Das Haus am Fluss

 

Von Christel Heybrock

 

1

 

Ich gehe durchs Villenviertel, am Fluss vorbei, auf dem Eisschollen treiben. Das Wasser raucht. Vom Himmel, der in eisigem Rosa verblasst, strömt eine Kälte, die meine Knochen zu Glas macht. Ich beeile mich, um rechtzeitig nach Hause zu kommen. Der Gedanke macht mir Herzklopfen, dass sie fragen werden, was denn und wo ich denn gewesen sei, da ich ja so spät komme?

 

Bloß das nicht, bloß nicht auffallen! Denn was soll ich ihnen sagen? Dass ich mich da oben verlaufen habe, da oben, wo ich ja nichts zu suchen habe?

 

Ich habe mich wirklich verlaufen. Ich eile immer schneller die Allee hinab in der Hoffnung, irgendwo auf eine Kreuzung mit einer Bus- oder Straßenbahnlinie zu stoßen, die mich in die Stadt und mir die Orientierung zurück bringt, aber hinter mir ist das Niemandsland, aus dem ich gekommen bin, und vor mir nur der teerosenfarbene Horizont, der allmählich in Elfenbein übergeht, hinter den kahlen Ästen der Bäume.

 

Ich weiß, dass ich bei Annette sein wollte, dass sie mich hergezogen hat, obwohl ich sie vielleicht gar nicht interessiere und sie nicht an mich denkt Aber ich wollte es, und so bin ich da, rechts der rauchende Fluss, links die Gärten, aus denen die Villen auftauchen, Jugendstil oder Klassizismus mit Säulen, weiß und wie im Märchen, hin und wieder ein gründerzeitlicher Pseudofachwerk- oder Klinkerbau, jedes Haus ein Wesen für sich. Hin und wieder öffnet sich die Fahrbahn, auf der kein Auto, kein Radfahrer zu sehen sind, zu einem erschreckend tiefen Gartenteich. Entengrütze wirbelt da herum, in einem anderen Teich scheint es zu kochen, und mitten in dem schäumenden Wallen bildet sich ein Sog, verursacht durch die Kraft eines heißblütigen Fischs, von dem man nur die vorgestülpten Lippen und das Innere des trichterförmigen Mauls sehen kann.

 

Ich finde das großartig. Ich reiße mich los und renne weiter, bis ich atemlos erwache.

 

2

 

Ich frage mich, wovon Annette träumt, außer dass sie ihrem Elternhaus entkommen möchte. Blond und still sitzt sie manchmal da, und ich kann mir nicht vorstellen, woran sie denkt. Es scheint, als habe sie nicht den Mut zu Utopien. Alles, was ich niemals besaß und nicht kenne, ist für sie so selbstverständlich, dass sie es nicht einmal sieht, und was ihr davon bewusst ist, davor verschließt sie sich wie in einem andauernden Schrecken: Geld, Eltern mit sozialem Ansehen, eine Villa mit Park ... Wenn sie davon spricht, schwingen immer resignierende, abweisende Zwischentöne mit, Ironie, manchmal auch Hass. Dabei hätte sie längst aus dieser Umgebung verschwinden können. Sie ist doch erwachsen mit ihren 22 Jahren! Aber bisher war es offenbar ausreichend für sie, ihre Selbstbehauptung auf verbaler Ebene stattfinden zu lassen. Ich glaube, sie ist nicht einmal so weit gekommen, sich ernsthaft eine Veränderung zu wünschen oder, Gipfel der Tollkühnheit, sie sich vorzunehmen als etwas, was man in die Praxis umsetzen könnte.

 

Vor ein paar Wochen war ich bei ihr zu Hause. Hat sie es mir nun zeigen wollen, um mich zu beeindrucken oder um mich abzustoßen? Das große Haus war leer, der Vater (Offizier) auf einer Tagung, die Mutter (Sängerin) hatte Probe, die Brüder (übersehe ich noch nicht) waren im Internat oder auf Reisen, die Köchin machte in der Stadt an ihrem freien Nachmittag Besorgungen. Annette hatte die Karten fürs Konzert vergessen, das wir am Abend besuchen wollten. Sie hatte mich gebeten, sie rasch nach Hause zu fahren. Dabei hätte sie das ebenso gut selbst mit ihrem kleinen Auto erledigen können. Also eine geplante Vorführung für mich? Oder war sie nur zu bequem?

 

Sie bat mich hinein und ließ mich dann alleine, um in ihrem Zimmer die Karten zu suchen.

 

„Sieh dich nur um“, sagte sie in der Diele, die eher eine kleine Halle ist, „ich finde dich schon irgendwo.“

 

Ich habe noch überlegt, ob ich nach ein paar Minuten zu ihr kommen sollte ... sie würde sich doch umziehen fürs Konzert ... der Gedanke, sie dabei zu sehen, machte mich schwindlig. Aber ich bin nicht hingegangen, es schien mir irgendwie unpassend, ich hatte das seltsame Gefühl, dass sie mich nicht bei sich haben wollte, nicht hier.

 

Das Haus, das von außen heitere Eleganz vorspiegelt, erschreckte mich innen durch seine muffige Finsternis. Überall halb zugezogene schwere Vorhänge. Eichenmöbel, dunkel gebeizt, teure Erbstücke zweifellos. Hier und da ein erblindender Spiegel im Barockrahmen. Kronleuchter oder Lüster. Perserteppiche, alt, zum Teil schon ein wenig angegriffen, aber riesengroß. Eine Sitzgruppe im Wohnzimmer (es gibt mehrere Wohnzimmer, und Annette sprach von einer „Bibliothek“ in dem Raum, in dem ein Bücherschrank mit Glasscheiben steht) ließ mich an Folterungen denken, an die Folter der Unfreundlichkeit und der Unnahbarkeit. Nur in der Küche ist es ganz hübsch, dafür hat wohl die Köchin gesorgt.

 

Nachträglich bin ich froh, dass ich Annette in ihrem Zimmer allein gelassen habe. Wie es dort wohl aussieht? Ich bin nicht neugierig. Sie kam dann zurück mit einer pompösen schwarzen Handtasche, in der die Karten waren, aber ohne sich umgezogen zu haben. Jeans, Pullover, kein Make up. Ich habe nichts gesagt, es war mir egal. So hoch offiziös sah ich ja auch nicht aus.

 

„Können wir gehen?“ fragte sie nur.

 

3

 

So ganz nebenbei, als bedeute das nichts, erzählt Annette von ihrer Kindheit, wenn ich geschickt genug bin, sie darauf zu bringen. Ihrem Existenz war für die Mutter offenbar eine Katastrophe, denn ein paar Monate nach ihrer Geburt wurde Annette einem Kindermädchen überlassen. Die Mutter hatte viele Übungsstunden nachzuholen und war öfter auf Konzertreisen als zu Hause. Mit drei oder vier ist Annette ins Kinderheim gekommen, später gab man sie ins Internat.

 

Noch immer scheinen ihre Eltern bei öffentlichen Auftritten ein attraktives Paar zu sein. Und es scheint auch, als seien dies die einzigen Anlässe für ihr gemeinsames Handeln, denn „zu Hause“, wo sie ohnehin nur selten sind, gehen sie sich aus dem Weg.

 

Früher, erzählt Annette, gab es ein-, zweimal im Jahr Kindertreffen: Zu Beginn der Sommerferien und zu Weihnachten fanden sie und ihre Brüder sich bei den Eltern ein, die nun Familie spielen wollten. Aber meist kam es schon am zweiten oder dritten Tag zu Reibereien, bei denen der Vater brutal handgreiflich wurde.

 

Annette, sechs oder sieben, sitzt auf dem Sofa. Der Vater, weiß vor Zorn, reißt ihren fünfzehnjährigen Bruder, der sich „respektlos gefläzt“ hat, am Kragen aus dem Sitz, schüttelt den Überraschten, dass ihm die Zähne aufeinander klappern, und schlägt ihn mehrmals mit dem Handrücken so heftig ins Gesicht, dass er blutet. Annette wagt nicht, sich zu rühren, auch nicht, als der Vater den Sohn ins Nebenzimmer zerrt und dort weiter malträtiert, sie sitzt eine halbe Stunde, vielleicht länger, so da. Aus einer Ecke des Zimmers hat die Mutter unbewegt und mit wächsernem Gesicht zugesehen, einmal hat sie den Vater noch ermuntert.

 

Ich kann mir solche Szenen nur schwer vorstellen, sie kommen mir unwirklich vor, völlig extrem. Gibt es so etwas tatsächlich?

 

„Was hast du denn dabei empfunden?“ frage ich Annette.

 

„Och, nichts“, sagt sie, kühl lächelnd. „Ich bin ja nicht geschlagen worden. Ein bisschen betäubt war ich danach immer, so einen Tag lang. Aber ich konnte, wie wir alle, irgendwann ins Internat zurück und musste die Alten ja nicht mehr sehen.“

 

Weiß sie nicht, dass sie heute noch wie ein Brett da sitzt, wenn im Kino gewalttätige Szenen über die Leinwand flimmern? Dass sie hinterher noch weniger redselig ist als sonst? Ich wage dann kaum, sie anzufassen. Ich lasse sie allein hinter der Wand, die plötzlich um sie ist, weil ich Angst habe, dass sie anfinge zu schreien. Natürlich umarme ich sie zum Abschied, ich bringe sie zum Auto und küsse sie auf die Wange, und manchmal ist ihr Körper noch wie abwesend, während sie mit munterem, unbeteiligtem Stimmchen „ja, tschüs“ sagt.

 

Mein Zimmer bei Gregor hat einen separaten Eingang. Ein paar Mal ist sie in der Mittagspause zu mir gekommen und hat es sich gefallen lassen, dass ich sie streichelte. Sie wird weich dabei. Aber ich darf nicht zu intim werden, ich spüre schon, wie sich dann etwas in ihr anspannt, noch bevor sie sagt: „Ich muss jetzt aber zurück.“ Natürlich wird das alles schon besser werden. Wir brauchen Zeit.

 

4

 

Ich finde, dass meine Besuche bei Mutter irgendwann ein Ende haben müssen. Ich fühle mich immer angeschmutzt hinterher, ich rieche an meinem Pulloverärmel, um mich zu vergewissern, dass ich nichts angenommen habe. Besonders schwierig ist die Situation, wenn ich mit Annette verabredet bin, so wie jetzt. Noch im Auto, nachdem ich Mutter in ihrer Wohnung zurück gelassen habe, hängt mir der Geruch meiner Kindheit in der Nase, der durchdringende Küchengeruch einer Genossenschaftssiedlung mit feuchten Kellern, Waschküchen und muffigen, aber blitzblank geputzten Hausfluren. Die ganze Wohnung, selbst die Außenwand des Hauses an der Ecke, roch nach altem Fett, Spülwasser und ausgekochtem Kaffeesatz.

 

„Hier stinkt es wieder nach Sumpf“, höre ich den dicken Erich in der Schule sagen. Er sitzt zwei Bänke vor mir und dreht sich um, damit alle wissen, wer gemeint ist.

 

Annette räumt in diesem Augenblick wohl zart duftend und ahnungslos in der Buchhandlung die neuen Titel ins Regal oder berät Kunden, aber ich habe jetzt auch noch den Beginn der Grünphase an der Ampel verpasst und setze mich erschrocken vor dem Hupsignal meines Hintermannes in Bewegung. Während die weiße Straßenmarkierung wieder neben mir wegfliegt und die Bäume, die Häuser davon gleiten, während wir alle, eingesperrt in unsere Blechkästen, wie an einem Band gezogen über den Asphalt schweben, zerteilt und angehalten hin und wieder von einem roten Lichtzeitchen, fühle ich die Stacheln auf meiner Haut allmählich verschwinden, aber innen bleibt alles rau und körnig. Ich wünschte, ich müsste Annette nicht sehen, nicht ausgerechnet in der nächsten Viertelstunde.

 

Ich biege auf den Hinterhofparkplatz der Buchhandlung ein. Ein neblig heller Schatten löst sich aus dem grauen Feld und schwebt auf mich zu. Es ist Annette, deren blasses Gesicht und blonde Locken mir schon entgegen kommen. Sie lächelt mir durch die Scheibe zu, und ich öffne die Tür und frage heiser, ob sie heute früher Schluss gemacht habe. Hoffentlich spürt sie nicht, dass ich noch nicht mit ihr rechnen wollte. Und überhaupt, warum bin ich nur so hysterisch! Es gibt ja nichts mehr zu sehen von früher. Ich lebe nicht mehr in der Siedlung, sondern in Gregors Haushalt, den Renate ganz hübsch gemacht hat, und Mutter kann sich von ihrer Rente das kleine Appartement im Hochhaus leisten. Wir sind normale Bürger. Und es war ja auch nicht nur die Wohnung.

 

5

 

Ich bin im Kino gewesen mit Annette und spät nach Hause gekommen, zu spät eigentlich. Ich habe gehofft, Gregor sei schon schlafen gegangen, aber bevor nicht alle Schäfchen im Stall sind, tut er das natürlich nicht, und so sitzt er mir genau vor der Nase die ganze Zeit, in der ich so gerne allein gewesen wäre.

 

Ich hatte Hunger und habe mir noch ein Brot gemacht. Es ist immer gut, in Gregors Gegenwart auf legale Weise abgelenkt zu sein, Man muss dann nicht reden und kann sogar die Gedanken schweifen lassen, ohne ihm zuzuhören. Aber es erfordert eine gewisse Übung und starke Nerven, denn er spricht fast immer, und zwar in der für ihn normalen Lautstärke, mit der er sich vom Katheder herunter einer Klasse von dreißig schwer zu bändigenden Jugendlichen verständlich machen muss. Erziehen ist seine Stärke. Er erzieht jeden, der ihm in die Quere kommt, er hat auch mich und Renate erzogen, und ich glaube, dass er nur deshalb drei Kinder gezeugt hat mir ihr, um zu Hause Nachschub für seine Erziehungsbedürfnisse zu haben.

 

Während ich an meinem Butterbrot kaue, lehnt er sich genüsslich auf der Küchenbank zurück, streckt seine langen Beine aus, raucht eine Zigarette und beobachtet mich durch den Nebel hindurch. Irgendwann, möglichst bald, muss ich ihm Annette vorstellen, das wird nicht anders gehen, er steckt seine Nase sonst von selber in meine Verhältnisse, um zu überprüfen, wie ich lebe. Ich weiß nur nicht, wie ich ihm möglichst lässig beibringen soll, dass es sie gibt, es darf nicht bedeutend klingen, nicht nachdrücklich. Ich hasse es, seine Aufmerksamkeit zu erregen.

 

Aber er kommt mir, während ich schon fast die Sekunden nach ihrer Günstigkeit abwäge, mit etwas ganz anderem dazwischen.

 

„Wir können nächsten Donnerstag ja wohl mit dir rechnen“, schreit er beiläufig. „Ich frage nur, weil du in letzter Zeit so auffällig spät nach Hause kommst und seit Wochen eigentlich keinen Diskussionsbeitrag mehr zugesteuert hast.“

 

„Nein, nein“, brumme ich, „am Donnerstag bin ich da, ich soll doch das Referat halten.“

 

„Ja“, schreit Gregor. „Wir sind im Kurs auch schon alle sehr gespannt darauf. Ich war nicht immer deiner Meinung, das weißt du, aber was du früher manchmal sagtest, hat einige Teilnehmer offenbar fasziniert. Die scheinen deinen Standpunkt schon zu vermissen.“

 

Wenn er doch endlich ins Bett ginge! Renate wartet sicher schon auf ihn. Warum lässt er mich nicht einfach hier sitzen? Ich beiße schweigend von neuem ins Brot und treibe heimlich wieder auf Annette zu, ihre weiche, helle Wange nähert sich mir wieder, der süße Flaum unter meinen Lippen auf dem Weg zu ihrem Ohrläppchen ...

 

„Ist etwas nicht in Ordnung mit dir?“ ruft Gregor. „Du weißt ja wohl, dass du dich mir anvertrauen kannst ...“

 

Ich zucke zusammen. „Schrei doch nicht so,“ sage ich leise und sehe ihn endlich an.

 

„Also entschuldige mal“, ruft Gregor, „wenn du nichts sagst...“

 

Nun gerade nicht. So kann ich das nicht machen. „Ich bin müde“, sage ich nur. „Ich hätte wahrscheinlich nicht ins Kino gehen sollen, es ist zu spät geworden, versteh’ es bitte.“

 

Ständig muss er allein Herr der Situation sein, über alles will er bestimmen. Was Annette betrifft, werde ich das nicht zulassen. Annette geht erst mal mich an, nur mich, und wenn sich keine Gelegenheit ergibt, dass mein geschätzter Bruder auch mal eine defensive Rolle akzeptiert und zulässt, dass andere Leute ihr eigenes Leben haben, dann muss er auf Annette verzichten. Soll er doch über Dritte versuchen herauszufinden, was zwischen uns ist.

 

6

 

Ich glaube, sie ist nur mitgekommen, weil es etwas Neues, eine Ablenkung für sie ist: Ich habe Annette statt zu Gregor zu meiner Mutter gebracht. Wahrscheinlich ist Annettes Zimmer im Haus ihrer Elter größer als Mutters ganze Wohnung. Es schien Annette aber nicht abzuschrecken, sie fand sich sofort zurecht und hat sich sehr liebenswürdig auf Mutter eingestellt, ich staune nur so.

