Baltasar Gracián (1601-1658)
"Handorakel und Kunst der Weltklugheit"


Das anonyme Porträt Baltasar Graciáns stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert und befindet sich in der Kirche San Miguel in dem Pyrenäenort Graus. Gesicherte zeitgenössische Porträts des spanischen Schriftstellers gibt es offenbar nicht.
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Lastanosa Projekt

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26-10-2009

Anleitung zur Selbstbehauptung im Lebenskampf

Der spanische Barockautor Baltasar Gracián (1601-1658) notierte in seinem „Handorakel“  Ratschläge, die heute noch nützlich sein können

 

Von Christel Heybrock

 

Man kann an dieses Büchlein mit dem seltsamen Titel erst mal ganz unbefangen herangehen. Stört man sich nicht an der etwas altertümlichen Übersetzung Arthur Schopenhauers aus dem 19. Jahrhundert, scheinen die 300 Aphorismen des „Handorakels“ von Baltasar Gracián eine Menge raffinierter Tipps auch für die Gegenwart zu enthalten.

 

Verschwiegenheit ist der Stempel eines fähigen Kopfes. Eine Brust ohne Geheimnisse ist ein offener Brief. .. Die Verschwiegenheit entspringt aus einer mächtigen Selbstbeherrschung, und sich in diesem Stücke zu überwinden, ist ein wahrer Triumph. So vielen man sich entdeckt, so vielen macht man sich zinsbar ... Die Gefahren, mit welchen die Verschwiegenheit zu kämpfen hat, sind die mancherlei Versuche der andern: das Widersprechen, in der Absicht, sie dadurch zu verleiten, die Stichelreden, um etwas aufzujagen ... Das, was man tun soll, muss man nicht sagen; und das, was man sagen soll, muss man nicht tun.“ (Aphorismus 179)

 

Abzuschlagen verstehen. Nicht allen und nicht alles darf man zugestehen ... Man soll nichts gleich rund abschlagen, vielmehr lasse man die Bittsteller Zug vor Zug von ihrer Selbsttäuschung zurückkommen. Auch soll man nie etwas ganz und gar verweigern; denn das hieße jenen die Abhängigkeit aufkündigen: Man lasse immer noch ein wenig Hoffnung übrig ... Endlich fülle man durch Höflichkeit die Lücke aus, welche die Gunst hier lässt, und setze schöne Worte an die Stelle der Werke ... „ (Aphorismus 70).

 

Ratschläge, die vor 350 Jahren jemand niederschrieb, der offenbar mit allen Wassern gewaschen war, stets Überblick hatte und andere Leute bis hin zu den Einflussreichen und Mächtigen geschickt um den Finger wickelte. Ein Erfolgreicher, einer, der oben auf schwamm, sich immer und überall durchsetzte, begabt nicht nur mit außerordentlicher Selbstkontrolle, sondern auch einer gehörigen Portion Misstrauen, Scharfsinn und Intelligenz. Baltasar Gracián, dieser offensichtlich durchtriebene Fuchs, erwähnt in seinem berühmtesten Werk „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ ("Oráculo manual y arte de prudencia") nur eines nicht: Spontaneität und Herzensgüte. Auch die Risikobereitschaft, persönliche Opfer für eine Sache zu bringen, von der man überzeugt ist, gibt es bei ihm nicht. Und was überhaupt nicht vorkommt, was aber heute so gut wie im 17. Jahrhundert ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Umgangs gewesen sein dürfte, sind die Frauen. Gracián schrieb sein „Handorakel“ für eine Männerwelt, in der Frauen nicht einmal als Schatten existieren. Versucht man sich anhand seiner Waffen im Lebenskampf ein Bild von der Person dieses Autors zu machen, so steht einem fast jemand Unheimliches vor dem geistigen Auge, auf keinen Fall jemand, dem man vertrauen würde oder den man gar auf Anhieb sympathisch fände.

