Damals, als Paul verschwand

 

Von Christel Heybrock

 

 

Als die Frau in die Küche kam, morgens um halb sieben, nach einer schweren, dumpfen, kurzen Nacht.

 

Als sie vorm Küchenfenster den Rollladen hochgezerrt hatte und um den runden Esstisch herumging.

 

Sie tat das jeden Morgen. Sie ging jeden Morgen vom Fenster aus um den weißen Esstisch herum und warf einen Blick in die Ecke vorm Buchregal, wo auf dem Boden eine große, flache Schachtel mit verstreuten Körnern und liegengebliebenen Papierschnipseln stand und in der Schachtel der Drahtkäfig mit den weiß ummantelten, angeknabberten Gitterstäben. Aus dem kleinen Papphäuschen, das sich wiederum in einer Ecke des Käfigs befand, waren manchmal leises Rascheln, ein zufriedenes Schaben und Kratzen oder die kaum wahrnehmbaren Laute eines fremden Traums zu hören gewesen, und immer war die Frau dann beruhigt wieder hinausgegangen, um nacheinander auch die Rollläden in den anderen Zimmern hochzuziehen und dann erst in die Küche zurückzukommen, wo sie eine halbe Stunde später frühstückte.

 

Als sie an diesem Morgen in die Küche kam und nach dem Käfig sah, wusste sie plötzlich, dass das kleine Tier sterben würde. Es lag in einer Käfigecke vorm Häuschen. Es lag auf der Seite mit offenen Augen und rührte sich nicht, obwohl es die Frau hörte. Das goldbraune Fell auf der weichen, zarten Flanke hob und senkte sich mit einer merkwürdigen Anstrengung.

 

Was hast du denn? fragte die Frau leise und beugte sich herunter. Das kleine Tier spürte ihren Atem, ihre Stimme in seinem Gesicht und setzte, als besinne es sich nur nach einem kurzen Augenblick von Verwirrung, die winzigen Vorderfüße auf, hob den Kopf, schnüffelte ein wenig mit zitterndem Schnurrbart und marschierte dann langsam und etwas schwerfällig in sein Papphaus, wo es sich offenbar in seinem Nest zurechtlegte und einschlief. Komische Idee, sich plötzlich draußen hinzulegen, dachte die Frau, das macht es sonst nie, vielleicht war es ihm im Nest zu stickig heute Nacht. Das Tier musste auch sehr müde gewesen sein, die dünnhäutigen, etwas durchscheinenden grauen Ohren, die wie aufgesetzte Mandelkerne aussahen, wenn es munter war, hatten zerknittert am Kopf angelegen. Es ist sicher nur müde, dachte die Frau.

 

Es hat sicher noch Zeit, bis es sterben wird.

 

Wir haben alle noch etwas Zeit. Wenn man nur wüsste, wozu. Sie holte das Brot aus dem Schrank. Sie legte das Brot auf einen Teller und schnitt Scheiben ab. Sie nahm Margarine, Aufschnitt und Käse aus dem Kühlschrank und eine Möhre, die sie unter fließendem Wasser schrubbte. Sie biss hinein und fand, dass sie ziemlich süß schmeckte. Mit einem Messer schnitt sie ein Stück ab, öffnete den Käfig und legte es hinein, genau vor die dunkle Öffnung des Papphäuschens. Sie lauschte gebückt. Dann raschelte es innen, ein Schnüffeln kam dazu, und schließlich sah die Frau ganz kurz das Schnäuzchen des Tiers und einen kleinen Fuß, der die Möhrenscheibe nach innen zog, wo sie im Dunkeln verschwand. Es ist wirklich sehr müde, dachte die Frau, es hat eine leichte Kreislaufschwäche, das Schnäuzchen ist noch etwas bläulich statt rosa, es muss sich ausschlafen.

 

Sie setzte sich an den Tisch und aß wie unter einem dünnen, klebrigen Schleier, der sich seit Wochen nicht heben wollte. Es gibt mich, aber ich bin es nicht, dachte sie.

 

Seit Paul verschwunden war.

 

Es konnte unmöglich wahr sein, vielleicht war sie plötzlich in ein anderes Leben gerutscht, wie ein Gegenstand ganz hinten an der Kommodenwand von einer Schublade in die andere rutschen kann. Das musste die Erklärung sein. Sie war durch einen verrückten Unglücksfall in ein Leben verbannt worden, das nicht ihres war.

 

Hab ich Ihnen ja gleich gesagt, Sie hätten ihn heiraten sollen, dann wär’ so was nicht passiert. Ein Schwall von Stimmen wuchs in ihr an, dabei hatte sie es noch niemand erzählt, hätte gar nicht gewusst, wem und wie sie es hätte sagen sollen. Sie sind ja vielleicht eine dämliche Person, wie kann man sich denn nur auf einen Mann einlassen, der so einen primitiven Blödsinn macht? Selbst schuld, den Vorwurf darf man Ihnen nicht ersparen, hatten Sie denn keine Augen im Kopf? Also wissen Sie, ich an Ihrer Stelle würde schleunigst zur Polizei gehen. Vielleicht ist er noch zu finden, bevor er alles ausgegeben hat, dann würden Sie wenigstens Ihr Geld wiederkriegen. Tja, Sie hätten halt besser aufpassen sollen. Wenn eine Frau so dumm ist, kann man's keinem Mann verübeln, dass er im günstigen Moment abhaut und auch noch das Geld mitnimmt. Sei doch froh, dass du ihn los bist, willst du's nicht mal mit mir probieren? Diese Stimmen, diese Gesichter, die vor ihr tanzten, als steckten sie wie giftige Masken an Stöcken und würden von unsichtbaren Händen vor ihrem Gesicht bewegt.

 

Sie setzte die Tasse ab und lehnte sich seufzend zurück. Sie wischte es ab von der Stirn, den Schläfen. Es war ja nichts passiert, sie war allein. Gott sei dank war sie endlich allein. In ihrem Kopf wallten die Schwaden der Leere, der sie sich überließ. Irgendwann stand sie schwerfällig auf, müde, mit vom Schmerz verstopften Gelenken, und ging ins Bad.