 

So süß und mädchenhaft kenne ich Annette nicht, sie hat plötzlich ein anderes Gesicht, das Mutter natürlich für ihr Alltagsgesicht halten muss. Ich sitze fast die ganze Zeit in meiner Sofaecke und schaue den beiden Frauen zu, skeptisch, ungläubig, aber auch erleichtert. Was ist das nur bei Annette? Einfach Erziehung, ein angelerntes offiziöses Verhalten, das sie nicht für nötig erachtet, wenn sie mit mir allein ist? Oder erinnert Mutter sie an ihre Kinderfrau, die einzige liebevolle Person ihrer ersten Jahre?

 

Mutter hat den gleichen Rededrang wie Gregor. Wenn man sie in Ruhe lässt, hört sie nicht mehr auf. Sie spricht nicht laut, Gott sei Dank, aber ihre Stimme ist leider auch nicht von Gregors kultiviertem Wohlklang, sondern ungefähr so sonor wie eine knarrende Holztür. Annette müsste Mutter eigentlich nur anschauen und ihr zuhören, es ist keine anstrengende Tätigkeit, wenn man dabei an etwas Wichtigeres oder Schöneres denkt, und das gibt es immer. Aber es ist eine Tätigkeit, die kribbelig und nervös macht, denn natürlich wird man dauernd in seinen Gedanken von diesen Knarrtönen irritiert. Das Unternehmen wird noch erschwert – und aus Gründen der Vorsicht und der Höflichkeit ist daran überhaupt nichts zu ändern – wenn man die unentwegt redende Mutter ansieht und damit das von ihr erwartete Interesse bekundet. Man schützt sich so vor jedem Verdacht und sollte von Zeit zu Zeit auch noch ein anfeuerndes „Na, so was!“ oder „Nein, wirklich?“ einfließen lassen. Nur wird dieser Schutz bezahlt durch eine zusätzliche Irritation – man bekommt nämlich die Gesten mit, die Mutters Knarren begleiten. Mit ihrer plumpen, womöglich etwas geschwollenen Hand fährt sie nach oben in die Luft, so dass man eine zwar etwas zu rasche, aber vielleicht doch weiche, elegante Kreisbewegung erhofft. Nun aber hackt im ersten Drittel schon die Hand den Kreis ab, macht zwei horizontale, ungelenke Striche ähnlich einer Wischbewegung beim Fensterputzen ... und das war’s dann. Die plumpe, feste Hand liegt wieder im Schoß und hält das kleine Häkeltäschchen, in dem ein in Gebrauch genommenes, noch eine Weile verwendbares Taschentuch steckt. Und dieses Spiel mit dem ungelenk abgebrochenen Kreis wiederholt sich von Zeit zu Zeit, leider nicht vorhersehbar.

 

Mir selber wird schlecht, wenn ich es sehe. Es ist, als wedele Mutter den alten, zähen Küchengeruch wieder hervor. Mich schmerzt nicht nur die Erinnerung an Armut, Enge, unerfüllte Wünsche, sondern vor allem die Qual, dass im Zentrum aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge diese ungeschickte Hässlichkeit steckt, diese dunkle matschige Schwere. Als würde alles in die Tiefe gezogen, weil es innen vollgesaugt ist mit bräunlichem Nass.

 

Annette sitzt Mutter gegenüber, zart, hell, überirdisch mit ihren Locken, die vor der Stehlampe glänzen wie elektrisiert, und macht instinktiv alles richtig. Sie sieht Mutter an, sagt manchmal „Ja, sicher“ oder „Nein, also!“ und hält es aus, indem sie an etwas anderes denkt, hoffentlich. Mutter ist ganz inspiriert davon, klettert an ihren Wäscheschrank und holt aus dem obersten Fach ihre selbstgestickten Blusen und Taschentücher, um sie vor Annettes kritischen Augen umständlich auf dem Tisch auszubreiten. Und Annette, tatsächlich, guckt interessiert hin, lässt sich die Stiche, die Musterentwürfe und die Wahl der Farben erklären, ich verstehe gar nichts mehr. Da haben sich wohl zwei verwandte Seelen gefunden.

 

Mutter redet und redet wieder, bis sie sich endlich erschöpft setzen muss. Annette erbietet sich, in der Kochecke Tee zu bereiten, den Kuchen hervor- und die Tassen aus dem Wohnzimmerschrank zu holen, und obwohl ich doch weiß, wo alles steht und es ihr zeigen könnte, fühlt Mutter sich allein verantwortlich und setzt das kurz unterbrochene Dauerknarren mit anderer Thematik fort.

 

Von meinem Platz aus kann ich Annette einen verstohlenen Blick in die Kochecke zuwerfen. Sie erwidert ihn, indem sie genervt die Wangen aufbläht und die Augen verdreht. Das habe ich früher auch oft getan. Ich lächle. Mutter sieht mich in Richtung Annette lächeln und lächelt in plötzlichem Schweigen auch, als hätte sie das selbstverständliche Recht, sich in ein Einvernehmen zu drängen, das nicht ihr gilt.

 

„Wo haben Sie denn die Kuchengabeln?“ fragt Annette und tritt mit dem vollen Tablett in unser Schweigen ein.

 

„Sie ist ja recht lieb“, sagt Mutter, als ich zwei Tage später wieder zu ihr komme. „Es wird wohl nötig sein, dass ich ihre Familie kennen lerne. Was schätzt du denn, wann sie mich einladen werden? Hab ich noch Zeit genug, mir einen neuen Rock zu nähen?“

 

Ich umarme sie und tätschle wortlos ihren Rücken mit den verhärteten Muskelsträngen. Wie hat mein Vater mich bloß gezeugt? Wie hat er es geschafft, in diese Frau einzudringen, die vor lauter Arbeit und vermeintlichen Pflichten niemals anschmiegsam und gelöst sein konnte? Wenigstens hört sie auf zu reden, während ich sie halte.

 

7

 

Gregors Philosophiekurs findet jeden zweiten Donnerstag in seinem Arbeitszimmer statt. Teilnehmer sind interessierte und besonders ausgewählte Schüler von ihm, hin und wieder auch andere Interessenten – so wie ich, der ich mich seit einiger Zeit, halb dem brüderlichen Nachdruck weichend, halb um mich zu behaupten, hier einfinden muss. Die ganze Veranstaltung ist ein Forum, auf dem Gregor seinen unausgelebten Ehrgeiz stilisieren kann: Er ist zwar Studienrat in Amt und Würden, wäre aber sicher lieber Hochschullehrer mit einer stattlichen Anzahl von Doktoranden.

 

Dass er es nicht geworden ist, geht objektiv gesehen auf mein Konto. Er war erst siebzehn, als er unerwartet die Vaterrolle bei mir übernehmen musste, denn ich bin fast fünfzehn Jahre jünger als er. Mutter hat durch den plötzlichen Tod ihres Mannes physisch und psychisch so gelitten, dass mit ihr auf Jahre hinaus nicht zu rechnen war, vor allem finanziell nicht, denn die Rente musste erst einmal eingeklagt werden. Gregor hat uns mit einer Banklehrstelle und daran anschließender „Karriere“ über Wasser gehalten, aber als dann Mutter die Rente hatte, fing er noch mal an zu studieren und ist Lehrer geworden, wenigstens das.

 

Es war ein Bruch in seiner viel versprechenden Existenz, der auch den Bruch einer Verlobung nach sich zog. Ich höre sie heute noch im Nebenzimmer miteinander reden, Gregor und seine Braut Dorothee, die ich damals reizlos, viel zu nüchtern und zu erwachsen fand, als dass ich sie gemocht hätte. Wie immer sprach Gregor laut, freilich in seiner präpädagogischen Phase noch nicht so durchdringend und gnadenlos präzise artikulierend wie heute. Ich verstand nicht, was er sagte, aber ich hörte Dorothees Stimme in den Pausen dazwischen, auch sie klar, selbstbewusst, sachlich. Dorothee kam aus einer Fabrikantenfamilie. Sie und ihre Eltern hätte Gregors weitere Banklaufbahn durchaus interessiert, sie hatten auch nichts gegen ein dazwischen geschobenes Pädagogik- und Germanistikstudium, wenn diese Zusatzqualifikation sich weiterhin Karriere fördernd auswirken konnte. Aber Gregor, der bei meiner Erziehung Blut geleckt hatte, plante ja etwas ganz anderes, nämlich eine mickrige Gymnasiallaufbahn. Das war natürlich unter dem Sozialniveau, mit dem Dorothee gerechnet hatte, und so beschlossen sie beide in jenem stundenlangen Gespräch, bei dem ich im Nebenzimmer im Dunkeln saß, sich zu trennen.

 

Unter einer leidenschaftlichen Bindung und einer dramatischen Trennung würde ich natürlich etwas anderes verstehen. Flüstern und Schreie, Tränen, Verletzungen, verzweifelte Küsse. Wenn ich mir allerdings Gregor in der Rolle des Liebhabers vorstelle, an dem eine Frau zerbrechen könnte ... Gott, ist das komisch! Gregor ist ein anständiger Mensch, Sexualität spielt für ihn die Rolle einer ehelichen Pflicht, und ich glaube kaum, dass er Renate noch wesentlich beglückt, nachdem er drei Kinder gezeugt hat, die seine Leistungsfähigkeit beweisen. Nun ja, und Renate, die hat er auch nicht aus Leidenschaft geheiratet, die kam brav und bieder vom Land, aus einem westfälischen Dorf, und hat ein paar Jahre als Krankenschwester gearbeitet, bevor Gregor sie entdeckte. Und er scheint sehr unsicher gewesen zu sein, ob sie die „Richtige“ war, denn er hat vor der Verlobung bei Bekannten Erkundigungen über sie eingeholt, ob ihr Ruf auch in Ordnung, ob sie auch freundlich genug sei ... Renate weiß es Gott sei Dank bis heute nicht, vielleicht würde sie ihm jetzt noch vor Zorn den Bettel hinschmeißen und das Weite suchen, Recht geschähe ihm, obwohl oder gerade weil Gregor das überhaupt nicht begriffe. Seiner Ansicht nach hat er nur seriös gehandelt. Aber Renate, und das war wohl auch der heimliche Grund für sein hinterlistiges Verhalten, hat Temperament und Willenskraft, und natürlich ist ihm das suspekt. Er hat sie gezähmt, nein, mit Liebe sicher nicht, nicht so, wie ein Mann eine Frau zähmen kann, indem sie seiner Verführung erliegt. Ach, Gregor! Gregor hat sie erzogen, als Pädagoge, so wie er uns alle, außer Mutter, erzogen hat.

 

8

 

Gregor hatte mir aufgetragen, über Hegel zu sprechen. Man muss berücksichtigen, dass Gregors Philosophiekurs teilweise aus einer christlichen Jungmännergruppe hervorgegangen ist, und nun sollte ich Hegel ad absurdum führen, der sei vom Christentum „ja längst überholt“ worden.

 

Gerade diesen Beweis habe ich natürlich nicht erbracht, und sei es nur, weil ich die Gelegenheit nicht auslassen wollte, Gregor zu ärgern. Eigentlich hat mich das Thema überhaupt nicht interessiert, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang, aus dem ich mich lieber heute als morgen herausreißen würde. Aber noch lebe ich in Gregors Haus, ich bin ja nur Aushilfsassistent an einem Universitätsinstitut und Gregor zu unermesslichem Dank verpflichtet, lebenslang, weil er mir das Studium bezahlt hat. Also stelle ich Hegel schlampig und oberflächlich dem christlichen „Denken“ gegenüber; nichts, was ich sage, ist durchdacht, und trotzdem bringe ich die Angelegenheit auf den Punkt, dass gerade junge Christen in Hegel einen immer noch unerfüllten Anspruch hätten...

 

Niemand scheint zu bemerken, dass ich mich nur interessant mache, indem ich meine Sätze durch Atempausen und Betonungen zu bedeutenden Aussagen zurechtstilisiere, dass ich einige Wörter besonders herausmodelliere und mich überhaupt um eine elegante Sprechweise bemühe – sie sitzen alle da und lauschen atemlos, sie glauben mir, selbst Gregor lässt sich überzeugen, obwohl er natürlich in ein paar zusammenfassenden Dankesworten die kritische Substanz meiner Ausführungen schamlos und naiv ins Gegenteil verkehrt, und die Jungs glauben sofort auch das, scheinen die Kluft zwischen uns überhaupt nicht wahrzunehmen.

 

Natürlich habe ich mich heiß geredet und fortreißen lassen von meinem eigenen Schwung ... jedenfalls atme ich beglückt auf, als sie Beifall spenden, in anerkennendes Gemurmel ausbrechen und vereinzelt rufen: „Mensch, toll!“ oder „Das war ja richtig spannend“. Ich muss ein Lächeln der Genugtuung unterdrücken, indem ich meine Manuskriptblätter zusammenraffe und noch einmal in die Runde frage: “Falls jemand Lust hat, über ein paar strittige Punkte zu diskutieren?“

 

Die Hauptsache ist vielleicht, dass unter den zehn, zwölf Leuten auch Jochen Poetter sitzt, der seinem Vater womöglich von meinem Vortrag berichten wird. Bei Poetters Vater, dem Sozialdezernenten der Stadt, liegt nämlich seit ungefähr zehn Tagen eine Bewerbung von mir für eine ausgeschriebene Stelle. Ich möchte endlich aus Gregors Haushalt ausziehen und mehr Geld verdienen, bevor Annette es sich anders überlegt mit mir. Und Jochen kommt nach dem Vortrag tatsächlich auf mich zu und drückt mir die Hand: „Mensch, das war wirklich prima! Alle Achtung!“

 

Seltsam, während ich das noch genieße, gibt es eine Art Luftzug an meinem linken Ohr, und ich glaube, mich kurz umdrehen zu müssen: Da steht Annette neben mir!

 

„Wo kommst du denn her?“ frage ich überrascht.

 

Jochen eilt mir zuvor und hat sie zur Begrüßung schon umarmt, mit einem leichten Wangenkuss, unter dem sie errötet. Ich darf sie dann auch umarmen, aber es geht alles so schnell, dass ich mir nicht schlüssig bin – ist ein Widerstand in ihrem Körper oder das vertraute, vorsichtige Schmelzen? Ich habe nur für einen Augenblick ihre Wärme, ihren Atem gespürt, eine Locke hat mich auf der Wange gekitzelt, dann ist sie mir tänzelnd entglitten, und offenbar hat Gregor uns beobachtet, denn er steht schon da und lächelt, als ich auf die rettende Idee komme, sie ihm einfach vorzustellen.

 

„Ich werde sie nach Hause fahren“, erbietet sich Jochen zu meinem Schrecken, aber Gregor, in Unkenntnis von Annettes familiärer Malaise, macht ihm leichterhand einen Strich durch die Rechnung, wofür ich ihn umarmen könnte:

 

„Ach, danke“, sagt Gregor, „wir rufen eben bei ihren Eltern an und sagen Bescheid, dass es ein bisschen später wird. Mein Bruder kann sie dann ja auch hinbringen ...“

 

Hat Mutter ihm von Annette erzählt? Gregor kann einem ja öfter auf die Nerven gehen, aber manchmal ist er fantastisch!

 

Im Wohnzimmer wartet Renate schon mit einer Flasche Wein, und während wir dann alle gemütlich dasitzen und Gregor sich als anspruchsvoller, fesselnd erzählender Gastgeber inszeniert, wird mir klar: Dies ist ein Test, er und Renate (auf deren Urteil er aber nichts gibt) wollen Annette auf den Zahn fühlen. Sie besteht glänzend! Sie ist noch viel besser als bei Mutter, noch süßer, noch bescheidener, noch mädchenhafter. Sie scheint durchsichtig und klar bis auf den Grund, sie vermittelt den Eindruck völliger Arglosigkeit und Unschuld, ohne naiv zu sein. Sie sitzt in engelhafter Schönheit neben mir auf der Couch, und als ich einmal ihre Hand fasse, hätte ich um ein Haar, gerade so offiziös wie ich es hasse und Gregor es liebt, unsere Verlobung bekannt gegeben; es hätte eben in die Szene hinein gepasst! Wir scheinen alle in einem bürgerlichen, auf seinen Kunstwert getrimmten Film zu agieren, der erst reißt, als ich mit Annette im Autositze und sie nach Hause fahre.

 

Ich bin noch ganz beseligt, aber ich spüre schon, wie sie sich zurückzieht. Sie strömt etwas Kühles aus, das sich klamm auf meine Haut legt. Gleichzeitig wird sie mir erneut völlig rätselhaft, vorbei ist’s mit den tiefen, schönen Einblicken in ihr Innenleben, in dem angeblich alles gerade und harmonisch ist. Da muss im Gegenteil etwas ganz anderes sitzen, aber ich will es nicht wissen, ich wische es weg, es wäre töricht, uns ohne Anlass den schönen Abend zu verderben.

