Nataschas Party


Von Christel Heybrock

 

Das alles gab es nicht wirklich, denn sie spürte ja nichts. Sie würde gleich aufwachen und sich in ihrer gewohnten Ordnung vorfinden, im Überschaubaren, Verständlichen, ja, vor allem verständlich würde es sein. Aber das Summen der Stimmen in den Räumen warnte sie, aus ihrem wattigen, betäubten Staunen herauszutreten.

 

Sie sah ihn an, fasziniert von der Verzerrung, die er wie in Wellen aus sich hervorbrachte. Jetzt ist es zuende, vermutete sie schwach, aber es ging weiter, zu ihrer Verwunderung ging es immer weiter, sie sah ihn nur an, mit riesigen heißen Augen, während sich etwas Eisiges auf ihren Wangen und in den Fingern ausbreitete. Sein Gesicht war gerötet wie vom Laufen, es lief in sich selber, während seine Füße auf dem abgescheuerten Parkett wippten. Sein Gesicht schleuderte Wörter heraus, es war eine anstrengende Arbeit, bei der seine Muskeln zuckten und die Augen beim Zustechen helfen mussten, damit es auch traf, damit es ihr ins Fleisch drang. Sie taumelte einige Male, von Übelkeit überwältigt, aber sie hielt sich fest an seinem Blick, an den schrillen, zornigen Wörtern, die ihr überall die Haut aufrissen und tief in ihr stecken blieben. Was machst du nur mit mir, dachte sie, das alles wird ja nicht mehr weggehen, aber er musste es wissen, mehr noch, er wollte es offenbar, er wollte sie endlich so haben, zerfetzt und blutend, er genoss es. Sie stand wie festgeschraubt und sah ihn an.

 

Das Murmeln der Stimmen war leiser geworden und kam jetzt nur aus den beiden hinteren Räumen, in denen noch niemand begriffen hatte, was sich abspielte. Hier vorn war ein Wall um sie herum entstanden, die Partygäste waren ihnen, teils atemlos, teils kichernd, ausgewichen, einer hatte dem andern ärmelzupfend und kopfruckend die unvermutete Bereicherung angedeutet, an der Wand balancierten einige auf den Zehenspitzen. In der plötzlichen Stille brach er irritiert ab, drehte sich weg und rief ihr noch über die Schulter zu, nun endlich werde sie es wohl einsehen. Sofort setzte ein leises, zögernd anschwellendes Gemurmel wieder ein und schloss sich über ihnen, als sei nichts geschehen. Auch der Kampfplatz verschwand in den andrängenden Wogen, und mit gesenktem Kopf arbeitete sie sich zum Fenster durch. Na, na, beschwichtigte eine Stimme neben ihr im Gewühl, wird schon wieder werden! Wohl was Dummes angestellt, wie? kommentierte eine andere. Sie sah nicht hin; am Fenster kehrte sie ihnen allen den Rücken zu und wurde in Ruhe gelassen.

 

Es war, als bekäme sie nur Luft, wenn sie hinaus sah. Sie stand starr, mit den Händen auf etwas Hölzernes gestützt, von dem die Farbe abblätterte, und hielt das blutrote Chaos in ihrem Körper zusammen. Langsam drang der Schmerz jetzt von innen durch, als schwöllen die vielen Wörter, die er in sie hineingejagt hatte, weiter an und detonierten lautlos in wundem Zellgewebe. Sie sah an sich herunter und erblickte die Volants der Bluse, ihren Kostümrock, die dichte Verpackung, für die man immer gehalten wurde. Die Tür zum Treppenhaus stand offen; draußen schepperten ein paar junge Männer mit Bierkästen und Flaschen, aber sie schoben die neue Ladung ins Hinterzimmer, wo der große Tisch aufgebaut war, so dass sie unbemerkt den Raum verlassen und sich draußen auf einer Stufe niederkauern konnte, getarnt mit einem halben Glas Orangensaft.