 

 

Als sie abends nachhause kam, war alles ruhig. Aus dem Papphäuschen im Käfig war nichts zu hören, es schläft, dachte die Frau, das ist nur gut. Sie setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch und schloss die Augen. Dass man so etwas ganz für sich allein hat. Als müsse man jetzt sterben und hinterlasse nichts. Keine Leere. Keine Fragen. Keine Erinnerung. Als hätte niemand ein Gefühl dafür, wie sich das ausdehnt und anschwillt. Als könne sich niemand vorstellen, dass ich schreien muss, dass meine Hände zittern, dass ich auf der Flucht bin, fort fort fort, weg von mir, bloß weg, während ich hier sitze.

 

Wohin.

 

Als sei es für alle anderen, nur nicht für mich, ganz einfach und selbstverständlich, dass es keinen Trost gibt. Wo bist du, ich will dich nicht finden. Ich verdurste nach dir. Ich wünschte, es gäbe dich nicht. Ich habe erst Ruhe, wenn du tot bist. Bis dahin will ich mich üben in der zähen Kunst der Gleichgültigkeit. Ob du lebst oder nicht, darf keine Rolle mehr für mich spielen. Ob ich lebe oder nicht, darf keine Rolle mehr für mich spielen. Das Leben ist so folgenlos wie die Zärtlichkeit, die du von mir bekommen hast.

 

Sie öffnete unwillkürlich wieder die Augen, als sie sich an ein lächerliches, rührendes Straßenbild erinnerte, das sie heute gesehen hatte. Wie in Ritzen zwischen den Gehwegplatten und am Fuß der Busschilder verstaubter Löwenzahn sich sternförmig ausbreitete. Jetzt im Garten hinterm Wohnzimmerbalkon sah sie plötzlich einen Japaner auf einem Klappstuhl sitzen und glaubte für eine Sekunde an eine Sinnestäuschung. Der Japaner dirigierte mit einem dünnen Taktstock zu den Klängen eines unsichtbaren und unhörbaren Orchesters; von weitem sah es aus, als sei er verrückt. Aber es war nur der Musikstudent aus dem Nachbarbau, er übte draußen mit Kopfhörer, weil schönes Wetter war. Wie er die Schmerzwellen in ihr bewegte, das Meer bändigte, das ihr Körper in sich eingeschlossen hatte. Wie er es aufpeitschte und kuschen ließ, hier eine grelle Melodie herauszog, dort ein Pizzicato weckte. Wie er die trompetenschmetternde Angst mit der Handfläche duckte.

 

Hör auf. Hör auf.

Ich bin so leer von dir.

 

Später am Abend saß sie in der Küche und las. Aus dem weiß vergitterten Käfig drangen ein Rascheln und knackende, mühsame Atemgeräusche. Ein Knacken wie vom Platzen winziger Luftbläschen. Manchmal hörte es auf. Die Frau kannte dieses Geräusch; das kleine Tier hatte es früher auch hin und wieder gemacht, als müsse es von innen die Atemluft gegen einen Widerstand hinauspressen, um wieder Platz zu haben fürs Einatmen. Das Tier hatte dieses Geräusch gemacht, wenn es in der Küche herumgerannt war und sich zwischendurch unter der Gardine putzte oder auch, wenn es noch müde in seinem Papphäuschen war, den Blicken der Frau entzogen, während es wach wurde, abends, es schien eine Stimme zu sein, mit der es ankündigte, dass es bald herauskäme. Auch tagsüber im Schlaf war es, selten und unsäglich süß, so zu hören gewesen, es war vielleicht ein klagendes Seufzen aus einem Traum gewesen, ein kurzes Schluchzen, ein Erwachen für den Bruchteil einer Sekunde, Sichvergewissern, dass es noch da war, dass alles gut war, dass es wieder einschlafen konnte. Es hatte wie ein leises Aufplatzen von Sehnsucht geklungen, bist du auch da? ach, lass mich in deine Hand! Wartest du auf mich, bis ich hervorkomme, heute Abend? Die Frau hatte dann manchmal das kleine Tier flüsternd beim Namen gerufen, sie hatte vielleicht noch ein eben zu ahnendes Scharren als Antwort bekommen, dann war wieder alles ruhig gewesen. Wovon träumt es wohl? hatte sie über1egt. Von Paul und mir? Von seinen Körnern? Von dem Fußboden, auf dem es abends herumrennt? Von der Gardine und den Teppichfransen, die es anknabbert?

 

Jetzt wollte der knackende Atem aus dem Papphäuschen nicht aufhören. Was hast du denn bloß, sagte die Frau, hast du was in der Nase? Geht es nicht weg? Sie bückte sich, bis ihre Wangen auf dem Teppich lagen und sie in den dunklen Einschnitt des Häuschens sehen konnte. Sie sah das Tier undeutlich sich bewegen, als falle es ihm schwer, sich zurechtzufinden und zu entscheiden, was es jetzt machen solle. Komm doch raus, lockte die Frau, bist du noch nicht wach? Komm! Komm, Kerlchen!

 

Das Tier näherte sich zögernd dem Ausgang des Häuschens und zog sich wieder zurück.

 

Na, ich werd dich schon rausholen, dachte die Frau und nahm eine Kirsche aus der Obstschale, die auf der Anrichte stand. Sie legte die Kirsche vors Häuschen, so, dass das Tier sie sehen musste, und es kam auch heran, mit einer müden, blassen Neugier, mit zitternden Schnurrhaaren, die in der Geschwindigkeit hauchdünner Insektenflügel vibrierten und die wie immer gesteuert wurden von unvorstellbar feinen und kräftigen Muskeln im Nasenumfeld, das sich in der Erregung des Erkundens fast dreieckig hervorwölbte. Trotz der gewohnten Spannung, die in diesen Bewegungen sichtbar wurde, hatten sie unversehens etwas Mechanisches, als sei die Kraft des Wünschens, aus der sie stets gekommen waren, schwächer geworden und im Begriff, allmählich ganz zu verschwinden. Es konnte aber auch sein, dass die Frau sich täuschte. Die Schnurrhaare tupften und tanzten über die Holzspäne, mit denen der Boden des Häuschens ausgelegt war, tanzten weiter, unaufhörlich, während das immer noch sehr blasse, weißlich-bläuliche Schnäuzchen unentwegt schnüffelte, um einen Geruch des Gegenstands einzufangen, der da vorhin noch nicht gelegen hatte, und als das Tier schließlich den Ausgang erreichte und die Kirsche ertastete, konnte die Frau endlich sein Gesicht sehen. Sie erschrak. Die dunklen Knopfaugen, diese Augen, in denen die unendliche Sanftmut der Nacht lag, waren kleiner geworden, schienen ein wenig in den Kopf eingesunken und waren weiß umrandet. Das Tier sah sie kurz an mit dem irren, gespaltenen Blick der Menschen und war schon wieder verschwunden. Es zeigte sich auch nicht mehr an diesem Abend.