 

„Woher wusstest du denn, wo du mich finden würdest?“ frage ich, als ich vor der Villa halte und mich ihr zuwende. Sie ist offenbar auf die Frage nicht gefasst, antwortet etwas Rasches, das ich nicht verstehe und nicht mehr herausfinden will, denn sie küsst mich zum Abschied und legt dabei aus Versehen ihre Hand in meinen Schoß. Dann sehe ich sie auf dem dunklen Gartenweg zum Haus gehen mit leichten, etwas ungelenken Schritten, und Jochen Poetters Gesicht fällt mir wieder ein, das bleich und starr geworden war, bevor er ging. Er hat sogar noch versucht, mit hinüber ins Wohnzimmer zu kommen, so als sei der intime Familienabend selbstverständlich auch für ihn da.

 

Tja, lieber Jochen, so ist das Leben.

 

9

 

Ich sitze in der Küche und hole meine Schularbeiten hervor. Ich fühle mich kränklich. Ich habe Angst, draußen zu spielen, herumzutollen, zu schreien wie die anderen. Es gefällt mir nicht, was sie machen. Die Straße gefällt mir nicht, es ist eine kahle, kalte Straße, in der selbst die Luft aus Stein zu sein scheint. Die Erwachsenen, vor allem die Frauen; lauern in den Häusern ständig auf Dinge, die draußen passieren, nach den geringsten Bewegungen gieren sie förmlich. Manchmal reißen sie das Fenster auf und beschimpfen die Kinder, manchmal schicken sie den Ehemann, der dann finster und brummend in der Haustür erscheint. Nachdem ich ein paar Mal bei schüchternen, misslungenen Mitspielversuchen zu denen gehört habe, die im Unrecht sind von Natur aus, beobachte ich solche Szenen hinter der Wohnzimmergardine mit Genugtuung. Ich bin brav, indem ich mich verstecke. Ich hasse die Erwachsenen dafür, ich hasse auch alle, die da draußen ballspielend die Verbote verhöhnen.

 

Ich hasse die Mitschüler, die aus anderen Familien kommen und nicht zu mir passen. Mutter und Gregor denken selbstlos an meine Zukunft und schicken mich auf eine Schule, die in maßgeblichen katholischen Kreisen besten Ruf genießt, wir leben nun mal in einer katholischen Stadt, nur meine Familie ist evangelisch und durch Mutters Armut doppelt benachteiligt. Allein durch Intelligenz kann ich mir einen gewissen Respekt verschaffen, und es ist klar, das ich als Streberleiche berühmt bin.

 

Dabei würde ich so gerne mal Aufsehen erregen mit einem schicken neuen Pullover, wenn ich schon in der Turnstunde eine schlechte Figur mache. Ich träume davon, bewundert zu werden: ein neues Fahrrad, ein Mädchen, eine Urlaubsreise. Der dicke Erich wird jeden Tag von seiner Mutter im Mercedes zur Schule gefahren, auch andere Schüler fahren mit einem Elternteil im Auto vor und überhören großspurig das bewundernde Getuschel ringsum. Zwei, drei Mal bin ich tollkühn einer Einladung gefolgt und stand steif vor Verwirrung auf Perserteppichen und vor Müttern, deren duftende Gepflegtheit mir den Atem raubte. Ingos Mutter zum Beispiel ist eine dunkle  Schönheit, Ausländerin, deren kirschroten, vollen Mund ich anstarrte, als könne er nicht wirklich sein. Franks Mutter erscheint hin und wieder in der Schule, weil sie mit einer der Lehrerinnen befreundet ist – ich mag sie, weil sie gern lacht und so hübsch ist in ihren schwingenden Röcken und den hohen Absätzen.

 

„Ich brauche einen neuen Wintermantel“, sage ich zu Hause, als es wirklich nicht mehr anders geht. Ich erkälte mich immer wieder auf dem langen Schulweg, den ich teilweise zu Fuß, teilweise in der zugigen Straßenbahn zurücklegen muss. Mutter erwidert zunächst nichts auf meine Forderung. Sie wischt sich nur die feuchten Hände an der Schürze ab, das tut sie immer, wenn sie nicht weiter weiß. Das hat sie auch getan, als ich ihr einmal in absurder Vertrauensseligkeit gestanden habe, nicht glücklich zu sein und fast alles zu entbehren, was für andere Leute selbstverständlich ist.

 

„Was willst du denn zum Beispiel?“ hat sie überrascht gefragt.

 

„Eine jüngere Mutter!“ war mir entfahren, ja, wieso sollte ich es ihr nicht sagen, vielleicht war es gut, wenn sie erfuhr, dass ich mir ein anderes Zuhause vorstellen konnte.

 

Sie lachte und wischte sich verblüfft die Hände an der Schürze ab. „Aber mein lieber Junge ... bist du denn nicht zufrieden mit der Mutter, die du hast?“

 

Sie konnte nicht im Ernst geglaubt haben, dass ich zufrieden war! „Doch, doch ...“, stammelte ich trotzdem und bin seitdem auf der Hut. Sie erwartet, dass ich glücklich bin, aus Dankbarkeit für ihre Anstrengungen. Ich soll sie lieben dafür, das muss meine selbstverständliche Erwiderung sein.

 

Ich höre vorm Einschlafen Mutter und Gregor beraten, wie man das Problem mit dem neuen Mantel am besten lösen könnte. Für eine so bedeutende Anschaffung ist kein Geld da, sie müssten dafür hungern.

 

„Kann er nicht den alten von dir tragen, aus dem du rausgewachsen bist?“ knarrt Mutter.

 

„Aber Mutter“, belehrt Gregor sie streng, „den trägt er doch schon seit drei Jahren! Er ist nun auch da rausgewachsen! Außerdem sieht er natürlich ziemlich abgenutzt aus.“

 

„Ja, wir haben doch noch den Mantel von Vater im Schrank...“

 

„Mutter“, ruft Gregor „Vater ist seit zehn Jahren tot, mit dem Mantel kann der Junge nicht in die Schule, was denkst du, wie sie ihn hänseln!“

 

„Das ist aber unschön von den Kindern!“ knarrt wieder Mutters hilflose Stimme. Mir wird heiß unter der Bettdecke, ich würde Mutter am liebsten schlagen vor Zorn über ihre Dummheit und aus Verzweiflung darüber, dass es keinen Ausweg gibt, dass sie mich in ihr gottverdammtes Leben reingesetzt hat, in dem ich mich beschissen und täglich erniedrigt fühle. Ich kann nicht länger zuhören, was die beiden da in der Küche hin und her wenden, ich stopfe mir die Ohren zu und versuche einzuschlafen, aber auch davor habe ich Angst. Die letzte Klassenarbeit in Mathematik ist so schwer gewesen, ich habe fast nichts verstanden und die Lösungen nur auf gut Glück hingeschrieben – und das, obwohl ich vorher Nächte lang gepaukt hatte, mit Gregors klarer, unnachsichtiger Stimme in meinem Rücken. Und nun rollen im Schlaf rot und riesengroß die schlechten Noten auf mich zu, aus einer unermesslichen Ferne kommen sie an und treffen zielstrebig mich, nur mich.

 

Tagsüber halte ich meine Angst und meine Träume unter Verschluss; wenn ich sie Mutter erzählen würde, wollte sie mich wieder an sich drücken und trösten, und Gregor würde sich „opfern“ und mit mir üben, indem er dozierend und diktierend auf und ab ginge und mir beim Schreiben über die Schulter sähe. Es ist einfacher, für mich alleine  Angst zu haben. Es genügt, den fettigen Dunst riechen zu müssen, wenn ich nach dem Mittagessen meine Hefte auspacke, während Mutter am Spülbecken steht und abwäscht. Ich bin privilegiert, weil ich ihr nicht mal helfen muss dabei. Gregor hilft ihr, wenn er da ist. Sie führen mir eine spießige Ehe vor, in der ich das Kind sein muss, und für die Gnade, in diesem lächerlichen Theaterstück die einzige Nebenrolle spielen zu dürfen, habe ich stets dankbar, brav und still zu sein.

 

„Halt mal still“, sagt Mutter und zupft mit ihren harten, geschwollenen Fingern an mir herum. Sie hat Vaters Mantel auseinander genommen, und ich muss jetzt die Restbestände anprobieren, bevor sie, auf meine Proportionen zurecht gestutzt, wieder zusammengenäht werden. Das Ergebnis sollte ich noch in dem Winter vor meinem Abitur tragen.

 

10

 

„Warum sagst du denn nichts?“ schreit Gregor. „Du hast dich ja beim Sozialdezernat beworben!“

 

Ich zucke zusammen. Wie hat er das denn herausgefunden? Und warum mischt er sich jetzt ein? „Es war halt ein Versuch ...“ nuschele ich und erkläre laut: „Ich kann ja nicht ewig Aushilfsassistent bei meinem Doktorvater bleiben! Der Vertrag läuft in zwei Monaten aus. Dann muss Renate mich als Putzkraft engagieren, wenn ich nichts anders finde!“

 

Gregor lacht. „Ist ja auch richtig, dass du dich beizeiten umsiehst. Aber ich kann doch manchmal ein bisschen hinter dir stehen und dir vielleicht Wege ebnen. Vorausgesetzt natürlich, dass du keine heimlichen Aktivitäten entwickelst!“

 

Erwartet er etwa, dass ich mich entschuldige? Zumindest lässt er eine Kunstpause entstehen, die ich ignoriere.

 

„Also, mit anderen Worten“, fährt er schließlich fort, „will der Sozialdezernent dich persönlich mal unter die Lupe nehmen. Unverbindlich zunächst, aber auch inoffiziell, das läuft nicht über sein Sekretariat, du kriegst also keinen schriftlichen Termin. Er hat übermorgen um 15 Uhr eine halbe Stunde Zeit; wenn du dir das nicht durch die Lappen gehen lassen willst, rufst du am besten gleich an und sagst, dass du kämst!“

 

Ich staune nur so. „Wie hast du das denn organisiert?“ frage ich nun doch.

 

In meinem Tonfall scheint genügend Anerkennung mitzuschwingen, um ein selbstzufriedenes Strahlen auf Gregors Gesicht zu zaubern. „Ach, lass nur“, tut er bescheiden, „der Mann hat schließlich lange seinen Sohn in meiner Klasse gehabt, und obwohl Jochen mittlerweile studiert, gibt es noch einige Verbindungen, nicht nur durch den Philosophiekurs.“

 

Also ist meine Kalkulation mit den Poetters aufgegangen, wer hätte mit einem so durchschlagenden Erfolg gerechnet? Gregor rechnet natürlich mit einem hingebungsvollen Dankeschön, das mir nicht über die Lippen will. „Wie findest du sie eigentlich?“ frage ich stattdessen.

 

Offenbar hat Gregor gehofft, dass ich Annette, die doch vor wenigen Tagen wie eine Zauberfee auf seiner Wohnzimmercouch gesessen hat, nicht mehr zum Thema mache. Jedenfalls verfinstert er sich augenblicklich und sagt nur knapp: „Das ist wohl keine  zukunftsträchtige Bekanntschaft für dich, denke ich.“

 

Ich falle aus allen Wolken. Was soll das heißen, ich habe mich wohl verhört? „Ich verstehe nicht“, sage ich stirnrunzelnd, „wie meinst du das? Ich muss doch wohl selber entscheiden, wie ‚zukunftsträchtig’ die Freundschaft mit Annette für mich ist, oder hast du das zu bestimmen?“ Nun habe ich mich doch verplappert. „Freundschaft“ – so intim hätte ich mich nicht ausdrücken dürfen, ich habe mir eine Entblößung geleistet, verdammt.

 

Gregor kontrolliert mühsam eine mir unbegreifliche Erregung: „Nein, ich habe das wohl nicht zu bestimmen! Aber als dein älterer Bruder, der dir so manchen Lebensrat gegeben hat, darf ich dich darauf hinweisen, das auch du das nicht allein entscheiden kannst. Lass die Finger von ihr! Sie ist nicht geeignet für dich!“

 

Der Mann muss verrückt geworden sein. Ein bisschen gesponnen hat er ja schon immer, aber auf ein solches Fehlurteil war ich nicht gefasst. Annette ist ihm wohl nicht spießig genug. Ich soll wohl nicht hinausblicken dürfen über den Horizont von Gemeindehelferinnen, Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen: Christlich müssen sie sein! Und Annette ist das ebenso wenig, wie ich es bin. Woher weiß er das eigentlich? Sie ist doch allen seinen Sondierungsversuchen neulich geschickt ausgewichen!

 

„Es ist mir rätselhaft, wie du deinen negativen Standpunkt begründen willst“, sage ich kalt. „Es interessiert mich auch im Grunde nicht. Meinetwegen kannst du sie inakzeptabel finden. Es ist ja nicht mein Problem!“

 

Er reißt Mund und Augen auf, um zornig etwas zu erwidern, aber ich fahre ihm genüsslich dazwischen: „Übrigens vielen Dank für deine Vermittlung beim alten Poetter. Ich rufe ihn nachher vom Seminar aus an, es wird mir jetzt zu spät.“

 

Ich bin zufrieden mit diesem Abgang! Hoffentlich habe ich mit meiner Arroganz Gregor genauso verletzt wie er mich mit seinem autoritären Gehabe. Ich finde ihn von Tag zu Tag weniger erträglich. Was bildet er sich ein?

 

11

 

„Also dann bis heute Abend“, sage ich. Ich stehe in der Wohnzimmertür, den Mantel überm Arm. Die Kinder sehen unbefangen lächelnd zu mir herüber und nicken. Renates Gesicht dagegen überzieht sich wortlos mit Schatten. Gregor wirft auf der Couch zornig den Kopf hoch und ruft:

 

„Was soll das heißen? Wo gehst du hin?“

 

Am liebsten hätte ich zurück gegiftet: Was geht es dich an, du Idiot? Aber ich gebe höflich Auskunft:

 

„Ich bin verabredet, lieber Gregor, wir wollten ein bisschen rausfahren. Das ist wohl kein Verbrechen.“

 

„Ja, in der Tat“, ruft Gregor, und die Kinder schleichen unterdes einzeln aus dem Zimmer, „du bist verabredet, um mit uns hinauszufahren. Das ist seit Wochen mit Mutter vereinbart, ich erwarte jede Minute ihren Anruf, dass ich sie abholen kann. Hast du das vergessen?“

 

Nein. Aber sie werden an diesem Sonntag auch mal ohne mich auskommen, ich halte es nicht für ein Drama, wenn ich nicht dabei bin. „Es tut mir leid“, sage ich, „aber Annette konnte es nur heute einrichten. Grüßt Mutter von mir und entschuldigt mich!“

 

Meinem Bruder quellen beinah die Augen aus dem Kopf. „Annette?“ schreit er, rot bis zum Hals. „Du triffst dich doch nicht wieder mit dieser Annette? Das ist ja unerhört!“

 

„Ich weiß nicht, was daran unerhört ist“, sage ich scharf, „ich möchte sie sehen und damit gut. Es hat keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Wiedersehen.“

 

Ich ziehe die Tür hinter mir zu und wende mich zum Gehen.

 

Schon reißt Gregor sie wieder hinter mir auf: „Einen Moment mal“, schreit er „ich  muss mit dir reden, bevor du weggehst!“

 

Ich drehe mich ungeduldig um und sehe ihn an. Er ist ganz derangiert, so schnell wird er sich nicht von dem Schrecken erholen, ich kenne das. Er führt mir vor, wie abscheulich ich bin: Statt dankbar zu sein, mache ich ihn hohnlächelnd zum Objekt meiner Untaten. Pfui! „Was gibt es noch zu reden!“ schüttle ich den Kopf und will endlich gehen.

 

„Bitte“, sagt Gregor plötzlich leise und hält mich am Ärmel fest. „Lass uns eine Minute in deinem Zimmer darüber reden.“

 

Na gut. Ich werde allmählich nervös, weil ich mir noch nicht leisten kann, Annette warten zu lassen. Hoffentlich dauert es wirklich nur eine Minute. Und dann legt er los: Was ich mir denn dabei dächte, sie alle ins Gerede zu bringen, vor allem Mutter, bereits jetzt käme die ganze Familie in Verruf, man rede hinter uns her, wir hätten es ja auch nötig, in solchen Kreisen Fuß zu fassen, denn wer seien wir denn selber? Eine angebliche Witwe (am Ende tut sie bloß so, und in Wirklichkeit hat der Mann sie nur sitzen lassen), die ihre Kinder mehr schlecht als recht durchgebracht habe und jetzt endlich noch einen Sprung nach oben tun wolle. Natürlich hat die Alte das Engelchen, das ihr da ins Haus schneite, genügend hofiert, wahrscheinlich hat sie den Sohn angehalten, aus der ganzen Sache auch ja eine feste Verbindung zu machen, es steckt ja nicht nur ein erhebliches soziales Renommee, sondern auch viel Geld dahinter. So muss man es eben machen; wer sein Leben lag dumm genug gewesen sei, um arm zu bleiben, möchte sich natürlich die letzte Chance nicht entgehen lassen, etwas Besseres aus sich zu machen ...