 

Plötzlich saß Natascha neben ihr, sie sah es an dem giftgrünen Rock und den schwarzen Stiefeln. Sie blickte auf. Natascha blies ihre gefärbten Haarfransen hoch und lächelte.

 

„Nehmen Sie’s nicht so schwer!“ sagte Natascha leise und legte ihr die schmale Hand auf den Arm. „Männer sind manchmal so ...“

 

Nein, wollte sie sagen, ich nehm’s ja gar nicht schwer, es macht mir überhaupt nichts aus, Sie brauchen sich nicht um mich zu sorgen. Aber vor Nataschas zartem, mit Make-up und Mascara zugeschmiertem Gesicht begann sie unerwartet zu zittern wie in einem Krampf. Natascha nahm ihr mit einem erschrockenen „du lieber Himmel“ das Glas aus der Hand und legte ihr den Arm um die Schulter. "Es hört schon wieder auf", flüsterte sie, den Mund an filzigem, giftgrünem Stoff, "entschuldigen Sie bitte ... "

 

"Soll ich Ihnen eine Tasse Kaffee holen?" fragte Natascha, ein Papiertaschentuch hervorzaubernd, "es dauert nur ein paar Minuten!"

 

"Nein, nein", wehrte sie ab. ''Wenn Sie etwas tun möchten, rufen Sie mir ein Taxi. Bitte. Ich will fort ... "

 

"Und was soll ich ihm sagen, wo Sie sind?"

 

"Ich weiß nicht. Nichts."

 

Sie hörte dann Natascha telefonieren und ihr durch die Stäbe des Treppengeländers zurufen: "Der Wagen kommt gleich!", bevor sie, hochhackig tänzelnd in schwarz gepaspeltem Giftgrün, wieder unter den Gästen verschwand.

 

Sie erhob sich auf tauben Beinen und trat vor die Haustür. Wie herbeigeweht näherte sich das Taxi. "Wo soll' s denn hingehen?" fragte der Fahrer. Ach so, darüber hatte sie nicht nachgedacht, zum Hotel wohl oder ...

 

"Bringen Sie mich zum Café Bauer", hörte sie sich sagen.

 

Warum nicht zum Café Bauer, es war ganz gleichgültig, wo sie hinkam. Sie umfasste kurz das silberne Teekännchen, das sehr heiß war, und sah auf die Polster, die Spiegel, die Marmortische, ließ sich einhüllen in das erstickte Raunen älterer Damen und die Eilgänge der Serviererinnen. Vielleicht konnte sie die Rückreise vorverlegen, man musste bei der Reservierung anrufen, die Telefonnummer stand auf diesem kleinen Kärtchen in ihrer Handtasche. Sie tastete die Innenfächer ab. Das Kärtchen lag offenbar im Hotel, wie ärgerlich. Bei dem Gedanken, alleine in das öde Hotelzimmer zu kommen, sah sie sich sofort in einen Weinkrampf weggleiten, aus dem sie nicht mehr herausfände.

 

Was denn? Was musste man denn jetzt tun? Eine Entscheidung. Geh weg von ihm. Du wirst verrückt, wenn du bei ihm bleibst. Hast du überhaupt begriffen, was er vorhin wollte, worüber er sich so aufgeregt hat? Sie zuckte unwillkürlich die Schultern. Nichts. Es gab kein Wort, an das sie sich erinnerte, keine Bedeutungen, die Wörter waren nur alle in ihrem Fleisch geplatzt. Sie war selber schuld, dass sie so etwas zuließ, sie konnte ihn ja verlassen, niemand band sie fest. Sie würde gehen, bevor er es begriff. Jetzt, in dieser Minute. Er würde sie einfach nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ja, das war es. Wenn er heute Abend nach der Party ins Hotel kam, hatte sie die Rechnung bezahlt und war abgereist. Er würde seine Sachen kalt und einsam im Schrank finden und alleine schlafen. Sie stellte sich sein Gesicht vor, den erneut aufsteigenden Hass, den Abscheu darin. Aber das war sein Problem, es ging sie nichts mehr an, es konnte sie nicht mehr treffen. Sie würde ihn vergessen, es würde lange  dauern, aber sie musste anders leben, ruhig endlich, in überschaubarer Gleichmäßigkeit. Langweilig, mit anderen Worten. Monoton würde es werden, warnte sie sich. Egal - alles war besser als die gegenwärtige Unhaltbarkeit.