 

Da waren sie noch einmal, die vorbeirauschenden, zu blütenartigen Stoffbäuschen gerafften Kleider der Ballszene aus dem Fernsehen, die davon schwingenden, lächelnden Gesichter, die nackten Schultern, das Lachen, das Plaudern, das Gläserklirren. Alles wogte in einem weichen, natürlichen Rhythmus, sie hörte nichts, sie sah nur das verwischte Auf und Nieder. Aus einer verschwommenen Helligkeit sah sie sich selber hervortreten, sie wollte mit Paul auf die Tanzfläche, aber sie musste plötzlich stehenbleiben, behindert von einem unsichtbaren Netz in der Luft. Komm schon, sagte Paul und fasste sie am Ellbogen. Ich kann nicht, sagte sie, ohne die Lippen zu öffnen. Paul blieb vor ihr stehen und verstand sie nicht und verstand sie. Na gut, dann also schon hier, dachte er wohl, vielleicht hast du ja recht, die Tanzfläche ist viel zu voll. Er legte den Arm um sie und fasste ihre Hand und zog sie an sich, und sie fühlte, wie sein Körper sich konzentrierte, sich sammelte für den ersten Schritt, aus dem eine lang dauernde Bewegung hervorgehen würde. Paul, sagte sie leise und schwer. Bitte nicht. Warte noch. Pauls Körper war weich und straff wie eine biegsame Pflanze, kühl wie Laub, dehnte sich dann unter ihrem Atem ins Unermessliche, bis es nur noch ihn gab, es gab nur noch ihn, sie umspülte aufseufzend seine Höhlen und Ufer, als halte sie die Erde in ihrem Armen, als müsse sie mit scheuen Wellenzungen das Salz von der Haut der Erde lecken. Sie sah ihn nicht an, sie versteckte ihr Gesicht an seinem Hals und atmete diesen Geruch wie von frischem Wind. Du machst ja Sachen, murmelte er ihr ins Ohr, hier vor allen Leuten. Sie fühlte die Hand in ihrem Rücken allmählich tiefer rutschen, er drückte ihren Leib fest an sich, nahm noch die zweite Hand dazu und ließ ihre Hüften schaukeln, und sie hielt sich an seinen Schultern fest. Ohne hinzusehen, wusste sie, dass er jetzt lächelte, während er langsam in eine erfundene Tanzbewegung hineinpendelte, ein Rieseln und Schlängeln, über dem sein Lächeln brannte wie ein etwas zu grelles Punktlicht, sein siegesgewisses, sarkastisches Lächeln, das sie demütigte und zugleich erregte.

 

Sie schreckte hoch aus dem nächtlichen Tagtraum und sah auf die Uhr. Es war kurz vor zwei, zu ihrem Erstaunen hatte sie den Fernsehapparat auch längst ausgeschaltet, irgendwann wohl nach diesem Tanzfilm, dessen Ende sie über ihren eigenen Gedanken vergessen hatte, es war auch nicht wichtig gewesen. Aus einer entfernten Straße hörte sie das Gezänk eines betrunkenen Paares, unverständliche, herumirrende Wörter, die sich verloren. Sie machte das Licht aus und tastete sich im Dunkeln ins Schlafzimmer.

 

 

Hast du Krebs, fragte die Frau. Sie hatte zweimal ein Tier an Krebs sterben sehen. Sie dachte an das sanfte, abwehrende Gesicht einer jungen Kollegin, die einmal gesagte hatte, ach wissen Sie, Goldhamster sind sehr krebsanfällig, ich möchte keinen mehr, es ist eine ziemliche Schererei, wenn sie krank werden.

 

Das kleine Tier lag am Morgen wieder in der Käfigecke. Es musste in der Nacht aus dem Papphäuschen gekommen sein und lag wohl schon länger dort im Freien, auf der Seite, mit geöffneten, blicklosen Augen. Es atmete in einem zuckenden Aufwölben und Zusammenfallen seiner Flanken und von Zeit zu Zeit mit diesem Knacken der Luft in seinen Nasenlöchern. Die Kirsche lag draußen in der Käfigstreu herum, sie war ein wenig angeknabbert, aber nicht so viel, dass das Tier davon hätte satt werden können. Die Frau klammerte vorsichtig das Käfiggitter auf und nahm es ab. Es bestand wohl für die nächsten Tage nicht die Gefahr, dass das Tier im Rausch einer unerwarteten Freiheit durch die Wohnung trippeln und sich einen verborgenen Nistplatz etwa in einem Nageloch der Wohnzimmercouch einrichten würde. Es rührte sich nicht einmal, schien kaum zu merken, dass es jetzt frei war. Die Frau streichelte behutsam seinen Rücken. Da hob es den Kopf, zitterte ein wenig mit den Schnurrhaaren und knackte und fiepte wieder mit der Atemluft. Die Frau nahm es heraus und legte es auf ein Tuch in ihrem Schoß. Das Tier war nicht größer als ihre Hand, sie hatte es früher oft wie in einer Höhle mit zwei Händen geborgen und mit einer staunenden Bewunderung, einem ungläubigen Glück auf ihrer Haut gespürt, wie es lebte und wie vor Lust der ganze winzige Körper vibrierte, sie hatte die Gewichtsverlagerungen der Füßchen auf ihrer Haut gespürt, das pausenlos arbeitende Schnäuzchen, das sich schließlich zwischen ihre Finger zwängte und sie immer weiter auseinander drückte, bis das Köpfchen hindurchpasste und schließlich der ganze Körper, der sich dann aus der Handhöhle hinauswand und nach Abenteuern suchte auf ihrem Bein, auf dem es geschickt nach unten balancierte, auf ihrem Fuß, in den es manchmal hineinbiss, um auszuprobieren, worum es sich handelte, und endlich in den Ecken der Küche, hinterm Buchregal, unter der Kommode, an den Türritzen entlang.