 

Aber ach, so kann man sich irren! Gracián wird gerade im deutschen Sprachraum in den letzten Jahrzehnten sehr geschätzt, aber ohne die spätere Übersetzung des 1647 im Original erschienenen „Handorakels“ durch den Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) wäre er außer spanischen Literaturwissenschaftlern wohl niemand mehr bekannt. Gracián war Jesuit, und aus dieser Bindung erklärt sich schlagartig das Fehlen einer anderen Weltsicht als der, sich unter Männern zu behaupten. Und auch das gelang ihm keineswegs so glatt, wie man aus der Lektüre des „Handorakels“ vermuten möchte; vielmehr scheint er sich selbst mit der Schrift Wege und Verhaltensweisen aufgezeigt zu haben, die für sein Leben dringend notwendig waren, ohne dass er ihnen tatsächlich immer folgen konnte.

 

Gracián, getauft (und wohl auch geboren) am 8. Januar1601 in Belmonte bei Calatayud (heute Belmonte de Gracián), scheint schon im Alter von zehn oder zwölf Jahren Interesse und Begabung für Literatur gehabt zu haben und wurde im Jesuitenkolleg seiner Heimatstadt unterrichtet. Der Vater war Arzt, aber enge kirchliche Beziehungen gehörten wohl zu den Grundlinien der Familie, denn alle vier Geschwister traten religiösen Orden bei. Baltasars Onkel Antonio Gracián, bei dem er um 1617 ein oder zwei Jahre in Toledo verbrachte und Latein lernte, war Kaplan von San Juan de los Reyes. Es scheint also folgerichtig, dass Baltasar mit 18 Jahren in den Jesuitenorden eintrat, der ihm eine blendende Karriere ermöglichen, aber letztlich auch zu seinem physischen Ruin beitragen sollte.

 

Gracián begann das Noviziat in Tarragona in der jesuitischen Provinz Aragón. Obwohl sich gerade im Orden der „Societas Jesu“ die glanzvollsten Köpfe versammelten, waren die Lebensumstände alles andere als komfortabel, und besonders die Novizen hatten eine entbehrungsreiche Existenz. Es ist nicht bekannt, an welchen gesundheitlichen Problemen Gracián später litt, aber womöglich wurde der Grundstein dazu bereits damals gelegt. Nach den ersten beiden Ausbildungsjahren (1619-1621) mit Kursen in Logik, Geisteswissenschaften, Latein und Griechisch erhielt der junge Mann die niederen Priesterweihen und wurde für weitere zwei Jahre zum Philosophiestudium nach Calatayud geschickt (1621-1623), wo sich Graciáns Interesse vor allem an Ethik zeigte. Mit dem Theologiestudium an der Universität Zaragoza (bis 1627) wurde die Ausbildung beendet; Gracián erhielt die Priesterordination und begann am Jesuitenkolleg von Calatayud Schulwissenschaften zu lehren.

 

Erste Probleme gab es bereits drei Jahre später, als Gracián im Ordenshaus von Valencia als Prediger und Beichtvater auftrat: In Valencia wurden Vertreter der Kirchenprovinz Aragón nicht geschätzt, so dass der junge Mann hier nachdrückliche Erfahrungen mit Intrigen innerhalb des eigenen Ordens machen konnte. 1631 wurde er nach Lérida versetzt, um Moraltheologie zu lehren, und 1633 zum Jesuitenkolleg nach Gandía, wo er Philosophie lehren sollte und die Feindseligkeiten sich wiederholten. Trotzdem legte Gracián im selben Jahr die endgültigen Ordensgelübde ab, die ihn lebenslang verpflichteten: zu „apostolischer Armut“, Ehelosigkeit und Gehorsam dem Orden gegenüber sowie zu besonderem Gehorsam gegenüber dem Papst. Vor allem die rigide Gehorsamspflicht hätte den jungen Ordensbruder nachdenklich stimmen müssen, weil sie seinen Bedürfnissen grundsätzlich widersprach. Wahrscheinlich sah er aber keinen anderen Weg, um mit seiner Ausbildung und seinen exzellenten Fähigkeiten in der damaligen Gesellschaft Fuß zu fassen.