 

Sie beobachtete den Strom der Autos und Passanten unten an der Straßenkreuzung, der rhythmisch in wechselnde Richtungen gepumpt wurde, einmal längs, einmal quer herüber, immer wieder, immer so weiter, es war immer anders und doch dasselbe. Obwohl es noch nicht dunkel wurde, flackerten die ersten Leuchtreklamen auf, Tausende kleiner Birnen fügten sich zu einem Lichtteppich am Eckhaus gegenüber, verschwanden wieder, tupften sich erneut an die Wand und nahmen die Gedanken mit weg. Also was? Sie musste allmählich ins Hotel fahren und ihre Sachen packen, wenn sie nicht riskieren wollte, heute nacht neben ihm zu liegen, die Haut wie mit Nadeln gespickt. Nein, bloß das nicht! Bloß ihm nicht mehr ausgeliefert, in der Leere angewiesen sein auf seinen Körper! Man musste auch das Problem der Rückreise klären, jetzt, sie würde in den nächsten Stunden abreisen oder eine weitere Nacht hier verbringen müssen! Sie zahlte und nahm ihren Mantel.

 

Auf der Straße bewegte sie sich angstvoll in ihrer Betäubung. Du musst jetzt etwas tun! rief sie sich zu. Sie war müde, sie wollte nur ein wenig gehen an der frischen Luft. Ich mache alles falsch, wenn ich unüberlegt handle, wusste sie. Man soll nur das tun, was man übersehen kann! Und sie, die an der Verkehrsampel von einem älteren Mann heftig zurückgerissen wurde, weil sie versehentlich Rot für die Aufforderung zum Losmarschieren gehalten hatte, sie übersah rein gar nichts mehr, sie schrie und schluchzte kurz auf vor Schrecken und zog sofort den Blick in sich hinein, um nicht in das eifernde Gesicht des  Unbekannten sehen zu müssen, noch so einer, dachte sie panisch, "dusslige Person", hörte sie ihn ausrufen, "träumt am helllichten Tag vor sich hin, verkehrsgefährdend ist so was, ein Sicherheitsrisiko ... "

 

Sie rannte in der Menge davon und wurde in ein Kaufhaus gespült, ließ sich blenden von Flakons, Schmuck und Pelzen. Manchmal blieb sie stehen, um etwas zu berühren, aber es war nicht richtig, was tue ich hier, dachte sie, warum gehe ich hier herum? Im Tiefgeschoss nahm sie ein seidenes Hemdchen vom Haken und ging in die Umkleidekabine. Sie sah sich an. Es wunderte sie, dass sie ein richtiges Spiegelbild hatte. Sie fühlte sich neblig und unscharf, es hätte sie nicht erstaunt zu sehen, dass man durch sie hindurchgreifen konnte, aber nun, im Spiegel, war alles ganz anders. Sie legte zögernd die Finger auf die Wangen und fühlte sich. Sie weinte, während sie sich auszog. Das Seidenhemd umfing sie wie geschmeidiges, feuchtes Perlmutt. Sie ließ die Hände über Bauch und Hüften gleiten. So war das, so tröstlich und sanft, eine Berührung, die man unterm Stoff deutlicher empfand als auf der bloßen Haut. Sie sah seine Hände, wie sie sie noch von der letzten Nacht in Erinnerung hatte, aber sie wollte ja nicht mehr, dass es seine waren. Welche denn, irgendwelche fremden Hände, die sie nie gesehen hatte, an die sie nicht gewöhnt war? Nein, aussehen durften sie womöglich wie seine, aber es sollten seine nicht sein, das war vorbei, das hatte er selbst zerstört. Oder vielleicht konnten es tatsächlich seine Hände sein, nur er durfte es nicht sein, nicht der Mann, der jetzt von Nataschas Freunden umringt war und der ... der das getan hatte, vorhin. Den wollte sie nicht mehr sehen, den verstand sie nicht, vielleicht gab es ihn auch gar nicht, und sie hatte sich geirrt, das war die einfachste Erklärung. Ja, es mussten zwei verschiedene Männer sein, der von gestern nacht, der an ihrem Ohr geatmet hatte und für den sie hier in der Kabine stand, und der andere bei Natascha.

