Die Versuchung

 

Von Christel Heybrock

 

Plötzlich wurde ihr klar, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein konnte: F würde wieder anrufen, nächste Woche, vielleicht auch in einem Monat. Entweder würde F die Tatsache nutzen, dass ihre Begegnung  noch warm war, oder aber sie würde geschickt warten, bis Sabine sie wieder vergessen oder die Erinnerung verarbeitet hätte. Ich will sie nicht mehr sehen, dachte Sabine entschieden, jetzt nicht mehr, nachdem ich begriffen habe, was sie eigentlich will. Mit vollen Einkaufstüten ging sie noch einmal an der Straßenbahnhaltestelle vorbei, an der sie F vor einer Viertelstunde verlassen hatte, um ihre Besorgung zu machen. Da hatte F sich auf eine Wartebank fallen lassen: „Jetzt lassen Sie mich bitte hier einfach sitzen, ich weiß noch nicht, ob ich nachhause fahre oder noch mal in die Stadt! Ich komme schon zurecht!“ Es klang wie: „Nun gehen Sie doch endlich, Sie haben mich ja genug angestrengt!“ Die schwere alte Frau hatte Sabine leid getan, und es war pure Besorgnis, von der sie jetzt gedrängt wurde, noch einmal nachzusehen, ob F noch immer da säße, hilflos vielleicht oder auch schon ein bisschen erholt.

 

F war nicht mehr da. Sabine stellte es erleichtert fest. Aber in all dem Menschengewimmel an der Haltestelle konnte man nicht wissen, ob F sich vielleicht nur die geschwollenen Beine vertrat oder Stellung an der gegenüber liegenden Station bezogen hatte, um Sabine zu  beobachten. Im Sichtschutz einer einfahrenden Bahn eilte Sabine auf die Ampel zu, an der sie die Ringstraße überqueren und endlich nach Hause gelangen konnte, nur fort aus diesem unsichtbaren Netz von Besitzergreifung, Lenkung und Kontrolle.

 

F hatte ihr beim Essen „Material“ überreicht, einen Sonderdruck und ein Taschenbuch. So etwas hatte sie auch schon  bei ihren letzten Treffen getan, und Sabine hatte einmal brav einen frommen Artikel über eine katholische Malerin gelesen, deren Bilder sie kannte und eigentlich auch mochte, wobei ihr die Glaubensinhalte der Künstlerin aber stets gleichgültig gewesen waren. Etwas kopfschüttelnd hatte sie von den wundersamen marianischen Inspirationen gelesen, die der Künstlerin angeblich den Pinsel führten, so dass im abstrakten Gefüge von Linien und Farben unversehens die Madonna mit dem Jesuskind auftauchte – natürlich nur für solche Betrachter, die auch danach suchten... die arme Rezensentin, hatte Sabine geseufzt, bevor sie den Bericht im Papierkorb entsorgte, was hätte die auch sonst schreiben sollen in diesem katholischen Blättchen!

 

Was sie jetzt in den Händen hielt, war jedoch fast ein Stück aus dem Tollhaus, und insgeheim musste sie F dafür bewundern, mit welcher diplomatischen Beiläufigkeit sie ihr in dem teuren Restaurant diese Schriften über den Tisch gereicht hatte. Dieses Mal ging es um eine Marienerscheinung im Saarland, um irgendwelche Wundergläubigen, die an einer „Gnadenquelle“ tranken, obwohl die Gemeindeverwaltung, wohl aus Sorge um eine religiöse Massenhysterie, aber auch um Schadenshaftung, ein Verbotsschild aufgestellt hatte und der Sprecher des Gesundheitsamtes, dessen Name seltsamerweise nur mit „Herr L.“ angegeben wurde, in einer Fernsehsendung geäußert hatte, das Wasser sei „fäkalienverseucht“.