 


Der Mäzen Vincencio Juan de Lastanosa auf einem zeitgenössischen Stich. Lastanosa, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten ihrer Zeit, war mit Gracián befreundet und ermöglichte die Publikation von sechs seiner Bücher.
Foto:
Lastanosa Projekt

 

Ein paar Jahre scheint sein Leben auch stetig und erfolgreich verlaufen zu sein, bis er im Sommer 1636 nach Aragón zurückkehrte, dieses Mal nach Huesca, wo er eine entscheidende Begegnung hatte: Als mittlerweile renommierter Prediger und Beichtvater fand er Zugang zum Haus des kunstsinnigen Mäzens Vincencio Juan de Lastanosa (1607-1684), der nicht nur eine ganze Gesellschaft bedeutender Persönlichkeiten um sich scharte (den "Círculo Lastanosa"), sondern auch einen weithin bewunderten Park, eine Waffen- und Medaillensammlung sowie eine Bibliothek von rund 7000 Bänden sein Eigen nannte. Lastanosa bewegte Gracián zu seiner ersten literarischen Publikation „El Héroe“ (Der Held, 1637), die freilich unter dem Namen seines (nicht existierenden) Bruders Lorenzo Gracián erschien, und öffnete ihm wohl auch den Zugang zu höfischen Kreisen. Insgesamt ermöglichte Lastanosa, mit dem Gracián schließlich befreundet war, die Publikation von sechs Büchern. Außer "El Héroe" finden sich in den Listen des Lastanosa Projekts noch "El Discreto", "El Político", das "Handorakel", "Agudeza y arte de ingenio" sowie der zweite Teil von "El Criticón", in dem Lastanosa auch unter dem Namen "Salastano" ein ganzes Kapitel gewidmet wurde.

 

Im Orden jedoch erhob sich erneut Widerstand. Man warf Gracián seinen weltlichen Umgang vor, kritisierte seine Tätigkeit als Beichtvater als zu liberal – und rügte die Tatsache, dass er ohne Erlaubnis publiziert habe. Die Widersacher verstummten noch einmal angesichts von Fürsprechern, und 1639 sah Gracián einen großen Karrieresprung vor sich, indem er als Prediger und Beichtvater des aragonesischen Vizekönigs und Herzogs von Nochera Francisco María Carrafa nach Madrid gelangte. Die Beziehung zum Hof in der Metropole Spaniens wurde aber langfristig zur kompletten Enttäuschung, obwohl Gracián als Kanzelredner Aufsehen erregte, und es heißt, mitunter hätten sich noch Tausende von Menschen vor der Kirche versammelt. Immerhin publizierte er, wieder unter dem Pseudonym seines angeblichen Bruders, das Buch „El Político“ (1640) über den spanischen König Ferdinand II. (1452-1516), der als rey catolico (katholischer König) 1492 die letzte maurische Festung Granada zurück erobert und durch das Bündnis mit dem Haus Habsburg den Grundstein des spanischen Weltreichs gelegt hatte. Zum Ende der Madrider Zeit erschien noch die erste Fassung von Graciáns ästhetischer Theorie „Arte de ingenio, tratado de la agudeza“ (1642) – etwa „Die Kunst der Erfindung (oder auch: des Konzepts), Abhandlung über den Scharfsinn“. Der Begriff „agudeza“ ist ein Schlüsselbegriff in Graciáns literarischem Werk und umfasst ein Spektrum zwischen Erkenntnis und geistreicher, allegorisch untermauerter Argumentation.

 

Immerhin brachten die Jahre in Madrid ihm die Position eines Vizerektors am Kolleg von Tarragona (1642-1644). Nachdem die Katalanen 1640 mit Hilfe der Franzosen den Aufstand gegen das spanische Königreich geprobt hatten, wurden spanische Truppen in die Stadt Lérida entsandt (heute Katalanisch Lleida), wobei Gracián den Soldaten geistlichen Beistand leisten musste (die Stadt wurde bis 1652 durch Krieg und Epidemien für Jahrzehnte verwüstet). Die Entbehrungen des Feldlagers führten bei Gracián zu ernsthafter Erkrankung, und zur Genesung kam er ins Hospital von Valencia, wo die hervorragende Bibliothek ihn zu einer weiteren Schrift anregte, die in Huesca erschien: „El Discreto“ („Der kluge Weltmann“, 1646). Bereits 1647 kam das „Oráculo manual y arte de prudencia“ heraus – das berühmte „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“, das mit Abstand Graciáns bekanntestes Werk werden sollte und die Summe seiner Erfahrungen im Umgang mit Zeitgenossen (und mit Menschen überhaupt) enthält. Die zweite Fassung seines literarischen Konzepts „Agudeza y arte de ingenio“ erschien nur ein Jahr später.