 

Jetzt lag es in ihrem Schoß, vertrauensvoll hingegossen, und ließ sich streicheln. Die Frau stützte das Köpfchen mit einer Hand und kraulte mit zwei Fingern der andern beruhigend seinen Rücken. Das Tier schien es zu genießen, nach einer Weile sammelte sich unter ihren Fingerkuppen eine verborgene Kraft, spannten sich kleine Muskeln am Ende des Rückens unter dem brüchiger werdenden Fell, kam ein schwaches Pulsieren in das Gewebe rund um das kurze, nackte Schwänzchen, das sich sogar ein wenig aufrichtete. Na, so schlimm kann es dann doch nicht sein, lächelte die Frau. Es geht dir ja schon fast wieder besser, da will ich doch mal gucken, was mit dir los ist.

 

Sie tastete den kleinen Körper ab, indem sie weiter vorgab, ihn zärtlich zu kraulen, befühlte das Fell über den Backentaschen, das sich locker und schlaff zwischen ihren Fingerspitzen verschob, befühlte den Hals, der, wie sie von einem ihrer früheren Hamster wusste, eine krebsanfällige Stelle war, befühlte den Bauch mit den stecknadelkopfgroßen Brustdrüsen und schließlich die zarten Gewebepartien der vier Leistenbeugen. Also Krebs hast du schon mal nicht, dich kriegen wir hin, das wäre ja gelacht.

 

Sie setzte das mittlerweile recht munter wirkende Tier in den Käfig zurück, wo es ein wenig nach Körnern wühlte, und legte eine Erdbeere dazu. Der Hamster umfasste die Erdbeere mit den Händchen und biss hinein, knackte mit der Luft, fiepte beim Schlucken, aber er bekam ein kleines Stück von der Frucht herunter und schmatzte sogar dabei. Die Körner hatte er offenbar nicht gefunden, obwohl ein ganzer Haufen im Käfig lag, und die Frau verließ das Haus mit dem Gedanken, dass sie das Tier auf irgendeine Art wieder dazu bringen musste, Nüsse, Getreide und Sonnenblumenkerne zu fressen. Tagelange Feuchtnahrung würde seinen Stoffwechsel durcheinanderbringen, außerdem würden die Nagezähne zu lang wachsen.

 

Sie war erschöpft, als sie am Abend zurückkam. Immer wenn sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, fielen der Eifer und die Elastizität, die sie tagsüber zur Schau trug, von ihr ab wie eine Hülse, die sie zum Schutz hatte tragen müssen und die nichts mit ihr zu tun hatte. Sie setzte ihre Tasche auf den Boden, öffnete die Balkontür im Wohnzimmer, streifte die Schuhe ab und fiel in den Sessel. Aus den Wänden drang ein Geruch von Einsamkeit und Angst, vor dem sie schauderte. Sie legte das Gesicht in die Hände und schaukelte mit dem Oberkörper hin und her, um sich zu beruhigen. Sie dachte gar nicht an Paul, sie hatte aus Furcht vor der Qual, an ihn denken zu müssen, jede Erinnerung in sich zurückgestopft, irgendwo in tiefe, unzugängliche Höhlen, die rasch überwucherten mit dem Gestrüpp des Tages. Aber der versteckte Schmerz saß in ihr fest und lähmte sie, nahm ihr den Atem, verlangsamte ihre Bewegungen und Gedanken, klebte zäh in den Gliedern. Manchmal suchte sie nach irgendeinem Gefühl, wagte sich in die Nähe der verschütteten Erdgänge, in denen Freude und Schmerz vergraben waren, und schrak empfindlich zurück, bevor sie sich gefunden hatte. Sie erlebte sich als unförmigen, weichen Sack aus Fleisch, Blut und Knochen, es war das Beste, sitzen zu bleiben, wo sie sich hingesetzt hatte, und in sich zusammenzurutschen wie warmer Brei.

 

Mensch reiß dich zusammen, du darfst so nicht weiter machen. Paul ist weg, das mit dem Geld ist doch sowieso egal, er hat dich ausgeraubt, er hat dich deiner Gefühle beraubt, na gut, sei froh, dass es zuende ist. Irgendwann wirst du es verarbeiten müssen.

 

So was kann man gar nicht verarbeiten. Es ist zuviel, daran kann man bloß kaputtgehen.

 

Kann ja sein. Ist durchaus möglich. Du kannst ja auch warten, bis es dir besser geht. Aber dann musst du dich der Frage stellen, warum er das gemacht hat. Wer er eigentlich ist. Ob du dich geirrt hast in ihm. Oder ob du selber schuld bist, ob du ihn so weit getrieben hast.

 

Das eine ist so schrecklich wie das andere. Sei still sei still sei still.

 

Du kriegst dich nicht eher wieder hin, bis du dir klar gemacht hast, dass du ihn noch immer liebst, diesen kindischen Gauner, oder es zumindest noch immer können willst.

 

Nein jetzt ist es wirklich genug. Schluss. Ich muss doch irgendwie weiterleben. Kann ich auch, wirst du schon sehen, es geht doch, ist ja Energieverschwendung, auch nur noch einen Gedanken an ihn zu vergeuden.

 

Sie stand auf, sie musste lange dort gesessen haben, es wurde schon dunkel, und ging in die Küche, um das Abendessen für sich zu machen. Sie war hungrig und biss schon ins Brot, während sie alles zurechtstellte, und hatte das Brot schon verschlungen, als endlich der Tee fertig war.

