Taumel und Täuschung

 

Von Christel Heybrock

 

 

Auf dem Schiff

 

Als sie erwachte, war alles kühl wie aus Silber. „Wie schön,“ dachte sie unwillkürlich, aber irgend etwas zog ihr das Herz zusammen. Der Himmel war leicht und hell. Bis an den bläulichen Horizont zogen sich die sanften Kuppen der Hügel; der Fluss mit seinen Windungen spannte sich wie eine Blechspirale durch das Land. Unbeweglich und gedämpft gleißend verharrte die Sonne über einem Tal zwischen zwei runden Hügeln, aber ihre Strahlen trafen spitz und hart auf die Haut.

 

Sie betrachtete die Holzplanken, auf denen sie geschlafen hatte, die braunen Wirbel und Wellen, die sich hier und da zu einem Astloch zusammenknoteten, die trockenen Splitter, die Risse und die kleinen Buckel, die sich in Feuchtigkeit und Nässe emporhoben. Sie versuchte, mit tauben Fingerspitzen das Relief zu ertasten.

 

Nicht weit entfernt saßen Leute, eine ganze Gruppe in leisem Gespräch. „Ach bitte“, rief sie zögernd herüber, „würde jemand von Ihnen mir eine Auskunft geben?“ Die Kauernden verstummten, ein paar sahen mit großen, eulenartigen Gesichtern zu ihr hin. Die Frage stand in der Luft, ohne beantwortet oder zurückgegeben zu werden. „Ach, bitte ...“ wiederholte sie und spürte nun, dass die Angst sich in ihr ausbreitete wie ein nasser Fleck auf einem Leinentuch.

 

Jemand erhob sich und kam zu ihr, eine Frau, sie hockte sich neben sie hin in ihrem weiten, sackartigen Gewand, sah sie groß und entfernt an und fragte nur: „Was möchten Sie wissen?“

 

Ob ich auch so fahl aussehe, dachte sie erschreckt und zwang sich zu einer klaren Frage: „Wo bin ich eigentlich?“

 

„Das kann ich Ihnen so nicht sagen. Schauen Sie hinaus!“

 

Ein paar Meter entfernt war ein Geländer, grau gestrichen. Der Fluss, die Hügel, die Sonne. Durch das Geländer hindurch glitzerte das polierte Metall des Wassers. Der Boden schwankte kaum merklich. Kam der Hügel links neben der Sonne nicht näher, ganz langsam? „Schauen Sie ganz weit, bis zum Horizont!“ sagte die Frau neben ihr. Da war nichts zu bemerken, es war immer dasselbe. Doch, ganz hinten, wo die runden Kuppen nur noch wie dicke Perlen nebeneinander standen, da war etwas, etwas Schwarzes, hoch aufgereckt.

 

„Bewegen wir uns?“ fragte sie erstaunt.

 

„Ja.“

 

„Es ist so langsam.“

 

„Wir haben ja auch noch Zeit.“

 

Jetzt konnte sie deutlich feststellen, dass alles im Gleiten war, unendlich langsam zerflossen die künstlichen kleinen Kreise auf dem Wasser und bildeten sich neu. „Wir sind auf einem Schiff, nicht wahr?“

 

„Ja.“

 

„Wo fährt es hin?“

 

Die Frau lächelte. „Ein Ziel haben wir schon. Aber wir fahren nicht hin. Nicht so, wie Sie es verstehen.“

 

„Ja, ich glaube, es gleitet nur so mit dem Fluss dahin, oder?“

 

„Ja.“

 

„Und irgendwann ist es da. Aber was ist da, wo es ankommen wird?“

 

Die Frau deutete mit magerem Finger zum Horizont, wo sich die schwarze Figur erhob. „Wenn es angekommen ist, gehören wir alle dem da.“

 

Etwas legte sich wie ein nasses Tuch um ihren Hals. „Wer ist das?“ fragte sie beklommen.

 

Die Frau sah sie plötzlich misstrauisch aus ihren Eulenaugen an. „Wo kommen Sie eigentlich her?“ fragte sie.

