleichgültigen heraus: „Na gut, wenn du willst, dass sie nicht mehr kommt, werd’ ich’s ihr sagen. Selbstverständlich wird sie das akzeptieren. So wichtig war es nun auch wieder nicht.“ Er sah sie an, sah, wie der Ärger ihr Gesicht dunkel und splittrig gemacht hatte, und wandte sich ab. Sie ließ ihn in Ruhe. Er wusste nicht, was sie dachte. Eigentlich hatte er das nie gewusst.

 

O weinte, als er es ihr erzählte. „Was sollen wir machen?“ fragte sie ratlos, „nun kann ich dich überhaupt nicht mehr erreichen. Ich kann dir nicht mehr schreiben, dich nicht anrufen...“

 

„Ich weiß auch nicht, wie es weitergehen soll“, seufzte er. „Ich darf sie nicht mehr irritieren. Ich bin auf eine gewisse Harmonie, einen Gleichklang mit ihr angewiesen. Ich kann nicht leben und arbeiten, wenn zuhause alles querläuft. Meine Ehe enthält nicht die Möglichkeiten, die ich mit dir hatte, aber etwas mehr wird sie nun natürlich wieder bekommen von mir, nachdem du alles an dich gezogen hattest. Kannst du es verstehen?“

 

„Ja vielleicht“, sagte sie tonlos. “Ich versuche es. Möchtest du dich wirklich von mir trennen?“

 

„Es sind noch so viele unformulierte Dinge zwischen dir und mir“, sagte er. „Wir müssen erst mal warten, bis sie sich wieder beruhigt und die ganze Geschichte vielleicht vergessen hat oder zumindest für beendet hält!“ Er erwiderte ihre kindlichen Abschiedsküsse, die durch die Leitung wie leichtes Knallen tönten.

 

So bekam sie also ihr Recht, die Frau, indem sie es sich einfach nahm. So musste man sein, nach diesen Gesetzen funktionierte die Welt. Was man haben wollte, musste man sich nehmen, ohne nach rechts oder links zu blicken. Blödsinnig die Frage, ob es einem anderen wehtäte oder ob man wirklich etwas an sich reißen konnte, was einem nicht freiwillig gewährt wurde. Auf die Zärtlichkeit in einer Ehe hatte man einen Anspruch, den man sich mit Gewalt sichern konnte, und wenn man das tat, wurde man dafür belohnt. Alles andere, die ewigen Kompliziertheiten und Bedenken, die empfindlichen Rücksichtnahmen und Fragen an sich selbst, die waren das eigentliche Verbrechen, das bestraft wurde. Man wurde weggewischt dafür, weg aus dem Blickfeld, aus dem Leben, man war eine Unannehmlichkeit, die bereinigt werden musste.

 

In plötzlichem, trotzigem Stolz hatte O sich darauf hin gesagt, dass sie es ja nun auch viel einfacher hätte. Sie war der Frau nicht mehr verpflichtet. Sie war frei. Wenn sie ihn sehen würde, brauchte sie nie wieder daran zu denken, von wem er kam und mit wem er lebte. Er würde da sein, das war genug, sie musste nicht mehr mit den sanften Waffen der Freundlichkeit und des Mitempfindens darum kämpfen, dass M ihr einen Platz gewährte. Auch O konnte sich den Platz nun nehmen!

 

Zwei Tage später war ihr Mut schon verbraucht und sie begann sich grau und elend zu fühlen. Das konnte nicht anhalten, dass er O um ihrer unerwarteten Stärke bewundern würde. Wenn sie nichts mehr voneinander hörten, würde er sie vergessen. Die Nähe ihres Körpers, die ihn verwirrt und gestärkt hatte, musste verblassen. Im Grunde hatte sie keine Chance gegen die Andere. Es würde ihm zu umständlich werden und zu gewaltsam erscheinen, sie unter diesen schwierigen Bedingungen noch zu suchen. Er hatte ein Recht auf ein überschaubares Leben. Es gab ja noch mehr Frauen für ihn, sie würde nicht die Letzte sein. Sie fror bei diesem Gedanken. Dann fiel ihr ein, dass die vielen Frauen, die Sehnsüchte und Phantasien, denen er immer wieder nachgab, ihn vor der Resignation bewahrt hatten. Er war so lebendig! In seinem Kopf war nichts festgefahren, er war neugierig wie ein Junge. Hatte sie das nicht bezaubert? War es nicht wunderbar, dass er so bleiben würde, auch ohne sie?

 

Sie sah es ein und schob ihn in Gedanken schon von sich fort, weit in den Hintergrund, wo in der Ferne nun sein Bild intensiv und schmerzlich zu leuchten begann. Es war nicht mehr für sie, wusste sie. Sie hatte verloren. Das andere, das Gesicht im Dunkeln, hatte sie unterworfen, und nun, da sie M nicht mehr sehen würde, konnte sie dieses Gesicht endlich klar erkennen mit seinen Oberlippenfalten und seinem wässrigen Blick. Es war das Gesicht der Königin, die über Os Leben herrschte und sie verurteilt hatte.

 

In ihren Eingeweiden blieb etwas stehen, als sei ein Räderwerk unversehens abgelaufen. Werd’ nicht noch hysterisch, sagte sie sich mit kaltem Entsetzen. Es fühlte sich an wie Sand, der langsam wegsackte und im Nichts verschwand.

 

„Ich möchte dir ein Geburtstagsgeschenk schicken“, sagte er ein paar Tage später am Telefon. „Wir sehen uns doch irgendwann?“

 

O nahm ungläubig einen tiefen Atemzug. Ich habe noch eine Frist! dachte sie. Langsam begann sie, sich wieder zu bewegen. Er schien es ähnlich zu empfinden. Er war nicht mehr jung.

 

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