 

Womit „Herr L.“, der dank seiner abgekürzten Namensnennung nicht mehr identifizierbar war, angesichts der zahlreichen Geschäfte frommer Pilger wahrscheinlich sogar recht hatte, denn wo sollte es in Gottes freier Natur eine Toilette von angemessener Kapazität geben. Das war aber nicht der Anlass des Schriftstücks, das F sich, wie sie selbst während des köstlich zubereiteten Desserts berichtet hatte, in gleich dreißigfacher Ausführung für eine ziemlich hohe Geldsumme hatte schicken lassen – „das tue ich unter anderem aus blanker Fürsorge für Sie“, hatte sie nicht direkt gesagt, aber durchblicken lassen, so dass Sabine sich gefragt hatte, ob sie nun hätte gerührt sein müssen. Der Anlass des Schriftstücks war vielmehr, dass während der Ausstrahlung der Fernsehsendung just an der Stelle, an der „Herr L.“ den fatalen Satz von den Fäkalien sprach, ein „Blitz“ übers Bild gelaufen sei, ein  Blitz von genau 0,4 Sekunden Dauer, der von einem gläubigen Zuschauer per Video aufgezeichnet und später „am Computer“ in Einzelbilder zerlegt worden sei: Bild für Bild habe sich herausgestellt, dass es die wundertätige Madonna selbst war, die sich auf diese Weise in das kaltschnäuzige moderne Medium eingeblendet und warnend den Verunglimpfer ihrer Gnadenquelle auf ihre Anwesenheit hingewiesen habe.

 

Warum hat F mir diesen Quark gegeben, fragte Sabine sich fassungslos. Soll ich das jetzt etwa auch glauben, diesen Blödsinn mit dem Blitz? Soll es jetzt etwa in meiner der Hölle anheim fallenden Seele blitzen, damit ich endlich erkenne, worin die wahren Werte bestehen? „Ich lade Sie zum Essen ein, um mit Ihnen zu sprechen und Ihnen einen Weg zu zeigen. Gott hat mir diese Aufgabe gestellt“, hatte F gesagt. Sabine hatte aus ihrem Weinglas genippt und wie immer nur halb zugehört. Dass F eine religiöse Spinnerin war, wusste sie ja und wussten auch andere Menschen aus Fs Umgebung. F mit ihrem schweren, alten Körper war einsam geworden darüber, und eigentlich hatte sich Sabine gewohnheitsmäßig auch nur deshalb von ihr zum Essen einladen lassen, weil sie sich dachte, F habe niemand anderen mehr, um sich mitzuteilen und sei dankbar für eine fürsorgliche Begleitung in natürlich immer nur die besten Restaurants. Was für ein billiger Betrug, kochte es in  Sabine. Diese angeblich beweisträchtige Fotoserie kann jedes Kind mit einer simplen Doppelbelichtung hinkriegen, und das einzige, was wahr daran ist, ist vielleicht der Computer, mit dem Kasten geht es noch einfacher!

 

„Was gab’s denn dieses Mal  Feines?“ fragte Benjamin. Gott sei Dank fragte er nicht: „Was liest du denn gerade?“

 

„Oh, es war sehr lecker“, sagte Sabine, „es gab Zander im Röstimantel auf Blattspinat, und zum Nachtisch Apfelstrudel mit Vanillesoße und Walnusseis. Wirklich exquisit.“

 

„Und was hat sie dir wieder alles erzählt?“ fragte er so nebenhin.

 

„Ach, mal wieder eine Menge krauses Zeug, so ist sie halt“, seufzte Sabine.

 

„Ich bewundere dich ja irgendwie, dass du dich immer wieder auf sie einlässt. Was hast du davon?“

 

„Das frag’ ich mich selber allmählich auch!“

 

Als Benjamin sich im Nebenzimmer vor den Fernseher setzte und Sabine sicher war, dass er die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr vorbeikommen würde, schlug sie mit einer gewissen erschauernden Neugier das von F ebenfalls überreichte Taschenbuch auf. Da gingen die missionarischen Verführungen weiter in Form eines protestantischen jungen Paares in USA - weil F einmal aus Sabine herausgekitzelt hatte, dass sie protestantisch erzogen, aber später aus der Kirche ausgetreten war, hatte F offenbar größten Wert auf diesen Ausgangspunkt gelegt. Unter schrecklichen seelischen Konflikten fanden die beiden frommen Amerikaner ihren „Weg  nachhause“, nämlich in den Schoß der katholischen Kirche, und wurden dafür sogar vom Papst empfangen. Woher haben die nur die Zeit gefunden für ihren Beruf, ihre sechs Kinder (Empfängnisverhütung war natürlich tabu) sowie pausenlose Bibelstunden und Gebete, fragte sich Sabine mit einer Mischung aus Abscheu und Amüsiertheit. So was könnte man ja nicht lesen, wenn man es nicht als exotische Verschrobenheit auffassen würde!