 

„Ja, das wollte ich doch die ganze Zeit von Ihnen wissen! Ich habe keine Ahnung, wie ich auf dieses Schiff geraten bin!“ erwiderte sie erregt.

 

„Halten Sie den Mund! Auf das Schiff kommt jeder, jeder – hoffentlich kapieren Sie das nun! Aber wie Sie sich hier eingeschlichen haben, das möchten wir gern wissen, denn offenbar gehören Sie hier nicht hin!“

 

Plötzlich sah sie sich umringt von kauernden Gestalten, die sich über sie beugten und sie ansahen. „Lass nur,“ sagte einer besänftigend zu der Frau, die böse da hockte, „überleg doch, wo du bist! Es lohnt sich nicht, die ganze Aufregung ...“

 

„Ich bitte Sie, sagen Sie mir doch endlich, was hier los ist!“ flehte sie angsterfüllt. „Ich bin eingeschlafen und hier bei Ihnen aufgewacht! Was ist denn nur mit mir?“

 

„Es ist nicht üblich, hier solche Fragen zu stellen,“ sagte einer, „wir erzählen uns nur noch unsere Vergangenheit. Das sollten Sie auch tun, vielleicht bekommen wir dann heraus, ob in Ihrem Fall ein Irrtum vorliegt. Versuchen Sie sich zu erinnern, was Ihnen passiert ist, bevor sie hier aufgewacht sind. Waren Sie krank?“

 

„Das hättest du besser nicht gefragt,“ fiel ihm ein anderer mit heiserer Stimme ins Wort, „du quälst sie doch nur. Dass hier keiner hin gerät, dem es nicht ziemlich scheußlich gegangen ist, weißt du ja wohl selbst! Die ist noch nicht so weit wie wir, dass sie drüber reden kann.“

 

„Aber wenn es ein Irrtum ist? Es wäre schon besser, wenn sie es uns erzählt. – Vielleicht erinnern Sie sich daran, mit wem Sie zusammen waren?“

 

Oh mein Gott, nun ist alles wieder da. „Sie hätten mich schlafen lassen sollen!“ erwiderte sie tonlos und begriff, was sie erwartete. „Ich bin schon richtig hier. Guten Tag. - - Ja, ich war krank. Ich war mit jemand zusammen. Wissen Sie, ich habe mich dabei etwas übernommen, so was gibt’s“, erklärte sie, und die andern nickten mit leeren, ausgelöschten Gesichtern. „Er hat es nicht mal gemerkt, als ich ihn verlassen habe. Sicher steht er da irgendwo am Ufer und guckt blind umher!“

 

„Ja, aber er ist schon weit hinter uns, vergessen Sie das nicht!“ warf jemand aus dem Kreis ein.

 

„Er ist da hinten?“ fragte sie verwirrt. „Ich hab es mir so nicht vorgestellt. Kann ich ihn noch sehen von hier aus?“ Sie sprang auf und reckte sich am Geländer in die Höhe. „Ich seh’ nichts, es ist alles weiß und grau. Ich werde ihn nie wieder sehen, nicht wahr?“

 

Die Gesichter blickten sie stumm an und sie spürte, ohne darauf zu achten, dass sich eine undurchdringliche Mauer vor ihr aufrichtete. Die Tränen sprangen ihr aus den Augen. „Ich bin zu weit weg! Warum, zum Teufel, gibt es hier keine Farben, ich halt es nicht mehr aus!“ schrie sie unvermittelt, erstaunt über den Vulkan, der heiß in ihr aufbrach.

 

„Jetzt ist es aber genug! Wenn wir alle unsere Liebhaber wiedersehen wollten, gäb es nie ein Ende. Das fehlte noch, hinter ihnen her weinen, zurück wollen in das Chaos, aus dem wir herkommen...“ murmelte es drohend aus der Gruppe, und die Frau rief giftig: „Hab ich euch doch gleich gesagt, die ist hier völlig falsch. Farben will sie! So ein obszönes Luder! Die hat ja schon welche, guckt doch mal, wie sie rot um die Augen wird! Wenn wir sie nicht los werden, müssen wir am Ende noch alle zurück!“ – „Hast völlig recht. Los, packt sie, über Bord mir ihr. Sie muss weg!“ riefen die andern.