 

„Das pfeifen die Spatzen schon von den Dächern“, raunt Gregor, “auch in meiner Schule und in meinen Arbeitsgruppen, und wenn du nur etwas Anstand und Familiensinn hast, dann distanziere dich bitte von dieser Beziehung. Ich meine, ich hätte dir genügend ethische Werte vermittelt, um dich für einen solchen Verzicht zu befähigen.“

 

Was habe ich eigentlich mir so albernen Gerüchten zu schaffen? Gregor wird doch nicht ernsthaft glauben, dass sie ein Anlass sein könnten, mich von Annette zu trennen? Ich bin im Begriff zu fragen, welche Spatzen denn diesen Blödsinn pfeifen, aber das Telefon klingelt, Mutter ist in der Leitung, wir können sie jetzt abholen.

 

„Ja“, sagt Gregor in die Muschel, „wir kommen alle ... ja, ganz gewiss, der Junge auch, wir hatten eben ein sehr ernstes Gespräch miteinander.“

 

Der Junge, das soll ich sein. „Tut mir leid“, sage ich, als er aufgelegt hat. „Du musst ihr schonend beibringen, dass ich heute nicht mit von der Partie bin. Ich kann Annette ja nicht einfach versetzen, sie wartet schon auf mich. Ich sehe nicht den geringsten Anlass, mich von ihr zu trennen. Lass doch die Leute reden. Sie werden sich schon wieder beruhigen.“

 

„Aber Mutter kannst du versetzen“, sagt Gregor, bevor ich gehe. Er sitzt auf meiner Jugendliege und zeigt mir sein empfindliches Gesicht, damit ich die Wunden auch sehen kann, die ich ihm jetzt zugefügt habe. Sie werden ohne mich ins Grüne fahren und erst mal alles überspielen. So lange Renate oder die Kinder dabei sind, wird keine Silbe von Annette verlauten. Aber wenn sie allein sind, Mutter und Gregor, wird er sie in die Arme nehmen, sie wird beben vor Kummer und vielleicht eine Träne zerdrücken mit ihren festen Fingern, und er wird ihr tröstend übers Haar streichen und ihr zuflüstern, er habe es ja schon immer gewusst, dass „der Junge“ widerspenstig und schwer erziehbar sei, zur Bequemlichkeit neige und sich am liebsten in ein gemachtes Bett lege. Überhaupt sei er etwas aus der Art geschlagen und im Grunde ein Fremdkörper in der Familie – oder wenigstens zwischen ihnen beiden, Gregor und Mutter, die nun umso fester zusammenhalten müssten. Küsse, Tränen, „du hast wohl recht, du musst mir helfen, Gregor, lass mich nicht im Stich“.

 

12

 

Als ich die Klingel am Gartentor drücke, rührt sich gar nichts. Ist sie schon weg? Alleine? Aus Zorn über meine  halbstündige Verspätung? Ich versuche es noch einmal. Schließlich knarrt und knistert es in der Sprechanlage.

 

„Wer ist denn da?“

 

Ich bin verwirrt. War das Annettes Stimme? Plötzlich ist alles fremd, ich gehöre nicht hier hin, ich bin einem peinlichen Versehen zum Opfer gefallen. Geistesgegenwärtig sage ich trotzdem meinen Namen in der Hoffnung, für diese ungeheuerliche Aufdringlichkeit nicht büßen zu müssen, und füge auch noch hinzu, dass ich mit Annette verabredet bin und mich verspätet habe.

 

Die Knisterstimme zögert und sagt dann: „Ich richte es aus. Sie kommt gleich.“

 

Wer war das? Die Köchin? Das Hausmädchen? Annettes Mutter doch wohl nicht?

 

Ich muss noch fast zehn Minuten warten, bevor sich die Haustür unter dem kleinen Glasdach öffnet und Annette staksig den Gartenweg herunterkommt. Was hat sie? Sie wirkt so entfernt, so vorsichtig. Sie lächelt mich an und sieht schon wieder an mir vorbei.

 

„Hallo“, sagt sie und nestelt an ihrem Handtaschenverschluss, damit ich sie nicht umarmen kann. Wir steigen ins Auto und sitzen eine Weile reglos nebeneinander. Aus irgendeinem Grund genieße ich es, dass die Situation nun auch für sie seltsam wird.

 

„Fahr doch bitte los“, sagt sie endlich. Es klingt brüchig und überanstrengt. Was hält sie in sich zurück, was nur?

 

Ich bin allmählich besorgt um sie und lege ihr während der Fahrt behutsam die Hand aufs Knie. Ich höre sie atmen. Weint sie? Auf dem ersten Parkplatz am Waldrand halte ich an.

 

„Was ist denn los?“

 

„Nichts.“ Sie lächelt und gibt mir einen raschen Kuss, der sich hart anfühlt und mit einem anderen Aroma gewürzt ist, als ich es kenne. „Komm, lass uns losmarschieren!“ tut sie munter und klettert schon hinaus. Ich muss notgedrungen hinterher.

 

Ich hole sie ein und halte sie fest. „Annette“, sage ich nur und ziehe sie an mich. Sie ist steif und zittert, als ich ihren Rücken streichle. „Sag mir, was geschehen ist. Was soll sonst werden aus uns beiden?“

 

„Ich weiß nicht. Nichts.“ Sie lacht und löst sich von mir, tänzelt mir voran auf dem Pfad.

 

„Ich wollte dich eigentlich heiraten“, werfe ich hin. „Wie fändest du das?“

 

Sie lacht wieder. „Du bist ja verrückt. Warum müsste das denn sein? Wir können doch auch so spazieren gehen!“

 

„Ich hatte nicht vor, mit dir immer nur spazieren zu gehen. Ach, übrigens bestehen gute Chancen, dass ich in einem Vierteljahr einen festen Job bei der Stadt kriege; ich war vor einigen Tagen beim Sozialdezernenten.“

 

Jetzt bleibt sie betroffen stehen. „Was“, sagt sie nur, „der? Das ist ja ein Ding.“

 

Sie erzählt mir mit einer unvermittelten thematischen Kehrtwendung den neuesten Klatsch aus der Buchhandlung, informiert mich über Kleider, die sie im Schaufenster gesehen hat, fragt sich, wie am nächsten Wochenende das Wetter sein wird und ob wir auf dem heutigen Spaziergang noch einmal einen Specht hören können – wir bleiben zehn Meter vor dem Baum stehen, an dem einer in rasender Geschwindigkeit auf die Rinde hackt, und Annette greift nach meiner Hand, bevor wir weitergehen: „Lass uns ins Café am Waldsee gehen, ja?“

 

„Da wird es jetzt aber rappelvoll sein,“ gebe ich zu bedenken.

 

„Macht doch nichts!“

 

Es ist gerade, als gefiele ihr das. Im Café trifft sie tatsächlich auch noch auf Bekannte, an deren Tisch sie stehen bleibt. Ich sehe mir das an aus einiger Entfernung und frage mich, wieso ich nicht wütend, enttäuscht, beleidigt bin. Ich scheine permanent auf Annette zu warten: darauf, dass sie offen für mich wird, einfacher, durchschaubarer, dass sie sich mir überlässt. Dass ich sie kennen lernen kann. Denn ich weiß ja fast nichts von ihr, ich kenne nur ihre Bruchstücke, ihre Verkrampftheit, ihre forcierte Oberflächlichkeit und ihr „Gesellschaftsverhalten“, wie ich es nenne; das hat sie jetzt wieder, und es entzückt mich zu beobachten, wie sie aufblüht und wieder diese Süße bekommt, während sie an dem fremden Tisch steht und mit anderen Leuten redet. So wird, so muss sie eines Tages auch mit mir umgehen. Es ist nur die Frage, ob ich geschickt genug bin, sie dazu zu bringen.

 

„Das war die Korrepetitorin meiner Mutter“, erklärt sie lächelnd, als sie wieder bei mir ist, und tatsächlich färbt noch etwas von dem Glanz auf mich ab, na also, bevor Annette in meiner Nähe wieder verblasst.

 

Sie drängt zeitiger nach Hause, als ich erwartet habe, und das ist nun doch schmerzlich.

 

„Ich finde, du solltest mir mehr vertrauen“, sage ich etwas salbungsvoll auf der Rückfahrt.

 

„Ja“, antwortet sie mechanisch.

 

„Manchmal stelle ich mir vor, mit dir zu schlafen“, sage ich leise, ohne sie anzusehen. Ich horche nur, wie sie reagiert. Es kommt kein Laut, und ich füge hinzu: „Ich würde es ganz langsam tun und dich dabei ansehen. Würde dir das gefallen?“

 

Jetzt, da sie nicht darauf gefasst ist, drehe ich den Kopf und lasse meinen Blick auf ihr Gesicht treffen.

 

„Sei still“, sagt sie tonlos.

 

Sie kommt mir bleich vor, oder irre ich mich? Ich glaube, ihre Hände zittern. Es rührt mich, ich sage nichts weiter, ich möchte sie schonen, sie ist sehr schutzbedürftig. Oder wage ich mir nur nicht zu wünschen, dass sie mir erliegt?

 

Der Abschiedskuss teilt mir ihre Verwirrung mit. Ihr Mund öffnet sich zögernd und lässt mich eine Bodenlosigkeit ahnen, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich muss das ausforschen, ich will hinterher, da reißt sie sich los, für eine Sekunde sehen wir uns an mit geweiteten Augen, dann ist sie fort, überm Gartenweg sehe ich ihren Rücken schweben.

 

13

 

Manchmal kommt Sven ins Seminar. Er studiert Soziologie, und wenn ich Bibliotheksdienst habe und er gerade etwas braucht, kann es sein, dass wir ins Gespräch kommen. Sven war eine Zeit lang Gregors Schüler und Teilnehmer am Philosophiekurs. Gregor hat ihn mir ans Herz gelegt, weil er sich ja immer um alles kümmern muss, und Sven ist einer, der es genießt, wenn man ihm die Wege ebnet. Ich muss aufpassen, dass ich dem jungen Strahlemann, der mit seinem Charme überall Land gewinnt, das Leben nicht zu leicht mache. Die wertvollsten Tipps will ich zumindest hinauszögern.

 

Auch heute erscheint sein Lockenkopf wieder im Türrahmen, und da ich gerade allein bin und der Hausherr auf Vortragsreise ist, nehme ich mir Zeit. Wir lächeln uns an und wetteifern in Freundlichkeit.

 

„Von dir erzählt man sich ja Sachen...“ deutet er nach dem Vorgeplänkel an.

 

“Was für Sachen?“ lache ich, denn es ist sicher ein Scherz.

 

„Na ja – du willst ja ziemlich hoch hinaus, jedenfalls über deine Verhältnisse ...“ grinst er anzüglich.

 

Denkt er sich nichts dabei, oder ist es eine gezielte Frechheit? Ich stelle mich noch dumm und frage, was so besonders anspruchsvoll an der Tatsache sei, dass ich heute Bibliotheksdienst habe?

 

„Ach, nein“, lächelt er fröhlich, „darum geht es ja nicht. Deine Frauengeschichten ...“

 

„Wer erzählt von welchen Frauengeschichten?“ Ich kann nicht verhindern, dass meine Stimme etwas scharf klingt. Aber Sven soll ruhig spüren, dass jetzt eine Grenze erreicht ist.

 

„Ach“, lenkt er ein, „ich meine ja nur so; ist sicher nicht ernst zu nehmen!“

 

„Also was und wer?“

 

„Du, ich weiß ja nichts Genaues. Der Klaus Meyer erzählte neulich, jemand hätte ihm gesagt, man sähe dich öfter mit einem Mädchen, Blondine oder so ...“

 

„Klaus Meyer? Nie gehört! Wer ist das? Wie kommt der dazu, hinter mir herzuquatschen?“

 

„Wahrscheinlich meint er bloß, dass du ein toller Hecht bist“, strahlt Sven, damit ich es nicht länger ernstnehme.

 

„Na schön, aber wer ist Klaus Meyer?“

 

„Ich kenne ihn auch nicht genauer. Ich glaube, er ist mit Jochen befreundet, den kennst du sicher, oder?“

 

Jochen Poetter. Sieh mal an. Einer von diesen arroganten, verwöhnten Typen, die glauben, die Welt gehöre ihnen. Und mir ins Gesicht tut er stinkfreundlich. Hoffentlich verdirbt er mir nicht die Chancen bei seinem Vater. Ich muss mal ein Auge auf ihn haben.

 

14

 

Ist das ein Tag heute! Gregor liegt mit Grippe im Bett. Mutter liegt mit Grippe im Bett. Renate schwankt zwischen Ironie und Hysterie: Soll sie Gregors Krankheit etwa ernstnehmen? Wenn ja – was für eine Katastrophe! Was soll sie denn nun machen, wie soll sie alles versorgen, ihn, die Kinder, den Haushalt, wenn er nicht wie immer am Tisch sitzt und das Zepter in der Hand hält? Aber bestimmt übertreibt er nur, damit sie wieder mehr Arbeit hat, schließlich muss sie ihm das Essen ans Bett bringen, und sie weiß nicht, wie sie alles schaffen soll, denn nachmittags muss sie auch noch zum Kirchenchor.

 

Um Mutter soll sie sich außerdem kümmern? Nein, das geht wirklich nicht. Wer kümmert sich denn um ihre eigene Mutter, wenn die mal krank ist? Die muss dann auch sehen, wie sie zurecht kommt! Renate gibt Gregors vorwurfsvoll drängende Blicke an mich weiter. Es ist völlig klar, dass endlich für „den Jungen“ Gelegenheit besteht, ein paar alte Schulden abzutragen. Wer hat schließlich an meinem Bett gesessen und mir die Stirn gekühlt, wenn ich Fieber hatte? Na also!

 

Mutter krächzt und nörgelt mit heißem Kopf und verstopfter Nase. Die Tropfen müssen in den Kräutertee geträufelt werden, ich soll eine Spritze richten, die sie sich dann selber in die Haut sticht, es gelingt mir, dabei einen Augenblick wegzusehen. Sie ist ununterbrochen damit beschäftigt, mir irgendetwas zu erklären oder mich zu informieren, zum Beispiel darüber, was sie gestern Mittag gegessen und wann sie zum ersten Mal gefröstelt at, obwohl es doch recht warm ist, und dass ihre Nachbarin – nein, doch nicht Frau Noas von gegenüber, sondern Frau Hennemann zwei Stockwerke höher – heute morgen für sie in der Apotheke war, damit ich diese Gänge nicht auch noch erledigen müsse. Mutter gelingt es noch im Liegen, ihre Reden mit den gewohnten abgebrochenen Halbkreisgesten zu unterstreichen und in Gegenrichtung mit dem verquollenen Kopf zu rucken.

 

„Aber soll ich dir ein Geheimnis anvertrauen?“ fragt sie schließlich. „Dir kann ich ja so was sagen, nicht wahr?“ Und als ich erwartungsvoll zu ihr hinsehe, fährt sie fort: “Ich habe mich in Wirklichkeit nicht erkältet oder angesteckt. Es ist etwas anderes, was mich krank macht, und dabei kannst du mir helfen, mein lieber Junge ...“

 

„Was ist es denn?“ frage ich so oben hin, aber mit der nötigen interessierten Miene. Es wird wohl ein rechter Unsinn sein, ich lasse meine Gedanken schon wieder abschweifen.

 

„Diese Verleumdungen ...! Die haben auch Gregor krank gemacht, da bin ich sicher. Sieh mal, wir haben es schwer genug gehabt, als Vater damals so plötzlich starb, und es war nicht genug, dass wir unter der Armut litten! Es gab abscheuliche Menschen, die alles Leid noch vergrößern mussten durch ihre gehässigen Reden. Was meinst du, wie sie mich damals zur Verzweiflung gebacht haben! Da wurde geredet, ich sei gar keine Witwe, Vater habe uns nur verlassen wegen einer anderen Frau und solche Dinge. Ich hatte ja geglaubt, das läge alles hinter uns, aber nun haben die Giftschlangen wieder angefangen zu zischeln und zu züngeln ... Wenn ich im Supermarkt auf Bekannte treffe, kann es sein, dass man mir gratuliert, ich sei ja nun bald aus dem Elend heraus, da mir eine solche Partie ins Haus stünde ... was für ein Elend denn, so eine Unverschämtheit, es geht uns allen doch nicht schlecht, wir sind doch nicht angewiesen auf deine junge Freundin ... Du siehst es ein, nicht wahr, dass es so nicht weiter geht! Sie mag ein liebes Mädchen sein, aber was will sie mit dir. Ganz abgesehen davon kann ich nicht glauben, dass die Eltern einverstanden wären. Die haben sicher ganz andere Vorstellungen von ihrem Schwiegersohn. Wie stehen sie denn zu dir?“

 

„Ich weiß nicht, ich habe sie nie gesehen. Sie sind fast immer unterwegs.“

 

„Hör mal, das ist ja ein Familienleben! So was ist doch nicht richtig, die sind ja kaputt. Nein, das sind wir nicht gewöhnt, das bist vor allem du nicht gewöhnt, das hältst du gar nicht aus!“

 

Soll ich ihr etwa sagen, was ich selber als „Familienleben“ ausgehalten habe? Soll ich ihr an den Kopf werfen, dass sie und Gregor mich zu ihrem ewig kindischen und zu Dank verpflichteten dummen August erkoren haben? Dass sie mir nur die Wahl zwischen Erstickung und Isolation lassen? Dass ich mich selber längst aus ihrer vereinnahmenden Fürsorge gemogelt und die Einsamkeit gewählt habe? Und ich soll es nicht aushalten, mit Annette zu leben?