 

Das ist aber nicht gemeint, warnte eine Stimme in ihrem Kopf. Du weißt genau, dass es eben so nicht gemeint ist. Hähä, dachte Sabine, ich mein’ es trotzdem so. Liebe Güte, ist das alles hübsch, diese bedingungslose Hingabe! Wenn man wirklich so leben könnte! Solche Konvertierungsprobleme hätte ich auch gerne mal gehabt, als gäb’ es sonst nichts, was in dieser Welt in Unordnung wäre!

 

„Das kommt alles vom Satan, glauben Sie mir!“ hatte F ihr eindringlich erklärt. „All die Klimakatastrophen, die scheiternden Ehen, die Priester, die mit Kindern neuerdings so schlimme Dinge machen – es liegt nur daran, dass die Menschen dem Satan so viel Raum geben. Beten müssten sie, beten! Gott kann alles in Ordnung bringen, wenn die Menschen nur genug beten!“

 

„Na ja“, hatte Sabine leichthin eingeworfen, „das Ozonloch kriegt man wohl auch mit Beten nicht mehr zu. Das scheint bisher nicht ganz gereicht zu haben...“

 

„Natürlich nicht“, ereiferte sich F und wackelte mit dem Kopf, dass ihre strohharten, dunkel gefärbten Haare bis an den hellgrauen Ansatz zitterten, „natürlich nicht! Das sag ich ja – es reicht nicht, die Menschen sind von Gott abgefallen! Ich bete immer und überall, sogar in der Straßenbahn. Natürlich gucke ich dabei auch auf die Leute, die aus- und einsteigen, und lasse mich manchmal unterbrechen, aber der Pfarrer sagte, es sei nicht schlimm und keine Sünde, wenn man sich unterbräche und dann einfach weiter machte. Den Rosenkranz allerdings bete ich nur zu Hause.“

 

Es waren wirklich nicht Sabines Probleme, und als F von der Madonna im Saarland begann, um damit heimtückisch, wie Sabine inzwischen erkannte, die Sache mit dem Blitz vorzubereiten, hörte sie F schon wieder wie aus der Ferne reden. „Das Gnadenbild der Madonna in der Waldkappelle ist mit verkrüppelten Händen dargestellt worden“, sagte F, „wem sie dort an der Quelle erscheint, der kann von Arthrose geheilt werden, ich sollte es mal versuchen, ich hab immer so Schmerzen in den Fingern, sehen Sie mal hier!“

 

Pflichtschuldig blickte Sabine auf fleischige, vom Alter etwas gekrümmte Finger, in deren Weichteile sich zwei oder drei Ringe tief eingegraben hatten, und dachte nur: Besser als die Madonna wär’ vielleicht ein bisschen Rheumasalbe, aber sie sagte nichts.

 

„Sie sind noch jung, Sie kennen so was nicht“, fuhr F unablässig redend fort und wurde wieder zum murmelnden Schwall. Wahrscheinlich hatte Sabine auch deshalb immer wieder diese Einladungen zum Essen angenommen, weil es so einfach war, sie brauchte ja nur da zu sitzen und es sich schmecken zu lassen. Man konnte an so viele andere Dinge denken, während F redete und redete und die Hängefalten unter ihrem Kinn bebten. Man brauchte bis auf wenige Sekunden, in denen man plötzlich aufpassen musste, einfach gar nichts zu tun, und manchmal hatte Sabine, während sie den Blick schon wieder abwandte, kurz überlegt, wie katastrophal Fs lange zurückliegende Ehe mit einem Protestanten verlaufen sein musste. Noch immer hat sie einen fast unanständig sinnlichen Mund, dachte Sabine, im Grunde ist sie allen Arten von Genüssen so zugeneigt, dass ihr nicht nur der arme Kerl, den sie geheiratet hat, auf den Leim gegangen sein dürfte.