 


Titelseite des zweiten Teils von "El Criticón" in der Erstausgabe 1653. Als Autor wird "Lorenzo Gracián" angegeben; die Ausgabe wird dem "D. Juan de Austria" gewidmet,  = Don Juan d'Austria (1629-1679), dem unehelichen Sohn König Philipps IV. Im Jahr zuvor hatte der Prinz die Unruhen in Katalonien durch die Einnahme von Barcelona beendet.

Foto: Lastanosa Projekt

 

Die fruchtbarste Zeit in seinem Leben sollte aber bald enden. Zwar wurde er im Sommer 1650 mit der ehrenvollen Aufgabe eines Maestro de Escritura in Zaragoza betraut, aber schon 1651 gab es großen Ärger, weil der erste Teil von Graciáns Roman „El Criticón“ erschien (salopp übersetzt: „Der Meckerfritze“ – ein Berufsbild des „Kritikers“ so wie heute gab es damals nicht; deutsche Übersetzer ziehen es vor, den Titel einfach mit „Das Kritikon“ anzugeben). Als 1653 auch noch der zweite Teil in Huesca herauskam, gab es unter den Ordensbrüdern einen Aufstand, obwohl beide Teile wie üblich unter Pseudonym (und natürlich wieder ohne Erlaubnis des Ordens) publiziert worden waren. Bestimmte Personen fühlten sich in dem Buch allzu gut erkannt, nämlich diskriminiert (so intelligent waren sie immerhin, wenn sie wohl auch nicht rundherum gemeint waren). Außerdem warfen sie Gracián eine weltliche Perspektive vor, wie sie eines Jesuiten unwürdig sei. Um die Szene zu beruhigen, schrieb der irritierte Autor ein ganz frommes Buch über die Einstimmung zum Abendmahl am Tisch des Herrn und publizierte zum ersten und letzten Mal unter seinem richtigen Namen sowie mit der Erlaubnis des Ordens: „El Comulgatorio“ (1655).

 

Dass Gracián sich trotz massiver Anfeindungen nicht entmutigen ließ, deutet sicher auch darauf hin, dass Schreiben ihm zum Mittel von Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung schlechthin geworden war und dass er in der Literatur seine unverzichtbare Lebensäußerung gefunden hatte. Diplomatisch jedenfalls war es nicht, und auch den abgeklärten Ratschlägen seines „Handorakels“ entsprach es keineswegs, dass er 1657 den dritten Teil des „Criticón“ erscheinen ließ. Die Provinz Aragón hatte mit dem Katalanen Jacinto Piquer ein neues geistliches Oberhaupt bekommen, und das griff nun richtig durch. Gracián wurde öffentlich angeklagt, bekam die Lehrerlaubnis am Jesuitenkolleg in Zaragoza entzogen und wurde zu Arrest bei Wasser und Brot verurteilt. Die angeschlagene Gesundheit des aufmüpfigen Autors wurde durch diese Strafe nicht besser, aber schlimmer noch dürfte gewesen sein, dass er Publikationsverbot erhielt und ihm in der Zelle auch Feder, Tinte und Papier verwehrt wurden. Anfang 1658 brachte man ihn in das Pyrenäendorf Graus, wo er fern jeder weltlichen Versuchungen schien.

 

Gracián aber wehrte sich ein letztes Mal und griff zu einem unerhörten Mittel. Er schrieb an den Ordensgeneral nach Rom und beantragte den Eintritt in eine andere Ordensgemeinschaft, mit andern Worten: den Austritt aus der Societas Jesu. Eine Antwort bekam er nicht, aber vielleicht wollte der Orden ebenso wenig auf einen brillanten Meister der Sprache wie auf dessen Demütigung verzichten. Die Arreststrafe jedenfalls wurde im April 1658 aufgehoben, indem man Gracián mit irgendwelchen niederen Aufgaben im Kolleg von Tarazona betraute. Diese letzte Entwürdigung hat Gracián nicht mehr verkraftet. An der Provinzialtagung in Calatayud im Juni des Jahres konnte er nicht mehr teilnehmen, er starb am 6. Dezember in Tarazona.