 

„Ich werde den Gerüchten ein Ende machen, indem ich sie sobald wie möglich heirate“, sage ich nur. „Ich sehe ein, dass ich dir das schuldig bin.“

 

„Was?“ ruft sie aus und bekommt einen Hustenanfall. „Darüber müssen wir noch reden! Gregor muss mit dir reden. Gregor hat selbst vor Jahren feststellen müssen, dass seine frühere Verlobte nicht zu ihm passte; der weiß, wie man so etwas verkraftet. Er hilft dir, das ist gewiss. Wir werden dich beide nicht allein lassen, lieber Junge!“

 

Auch das noch. Sie wollen so lange an mir herumzerren, bis ich verrückt werde. Gleichzeitig muss ich mir unwillkürlich Gregor mit seiner ersten Braut oder auch die für kurze Zeit ja bräutlich gewesene Renate im Auto vorstellen, so wie ich neulich neben Annette gesessen habe, während er der Frau neben ihm sagt, was ich Annette gesagt habe ... Lächerlich, Gregor! Du kannst das nicht denken, nicht sagen, deine einzige Frau bleibt Mutter, Renate ist nur ein Alibi. Wie hält sie das eigentlich aus?

 

„Ich habe überhaupt keine Lust, mit euch darüber zu reden!“ sage ich nun deutlich. “Ich muss das selber entscheiden. Es tut mir leid, wenn du dir einbildest, du seiest meinetwegen krank geworden. Kann ich dich hier noch mit irgendetwas versorgen? Meine Zeit ist nämlich nicht unbegrenzt!“

 

Sie schüttelt den Kopf. Sie sagt nichts mehr. Sie weint. Sie sieht schlagartig noch hässlicher aus als sonst.

 

„Sei doch nicht so!“ sage ich und nehme ihre Hand. „Ich werde morgen wieder nach dir sehen.“

 

15

 

Ich brauche Annettes Nähe nach diesem Theater. Es wird mir gut tun, ihr zartes Gesicht vor mir zu haben. Während ich zur Buchhandlung fahre, um sie zu überraschen, denn wir sind heute nicht verabredet, fällt mir auch ihr anderer Ausdruck wieder ein, diese gläserne Sprödigkeit und Starre, mit der sie sich abkapselt und einem andeutet, dass man sie nicht berühren darf. Ich hoffe, heute wird sie nicht so sein, heute wird sie weich, offen, warmherzig sein ... ja, vielleicht schützend ... warum soll denn auch immer nur ich diese Funktion für sie haben? Ich muss mich auch einmal in ihr aufgehoben fühlen, heute brauche ich das.

 

Ich komme eine halbe Stunde vor Geschäftsschluss in der Buchhandlung an. Eine Kollegin von ihr sieht mich eintreten. Was hat sie gegen mich, denke ich noch, verwundert über die ernste, irgendwie erschrockene Zurückhaltung in ihrem Blick.  „Ich warte draußen auf Annette! Sagen Sie ihr eben Bescheid?“ bitte ich und will schon wieder hinaus, damit wir uns ohne Zeugen begrüßen können.

 

„Annette ist nicht da“, sagt die junge Frau. „Sie hat heute Nachmittag frei!“ Das ist merkwürdig. Sie hat mir nichts davon gesagt. Wir hätten uns doch treffen können, wie herrlich, einen Nachmittag für uns zu haben! „Wo ist sie denn? Ist sie nach Hause gefahren?“

 

Die Frau zuckt die Achseln und bemüht sich zu lächeln. „Morgen ist sie sicher wieder hier!“ sagt sie.

 

Unschlüssig setze ich mich zurück ins Auto. Allein ins Kino? Nach Hause fahren, um mich dem schniefenden Gregor auszusetzen oder der Konfusion von Renate? Ich fahre einfach los, aus der Stadt hinaus, ich will allein sein und an Annette denken, ich will nachdenken. Ich werde sie heiraten und alles wird gut. Es ist im Grunde einfach. Weder sie noch ich sind irgend jemandem verpflichtet. Ich muss ihr klar machen, dass ich sie verstehe, dass ich der Richtige in ihrem Leben bin. Wenn sie es begreift, wird sie neben mir stehen und sanft den Kopf an meine Schulter lehnen, und ich werde sie im Arm halten, den Duft ihrer Locken im Gesicht. Wir brauchen beide Ruhe und das Alleinsein miteinander. Wir müssen endlich abstreifen, was uns bisher so lächerlich an uns selbst gehindert hat. Wir müssen Menschen werden. Es wird uns gelingen.

 

Ist das der unbewusste Zwang einer Gewohnheit, die bereits begonnen hat? Ich habe mich gedankenlos der Villengegend in der Vorstadt genähert und bin schon auf der Allee am Fluss. Ich fahre langsamer, um das Gefühl zunehmender Vertrautheit zu genießen. In ein paar Minuten werde ich Annettes Haus wieder sehen, in dem sie die Spuren ihrer Gegenwart hinterlassen hat. Das Haus gefällt mir zwar innen nicht, aber außen ist es fast unwirklich schön und rein. Annette wird es verlassen, um mit mir zu leben. Vielleicht ist sie im Garten? Vielleicht sitzt sie auf der Terrasse und liest?

 

Es fängt langsam an zu dämmern. Ich parke an der Straßenecke und gehe das letzte Stück zu Fuß. Da liegt das Haus, weiß hinter den Büschen, hinter der baumbestandenen Rasenfläche; am Gartentor Eiben, ein Kirschbaum, eine Linde, es sind alte Bäume, die Annettes Eltern nicht gepflanzt, sondern nur übernommen haben. Vorm Zaun parkt ein Auto; es kommt mir flüchtig bekannt vor, Annettes Wagen ist es aber nicht. Ich spähe zwischen den Zweigen hindurch, ob sie vielleicht in Rufnähe ist, aber weit und breit keine Menschenseele. Auf dem Rasen picken Amseln und Stare nach den letzten Leckerbissen, bevor es Nacht ist.

 

Wie geht es nun weiter? Vielleicht sollte ich lieber nach einer Telefonzelle suchen und anrufen? Ich kann nicht einfach hereinschneien. Womöglich ist auch niemand da. Vom Fluss her weht ein schwacher Geruch von Algen und Schlamm, eine Wärme, in der sich Frische mit uralter Dumpfheit mischt. Das schmiedeeiserne Gartentor mit den schwarzen Girlanden und Zierstäben ist zu meinem Erstaunen nur angelehnt, ich drücke es auf, es quietscht nicht einmal, und bin auf dem gepflasterten Gartenweg. Ob mich jemand kommen hört?

 

Nirgendwo brennt Licht. In der beginnenden Dunkelheit wirken die weißen Wände fast blau. Ich bin ein Eindringling, der nichts sucht. Ich wünschte zwar, Annette käme aus der Tiefe des Gartens zu mir und würde mein Voranschreiten rechtfertigen, aber ich gehe auch ohne sie weiter, angezogen von dem Zauber des Hauses, in dem sich alles spielerisch, aber nicht ohne  Würde zusammenfügt. Das schiefergedeckte Mansardendach mit den geschwungenen Fensterausbauten. Der seitlich gelegene Eingang mit der zierlichen Glasüberdachung. Die zu Viertelkreisen gebogenen Freitreppen rechts und links an der Gartenfront, die zur halbkreisförmigen Terrasse des ersten Stocks führen. Die bemooste Springbrunnengrotte, die darunter liegt ... niemand ahnt, dass hinter so viel Süße sich etwas ganz anderes verbirgt, und vielleicht kann ich nur deshalb nicht umkehren, weil ich diesen Gegensatz noch nie so unbegreiflich und unerträglich gefunden habe.

 

Die Haustür an der Seite ist geschlossen, ich habe auch nur mit dem Finger ans Holz getippt. Ich will nicht wirklich hinein, ich will nur den kleinen Raum unterm Glasdach ausprobieren. Und vielleicht auch die Grotte unter der Freitreppe. Die Terrassentür oben ist offen, aber ich werde nicht ins Zimmer treten.

 

Wann fing es an, das unerklärliche Empfinden, etwas sei in Bewegung, in Unruhe? Als ich auf der Freitreppe bin, glaube ich ein Geräusch zu hören, nichts Gefährliches, nichts Falsches, vielmehr einen Laut der Natur, vielleicht war es ein Vogel, der mit rauschenden Flügeln durch die Luft segelte, mit leisem Klatschen, einer, den ich nicht sehe, weil mich die dunkelnde Schönheit der Fassade beglückt, an der ich emporsteige.

 

Dann halte ich inne.

 

Das Geräusch. Nein, kein Vogel. Dennoch nichts Schlimmes, es kommt mir vertraut vor, als triebe aus weiter Ferne eine Erinnerung herbei, eine vergessene Sehnsucht.

 

Es ist oben. Ein Windstoß auf der Terrasse? Ein Flattern der Luft am Dockengeländer?

 

Ich nehme noch ein paar Stufen. Oben ist nichts. Der Vorhang an der offenen Terrassentür  bewegt sich nicht, kein Lufthauch.

 

Eine Stimme. Murmeln. Ein erstickter Schrei? Es kommt aus dem Zimmer. Ich setze zu einem freundlichen „Hallo Annette?“-Ruf an, aber ein leichter, flüchtiger Vorbehalt schließt mir den Mund. Die obersten Stufen. Ich bin da und bewege mich plötzlich weich und lautlos. Ich sehe behutsam durchs Glas, die zweiteilige Terrassentür ist nur zur Hälfte geöffnet, und so weit werde ich nicht gehen, nein es ist nicht nötig, denn einen Meter von mir entfernt liegt Annettes Kopf auf dem Lederpolster einer Couch und Jochen Poetter ist über ihr. Ach so, das ist es, denke ich noch beruhigt, bevor es mir wie ein glühendes Messer in den Magen sticht, wieder und wieder, langsam sich erneuernd in mir selber, im selben Rhythmus, in dem ich atme.

 

16

 

Annette lächelt blass. Eigentlich sollte es mir scheinheilig vorkommen, aber ganz objektiv muss ich mir sagen, dass sie mich immer so begrüßt. Sie ist mir noch nie in einem Freudenausbruch um den Hals gefallen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie dazu imstande wäre.

 

In dem Chaos der letzten Nacht habe ich vergessen zu entscheiden, wie ich heute mit ihr umgehen soll. Vielleicht hat es Vorteile für mich, wenn ich ihr erst mal gar nichts sage. Sie wird sich mir ganz anders darstellen, als ich sie bisher eingeschätzt habe. Das Schlimme ist nur, dass ich sie nicht berühren möchte. Sie hat sich beschmutzt und müsste gereinigt werden, bevor ich sie wieder anfasse, und ich weiß noch nicht, wie ich sie von Poetter säubern könnte. Ich kann ihr nicht mal in die Augen schauen, nachdem sie ihn angesehen hat, gestern. Sie macht die Autotür auf, setzt sich neben mich und küsst mich leicht auf die Wange. Wie lange war ich Idiot davon überzeugt, man brauche viel Zeit und Geduld, um andere Küsse von ihr zu bekommen? Ich würde sie am liebsten an mich reißen und es ihr zeigen, ja, wahrscheinlich muss man sich einfach alles von ihr nehmen, so eine ist sie. So billig.

 

„Was hast du denn?“ fragt sie.

 

„Nichts. Ich fühle mich nicht wohl. Wahrscheinlich hab ich mich erkältet.“ Tatsächlich schüttelt es mich plötzlich, zu meiner eigenen Verwunderung.

 

Sie will mir besorgt die Hand auf die Stirn legen, aber ich wehre sie erschrocken ab, es ist fast ein Schlag.

 

„Sei doch nicht so“, sagt sie sanft, „ich wollte doch nichts Böses.“

 

„Nein“, ich falle ins andere Extrem und muss lachen. Eigentlich bin ich es gar nicht. „Willst du noch eine Tasse Kaffee trinken, bevor wir zu dem Vortrag fahren?“ lenke ich ab. Ich bin erleichtert, als sie zustimmt, und im Café mache ich es mir bequem, indem ich sie plump frage: „Na, wie war denn der Tag gestern?“

 

Sie fängt gehorsam an, überflüssiges Zeug zu erzählen, und während sie so redet und anderswohin schaut, sehe ich sie in Ruhe an, ihre Engelslocken unter der Hängeleuchte, ihr schmales Kinn, die blassen, sich jetzt leise rötenden Wangen, die großen Augen. Sie umrankt vereinzelte Satzteile mit einer zurückhaltenden, aber weichen Handbewegung, so dass ich dann auch ihre langen weißen Finger betrachte. Ein oberflächlicher Beobachter muss sie fast für reizlos halten, aber ich fühle mich unverbesserlich angezogen von ihrer seltsamen Mischung aus Verschlossenheit und vorsichtiger Sensibilität, es macht mich wütend auf mich selbst. Poetter, so wird mir schlagartig klar, hat sie missbraucht! Der ist nicht der Mann, der sich in eine so schwierige, beschädigte Frau hinein denkt, der sucht doch bei ihr nicht das verwandte Wesen, die verwandte Einsamkeit, der doch nicht! Poetter hat einen sozialen Triumph errungen, und es ist ihm offenbar nicht mal schwer gemacht worden, das einzige, was ihm die Affäre verdirbt, bin ich.

 

„Wie lange geht das schon mit dir und Jochen?“ unterbreche ich sie mit kalter Brutalität.

 

„Bitte?“ fragt sie verwirrt.

 

Ich weiß, dass sie jetzt wirklich glaubt, sich verhört zu haben, und ich schlage deshalb noch heftiger zu: „Du schläfst doch mit ihm. Seit wann?“

 

Sie wird weiß. Sie wird rot. Ihre Augen sind wie dunkle Tunnel in ihrem Gesicht. Sie sagt gar nichts, ihre Hand an der Kaffeetasse zittert. Sie sieht mich an, als klebte sie fest. Zwei tiefe Falten ziehen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln, die habe ich noch nie bemerkt, ob sie die auch beim Liebemachen hat? Ich habe sie verletzt, es tut mir gut, ich bin endlich auch mal in sie eingedrungen, aber natürlich ist es für sie anstrengend.

 

„Also, seit wann?“ wiederhole ich.

 

„Seit wann weißt du es?“ fragt sie leise zurück.

 

Sie schenkt mir tatsächlich noch einen Triumph! „Seit gestern Abend“, sage ich. „Ich habe euch gesehen. Ich wollte zu dir, es hatte sich so ergeben.“

 

Sie sieht mich an, und ihr Blick gleitet unerklärlich in sie zurück. Die Tunnel sind schwarz und zu. Annette ist nicht mehr da. Vor mir sitzt ein hölzernes Gerüst, überspannt mit durchsichtiger Haut. „Kannst du mich bitte nach Hause bringen?“ sagt sie schließlich rau.

 

„Nimm dir ein Taxi“, schlage ich vor. „Ich komme sonst zu spät zum Vortrag.“

 

Sie zeigt keine Reaktion mehr bei dieser letzten Ohrfeige. Es scheint, als koste jede Bewegung sie unendlich viel Kraft. Langsam wie in einem quälenden Traum greift sie nach der Handtasche und streckt eine Hand aus, um sich am Tisch abzustützen, als sie aufsteht. Dann geht sie, mit gesenktem Kopf, staksig, zum Ausgang. Sie hat nichts mehr gesagt.

 

Als endlich die Serviererin mein Geld entgegen nimmt und ich hinauseilen kann, um mich nach ihr umzusehen, ist sie weg. So schlimm kann es also nicht gewesen sein.

 

17

 

Der Kastanienbaum vorm Fenster ist schon gelb. Ich sitze im Dozentenzimmer im Seminar und starre hinaus. Fahrradklingeln auf der Straße. Der Himmel ist grau, schon den ganzen Tag, jetzt wird es bald regnen. Ich will Annette nicht mehr sehen. Aber trotzdem muss sie meine Frau werden, ich kann das himmelschreiende Unrecht, dass Poetter sich ihrer bedient, nicht zulassen.

 

In ein paar Wochen fange ich tatsächlich meine neue Arbeit bei seinem Vater an. Es ist beinahe, als würden die Poetters mir das Entbehrliche in den Schoß legen, um mir das Unentbehrliche desto heimtückischer zu stehlen. Wenn ich aber Annette geheiratet habe, dürfte es Jochen ein Dorn im Auge sein, dass unser Geld auch noch durch seinen Vater auf unser Konto fließt – abgesehen natürlich von Annettes Eltern, die ihre Tochter möglicherweise nicht gar so bürgerlich versorgt wissen wollen, aber ich will da nicht spekulieren. In jedem Fall – Jochen wird den Zähnen knirschen, soll er nur ... ein Grund mehr, ein Grund mehr.

 

Ob der alte Poetter eigentlich weiß, was sein Sohn so treibt? Wahrscheinlich nicht, und ich werde mich hüten, ihn darüber aufzuklären; auf die Tour will ich mich nicht anlegen mit der Familie Poetter. Der Alte ist gar nicht so übel, aber Jochen hält ihn für unbedarft und sich selber für clever, na ja, wenn er mein Vater wäre, würde ich vielleicht auch so denken.