 

„Ich habe meinen Mann nie betrogen“, hörte sie F sagen, als hätte sie geahnt, woran Sabine eben dachte, „ich hätte Gelegenheit genug gehabt, aber ich habe ihn nie betrogen. Geliebt habe ich ihn allerdings auch nicht, ich hatte nur eine Mission an ihm zu erfüllen, und als er noch auf dem Totenbett endlich zum Katholizismus übertrat, hab ich ihm gesagt, dass Gott uns nur zu diesem Zweck zusammen geführt hätte! Haben Sie Ihren Mann schon mal betrogen?“ krähte F plötzlich laut.

 

Sabine guckte nur stumm und verblüfft. Bevor sie noch hatte antworten können, fuhr F schon fort, dass die ganzen Diskussionen über Abtreibung und Empfängnisverhütung ihre Ursache allein darin hätten, dass die Frauen in Ruhe ihre Männer betrügen wollten und dass „diese Gelüste“, wie sie sich ausdrückte, ja auch noch in ihr selber gewesen seien, bis sie vor erst anderthalb Jahren bei einer Wallfahrt zur Madonna von... war es Tschenstochau oder Medjegorie?... davon geheilt worden sei.

 

Sabine klappte das Taschenbuch zu und schüttelte sich. Nie wieder F, dachte sie. Nie wieder.

 

„Woran glauben Sie eigentlich, wenn Sie nicht an Gott glauben?“ hatte F gebohrt. Sabine überlegte, ob sie einfach sagen sollte: an den Urknall, aber F hatte sich gar nicht unterbrochen und schon die nächste Frage gestellt: „Was verstehen Sie unter der Seele?“

 

„Meiner eigenen oder dem Begriff der Seele allgemein?“ hatte Sabine ordnungshalber zurückgefragt. Solche Differenzierungen waren F neu, und sie stolperte etwas herum, bevor sie sich entschloss, nach Sabines eigener Seele zu fragen: „Ja, was ist das Ihrer Ansicht nach? Sind das Ihre Interessen an Musik, Literatur und Malerei? Oder einfach Ihre Gefühle? Mehr ist es doch nicht, oder?“

 

„Ach“, hatte Sabine nachdenklich formuliert, „diese Dinge sind nur Teilaspekte. Was ‚die Seele’ ausmacht, ehrlich gesagt, das kann ich gar nicht definieren. Ich hab nicht drüber nachgedacht.“

 

Was sollte man auch darüber groß nachdenken? Natürlich war da noch was, etwas, was in der Tiefe ihre Person ausmachte. Aber konnte man das fassen? Sabine ließ die Waschmaschine laufen, bügelte ein paar Hemden und machte das Abendessen. Im Fernsehen lief ein Krimi, den sie wieder Benjamin allein überließ, weil sie sich vor Mord und blutigen Leichen fürchtete und lieber Zeitung lesen wollte. Es wurde spät, und vorm Einschlafen schmerzte wieder der Wangenknochen. Dieser rätselhafte Schmerz von der Wange bis zum Ohr, als zöge jemand ein inneres Band durch ihr Gesicht. Seit Jahren kam es immer wieder, kein Arzt hatte heraus gefunden, woran es lag, ein eiliger Hals-Nasen-Ohren-Spezialist hatte auf einen Tumor getippt, aber nichts entdeckt, und Sabine lebte damit, indem sie es stets von neuem vergaß. Es gäbe ja eine Hilfe für dich, raunte es tief in ihrem Innern. Du müsstest dich nur einfach fallen lassen. Dich Gott überantworten. Dich ihm völlig ergeben. Das willst du doch im Grunde. Weggeblasen wären alle beunruhigenden Schmerzen, die dir der Teufel ins Gesicht steckt. Überlass es doch einfach Gott, was er mit dir macht. Er wird dich schon annehmen. Gott nimmt dich liebend an, er wartet nur auf dich. Wie kannst du auf seine Liebe verzichten?

 

Halt die Schnauze, wehrte sie sich mit dem letzten Aufbäumen ihres schläfrigen Bewusstseins.

