Eine Stunde in der Nacht

 

Von Christel Heybrock

 

Ja, sie saßen da wie an vielen Abenden. Es war spät, kurz vor Mitternacht, sie liebten es beide, spät zu Bett zu gehen, wenn der Verkehrslärm der Stadt nachgelassen hatte und man in der Stille fast den eigenen Atem hören konnte. Sie hatten den Fernseher ausgeschaltet, der Mann saß im Sessel unter der Stehlampe und blätterte in einem Sportmagazin. Die Frau hatte die Beine angezogen und es sich im Dämmer auf der Couch gemütlich gemacht. Es war gut, so zu sitzen und nur nachzudenken, nichts sagen, nichts tun zu müssen. Sie sah hinüber zum Sessel, wo der Mann den Kopf über die Zeitung gebeugt hielt und seine Haare unterm Lampenlicht wie knisternde Goldfäden in die Höhe standen.

 

Nie wieder wird es so ... einfach sein, dachte die Frau, es ist nur einfach alles richtig. Jetzt endlich oder aber niemals kann ich es sagen, kann ich in Wörtern ausdrücken, was noch fehlt. Jetzt, in diese Stille hinein, wird er es verstehen, so wie ich es selber verstehe. Sie zögerte noch ein wenig, sah, wie er die Zeitung umblätterte, und sagte dann leise: „Du, ich möchte dich verlassen.“

 

„Ja natürlich, Liebes“, murmelte er, ohne aufzusehen. „Ich bin auch langsam müde. Geh doch schon vor.“

 

Die Frau vergaß für eine Sekunde zu atmen vor Staunen. Es kann doch nicht sein, so etwas gibt es doch nicht? Sind wir schon so weit auseinander, dass er mich nicht einmal hört? „Ich möchte fort von dir“, sagte sie noch einmal, etwas deutlicher jetzt, in der Erwartung, dass er gleich aufspringen und noch einmal nachfragen würde, was sie da gesagt hätte. Sie fürchtete sich vor diesem Moment, es war nicht gut, wenn er sich aufregte, er sollte ja nicht erschrecken, sondern sie nur einfach gehen lassen, friedlich sitzend unter seiner Lampe, während sie sich im Dämmer aus dem Haus und aus seinem Leben stehlen könnte.

 

„Ähm, ja, ich komme ja gleich ...“ murmelte er etwas irritiert und hatte schon vergessen, dass sie etwas zu ihm herüber gerufen hatte.

 

So ist das also, dachte sie später im Dunkeln, während sie auf seinen etwas stolpernden, pustenden Atem lauschte. So ist das geworden, warum ist es so gekommen? Wo ist sie geblieben, unsere Wahrheit? Es scheint, als hätte jetzt jeder nur noch seine eigene. Sie versuchte sich zu erinnern, wie er reagiert hatte, früher, wenn sie ihm manchmal hatte erklären wollen, dass sie andere Wünsche, andere Vorstellungen hatte, als er von ihr vermutete. Einmal hatte er sie mit verzerrtem Gesicht angeschrieen: „Bist du verrückt geworden? Was ist denn in dich gefahren, dass du plötzlich mit diesem Unsinn anfängst? Willst du unsere Ehe kaputtmachen?“

 

Der ungläubige Schrecken, den sie damals empfunden hatte, trieb ihr erneut ein paar Tränen übers Gesicht und sie stand lautlos neben ihm auf, um im Badezimmer nach einem Taschentuch zu suchen. In der Küche nahm sie einen Schluck Wasser aus dem Kühlschrank und wurde etwas ruhiger. Ohne Licht zu machen, setzte sie sich auf den Küchenstuhl, sie musste jetzt nachdenken, wie es weiter gehen sollte, es war gut, dass man ihn von drüben leise schnarchen hörte und dass sie hier alleine sitzen konnte. Mein Gott, bist du blöd, fiel ihr plötzlich ein. Warum willst du dich immer durchsetzen? So entsetzlich hast du es hier doch nicht, es ist doch auch deine Wohnung, es ist auch deine Bequemlichkeit, und wenn es ihm komplett egal ist, was in deinem Kopf vorgeht – ja, dann sag doch einfach nichts mehr, er hört es ja sowieso nicht!

 

Auf einmal wurde sie von einer Welle von Freiheit überspült. Du brauchst gar nicht fortzugehen, wurde ihr klar, im Grunde bist du längst fort, und die Tatsache, dass er es nicht einmal merkt, ist doch einfach fantastisch! Wer hätte gedacht, dass die Dinge wirklich so überwältigend einfach sind! Sie schüttelte den Kopf vor Verblüffung. Nein, wie lange habe ich gebraucht, um endlich darauf zu kommen, wie viele Jahre habe ich vertrödelt und mich gegen eine Wand verausgabt? Jetzt war es entschieden: Alles würde so weiter gehen wie bisher, so, wie er es gerne hatte. Das ist seine Welt, dachte sie. Meine gehört nur mir, er hat sie nicht gesucht und hat dort nichts zu suchen.

 

Als sie wieder ins Bett schlüpfte und vorm Einschlafen den Arm auf seine Schulter legte, hätte sie ihn für seine unfassbare Ahnungslosigkeit beinahe schon wieder geliebt. Man liebt eben immer das, was einen frei sein lässt, dachte sie noch, es war ein unbekanntes, tiefes Glück, von dem sie jetzt in den Schlaf geleitet wurde.


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