 

Jedenfalls muss ich dieses Verhältnis beenden, koste es, was es wolle. Ich muss sie voneinander entfernen; von sich aus hat sie bestimmt nicht die Energie, ihn rauszuschmeißen. Man muss aufpassen auf Annette, sie verliert sonst den Halt. Nun ja, sie wird mit der Zeit lernen, sich auf mich zu verlassen. Später wird sie mir dankbar sein, wenn erst mal Ordnung in ihr Leben gekommen ist und sie weiß, wohin sie gehört.

 

Im Vorzimmer höre ich plötzlich Stimmen. Hoffentlich will niemand etwas von mir, ich kann jetzt wirklich keine Störung brauchen. Aber schon tutet die Sprechanlage wie ein Nebelhorn, so dass ich erschrocken aus der Stille hochfahre:

 

„Sie haben Besuch“, berichtet die Sekretärin freudig, „raten Sie mal!“

 

„Ich komme raus“, sage ich kurz und drücke auf den Ausschaltknopf.

 

Na, und wer steht da? Gregor mit seinem Sohn! Ich hatte ganz vergessen, dass sie mich abholen wollten, um Mutters Geburtstagsgeschenk zu kaufen.

 

„Ich habe noch zu tun, ich komme nach“, knurre ich unfreundlich.

 

„Hör mal“, ruft Gregor, um Dämpfung seines akustischen Volumens vergeblich bemüht, „wenn ich schon mal herkomme, musst du anders disponieren. Wir hatten vereinbart, um fünf hier loszufahren, jetzt ist es zehn nach fünf ... das wird ja furchtbar umständlich, wenn du uns später in der Stadt treffen willst. Professor Brieger wird ein Einsehen haben, dass du die Arbeit morgen nachholst!“

 

„Professor Brieger ist bis nächste Woche in Hamburg“, murmelt die Sekretärin, die gerade im Terminbuch blättert.

 

„Na also“, ruft Gregor, und die letzten Fesseln seines Kehlkopfs fallen, „es wäre ungehörig, wenn du keinen Anteil hättest an Mutters Geburtstagsüberraschung. Sie hat sich in den schweren Zeiten für dich aufgeopfert, das hast du ja wohl nicht vergessen?“

 

„Hör auf, mich zu erziehen!“ höre ich mich plötzlich schreien. Ich sehe den erstaunten Blick von Frau Deutelburg, ich sehe Gregor erbleichen und meinen halbwüchsigen Neffen bebend die Augen aufreißen, aber ich kann nicht mehr anders, es schreit aus mir heraus, dass mir die Stimme umkippt: „Hör endlich auf, mir diese lächerliche Vaterrolle vorzuspielen, das ist eine ungeheuerliche Anmaßung! Seit ich auf der Welt bin, stehst du auf dem Sockel, wenn du mit mir redest! Wenn hier einer etwas vergessen hat, dann bist du es – du hast nämlich vergessen, dass du bloß mein Bruder bist, du mieser kleiner Familiendespot! Macht doch euren Kram alleine, ich habe wirklich wichtigere Sachen im Kopf als Mutters Tischdecke oder neue Sofakissen oder was ihr euch ausgedacht habt! Macht es alleine, ja, du und Mutter, ihr passt doch so großartig ineinander, was soll ich mich da noch einmischen? Ich will nur in Ruhe gelassen werden von euch allen!“

 

Ich sitze schon wieder im Dozentenzimmer. Wie bei einem Wettermännchen hat es mich heraus- und wieder hereingeruckt. Gregor und der Junge sind fort, sie sind nach einem heiseren „Auf Wiedersehen“ die Treppe runter gegangen. Frau Deutelburg wäscht nebenan noch ihre Kaffeetasse ab und packt geräuschvoll ihre Sachen. Sie steckt den ergrauten Kopf in die Tür und verabschiedet sich mit kalter Gleichgültigkeit. Dann bin ich allein. Ich habe noch Herzklopfen wie von einem Albtraum. Ich höre den Aktenschrank knacken. Unter dem Druck von Hass und Schmerz werden ein paar Tropfen aus meinen Augen gepresst, alberne Reaktion. Ich wird’ es euch zeigen, euch allen, euch ekelhaften Typen. Bei euch ist einer schlimmer als der andere.

 

18

 

Ich bin mit Annette zum Konzert verabredet. Wir haben es schon vor einem Vierteljahr vereinbart: Ihre Mutter gibt einen Liederabend. Damals habe ich Annette freudig gefragt, ob ich die große Sängerin bei der Gelegenheit kennen lernen könne. Und sie hat es mir versprochen.

 

Ich sitze im Auto und fahre einfach zur Buchhandlung. Annette blättert noch Belege an der Kasse durch und blickt mich kurz an: „Hallo“ sagt sie, es klingt ganz normal. Sie hat etwas Schwarzes an, ein bisschen angestaubt, oder kommt es mir nur so vor? Sie wird sicher darin bleiben und nicht mehr nach Hause fahren wollen zum Umziehen, das Konzert beginnt schon in einer Stunde.

 

Wir gehen noch etwas essen. Sie sagt kein Wort. Ich überlege, ob ich sie darauf hinweisen soll, dass sie in meiner Gegenwart nächstens sorgfältiger angezogen sein sollte, aber ich halte die Kritik noch zurück. Sie gibt dem Kellner ihre Bestellung auf. Sie isst. Sie sitzt mir gegenüber. Niemand könnte ahnen, dass eine unüberwindliche Wand zwischen uns ist, selbst mir kommt alles vor, als bildete ich mir’s nur ein. Annette schaut nicht einmal an mir vorbei, ernst und schweigend kann sie durchaus zu mir hinsehen, wie zufällig meinen Blick streifend, aber in sich verschlossen. Nur etwas ist anders, weil ich sie nicht anfassen kann. Ich habe sonst ihre Schulter berührt, meine Hand mal auf ihre gelegt, ihre Wange gestreift. Im Auto ihr Knie gepresst. Ich tue, als käme ich heute nicht auf die Idee. Ihr scheint es recht zu sein. Auf der kurzen Fahrt im dunklen Wagen sitzt sie neben mir und rührt sich nicht. Das Schweigen schließt uns in einen Käfig. Ich fahre, ich habe zu tun, ich bin ja entschuldigt. Sie auch. Sie darf mich nicht stören.

 

Wir sind spät dran, weil es schwierig war, einen Parkplatz zu finden. Schlangestehen an der Garderobe. Wir suchen unsere Plätze im Saal. Wir haben keine Gelegenheit mehr zu reden, selbst wenn wir es wollten. Der Pianist betritt das Podium, dann SIE. In gewisser Hinsicht ist SIE das Gegenteil von Annette, groß, kräftig, von etwas teigiger Schönheit, beim Singen prägen sich ihr Doppelkinn und die Falten zwischen Nase und Wangenpolster sehr plastisch aus. Sie trägt ein Abendkleid in gebrochenem Rot, das mit seinen Volants und seinem tiefen, spitzen Ausschnitt vielleicht etwas zu mädchenhaft ist, sie will zweifellos jünger erscheinen, als sie ist, aber eine Goldstickerei macht es in ihrer prunkenden Schwere wieder wett.

 

Ich verstehe nichts von Gesang, ich gehe immer nur Annettes wegen in Konzerte. Aber ich begreife, dass die goldbetresste Sängerin einen beachtlichen Stimmumfang zwischen Höhen und Tiefen hat, ihr Piano kommt außerdem noch sehr abgerundet und klangvoll, nicht wie ein Flüstern, und im Forte, bei raschen Passagen, ist sie von einer opernhaften, packenden Dramatik. Das Publikum klatscht hingerissen.

 

Als die Pausenlichter angehen, haben Annettes Wangen sich gerötet. Sie hat mich nicht erkennen lassen, dass sie bewegt ist, aber vielleicht ist sie auch nur aufgeregt, weil es um ihre Mutter geht. Oder es ist die Wärme im Saal. Wir gehen hinaus, weil wir meistens bei solchen Veranstaltungen eine Tasse Kaffee am Büffet trinken. Nur heute wäre mir das unangenehm, es scheint, als müsse ich nun doch das Schweigen brechen, und während ich hinter Annette durch die Stuhlreihen gehe, fühle ich schnell an meine Brusttasche, ob alles in Ordnung ist, ja doch, ich spüre das harte Knittern des Briefumschlags, es ist alles da.

 

„Wolltest du mich ihr nicht vorstellen bei der Gelegenheit?“ frage ich Annette im Foyer.

 

„So, ja. Wenn du das möchtest“, sagt sie kühl. Irre ich mich, oder ist ein feines Glänzen über ihr Gesicht gehuscht? Sind ihre Bewegungen nicht unmerklich weicher und flüssiger, als löse sie sich aus einer Starre? Nein? Liebt sie ihre Mutter etwa so sehr, dass mein Wunsch sie freut? Sie hat mir bisher nie angedeutet, dass sie auch nur gern in ihrer Nähe ist. Vermutlich habe ich mich getäuscht. Oder sollte sie etwa meinetwegen erleichtert sein, weil ich nach wie vor Interesse zeige?

 

Es gibt nichts Verwirrenderes und Ernüchternderes als das Labyrinth von Gängen hinter den festlichen Konzert- oder Theaterfoyers. Wir fragen uns durch und stehen vor einer Tür, Annette klopft und steckt vorsichtig den Kopf durch den Spalt. Eine Männerstimme ruft „Herein“, es ist der Pianist, er schenkt such eben eine Flasche Bier ein. Die Sängerin sitzt, die Beine über einen Stuhl gelegt, auf dem Sofa, Noten im Schoß, den Kopf ekstatisch zurück geworfen auf die Lehne.

 

„Guten Abend, Mama“, sagt Annette mit kindlich klarer Stimme und bleibt vor ihr stehen. Die Sängerin reißt verwundert die Augen auf und hebt den Kopf. Aus der Nähe erschrecke ich über ihre harten Gesichtszüge, und während sie übertrieben deutlich artikuliert: „Guten Abend, mein Kind“, frage ich mich, wieso Annette nicht vor ihr niederkniet, diese Forderung töchterlicher Anbetung liegt in der Luft, aber Annette widersteht und küsst nur die dargebotenen fleischig stramme Hand.

 

„Darf ich dir meinen Begleiter vorstellen“, fährt Annette fort, als sie sich vom Kuss wieder aufgerichtet hat, und nennt meinen Namen, natürlich mit dem Doktortitel. Ihr Begleiter! Das ist ja allerhand, wenn sie wenigstens „Freund“ gesagt hätte, bin ich das denn nicht? Sie hätte mich ja nicht vorstellen müssen als zukünftigen Ehemann, dazu ist die Gelegenheit nicht passend ... aber schon kommt die Reihe an mich, wir misstrauen einander, die knautschige alte Singdrossel und ich, und ich muss mich eisern überwinden, um die wiederum dargebotene Hand gleichermaßen, nur distanzierter, zu beehren. Um ein Haar hätte ich nicht mal begriffen, dass ich das tun muss, und ich kann es auch nur improvisieren, denn diese perverse Aufgabe kommt zum ersten Mal auf mich zu.

 

Ich habe mich noch nicht erholt davon, als Annette nach zwei, drei Sätzen im Ton kindlicher Folgsamkeit verlauten lässt: „Vielen Dank, Mama, wir möchten dich nicht länger belästigen!“ und mich am Ärmel zupft, damit ich kapiere, dass die Audienz beendet ist. Ein mütterlicher Blick von hoheitsvoller Strenge verabschiedet uns stumm, und wir sind schon wieder draußen.

 

Ich komme mir vor wie nach einer Karussellfahrt. Annette lächelt, für einen Augenblick hat sie vergessen, wie wir miteinander stehen, aber ich nicht, ich bin meinen Umschlag nicht los geworden, wie ärgerlich. Ich hatte gehofft, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, mich der großen Sängerin vorzustellen und zugleich unbemerkt einen wichtigen Hinweis bei ihr zu hinterlassen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Annette bei der Rückkehr ins menschenwimmelnde Pausenfoyer anzudeuten, dass ich auf die Toilette muss. Sie lächelt wieder, mädchenhaft süß für einen Augenblick. Ich eile davon. Hinter der nächsten Ecke spähe ich eine Platzanweiserin aus und übergebe ihr den Brief an die Künstlerin, adressiert ist er ja deutlich genug, nebst dem unübersehbaren Vermerk „persönlich“. Soll die Zustellerin doch glauben, es handle sich um Fanpost. Aber meine Mitteilung ist anonym, und sie lautet

 

„Wissen Sie eigentlich, was Ihre Tochter so alles treibt? Auf der Wohnzimmercouch zum Beispiel? Und mit wem? Sie sollten sie besser im Auge behalten!“

 

An die wagt sich Poetter nicht mehr heran, das ist sicher.

 

19

 

Ich gehe noch immer. Ich bewege die Beine über etwas Weiches hinweg, das mich lähmt. Ich kann nichts sehen. Ist es dunkel oder hell? Hellgrau vielleicht? Was suche ich? Es ist dringend, ich muss eilig dort hin, was ist es nur? Meine Kniegelenke schmerzen, weil die warme, wabbelige Masse unter den Füßen nachgibt, ich versinke darin, ich komme nicht voran.

 

Oder sitzt der Schmerz ganz woanders? Hinter den Rippen? Ich muss das nachprüfen, es ist wichtig zu wissen, ob ich mich täusche über mich selbst ,mein Leben hängt davon ab,

 

Das Gehen spielt so lange keine Rolle mehr. Ich konzentriere mich auf die Knie: Sitzt es da? Innen? Ich fühle, wie meine Gedanken die Schmerzquelle sondieren, hinter den Kniescheiben herumsuchen. Nichts! Überhaupt nichts!

 

Dann ist ja alles gut. Ich habe mich tatsächlich geirrt, es tut gar nicht weh, man muss nur genau sein, dann löst sich alles. Ich nehme meine Schritte wieder auf, und wirklich, es geht sich jetzt viel leichter, richtig mühelos auf einer sicheren, harten Straße. Das Weiche ist weg.

 

Aber dunkel ist es geworden. Ich gehe durch eine leere Finsternis, als triebe ich durch die Luft, davongeblasen vom Wind. Etwas schmerzt und wird deutlicher. Was denn nur, was? Im Stehenbleiben stelle ich entsetzt fest, dass ich völlig angefüllt bin mit Schmerz, der ganze Bauch, die Eingeweide, der Brustkorb voll von dem Zeug, es steigt mir schon im Halse hoch, bald wird mir der Atem stocken.

 

Es ist so dunkel, ich kann nichts ertasten, ich bin nirgends. Jemand beobachtet mich, scheint mir, jemand lauert in der Dunkelheit und sendet heimtückisch seine Blicke zu mir. Da! Habe ich ihn erwischt, kann ich ihn festhalten mit den Augen? Ein Gesicht trudelt heran wie ein geschwollener Ballon. Das Gesicht ist ganz blond und zart, mit feinen, verschwimmenden Zügen, wer mag das sein? Es erinnert mich an Annette, aber sie kann es nicht sein. Ich gehe mit mir zu Rate und finde, dass sie es nicht sein kann, aber natürlich kann es auch sonst niemand sein. Es ist eine fremde Ansicht von Annette, sie hat etwas herausgekehrt, das ich nicht kenne. Ich schaue hin, aber es geht nicht, das schwankende Gesicht zerläuft, weil ich es ansehe. Vielleicht überzieht es aber auch mit Schatten.

 

Das Gesicht hat drei Löcher: in den Augenhöhlen und da, wo der Mund sein soll. Da ist nichts, nur schwarze Luft. Da tönt es irre, wie wenn ein Betrunkener nachts auf der leeren Straße grölt. Und die Augenhöhlen sind nur ein Vorwand – von innen zielen stechende Blicke auf mich. Ich kann nicht schreien.

 

20

 

Ich fühle mich eigentlich fantastisch nach dem Zettel! Endlich habe ich alles in Ordnung gerückt, es war höchste Zeit. Natürlich ist es die Frage, wie Annette es aufgenommen hat, ob man sie bedrängt, in die Zange genommen hat. Nun, etwas Besinnung tut ihr ganz gut, sie kann nicht einfach überall herumschlafen.

 

Aber ist der Brief auch ordnungsgemäß zugestellt worden? Hat die große Sängerin ihn überhaupt gelesen (und wenn ja: ernst genommen)? In der Konzertpause kann sie nicht mehr dazu gekommen sein, die war dann zu Ende.

 

Ich rufe in der Buchhandlung an, um Annette, wenn nötig, zu trösten und ihr die Annehmlichkeiten vor Augen zu halten, die auf sie warten, jetzt, da sie von der Lüge befreit wurde. In de rBuchhandlung meldet sich die Kollegin:

 

„Annette? Die ist heute nicht da, glaube ich! Warten Sie, ich erkundige mich mal ...“

 

Die Stimme entfernt sich, ich höre sie im Hintergrund rufen: “Ist die Annette heute gekommen? – Ach so!“

 

Und da ist sie wieder an meinem Ohr: „Sie ist krank, erfahre ich eben!“

 

Nun, das bedeutet nichts. Es wird ein Schnupfen sein, ich werde in ein paar Tagen wieder anrufen.