 

Das ist unklug von dir, du solltest dir mal Zeit nehmen und dich damit auseinandersetzen, ganz ruhig und in aller Stille,  du weisst es selbst. Sehr unklug. Es wäre so leicht, denk doch nur, so leicht, alles Schwere IHM zu überlassen, dem Herrn...

 

„Hau ab“, sagte sie jetzt laut und energisch.

 

„Ähä? Mähm?“ brummte Benjamin neben ihr und war schon wieder im Schlaf versunken.

 

Wenn es doch nur eine Brücke gäbe, dachte sie plötzlich hellwach. Es gibt keine Brücke zwischen den schönen Bildern, die mir F vor die Nase hält, und der schrecklichen Wirklichkeit. Da oben oder wo auch immer ist kein gütiger Vater, der einen liebt, sobald man nur einfach glaubt, es gäbe ihn. Da oben auf den Wolken oder sonst wo jubilieren keine weiß gekleideten Engelscharen und rauschen mit den herrlichen Flügeln, während Er und sein Jesus-Sohn auf dem Thron sitzen und regieren. Mein Gott, muss es toll sein, sein Leben in diese wunderbare Unerklärlichkeit, in diese durchblutete, pulsierende Ästhetik einzubinden, seinen persönlichen Sinn in ihnen zu finden. Ach ja, nach dem Sinn meines Lebens hat sie auch gestern gefragt, fiel Sabine ein. Was hab ich ihr gesagt? Dass ich den Sinn nicht kenne...ja, und sie sagte, ihr eigener Sinn bestünde darin, dass sie den Herrn Jesus mit jeder Faser ihres Herzens liebe. Beneidenswert. In Wirklichkeit müssen wir alle sterben und eines Tages wird es auch die Erde nicht mehr geben. Sogar die Sonne wird sterben, sie ist entstanden, so wie alle Sterne entstehen, und sie verzehrt ihre Energien, so wie alle Sterne ihre Energien aufzehren. Die Wirklichkeit ist schlimmer als jedes quälende Bild von der Hölle. Die Wirklichkeit in undenkbar ferner Zukunft ist ein unendliches, finsteres Universum, in dem die Sterne ausgebrannt sind und es kein Licht mehr gibt. Das Leben war dann eine flüchtige Zwischenphase und ist längst verschwunden. Wie soll man F so etwas erklären? Wie soll man selber mit dieser Vorstellung leben? Man muss es einfach....

 

Am Morgen klingelte das Telefon. „Kannst du mal drangehen?“ stupste sie Benjamin aus dem Bett.

 

„Warum ich?“ fragte er schläfrig und war schon aufgestanden. Das Klingeln war inzwischen zu einer Art Wut geworden. Benjamin hob endlich den Hörer ab. „Ach, Frau F...“

 

Oh nein! Sabine rannte hinüber und gestikulierte wild mit den Armen: Nein! Bloß nicht! Bitte nicht!

 

„Meine Frau ist nicht zu Hause“, sagte Benjamin. „Es tut mir leid. Ja, ich weiß nicht... Ist in Ordnung...“

 

„Hast du womöglich Mutterkomplexe?“ Benjamin rieb sich bedächtig den Kopf. „Ich meine, erst gehst du mit ihr essen, was ja auf eine latente Bindung hindeutet. Und dann soll ich dich verleugnen? Wie geht das zusammen?“

 

Klar hab ich Mutterkomplexe, dachte Sabine. So ein weicher, kühler Frauenkörper wie der von F, die ich ja am Ellbogen angefasst habe, um sie zur Straßenbahn zu bringen, wär als Kind für mich gerade richtig gewesen. So etwas Großes, an das man sich drankuscheln kann, wenn man sich grault. So war meine Mutter halt nie, das hat mir gefehlt und das hat sie mich Gott sei dank früh genug spüren lassen. „Was hat sie denn gesagt?“ fragte sie.

 

„Na ja, sie wollte dich sprechen wegen gestern!“ sagte Benjamin. „Sie wollte sich bedanken bei dir. Du seist so ein liebes Wesen, hat sie gesagt. Sie würde sich Sorgen machen um dich. Ach ja – sie ruft morgen wieder an.“

 

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