 

Ihr schwindelte. Als man sie gewaltsam hochgehoben hatte und sie unendlich langsam dem metallisch leuchtenden Wasser entgegen fiel, verlor sie das Bewusstsein.

 

 

Am Ufer

 

Anfangs konnte sie sich an jede Einzelheit erinnern. Es kam ihr vor, als brauche sie nur genau hinzusehen, um in der Ferne die bläulichen Hügel und den weißen, harten Horizont zu erkennen. Allmählich argwöhnte sie, sie habe alles nur geträumt oder irgendwo gelesen. War das denn ihr Erlebnis gewesen oder das von jemand anderem? War die andere vielleicht zeitweise mit ihr identisch gewesen?

 

Notgedrungen nahm sie ihre alte Ruhelosigkeit wieder auf, wobei sie (wie sie sich selbst oft sagte) die lächerliche Hoffnung hatte, dieses Mal nicht im Kreise zu gehen. Andererseits hätte sie den Kreis aber sehr gern eingeschlagen. „Noch einmal das Leben leben, das vorher war, noch einmal mit ihm zusammen sein, morgens aufwachen und sein Gesicht streicheln und abends der Verzweiflung entkommen, der Verzweiflung darüber, dass er an nichts denken will und vor sich auf der Flucht ist und nie ein Ende finden wird, sich zu zerstören ...“ Ob es wohl gut gehen würde, dieses Mal? Es würde genau so enden wie vorher.

 

Na schön, dachte sie dann. Es gab immerhin diesen Mantel nebensächlicher Dinge, die man sehen, hören, anfassen konnte. Es gab Jahreszeiten, Tag und Nacht, Hunger und, manchmal, leckere Speisen, es gab all die asphaltierten Straßen mit dem Gewimmel von Menschen, Autos, Lastwagen, Fahrrädern, Hunden und Säuglingen, es gab Bäume, kleine Häuser und Hochhäuser, es gab Büros und Läden und Behörden. Und sie mittendrin. „Guten Tag, aus dem Urlaub zurück? Sie haben sich ja prima erholt! Was machen die Kinder?“ – „Bitte bringen Sie heute die Liste der Teilnehmer an unserem nächsten Kongress zu Ende. Die Einladungen sollen bis Montag verschickt werden!“ – „Mensch, wussten Sie, dass die Meier schon wieder im Krankenhaus liegt? Und die Sekretärin vom Juniorchef kriegt ein Kind.“ – „Jetzt bin ich’s aber satt. Wenn du heute wieder nicht mit mir ins Kino gehst, musst du dich nach jemand anders umsehen. Was glaubst du denn, wie lange du mich noch hinhalten kannst?“

 

Ach, das Kino. Das gab es auch. Hinhalten? Wohin denn? Sie wollte nichts, hatte nie etwas gewollt. Nur keinen Streit, ich komm ja schon. Als sich die Münder des Liebespaares zum Finalkuss aufeinander zu bewegten, konnte sie einen Lachanfall mit Mühe unterdrücken. Es geht mir tatsächlich wieder gut, konstatierte sie befriedigt, ich finde manche Dinge schon wieder komisch. Nachhause durch die Dunkelheit, durch die leeren Straßen, es regnete ein bisschen, die Schritte hallten so. Von einer Neonlampe zur nächsten, Hindernisrennen über kalkige Lichtinseln, wie viele? Hundert? Richtig, das unausweichliche Küsschen an der Haustür, sein Mund wie ein nasser Lappen. „Zier dich doch nicht so! Lässt du mich mit rauf?“ Immer dasselbe. Egal mit wem. Gott sei Dank geht es so schnell. Als er sie im Dunkeln umarmte, oben auf der Couch, sah sie plötzlich sein Gesicht vor sich, es war wie ein Überfall der Vergangenheit auf die Gegenwart. Der andere – sie wusste kaum, wer da bei ihr lag – merkte nicht, dass ihre Wangen, ihr Haar, ihr Kissen nass wurden, während sie vor Schmerz unhörbar aufschrie, hinter der Nacht war alles so rot und glühend, als ginge eben die Sonne unter.

 

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