 


Gracián auf einer Sepia-Zeichnung (Detail) von Valentín Carderera (1796-1880).
Foto:
Wikimedia Commons

 

Bedrückend sind nicht nur die vielen Widerstände, die ihm in den Weg gelegt wurden, obwohl man gleichzeitig seine Fähigkeiten (aus)nutzte, bedrückend ist auch das Bild, das der Orden selbst sich über ihn gemacht hatte. In den Ordensakten zu Rom wurde offenbar eine detaillierte Charakterstudie angelegt, aus der hervorgeht, dass er sich bis 1633 guter Gesundheit erfreute, die bis 1655 nur noch mäßig gewesen sei, und dass er danach schwach und kränklich war. Zwischen 1619 und 1639 habe er hervorragende geistige Fähigkeiten gezeigt, die ihn zu „apostolischen Ämtern“ bestens qualifiziert hätten. Seit 1645 jedoch (also von der Zeit an, in der seine wichtigsten Bücher erschienen) habe seine „Intelligenz bis zur Mittelmäßigkeit abgenommen“ und er sei immer weniger für kirchliche Führungspositionen geeignet gewesen. Sein Temperament wurde bereits 1623 als cholerisch-sanguinisch bezeichnet, 1627 als reizbar und depressiv, und irgendwann galt er dauerhaft als ebenso aufbrausend wie melancholisch. In der sogenannten „dritten Probation“ (dem jesuitischen Terziat), die 1631 der dauerhaften Professio voranging, hatte er eine „kaum zufriedenstellende Hingabe“ gezeigt, und seit 1637 hörten die Klagen seiner Oberen nach Rom nicht mehr auf. Es scheint ein Wunder, dass die Inquisition nicht herbeizitiert wurde, denn 1638 wurde er in den Akten bezeichnet als „Kreuz seiner Vorgesetzten und Anlass zu Verstimmungen und Unfrieden“, weil er unerlaubt das Buch „El Héroe“ unter dem Namen seines Bruders veröffentlicht hatte. Seine Werke wurden als „wenig ernsthaft und höchst diskriminierend für unsere Profession“ definiert.

 

Dass Gracián mit dem „Handorakel“ eine ebenso allgemein gültige wie sehr persönliche Überlebenshaltung definiert hatte, geht auch aus Briefen an den Freund Juan de Lastanosa hervor. „Sie werfen mir vor, was ich geschrieben habe, aber sie werden mich nicht herausfordern, ich nehme alles gelassen hin.“ Und auf dem Gipfel der Krise, als der Bildungsroman  „El Criticón“ erschien, nannte er Lastanosa gegenüber seine Vorgesetzten „Rabenväter“ (padrastros): „Sie begreifen nicht etwa die Sache oder die Absicht, sondern stoßen sich an dem bloßen Titel ‚Criticón’“.

 

Die spanische Literaturwissenschaft sieht in Graciáns skeptischer Lebensperspektive eine Vorläuferin zur Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts – eine ebenso faszinierende wie zutreffende Auffassung, mit der die frappierende Aktualität dieses Autors bestätigt wird. Ganz vergessen war er nie, aber über die Jahrhunderte immer ein Begriff eher für Kenner als für die Allgemeinheit. 1672 übersetzte der deutsche Barockdichter Daniel Casper von Lohenstein (1635-1683) Graciáns „El Político“, und allgemein fühlten sich gebildete Köpfe des 17. und 18. Jahrhunderts von Graciáns gesellschaftlichen Verhaltensregeln angezogen. Allerdings wurde wenig Wert auf die Kenntnis der Originalwerke gelegt, man bevorzugte französische Ausgaben. Erst Arthur Schopenhauer ging den spanischen Originaltexten nach und lernte die Sprache, nur um Gracián zu verstehen. Zwischen 1828 und 1832 übersetzte er das „Handorakel“ sowie ein Kapitel des „Criticón“, aber er bot die Arbeiten seinem Verleger Brockhaus vergeblich an, was das knorrige Verhältnis der beiden Männer nicht einfacher machte. Erst zwei Jahre nach Schopenhauers Tod brachte der Verlag die erste deutsche Original-Übersetzung des „Oráculo manual“ heraus.