 

Aus dem Käfig kam wieder das knackende Luftfiepen, jetzt erst sah sie hin. Der kleine Hamster lag in der Ecke außerhalb des Häuschens, als habe er nun endgültig seinen einzigen Zufluchtsort fliehen wollen und warte dort im Freien ungeschützt auf ein Ereignis, vor dem er die Angst verloren hatte. Die Frau stellte die Teetasse auf den Teppich und setzte sich vor den Käfig. Dieses Mal hob er den Kopf nicht an, als er ihre Finger auf dem Rücken spürte. Sie sprach mit ihm, raunte beruhigend und ermunternd, lockte ihn, er blieb atmend liegen und antwortete nicht.

 

Sie nahm ihn vorsichtig hoch und legte ihn wieder in ihren Schoß. Das Fell lag locker über dem feinen, deutlich tastbaren Knochengerüst, man konnte es anheben wie eine leere Tasche. Ein Büschel von zehn, zwölf Härchen löste sich von seinem Rücken und blieb an ihren Fingern hängen. Die eingesunkenen Augen, die am Abend vorher von einem unheimlichen weißen Schleim umrandet und am Morgen wieder klar gewesen waren, schienen jetzt überbacken von einer weißen Kruste. Sie nahm das Tier in die Hand und drehte sein Gesicht zu sich, um das Schnäuzchen zu kontrollieren. Um die Zähne herum war es bläulich, und aus den Nasenlöchern rann ein gelbliches Sekret. Der Anblick gab ihr einen Stich ins Herz, sie drehte das Tier wieder herum, weil es in dieser Position unruhig wurde, und legte es in ihren Schoß. Was kann ich denn nur tun, dachte sie ohnmächtig. Sie streichelte es wieder, lange, so wie am Morgen, und es schien sich in ihren Händen zu entspannen und alles in sich aufzunehmen, was die Frau in seinen kleinen geschwächten Körper hineinsenkte.

 

Kerlchen, du musst sterben. Sie wusste es plötzlich, und es brannte in ihr wie eine ätzende Flüssigkeit. Du musst sterben,du weißt es selbst auch. Der Schmerz, vor dem sie sich so lange gefürchtet hatte, brach auf in ihr und ließ ihre Finger zittern. Sie fürchtete, das Tierchen zu beunruhigen, und hielt einen Augenblick inne.

 

Du musst weiter, du musst nach vorn, sei nicht feige, geh nicht mehr zurück, der Kleine macht es dir ja vor, sieh ihn nur an. Sie nahm das pausenlose, zärtliche Kraulen und Streicheln wieder auf und murmelte Zaubersprüche dazu.

 

Du musst sterben., du warst so süß.

 

Ich will fühlen, wie das Leben aus dir verschwindet. Ich hab ein Recht darauf, denn ich hab dich geliebt. Du musst sterben, weil ich dich liebe, ich bin es, die dir den Tod bringt, und ich fühle, dass du ihn annimmst. Dein kleiner Körper sagt mir, dass du es so willst.

 

Du musst sterben, damit ich wieder leben kann.

 

Du stirbst für mich. Du stirbst an meiner Stelle. Du stirbst, weil ich Angst davor habe. Ich lade den Schmerz über dein Sterben auf dir ab, während ich dich berühre, was machst du bloß damit, wo tust du sie hin, diese gewaltige Last, sie scheint in dir zu verschwinden, du löst sie in dir auf. Ist sie es, an der du zugrunde gehst?

 

Es fiel ihr mitten in dieser taumelnden Vereinigung plötzlich ein, dass sie wenigstens seine verklebten Augen mit einem Wattestäbchen und etwas Borlösung säubern und ihm damit helfen konnte. Das Tier ließ es sich gefallen, schien es sogar ganz angenehm zu finden und klappte mit den Lidern, als es ihr gelungen war, die Verkrustung endlich zu lösen und abzuwischen. Sie wischte mit der Borlösung auch über sein knackendes Näschen und hielt ihm dann eine Apfelscheibe vor, aber es schnüffelte nur und biss nicht hinein.

 

 

Wie alt ist er denn, fragte der Tierarzt.

 

Anderthalb Jahre, sagte die Frau und deckte das Körbchen auf, in dem sie den Hamster in die Praxis getragen hatte.

 

Na, so zwei, zweieinhalb Jahre können sie schon werden, sagte der Arzt und legte das Stethoskop an.

 

Die Frau stand vor ihm am Untersuchungstisch und sah ihn an.

 

Ja, sagte er dann, er ist in einem ziemlich schlechten Zustand, aber wenn Sie wollen, kann ich versuchen, ihn hochzupäppeln. Das Herz ist sehr schwach, und außerdem sind die Lungen angegriffen, das Atemgeräusch, das Sie immer hören, ist ein Lungenrasseln.

 

Wie hat er das denn bekommen, hab ich etwas falsch gemacht, hat er Zugluft abgekriegt? fragte die Frau.

 

Nein, sagte der Arzt, wenn er Zugluft bekommen hätte, müsste er jetzt Durchfall haben, das hat er nicht. Und er drehte das Tierchen herum und fingerte einen vertrockneten Krümel vom Darmausgang. Er setzte es wieder in den Korb und suchte eine Tube aus seinem Medikamentenschrank, kam zurück, drückte dem Tier das Mäulchen auf und spritzte ihm eine zitronengelbe Paste in dünnem Strahl hinein. Der Hamster leckte einen Klecks vom Mundwinkel ab und kniff den Arzt mit den Nagezähnen in den Finger.

 

Na so was, sagte die Sprechstundenhilfe. Da kommen Sie mit einem halbtoten Hamster an, und dann beißt er noch.

 

Er hat mich auch oft gebissen, sagte die Frau. Was meinen Sie, wie aggressiv er manchmal geworden ist, wenn ich in seinen Nagespänen gewühlt habe! Von Anfang an war er ein schwieriges, anspruchsvolles, intelligentes Tier, ich musste immer wieder überlegen, ob er auch psychisch alles hat, was er braucht. Wenn er regelmäßig Freude bekam, war er sehr ausgeglichen, Sie können sich nicht vorstellen, wie zauberhaft er war!