 

Man könnte wirklich denken, dass du nicht mehr bei Trost bist, sagte sie sich kalt. Wenn du konsequent wärst, würdest du diesen Fetzen draußen auf den Ständer zurück hängen, bei der Reisereservierung anrufen und im Hotel schleunigst deine Tasche packen. Du kommst heute nicht mehr aus dieser Stadt raus, wenn du das nicht in der nächsten Viertelstunde in Angriff nimmst! Dann musst du heute nacht wieder neben ihm liegen, neben diesem Unmenschen, den du nicht mehr sehen wolltest ... aber im Dunkeln ist das ja auch nicht nötig.

 

Das Hemd verursachte an der Kasse eine unverantwortliche Lücke im Portemonnaie. Dafür war es, zusammengelegt in einer winzigen Tüte, auch nicht viel größer als eine Geldbörse und passte mühelos in die Handtasche. Nur eine Vorsorge für später, und ein Trost für jetzt, für mich allein, beschwichtigte sie sich, er hat gar nichts damit zu tun, es geht ihn nichts an. Draußen fand sie endlich eine Telefonzelle. „Natascha“, stammelte sie in die Sprechmuschel. „Ist er schon fort?“

 

„Aber nein!“ beruhigte Natascha. „Gar kein Gedanke daran, er fühlt sich viel zu wohl! Mögen Sie nicht wieder herkommen? Ich lasse die Kaffeemaschine für Sie laufen!“

 

Es war fast dunkel geworden. Man hatte in allen Räumen Licht gemacht, und das Lachen, Summen und Klirren quoll sekundenlang bis auf die Straße, wenn sich eine Tür in den Hausflur öffnete und gleich wieder zuschwang. An der Treppe kamen ihr einige Gäste entgegen, die nachhause wollen, geistesabwesend lächelnd. Sie fand ihr Saftglas noch auf der Stufe neben dem Geländer und nahm es mit. Vielleicht war sie gar nicht fort gewesen.

 

„Meine Frau und ich haben letzten Monat die Fidschi-Inseln besucht“, versicherte ihr jemand, den sie nicht kannte, "waren Sie schon mal dort? Hochinteressant, kann ich Ihnen sagen, müssen Sie unbedingt mal ... "

 

Sie lächelte und blieb bei ihm stehen. In der Ferne schob sich Nataschas Grün vorbei. "Ich habe Hunger, gibt' s hier irgendwas zu essen?" fragte sie den Mann.

 

Als sie am Büffet Salat und Klößchen auf ihren Teller balancierte, sah sie ihn plötzlich im Türrahmen stehen. Er hatte aus der Tiefe eines Gesprächs den Blick schweifen lassen und sie getroffen, es stach sie ins Herz, es ging so schnell. Und jetzt? Kam er nicht auf sie zu? Die Überraschung in seinen Augen wich einer erzieherischen Strenge und Zurechtweisung, als befremde es ihn, dass sie so wenig schuldbewusst, so wenig zerknirscht zu ihm hinsah. Sie begann es erst zu begreifen, als er sich unwillig abwandte und sie das Flattern wegwischen musste, dieses Flattern an ihrer Stirn, oder kam es aus ihr selber, ein flattriges Schlagen und Fliegen gegen Stäbe, die sich nicht öffneten, irgendwo an den Rippen ...

 

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