 

Ich sehe Annette schwitzend im Bett liegen. Hätte ihr etwas Besseres passieren können? Die eventuelle elterliche Strafe bleibt aus, man wird sie schonen, aber sie selbst hat Zeit und Ruhe, um über sich nachzudenken. Und zu welchem Ergebnis sie kommen wird, brauche ich nicht zu bezweifeln!

 

Wie lang mir die Zeit wird, bis ich wieder anrufen kann! Die Dreitagefrist sollte ich schon abwarten, sonst fangen sie in der Buchhandlung an zu tuscheln. Es ist eine Ewigkeit! Aber ich muss das durchstehen, ich muss bedenken, was mir diese drei Tage bringen werden. Könnte ich dafür nicht noch länger warten? Später werde ich Annette nie mehr allein lassen, ach, wie ich sie belohnen werde für ihre Einsicht! Sie ist mein Geschöpf, das ist das Tollste daran. Ich bin es, die aus ihr einen erwachsenen Menschen macht. Ich habe sie geformt, werde ich mir eines Tages sagen, wenn ich sie voll heimlichem Stolz ansehe.

 

21

 

Ich habe wieder in der Buchhandlung angerufen. Es hieß, sie sei noch immer krank. Das ist eine unerwartete Komplikation, die mich sehr beunruhigt. Womöglich ist dieser Zettel die Ursache? Was hat er ausgelöst? Ein Familiendrama? Einen Zusammenbruch? Habe ich Annette zuviel zugemutet? Habe ich ihre Empfindlichkeit nicht genug berücksichtigt? Nun ja, irgendwann muss sie gesund werden, dann ist die Sache bald vergessen.

 

Aber ich sollte doch bei ihr zu Hause anrufen. Die Ungewissheit ist unerträglich. Mir klopft das Herz bis zum Hals. Wenn jetzt bloß Frau Deutelburg nicht herein kommt ... Ich sehe im Vorzimmer nach: Sie ist noch in der Mittagspause. Ich reiße mich zusammen und wähle Annettes Nummer. Zu meiner Erleichterung meldet sich nicht etwa die Sängerin oder Annettes Vater oder einer ihrer sicher unausstehlichen Brüder, sondern die Köchin. Das ist eine sanfte Person, sie wird mich sicher mit Annette verbinden, die hoffentlich das Telefon am Bett stehen hat. Ach, wie lange habe ich Annettes Stimme nicht gehört! Es müssen Jahre her sein. Habe ich sie überhaupt jemals richtig gehört – so, wie ich sie gern gehabt hätte, als jemand, der für mich da ist?

 

Ich sage meinen Namen, natürlich mit dem Titel, damit sie weiß, dass ich es bin, und sage: „Ich wollte mich nach Annettes Befinden erkundigen. Sie konnte offenbar die letzten Tage nicht zur Arbeit gehen ...“

 

„Fräulein Annette ist krank“, sagt die Köchin.

 

„Ja, das hörte ich bereits. Was hat sie denn, wie geht es ihr?“

 

„Ich kann Ihnen das nicht sagen“, erklärt die sanfte Stimme, und jetzt spüre ich erst dieses seltsame Timbre von Unbeteiligtsein und Zurückhaltung, „ich habe sie nicht mehr gesehen.“

 

Ich stutze. Was bedeutet das?

 

„Sie ist nicht hier, sie ist zu Verwandten gereist, so weit ich gehört habe, wollte sie nach Hamburg. Nein, eine Telefonnummer habe ich auch nicht.“

 

Das kann nicht wirklich sein, ich habe diese Sätze geträumt, es war einer dieser Albträume, die mich in letzter Zeit heimsuchen, er ist mir in den helllichten Tag geschwappt. Vernünftig sein! Ich reiße mich zusammen. Das geht nicht, dass die Träume überhand nehmen. Dies hier ist mein Schreitisch, mein Brieföffner, meine Post, ich bin wirklich vorhanden, alles ist in Ordnung, ich rufe jetzt bei Annette an, um übermorgen mit ihr ins Museum zu gehen.

 

Ich wähle die Ziffern noch einmal an und lasse mittendrin den Hörer sinken wie unter einem bösen Zauber. Es geht einfach nicht mehr weiter. Was ist nur geschehen? Annette ist hinter einer undurchdringlichen Wand. Ich habe geglaubt, jetzt gehörte sie endlich mir, aber etwas hat sich zwischen uns geschoben, ein wahnsinniger, lautloser Mechanismus. Wer hat ihn ausgelöst? Sie selbst? War ihr klar, dass ich sie besitzen würde? Ist sie geflüchtet? Oder haben ihre Eltern sie entfernt? Ich begreife plötzlich, dass das alles endgültig ist, dass sie nicht zurück kommen wird. Obwohl es keinen Grund für diese Annahme gibt. Es ist ganz und gar unvernünftig und irrational zu glauben, sie sei einfach verschwunden. In ein, zwei Wochen wird sie wieder in der Buchhandlung stehen, wir werden wieder zusammen sein. Das ist die Realität. Da passieren solche Dinge doch nicht

 

Oder ist sie etwa mit Poetter auf und davon?

 

22

 

Gregor bleibt stumm, wer hätte das gedacht! Seit dem Eklat kurz vor Mutters Geburtstag, von dem ich demonstrativ fern geblieben bin, haben wir nicht mehr miteinander gesprochen und sind uns aus dem Weg gegangen. Mir war es wirklich recht! Wenn ich nur an die tagelangen Entschuldigungsbeteuerungen und die reuevolle Zerknirschung denke, die von mir erwartet wurden! Aber heute sehe ich ihm abgrundtiefes Erstaunen an, weil ich freiwillig und ohne den geringsten Anlass an seinem Philosophiekurs teilnehme. Er weiß ja nicht, dass ich zum letzten Mal dabei sein und eigentlich nur Poetter begutachten will, beiläufig und ganz für mich. Als könnte ich ihm ansehen, was mit Annette gelaufen ist!

 

Irgend etwas werde ich ihm schon ansehen.

 

Aber Poetter kommt nicht. Dafür sehe ich in der Pause Sven mit ein paar Leuten in der Ecke stehen. Ich will natürlich nicht durchs ganze Zimmer da hinüber gehen. Außer Sven kenne ich auch niemand von ihnen. Ich sehe nur zu ihm hin, Lächeln hier, Lächeln dort, was denn, Sven kommt zu mir! Nun ja, eigentlich gehört es sich so, er ist viel jünger als ich.

 

Wir plänkeln herum, und zu meinem außerordentlichen Vergnügen ist er es, der auf den Busch klopft: „Hast du schon gehört? Jochen hat mitten im Semester die Uni gewechselt!“

 

„Wo ist er denn hin?“ frage ich harmlos.

 

„Er hat einen Doktorvater in Freiburg gefunden, eine Kapazität mit Mordsbeziehungen. So ein glücklicher Zufall! Der Ordinarius hier wollte seine Arbeit nicht betreuen, weil er sich nicht so sicher fühlte mit diesem Thema, und er hat ihn an diesen befreundeten Professor nach Freiburg empfohlen. Da ist was drin, kann ich dir sagen, auch später, wenn er den Abschluss hat! So was müsste unsereinem mal passieren!“

 

Das klingt nicht nach Annette. Oder haben ihre Eltern daran gedreht? Unwahrscheinlich – ein Offizier, eine Sängerin, was sollen die mit einem Soziologie- und Philosophieprofessor zu tun haben? Oder vielleicht doch?

 

„Hat er denn sein Mädchen mitgenommen? Er war hier doch mit jemand befreundet!“ frage ich unverschämt.

 

Ach, Sven ist einfach Gold wert! Einen so unschuldigen Schwätzer wie ihn findet man kein zweites Mal. Oder muss ich seine Erklärung als Anzüglichkeit verstehen? „Befreundet ... nun ja ... so fest war das nicht ... ich habe vorgestern noch mit ihm telefoniert, der nimmt die nicht mit, die war auch nicht so geeignet für ihn. Im Vertrauen gesagt, er kann was Besseres haben! Erstklassige Familie, ja, aber die Dame selber, ach Gott, ich glaube, du kennst sie, diese Annabelle oder wie sie heißt ..“ Er lacht und schüttelt den hübschen Lockenkopf, zieht eine verächtliche Grimasse.

 

Gregor erklärt schallend die Pause für beendet und trommelt zur zweiten Runde. Ich weiß genug. Mit Poetter ist es jedenfalls aus. Soll er sich rächen für die Niederlage, indem er sich über Annette erhebt! Im Augenblick ist mir das egal. Ich überlege, wie ich sie finden könnte, ob es keine Möglichkeit gibt, sie aufzuspüren. Dass sie in Hamburg sein soll, stimmt wahrscheinlich gar nicht.

 

23

 

Gregor hat weiterhin Grund zur Verwunderung.

 

Ich selber auch. Ich habe gar nicht gewusst, dass mir das so leicht fiele: zu tun, als sei der Krach vor ein paar Wochen nicht gewesen oder als hätte ich ihn vergessen. Ich gehe mit Gregor um wie früher ... nein, das stimmt nicht ganz, es ist eine andere Bewusstheit in meinem Verhalten, aber das – es lebe Gregors egozentrische Blindheit! – merkt er nicht. In seinen Augen bin ich in alle Ewigkeit der unartige kleine Bruder und er ist mein Erziehungsberechtigter.

 

Ich will ihn dabei nicht stören – ich brauche Ruhe und Entspanntheit, ja so etwas wie eine gewähren lassende Unaufmerksamkeit an der Gregor-Front. Es ist drollig genug zu beobachten, wie er ständig darauf wartet, dass ich ihm nach einem von Reue erfüllten Tränensturz und dem Bekenntnis, mich unmöglich und lieblos benommen zu haben, wieder meine kindlichen Gefühle und mein hemmungsloses Vertrauen entgegen bringe. Er wartet darauf, dass ich wieder fünf oder sechs Jahre alt bin und ihn bewundere. Er braucht einfach für sein Selbstwertempfinden die Anbetung seiner Mitmenschen. Es amüsiert mich so sehr, wie er morgens beim Frühstück Offenheit und zögernde Leutseligkeit demonstriert. Er will es mir ein bisschen leicht machen, ich soll nicht um ihn kämpfen müssen, denn das kalkuliert er nun auch wieder ein, dass ich das Ringen um die Erneuerung seiner Gunst womöglich nicht lohnend fände.

 

Also sitzt er am Tisch, lässt sich von Renate bedienen, die ihm aufmerksam den Tee nachschenkt, und lächelt schwach zu mir hinüber in der Erwartung, ich bäte ihn für heute Abend um ein Gespräch unter vier Augen, bei dem ich dann meine Dämme brechen ließe, überwältigt von familiärer Liebe. Aber ich reagiere nicht darauf; seine fade Freundlichkeit und sein Entgegenkommen bestärken mich vielmehr in meiner sicheren Entfernung. Sie machen mich ruhig wie ein Insekt in seinem Hinterhalt. Oh, ich bin nicht unfreundlich zu ihm! Kalt, ja, das wohl, ich zeige ihm eine glänzend polierte Gleichgültigkeit, wo habe ich das nur her, ich bin ständig über mich selbst verblüfft!

 

Ich frage zum Beispiel teilnehmend nach seinem Gesundheitszustand, seinen Kopfschmerzen, seinem Schnupfen, seiner Nervosität, und bin im Grunde überzeugt, dass er mir mein Desinteresse an seinen lächerlichen Wehwehchen anmerken müsste, aber so etwas ist ihm vollkommen fremd. Er kommt nicht auf die Idee, man könnte etwas sagen und das Gegenteil davon meinen. Er gibt mir vielmehr sehr ernsthaft Auskunft, wenn auch noch immer mit einer gewissen prüfenden Reserve, aber manchmal dauern seine Erklärungen durchaus schon wieder an, es ist ideal für mich, denn ich kann derweil in Ruhe frühstücken und brauche nichts weiter zu sagen. Er hält mich sicher für gutherzig und teilnahmsvoll, wenn er redet. Natürlich hat es ihn gestern sehr verwirrt, als ich mitten in seinen Ausführungen über den jüngsten Migräneanfall aufgestanden und weggegangen bin. Schließlich musste ich pünktlich im Institut sein, meinetwegen hätte er ja noch Stunden weiterreden können.

 

„Wie geht es eigentlich Mutter?“ frage ich heute so nebenbei.

 

Er zuckt zusammen, als sei er es, der ein schlechtes Gewissen haben müsste. Soll er nur, soll er, er kann gerne meins haben, ich lege keinen Wert darauf!

 

„Es wäre gut, wenn du dich bald bei ihr sehen ließest“, sagt er, ungewohnt leise und mit einem schmerzvollen Unterton. „Du weißt ja, dass solche Dinge sie sehr mitnehmen, physisch und psychisch, sie ist nicht mehr die Jüngste.“

 

Nein, der Geburtstag, den ich nun bei ihr verpasst habe, war ihr siebenundsechzigster. Es wird sie schon nicht dahinraffen, dass sie ihn ohne mich gefeiert hat. Aber wenn sie darunter leidet, wird sie sich umso mehr freuen über mein unerwartetes Auftreten. Das ist mir nicht unlieb.

 

24

 

Es ist, als hätte alles auf mich gewartet und im Stillstand verharrt bis heute, da ich den alten Weg wieder mache: von der Straße über den Parkplatz zur Glaswand, neben der die Klingelschilder in die Steinplatte eingelassen sind, und, als die Tür sich öffnet, vom Foyer über die roten Sandsteinfliesen zu den Aufzügen. Es riecht wie immer nach Kohl und ungelüftetem Schlafzimmer, ich war sicher gar nicht fort, es hat keine Unterbrechung gegeben. Vorm Aufzug grüßt mich eine Dame, die mit Mutter befreundet ist, Mutter ist mit jedem in diesem Hochhaus befreundet, weil sie den Gedanken nicht aushält, es könne Menschen geben, mit denen sie möglicherweise nicht stundenlang reden dürfte.

 

Alles ist wie gestern, es ist nichts geschehen. Nur mit mir ist etwas geschehen. Ich spiele, dass ich hier bin, ich führe eine Rolle vor, ich gebe den braven Sohn ab, und ich scheine einen überraschend glaubwürdigen Eindruck zumachen. Überrascht bin ich ebenso von der Tatsache, dass mich hier nichts berührt, dass mir im Gegenteil noch nie etwas so fremd und gleichgültig war wie diese Umgebung. Wenn die hier mir nicht vertraut ist, welche dann? Mein Zimmer bei Gregor etwa? Ich nehme es kaum mehr wahr, ich werde nicht mehr lange da wohnen ... Das Haus am Fluss womöglich? Ich habe es vergessen, ich habe keine Vorstellung mehr davon, ich will nicht mehr wissen, wie es aussieht. Nein, mein Zuhause liegt in der Zukunft, und da muss ich es erst herausreißen, so wie man ein Geschenk aus einer undurchsichtigen Folie reißt. Und alles was ich tue, mein Spiel mit Gregor, das Betreten des Aufzugs, der Schritt aus der Kabine in die muffige Dunkelheit des sechsten Stockwerks, der Druck auf die ohrenbetäubend rasselnde Klingel an Mutters Wohnungstür, alles das sind nur Anstrengungen, meine Zukunft aus dieser Folie herauszureißen und mir mein eigenes Leben sichtbar zu machen.

 

Mutter hat schon hinter der Wohnungstür gewartet. Auf das Klingelrasseln, das für die Ankündigung des Jüngsten Gerichts geeignet wäre, öffnet sie mir gierig und krächzt: „Mein lieber Junge!“ Wie habe ich diese Stimme nur Jahrzehnte lang ertragen, ohne dass mir schlecht wurde?

 

Wir umarmen uns. Ich klopfe ihren festen, angespannten Rücken, und als wir uns lösen, zerdrückt sie, ausholend zur gewohnten abgebrochenen Halbkreisgeste, eine Träne. Mit den Unterarmen herumrudernd, lotst sie mich ins Wohnzimmer, wo schon die Teegläser und der Kuchen auf dem Tisch stehen, und wie immer stecken die Silberlöffel in den Gläsern und müssen mangels Unterteller auch da bleiben, während man trinkt, so dass sie einem ins Nasenloch stechen können. Auch hier muss ich zunächst gar nichts sagen, weil Mutter, rappelig vor Glück, alleine kräht und krächzt: von ihrer Schlaflosigkeit, von den Ärzten, die sie aus diesem und anderem Grund konsultiert, von den Rezepten, von Frau Spingler, die ihr aber ein Hausmittel empfohlen, und von Herrn Hasenklein, der ihr geraten hat, statt Margarine nur „gute Butter“ aufs Brot zu streichen, da sich dies beruhigend auswirke.