 

Die Sprechstundenhilfe lachte. Der Arzt kam mit einem Tropffläschchen an und drückte es der Frau in die Hand. Da ist eine Traubenzuckerlösung drin, erklärte er ihr. Füllen Sie das Fläschchen mit dünnem Tee auf und geben Sie ihm stündlich ein paar Tropfen, damit er wieder zu Kräften kommt. Und morgen früh um halb zehn schauen Sie wieder herein! Ich hab ihm vorhin ein Antibiotikum gegeben. Das mit der Borlösung für die Augen können Sie weiter machen, das schadet nichts.

 

Sie ließ ihn schlafen, falls man das Schlaf nennen konnte, dieses erschöpfte Daliegen und knackende Atmen.

 

Sie weckte ihn und setzte ihn auf ihren Schoß, musste ihn an ihrem Bauch abstützen, damit er ihr nicht aus der Hand rutschte, er konnte sich nicht mehr auf den Hinterbeinchen halten und kauerte eingeklemmt an ihrem Leib wie ein schlaffes Säckchen voll rieselnder Krümel. Sie setzte die Pipette an sein Mäulchen, und er nuckelte begierig, schluckte, atmete, trank, griff schließlich selbst mit den winzigen Händen nach dem Glasrohr und hielt es fest.

 

Sie ließ ihn wieder schlafen.

 

Sie setzte ihn wieder an ihren Bauch, wischte die weiß überzogenen Augen mit Borlösung aus, tropfte die süße Flüssigkeit in sein Mäulchen. Einmal tapste er danach schwerfällig ein paar Schritte im Käfig herum, sah eine Erdbeere dort liegen oder sah sie nicht, kümmerte sich nicht darum, tapste mit ungelenken Hüften zurück und legte sich wieder in die Ecke.

 

Nachts um halb vier schreckte die Frau aus dem Schlaf, weil sie geträumt hatte, dass er wie früher mit glänzenden schwarzen Augen und aufgerichteten, durchscheinenden Ohren herumrannte, er hatte sie angesehen mit der tiefen Unschuld eines Kindes und war dann geschwind davon getrippelt mit so raschen Bewegungen seiner Beinchen, dass man glauben konnte, er habe kleine Räder unterm Bauch und rolle durch die Küche. Sie stand auf und ging hinüber, machte Licht und sah ihn unverändert auf der Seite im offenen Käfig liegen. Sie nahm ihn heraus und ließ ihn wieder an der Pipette nuckeln. Die zusammengefalteten, am Kopf zerdrückt anliegenden Ohren, die er nicht mehr hochstellte, veränderten die Proportionen seines Gesichts, das früher wach und kindlich rund ausgesehen hatte und das jetzt unter dem noch lebenden Fell den langgestreckten, fremden Tierschädel ahnen ließ.

 

Machen Sie nur weiter mit dem Traubenzucker, sagte der Arzt, in den nächsten vierzehn Tagen wird er Ihnen nicht mehr verhungern, er hat sogar schon ein bisschen Speck angesetzt.

 

Er spritzte wieder die gelbe Antibiotika-Paste ins Mäulchen, horchte befriedigt Herz und Lungen ab und forderte sie auf, am nächsten Morgen zur selben Zeit wiederzukommen.

 

Ich taste mich durchs Gestrüpp, vorwärtsstolpernd, da, wo es keinen Weg gibt. Stachlige Ranken ritzen meine Haut, Fliegenschwärme hängen in der Luft, ich habe Angst zu atmen. Unter meinen Füßen rutscht das Geröll weg, aber ich komme vorwärts, langsam, während ich zusehe, mit welchem Mut du um dein Leben kämpfst, das sich aus dir zurückzieht. Ich lasse mich beschämen von dir, ich sauge das Leben aus deinem kleinen Körper, weil du es bist und nicht ich, der den Tod akzeptiert.

 

Die Frau kam in der Mittagspause aus dem Büro nachhause (was sie sonst nie tat), um das Tier zu füttern. Es war schwer geworden von der konzentrierten Flüssignahrung, und die Frau fragte sich, ob nicht das anschwellende Fettgewebe es nur noch unbeweglicher machen und die Atmung noch weiter erschweren würde. Es hatte offenbar auch weder Verdauung noch eine sichtbare Nierenfunktion. Es lag jetzt seit Tagen in derselben Ecke, ließ seine Flanken zucken und hinterließ nicht die geringsten Spuren. Mittlerweile war es auch zu schwach geworden, die Pipette selbst zu greifen, aber es schien Durst zu haben und schluckte immer noch mit eifrigem Glucksen, bewegte die Lippen dabei und zeigte ihr, wann es genug hatte oder ob es mehr wollte. Die Frau hatte die Traubenzuckerlösung inzwischen mit grünem Tee gemischt, um den Kreislauf gleichmäßiger anzuregen und das Herz nicht zu sehr zu belasten, aber trotzdem strengte die Fütterung das kleine Tier so sehr an, dass es hinterher noch eine Viertelstunde mit jagenden Seiten in seiner Ecke lag und heftig aus der Nase knackte.

 

Am Abend bekam die Frau Zweifel, ob sie es noch weiter füttern sollte. Sie wischte die Augen aus, in den Nasenlöchern saßen Pfropfen erstarrten gelben Schleims. Pfötchen und Schnäuzchen bekamen allmählich eine dunkelblaue, fast schwärzliche Färbung, und die gelbgrauen Nagezähne waren nun so lang geworden. dass das Tier nur noch mit Anstrengung das Mäulchen öffnen konnte. Aber es war durstig, nach wie vor, und die Frau nahm sein dankbares Glucksen und Schlucken wie ein Geschenk entgegen, als sie die Flüssigkeit aus der Pipette in die Lücke zwischen den beiden Zähnen tropfen ließ. Sie blieb den ganzen Abend neben dem Käfig sitzen, sprach manchmal leise mit dem Tier, das jetzt fast bei jedem Atemzug knackte und winzige, seufzende Klagelaute hervorbrachte. Sie fütterte es noch einmal, bevor sie schlafen ging. Sie schlief zum ersten Mal seit Wochen ruhig und fest, ohne hochzuschrecken, als breite sich langsam eine tiefe Kraft in ihr aus, die es nun mit der Angst aufnehmen würde.