 

Einen gewissen Siegeszug errangen Graciáns Werke zumindest in Deutschland erst im 20. Jahrhundert. Zwar gibt es das „Handorakel“ in diversen Ausgaben, „El Héroe“ erschien 1996 (Merve Verlag, Berlin) und „El Discreto“ im Deutschen Taschenbuch Verlag 2004 („Der kluge Weltmann“). Aber „El Criticón“ beispielsweise wurde in Auszügen 1957 in der Reihe „Rowohlts Klassiker“ herausgebracht (übersetzt von Hanns Studniczka) und erschien 2001 im Zürcher Ammann Verlag erstmals in vollständiger Neuübersetzung von Hartmut Köhler. Der „Zeit“-Kritiker Ralph Rainer Wuthenow bezeichnete in seiner Rezension das “Handorakel“ als „eines der europäischen Grundbücher“ und den Autor des „Kritikon“ als einen Schriftsteller, „der zu den Großen seiner Epoche, ja Europas gehört“. Der wegen seiner kunstvollen (und doch mitunter überraschend einfachen) Sprache und seiner allegorischen Realitätsnähe fast nicht übersetzbare Roman über die Abenteuer des alten Critilo und des jungen Andrenio führt den Leser zur Erkenntnis von Sein und Schein, aber auch zum pessimistischen Wissen um die Vergeblichkeit und Nutzlosigkeit dieser Erkenntnis. Die nämlich kommt nach den Erfahrungen des Lebens erst im Alter und in der Nähe des Todes. Um Gracián, um die Tiefe seiner Gedanken und die verzwickte Fülle seiner sprachlichen Phantasie wirklich zu verstehen, müsste man es machen wie Schopenhauer: Spanisch lernen, und zwar das barocke Spanisch des 17. Jahrhunderts.

 

Sich nicht in den Personen täuschen, welches die schlimmste und leichteste Täuschung ist... Bei Menschen mehr als bei allem andern ist es nötig, ins Innere zu schauen, Sachen verstehen und Menschen kennen sind zwei weit verschiedene Dinge. Es ist eine tiefe Philosophie, die Gemüter zu ergründen und die Charaktere zu unterscheiden. So sehr als die Bücher ist es nötig, Menschen studiert zu haben,“ schrieb Gracián im Aphorismus 157 des „Handorakel“. Klugheit und Hellsichtigkeit haben ihm später nicht mehr genützt, weil etwas in ihm nach vorn drängte und weil das, was er zu sagen hatte, ans Licht musste gegen jedes vernünftige Abwägen. Aber die Spannweite seiner literarischen Substanz zwischen lebenskluger Selbstbehauptung, allegorischer Erfindung und sprachlicher Brillanz ist ein seltenes Geschenk an jeden Leser.

 

Infos:

- Benutzt wurde folgende Ausgabe des „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“, Deutsch von Arthur Schopenhauer, Sonderausgabe Anaconda Verlag, Köln 2005, 128 Seiten

- Baltasar Gracián: „Das Kritikon“, aus dem Spanischen übersetzt und herausgegeben von Hartmut Köhler, Ammann Verlag, Zürich 1001, 984 Seiten, 65,90 Euro (vergriffen). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2004, 25 Euro

- Rezension des „Kritikon“ von Ralph Rainer Wuthenow: http://www.zeit.de/2002/02/200202_l-gracian_xml

- zu Vincencio Juan de Lastanosa: http://www.lastanosa.com/ 

- Tabellarische Bio-Bibliographie zu Gracián von Jens Dechering: http://www.balthasar-gracian.de/

- Wikipedia spanisch: http://es.wikipedia.org/wiki/Baltasar_Graci%C3%A1n

- http://www.redaragon.com/cultura/gracian/2.asp

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