 

Obwohl ich anhaltend verständig und teilnehmend dreinschaue, geht mir das allmählich auf die Nerven. Wie soll ich bloß das Gespräch auf mich selber lenken? Schließlich bin ich ja nicht wegen solcher spiralförmig sich wiederholender Lappalien hergekommen, sondern weil ich ein Anliegen habe. Das Seltsame ist, dass Gregor seine Monologe gebremst hat, weil er huldvoll meine Bußbereitschaft entgegen nehmen wollte, während Mutter sich just vor der offenbar fürchtet. Jedenfalls steht ihr fortwährender knarrender Monolog wie eine geschlossene Wand vor mir. Ich finde kein Schlupfloch, keine Fuge, durch die ich zu ihr durchdringen könnte. Vielleicht weist sie mich so panisch zurück, weil sie mit meiner Demut kaum umgehen könnte. Im Gegensatz zu Gregor lebt sie ja nicht von der Unterwerfung anderer Leute, und Reuetränen würden sie nicht glücklich, sondern zutiefst ratlos machen. Hinzu kommt, aber das spüre ich nur ahnungsweise, dass ich bei einem Sündenbekenntnis mit integrierter Bitte um Vergebung zu meiner Entlastung auch die Ursache erwähnen könnte, nämlich meine seelische Anspannung wegen Annette, und von dieser Geschichte will sie wohl um keinen Preis etwas hören. Poetters Intrigen sind im Sande verlaufen, im Supermarkt und anderswo wird Mutter bestimmt nicht mehr angesprochen auf die unerhört hochfliegenden Pläne ihres Sohnes, also will sie das alles endlich vergessen und stopft jeden Fühler, den ich diesbezüglich aus meiner Seele emporrecken könnte, wieder in mich zurück. Schade, ich hätte gerade bei Mutter gerne leidenschaftliche Reue demonstriert, es hätte mir eine Menge Eindruck verschafft, eine solide Vertrauensbasis! Aber ich sehe ein, dass ich viel behutsamer mit ihr hantieren muss, und taste mich sorgfältig vor:

 

„Es tut mir wirklich leid, Mutter, dass es dir so schlecht geht ... Ich bin ja nicht ganz unschuldig daran, das ist mir bewusst ... doch! doch! Wir wollen nichts beschönigen, aber mir selber ist es auch nicht viel besser ergangen.“

 

Sie schaut mich stirnrunzelnd an. – kommt nun doch noch zum Vorschein, was sie unterm Teppich lassen wollte? Aber nein, ich zähle meine beruflichen Belastungen auf, den Stress mit Professor Brieger und Frau Deutelburg, die Undankbarkeit der Studenten und dass ich bald beim Sozialdezernat eine hoffentlich befriedigendere neue Arbeit antreten werde. Nun überzieht der Glanz der Erwartung Mutters Gesicht. Sie fängt schon an, stolz zu sein auf mich, da ich doch meine Pflicht tue und mehr als das. Bloß, fahre ich vorsichtig fort, weiß ich ja gar nicht, ob ich einer so anstrengenden neuen Stelle gesundheitlich gewachsen sein werde, ich habe in letzter Zeit Magenkrämpfe und Kreislaufstörungen, ich müsste mal drei Wochen Urlaub machen und wegfahren, Tapetenwechsel, um auf andere Gedanken zu kommen.

 

Sie strahlt und fuchtelt vor Glück wieder in abbrechenden Halbkreisen herum. Tatsächlich, auch das Taschentuch muss sie wieder aus dem gehäkelten Behältnis herausziehen, um sich Augenwinkel und Nase zu trocknen.

 

„Mein lieber Junge, ich wusste ja, dass alles gut wird! Wie sehr ich dir den Urlaub gönne! Fahr du nur weg und erhole dich! Kannst du dich in der Uni so lange frei machen, oder soll Gregor mit Professor Brieger reden, dass du Sonderurlaub bekommst?“

 

„Nein, nein“, wehre ich bescheiden ab, „“ich habe ja noch Resturlaub gut, das ist nicht mein Problem ...“

 

„Was ist denn dein Problem, mein Kind?“

 

Ich druckse herum: „Ich komme wirklich ungern damit zu dir, Mutter! Du musst ja auch dein Hab und Gut zusammenhalten ...“

 

„Ja nun, aber wenn ich etwas für dich tun kann? Du willst doch nicht am Ende eine Weltreise machen? Brauchst du Geld? Einen Zuschuss vielleicht?“

 

Das klappt ja wie geschmiert! Den erleichterten Seufzer, der zugleich ein Seufzer meiner Selbstbewunderung wäre, unterdrücke ich eben noch: „Eine Weltreise zwar nicht, aber du hast trotzdem einen Nagel auf den Kopf getroffen. Ich komme nicht hin, soviel habe ich in der Uni nicht verdient, dass ich damit solche Sprünge machen könnte ... Wär’s dir recht, wenn ich es dir in einem halben Jahr zurückzahlen würde? Demnächst werde ich ja sozusagen im Geld schwimmen, jedenfalls im Vergleich mit bisher!“

 

„Ja, wie viel brauchst du denn? Du kannst es mir zurückzahlen, wann es dir möglich ist. Du läufst mir ja nicht davon!“ Um ein Haar hätte sie noch das Wörtchen „mehr“ eingefügt, ihre Lippen hatten schon dazu angesetzt.

 

„So zwischen fünfzehnhundert und zweitausend. Wenn das geht bei dir! Ich will dir um Gottes Willen keine Schwierigkeiten machen!“

 

„Ja“, sagt sie, „ja doch, das wird schon gehen ... Wann willst du es denn haben? Nächste Woche? Ich gehe morgen zur Bank und hole es.“

 

Voller Erfolg! Ich lehne mich glücklich und erschöpft zurück und sage mir, dass ich dank meiner Diplomatie und Geschicklichkeit alles erreicht habe, was ich mir hier vorgenommen hatte. Jetzt muss ich nur noch Annette finden, denn natürlich will ich keine Urlaubsreise machen, aber das ist meine Sache. Vor zwei Tagen habe ich noch einmal in der Buchhandlung angerufen: Annettes Eltern haben „in ihrem Auftrag“ gekündigt! Sie kommt also nicht wieder.

 

Eigentlich könnte ich jetzt gehen oder zumindest in der Anstrengung nachlassen, der liebe Junge zu sein. Aber eigenartigerweise ist es Mutter, deren Elastizität nachlässt. Sie ahnt doch nicht etwa, warum ich in Wirklichkeit hergekommen bin? Sie ist im Sessel etwas zusammengesunken und grau im Gesicht geworden, die Falten am Mund haben sich vertieft, sie sagt nichts mehr, ein Zug von Müdigkeit und Resignation breitet sich aus. Ich lächle zartfühlend zu ihr hinüber, denn einer von uns muss die familiäre Illusion aufrecht halten, auch wenn ich nicht darauf gefasst war, dass ich das nun immer noch sein würde. „Geht’s dir nicht gut?“ frage ich.

 

Sie glaubt mir. „Das Herz, weißt du ...“ erklärt sie. „Es war alles ein bisschen viel für mich, seit Wochen. Und die Freude, dass du heute hier warst. Holst du mir die Tropfen aus dem Badezimmer?“

 

25

 

Renate bringt mich zum Bahnhof. Gregor hat sich seit zwei Tagen nicht blicken lassen, er vermeidet jedes Zusammentreffen mit mir. Das spielt wahrlich keine Rolle mehr, im Gegenteil, es hat mir vieles vereinfacht. Das sage ich Renate natürlich nicht. Sie erzählt mir, Gregor habe einen Tobsuchtsanfall bekommen, weil Mutter mir Geld geliehen hat, noch dazu so viel, zweitausend ...!

 

„Warum kommt dieser unverschämte, missratene Schnösel mit so was nicht zu mir?“ habe er mit hochrotem Gesicht geschrieen. „Muss er denn unbedingt seine alte Mutter auslaugen wie ein halb verhungerter Igel ein Hühnerei? Ich sehe außerdem nicht ein, wozu er so eine teure Reise machen muss. Er hätte es mit dem christlichen Jungmännerverein billiger haben können – und effektiver dazu, wenigstens wäre er in Gesellschaft und zu irgendeiner sinnvollen Betätigung gezwungen gewesen! Und wenn er absolut kein Geld hat, muss er eben mal zu Hause bleiben. Ich habe mir früher auch keinen Urlaub leisten können, und daran war er nicht ganz unschuldig, aber das hat er ja vergessen!“

 

Ich umarme Renate auf dem Bahnsteig und gebe ihr einen Kuss auf die Wange aus Dankbarkeit. Sie hätte es mir ja nicht erzählen müssen, aber als eines von Gregors Erziehungsopfern ist sie wohl mal froh, ein bisschen auspacken zu können.

 

Ich habe niemandem gesagt, wohin ich fahre. Ich habe Mutter und Renate erklärt, ich würde mal hier, mal da in Richtung Süden Station machen und zunächst in Stuttgart Freunde besuchen. Sie haben nicht weiter gebohrt. Hervorragend, dass Gregor nicht mit mir reden wollte, ihm wäre diese Auskunft nicht genug gewesen. Natürlich habe ich in Stuttgart keine Freunde. In Stuttgart beginnt vielmehr die Konzerttournee der Großen Sängerin: Stuttgart, Zürich, Wien, Mailand, Genf, Hamburg. Die Termine habe ich aus der Zeitung. Wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt, Annette zu finden, dann bei dieser Gelegenheit. Ich mache mir nicht viel Hoffnung, aber gleichzeitig setze ich in blinder Unvernunft alles auf diese Karte. Ich bin unfähig, mir vorzustellen, wie mein Leben weitergehen wird, wenn ich mir sagen muss, dass ich Annette endgültig verloren habe. Das kann nicht sein, es kann einem doch nicht jede Ordnung, jede Zukunft, jeder Sinn entzogen werden! Ich schiebe also den Gedanken von mir und frage mich dennoch, was ich denn tun werde, wenn ich bis Hamburg jeden Abend über mich habe ergehen lassen ohne das geringste Ergebnis? Ich glaube, ich werde nur immer weiter suchen. Irgendetwas muss mir dann eben wieder einfallen.

 

26

 

In Stuttgart war sie nicht, jedenfalls habe ich sie nicht gesehen. Vielleicht hätte ich vorher ein Praktikum  in einem Detektivbüro machen sollen, um zu lernen, wie man mit einer unübersichtlichen Örtlichkeit umgeht, ich hatte dieses Problem nicht einkalkuliert. Es gab zwei Zugänge zum Konzertgebäude, und ich konnte nur einen überwachen. Die verschiedenen Büffetstände waren in der Pause völlig belagert. Ich habe sogar zur Damentoilette hinüber geschielt, aber wahrscheinlich gab es auch davon mehrere.

 

Hier in Zürich ist das anders. Ich habe begriffen, dass ich zu den Ersten gehören muss, die eingelassen werden, sonst ist alles für die Katz. Ich nehme einen Pfeiler unauffällig als Deckung und kann von hier aus alle drei Portale übersehen: nichts! Fast eine Stunde gucke ich mir die allmählich schmerzenden Augen aus dem Kopf. Annette scheint in den Menschenfluten nicht mitzuschwimmen, der Abend ist wieder umsonst. Soll ich nicht in der Pause gehen und mit meiner Zeit etwas Besseres anfangen, als mich dem metallischen Geschmetter einer alternden Diva auszusetzen? Einem Gespräch zweier Besucher an der Kaffeebar entnehme ich jedoch, dass es noch einen Zugang über die Tiefgarage geben muss; die Kartenkontrolle befindet sich in diesem Fall offenbar im Garderobenfoyer. Und ich war so stolz, mich dieses Mal so angezogen zu haben, dass ich die Garderobe gar nicht aufsuchen musste! Die stellt nämlich auch eine höchst kritische Situation dar, hinter meinem Rücken kann Gott weiß was passieren.

 

Nun bleibe ich natürlich doch. Ist sie das nicht da drüben am Programmtisch? Ist das nicht ihr blonder Hinterkopf? Als ich mich durch die Leute gegraben habe, ist sie verschwunden, wahrscheinlich war sie es nicht.

 

Es erweist sich als Fehlinvestition, dass ich nach der Pause nicht gegangen bin. Ich eile vor der ersten Zugabe (auch das noch!) ins Garderobenfoyer und beäuge von hier aus alles, was, vereinzelt zunächst, schließlich in immer breiteren Strömen, in den beiden Tiefgaragen-Ausgängen verschwindet. In jeder dritten jungen Blondine vermute ich sie, jedes Mal bleibt mir fast das Herz stehen, aber sie ist es nicht, sie ist es nicht, oder habe ich nicht genau genug hingesehen? Ist sie mir entwischt?

 

Als einer der Letzten verlasse ich das Gebäude. Ob ich diese Anspannung noch zwei Wochen durchhalte? Ich bin ja jetzt schon fast durchgedreht. Tagsüber könnte ich mich erholen, um mich abends den Zerreißproben auszusetzen, die vermutlich ohne Erfolg bleiben werden. Aber ich weiß kaum, wie ich die Tage verbringen soll, ich fühle mich gelähmt, als hätte ich Bleigewichte im Körper. Vor den Tagen fürchte ich mich fast mehr als vor den Abenden. Ich trete auf die dunkle Straße hinaus, auf der noch Taxis und Autos von Konzertbesuchern vor- und abfahren, und wünschte, ich könnte verschwinden, mich einfach in Luft auflösen, nicht mehr existieren.

 

Ich stolpere die Stufen einer Bar hinunter und finde mich in idiotischer rosa Luft wieder, nein, nicht nur die Luft, alles ist rosa, die Rauchschwaden, die Vorhänge, die Polster, die Tischplatten, mir wird übel in so viel Aufdringlichkeit, aber sie ist wohl das Richtige, diese Gebärmutter-Atmosphäre. Es ist noch nicht voll. Mit Flasche und Glas vor mir beginne ich zu versinken in mir selber, in einer rosa Watte, die dumpf schmerzt wie schwammig entzündetes Gewebe. Die Musik hämmert auf meinem Kopf herum; ich habe wohl noch nicht genug akustischen Angriffen standhalten müssen!

 

Ich trinke. Die Frau zwei Tische vor mir bekommt allmählich so weiche Konturen, als hätte sie den Zustand beginnender Auflösung schon erreicht, den ich mir wünsche. Soll sie nur, ich gönn’s ihr, sie interessiert mich nicht. Aber ein nettes Profil hat sie, wenn der Alte am Nachbartisch es nicht gerade mit seinem Schädel verdeckt. Nettes Profil, rosa, mit rosa Locken. Sie ist mit einem Typ zusammen, wie ich ihn nicht ausstehen kann: laut, arrogant, von markigem Selbstbewusstsein. Gibt sich noch ritterlich, dieser Macho. Man sollte nicht glauben, dass es solche Leute tatsächlich gibt, der gehört doch auf einen kaiserzeitlichen Kasernenhof mit seiner schneidigen Höflichkeit. Na, ist nicht mein Problem, mit was für einem Missgriff sich die Frau abgibt, irgendwie passt sie auch wieder zu ihm.

 

Sie gehen auf die Tanzfläche, er schiebt sie vor sich her, die Hand auf ihrem Schulterblatt. Seine Bewegungen haben etwas Drahtiges wie bei einer lauernden Katze ... Wenn sich die Muskelspannung wenigstens lohnte! Diese Frau muss man doch nicht erobern, die ist doch gleichgültig wie im Schlaf! Ihr Körper hat eine labberige, willenlose Weichheit, als verlöre er im nächsten Augenblick jede Form und als müsse sie nur endlich Ruhe haben. Dass er das nicht merkt! Dass es ihn nicht stört, nicht abstößt! Er gehört wohl zu den Leuten, die ihre Mitmenschen nur dann wahrnehmen, wenn sie ihm Widerstand entgegensetzen, und das kann man von ihr nicht behaupten. Sie tanzt mechanisch, er hält sie sehr fest, sie würde ihm sonst entgleiten, aber sicher findet er sich unwiderstehlich dabei und genießt sich selber.

 

Sie kommen zurück an ihren Platz, er wieder hinter ihr, sie erwidert etwas auf eine Frage von ihm, und ich friere unwillkürlich, weil sie den Mund dabei zu einer schwarzen Höhlung öffnet, es sieht so zufällig und hilflos aus, vielleicht sagt sie gar nicht wirklich etwas, sondern kann bloß ihre schlaffen Lippen nicht länger zusammenhalten.

 

Sie kreuzt zufällig meinen Blick, bevor sie sich setzt, und in der kurzen Erstarrung ihrer Augen, die sofort wieder von Leere überschwemmt werden, erkenne ich sie endlich.

 

Was haben sie mit ihr gemacht.

 

27

 

Ich sitze auf der Frühstücksveranda in der Sonne.

 

„Liebe Mutter“, schreibe ich auf die Ansichtskarte. „Ich habe Glück mit dem Wetter. Zürich ist eine schöne Stadt. Gestern Abend war ich im Konzert. Es geht mir gut. Viele Grüße, auch an Gregor und Renate.“

 

Ich suche nach IHREM Bild in meiner Erinnerung, aber mein Kopf ist wie leergefegt. Ich sehe mich wieder den Aufzug in Mutters Hochhaus betreten. Es riecht nach gekochtem Gemüse. Gregor wartet oben schon auf mich.

 

Sie warten beide auf mich, Mutter und er, schließlich bin ich ihr Sohn.

 

 

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