 

Auf dem Weg zum Tierarzt legte sie immer wieder schützend die Hand auf das kleine Tier im Körbchen, damit es nicht zu sehr erschrak über die lauten Straßengeräusche, die es nicht gewöhnt war und die die reinste Folter für es sein mussten. Es war so schwach, dass es nun auch zwischen den weichen Tüchern des Körbchens auf der Seite lag und die Füßchen nicht mehr aufsetzte. Während die Frau seine zuckenden Flanken fühlte, erinnerte sie sich daran, wie sie es früher gestreichelt hatte, als es auf der Höhe seiner Lebenslust gewesen war. Es war manchmal auf ihren Arm geklettert und dort liegengeblieben, das Köpfchen in ihrer Ellenbeuge versteckt, und hatte es genossen, wenn die Frau seinen Rücken kraulte. Es hatte nach kurzer Zeit das Schwänzchen hochgestellt, und die Frau hatte ganz zart das weiße Fell auf der Unterseite berührt, hatte ihm das Hinterteil massiert, das es ihr entgegenreckte, und von da aus den ganzen Rücken und wieder von vorn, und das Tierchen hatte vor Lust alle  Muskeln angespannt und war ganz steif geworden, hatte sich hinten immer höher in die Luft gehoben, bis es nur noch auf den Vorderbeinen stand, und irgendwann, nach ziemlich langer Zeit, hatte die Frau unter ihren Fingerspitzen gefühlt, wie der kleine Körper zu schmelzen begann, während ein starker Geruch aus der rosafarbenen Fleischblüte hinterm After drang. Es hatte dann noch eine Weile benommen auf ihrem Arm gelegen und war wieder zu sich gekommen, schnüffelnd, die Schnurrhaare bewegend, am ganzen Leib vibrierend, und schließlich war es eilig und in unersättlicher Abenteuerlust von ihr heruntergeklettert.

 

Im Wartezimmer kam ein schwarzer Königspudel auf sie zu, um herauszufinden, was in dem Körbchen war. Sie wehrte ihn ab und legte wieder die Hand auf den schwächer zuckenden und nur noch leise fiependen Hamster. Etwas in ihm verschwand. Die Frau verstand nicht, wo das hin ging, sie fühlte nur, dass es so war.

 

Hören Sie, sagte sie plötzlich, als sie vor dem Arzt stand, es ist aus, ich krieg ihn nicht mehr hin. Er quält sich nur noch.

 

Der Arzt sah sie an, er hatte ein altes, etwas teigiges, glänzendes Gesicht, in dem eine erstaunte Frage lag. Er nahm das Stethoskop und kontrollierte noch einmal Herz und Lungen.

 

Machen Sie Schluss, sagte sie mit fremder Stimme. Bitte. Es geht nicht mehr.

 

Ich hätte es jetzt noch weiter versucht, wenn Sie darauf bestanden hätten, sagte er. Aber ich habe Ihnen auch nicht verheimlicht, dass es ziemlich schlecht aussah. Er zog eine Spritze auf mit sehr wenig Flüssigkeit, ein paar Tropfen, etwas Glasklares.

 

Der Hamster war überraschend munter geworden und tapste auf dem Untersuchungstisch herum. Die Frau streichelte wieder ganz leicht seinen Rücken, sie wollte ihm diese vertraute Berührung wie eine Nahrung geben, damit er sich auf der leeren Tischfläche nicht verlassen und ungeschützt fühlte.

 

Plötzlich stürzten ihre Tränen hervor wie ein Wolkenbruch. Entschuldigen Sie, hätten Sie vielleicht ein Papiertaschentuch?

 

Haben wir leider nicht, sagte die Sprechstundenhilfe, ich muss Ihnen etwas Zellstoff geben.

 

Die Frau nahm es und putzte sich die Nase damit. Es fühlte sich dick und stopfig an, und sie sah, während sie weinte, dem Arzt wieder ins Gesicht.

 

Der nahm jetzt den kleinen Hamster hoch, der zwischen seinen Fingern mit einem erstaunlichen Rest von Neugier und Interesse mit den Beinchen ruderte und mit seiner verklebten Nase vergeblich zu schnüffeln versuchte. Der Arzt stieß ihm kurz die Spritze in die Seite, und das Tierchen machte angesichts dieses etwas unangenehmen und ungewohnten Eindrucks eine Bewegung von leichter Abwehr, als wolle es nicht unversucht lassen, sich zappelnd aus der Hand zu winden und davonzulaufen. Sehen Sie, er ist schon tot, sagte der Arzt und legte ihn zurück ins Körbchen.

 

Das Leben, ausgepustet wie ein Streichholz. Wie schnell das geht, dachte die Frau, grenzenlos erstaunt. Er hat ja nicht mal mehr Zeit gehabt zum Luftholen. Alles ist schon weg, wohin verschwindet es bloß? Was ist denn plötzlich passiert? Was soll ich denn jetzt machen? Vorhin war es doch noch anders... Er bewegt sich ja gar nicht mehr. Wie ist das möglich, dass es einfach so aufhört, als wär es... als wär es nichts gewesen, diese ganze vibrierende Lust, diese Handvoll Herzklopfen und Zittern, völlig folgenlos, für nichts, für nichts, es war da und ist jetzt weg. Was hat es bewirkt?

 

Der Arzt hielt der Frau, die ihn fassungslos anstarrte, erneut einen Fetzen Zellstoff hin. Er sprach in ihr nasses Gesicht hinein vom Krieg, den er überlebt hatte, während rings um ihn Menschen tot zusammensackten, gegen einen habe er sich nachts, total erschöpft, gestützt und habe geschlafen, geschlafen, um am Leben zu bleiben. Er sprach in ihr nasses Gesicht von seinem Sohn, der vor zwanzig Jahren, 17jährig, bei einem Skiunfall im Schnee erstickt sei, er sprach von dem Hund, den er danach seiner Frau geschenkt und den er zehn Jahre später habe töten müssen, so wie jetzt den kleinen Hamster, und dass er, als er es getan hatte, hier auf diesen Stuhl gesunken sei und nicht mehr habe sprechen können, dass er geglaubt habe, er sei gelähmt und könne nicht mehr aufstehen. Die Frau starrte ihn an hinter einem wässrigen Schleier.

 

Die ganze Natur ist auf den Tod ausgerichtet, sagte er, es gibt kein Leben ohne den Tod.

 

Kann man denn leben mit dem Tod? sagte die Frau. Das ist absurd, der Tod hebt das Leben auf, es verliert seine Gültigkeit, der Tod ist nicht integrierbar ins Leben.

 

Der Arzt lächelte und berührte tröstend ihren Arm. Wollen Sie ihn mitnehmen? fragte er. Dann begraben Sie ihn im Park, wo es niemand sieht.

 

Sie nickte nicht.

 

Sie schlug die geröteten Augen nieder auf dem Weg nachhause, weil sie die erstaunten Blicke auf der Straße fürchtete. Immer noch legte sie von Zeit zu Zeit in einem sinnlosen Reflex des Schützenwollens ihre Hand auf den kleinen Körper, den sie im Körbchen forttrug.

 

 

Sie hatte gerade auf dem Balkon alles zurecht gestellt, Papiertaschentücher, Blumenerde, Körner, einen großen Blumentopf, als das Telefon klingelte. Sie meldete sich mit noch etwas verquollener, dunkler Stimme.

 

Hallo, sagte Paul, ich wollte doch schnell mal hören, wie es dir geht.

 

Was, sagte sie, du bist es?

 

Ja, sagte Paul. Übrigens wirst du demnächst eine Überweisung auf dein Konto kriegen, so ungefähr die Hälfte von der Gesamtsumme, die du mir neulich gegeben hast.

 

Ich hab dir eine Gesamtsumme gegeben? fragte sie, wie kommst du denn darauf?

 

Naja, sagte Paul, es ging alles so schnell, wir hatten ja keine Gelegenheit mehr, darüber ausführlich zu reden, aber vor einem halben Jahr hast du mir gesagt, dass du es mir ohne weiteres geben würdest, wenn ich in eine Situation käme, in der ich es investieren muss.

 

Investieren? fragte die Frau. Ich versteh nicht, wovon du redest.

 

Ja weißt du, erklärte Paul obenhin, mir bot sich ganz überraschend die Möglichkeit zu einem tollen Geschäft, ich musste einfach zugreifen, das verstehst du doch.

 

Ja, und nun, fragte die Frau, war es denn toll, dein Geschäft?

 

Ach nicht ganz, sagte Paul, nicht ganz, aber die Hälfte, wie gesagt, kriegst du erst mal wieder, so bald es geht ...

 

Mensch, mir ist das völlig wurscht, mit dem Geld und diesem Geschäft, sagte sie. Wo bist du eigentlich, was machst du, wann kommst du wieder?

 

Für den Bruchteil der Sekunde, um den sich seine Antwort verzögerte, sah sie deutlich sein Gesicht vor sich mit diesem Ausdruck von Zurückweichen, als habe sie ihn erschreckt. Die bekannte Wut und Ratlosigkeit drängten schon in ihr hoch, wurden nur noch in Schach gehalten von dem Zweifel, ob sie sich diesmal nicht doch geirrt habe, zu rasch sei mit ihrer noch stummen Reaktion ... als er seine Wörter gefunden hatte und ihr durch die Luft reichte: Ja, du, ich stecke da noch mittendrin, in dieser Sache, so bald wird es nicht klappen mit uns, du bist hoffentlich nicht traurig. Ich kann dir nichts Genaues sagen.

 

Du bist ein Arschloch, Paul. Du bist töricht wie ein Kind. Du benimmst dich, als hättest du deiner Mutter Geld geklaut und wärst dann abgehauen, damit sie dich nicht bestraft. Du wirst dich dein Leben lang weigern, erwachsen zu werden. Warum bloß? Was hast du davon? Das bisschen Bequemlichkeit, diese muntere Selbstflucht, das soll dein Leben sein? Mir ist es egal, Paul. Von mir aus soll es so sein, dein Leben. Es ist nicht meins. Ich finde es so dämlich, was du machst. Außer dass es so bequem für dich war, hat das Geliebtwerden keine Spuren in dir hinterlassen, diese ganze unendliche Bestätigung hat dich nicht erkennen lassen, wer du bist. Du hast es genommen und verbraucht, es war so angenehm, dass es da war. Mensch, bist du ein Idiot. Ich kann nicht mehr mit dir leben, aber hinter der Dummheit, hinter der du dich vor dir selbst versteckst, spüre ich, wer du sein könntest.

 

Dich zu lieben, ist so absurd, als ließe man den Tod in sich hinein. Ich muss es lernen, das zu riskieren. Es hat nichts bewirkt, dass ich dich geliebt habe, und es bewirkt auch nichts, dass ich dich nicht mehr sehen will, es gibt keinen  nterschied für dich. Nur für mich. Ich will das jetzt nur noch für mich haben. Es ist vorbei, unser Leben.

 

 

Die Frau hatte das magische Ritual der Bestattung sorgfältig vorbereitet, die Liturgie des Sichtrennens und Bewahrens.

 

Sie nahm den Blumentopf.

Sie füllte ein wenig Erde hinein.

Sie nahm das kleine Tier aus dem Körbchen und wickelte es in Papiertaschentücher. Was ich geliebt habe an ihm, ist fort. Dies hier ist nur noch ein Beweisstück für die Erinnerung.

 

Sie legte es eingewickelt in den Blumentopf.

Sie schüttete die Körner auf seinen Leichnam, alle Körner, die noch in seinem Käfig lagen, die es gesucht und nicht mehr hatte fressen können.

 

Sie füllte den Topf mit Erde auf, bis ein kleiner Hügel hochstand.

Sie goss Wasser drauf.

Sie berührte nichts mehr.

Vielleicht geht es noch auf, das Getreide und die Sonnenblumenkerne. Dann werden ihre Wurzeln dir das Herz und die Lungen als Nahrung aussaugen. Sie werden sich ausbreiten und in deinem zarten Skelett wohnen.

 

Ich werde es mir vorstellen, jeden Morgen, wenn ich die Jalousie an der Balkontür hochgezogen habe und sie wachsen sehe.

 

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