Tahar Ben Jelloun

"Sur ma mère" - "Yemma, meine Mutter, mein Kind"

 


Der marokkanisch-französische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun bei einer Veranstaltung 2011.
Foto:
Mathej Bat'ha/Wikimedia Commons

 

Cover der deutschen Ausgabe im Berlin Verlag

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Literatur/Jelloun-Yemma.html

 

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03-06-2011

Der Tod als Angelpunkt des Lebens

Über Tahar Ben Jellouns Roman „Yemma – Meine Mutter, mein Kind“

 

Von Christel Heybrock

 

Ein Mann zwischen zwei Welten, zwischen Orient und Okzident. Ein Sohn vor dem geistigen und physischen Erlöschen seiner Mutter und zugleich vor ihrer Entdeckung. Die Situation, aus der heraus der marokkanisch-französische Autor Tahar Ben Jelloun sein Buch „Sur ma mère“ (über meine Mutter) geschrieben hat, könnte komplexer nicht sein, und doch ist sein Buch mit dem deutschen Titel „Yemma – Meine Mutter, mein Kind“ von verblüffender Einfachheit. Es liest sich herunter, als habe der Autor nur eben die wechselnden Bewusstseinsphasen seiner demenzkranken Mutter und ihren zeitweise kaum noch zu stoppenden Redefluss notiert, bis hin zu ihrem Tod, der einfach das Ende des Buches ist. Tatsächlich aber hat das langsame Sterben der alten Frau das Bewusstsein des Sohnes in ungeahnter Weise geschärft – dass man dafür und für die klassische Ausgewogenheit dieses Erzählwerks erst mit distanziertem Nachdenken ein Gefühl bekommt, liegt an der Mentalität deutschen Denkens und deutscher Sprache. Beides muss hierzulande eben immer so schwergewichtig wie möglich daher kommen, um überhaupt ernst genommen zu werden.

 

Nein, der Übersetzung von Christiane Kayser kann man es nicht anlasten, dass Deutsch eben anders klingt als Französisch und dass man in beiden Sprachen verschieden denkt, immer noch. Wer dazu imstande ist, sollte sich die Leichtfüßigkeit, die Emotionalität und intellektuelle Prägnanz der Originalausgabe nicht entgehen lassen. Schon die kurzen Sätze, die Jelloun auf seiner Homepage zu seinem Buch anmerkt, geben einen Schlüssel zu dessen Verständnis: Die Liebe eines Sohnes sei meist verschleiert von vorsichtiger Distanz (= „pudeur“, das Wort „Scham“ ist hier einfach zu zäh und klebrig) und von Wortlosigkeit. Erst das chaotische Verwechseln der Demenzkranken von Vergangenheit und Gegenwart habe ihn erkennen lassen, was für ein Mensch seine Mutter war und welches wenig glückliche Leben sie geführt habe. Der Roman sei der Bericht eines Lebens, „von dem ich nichts oder fast nichts wusste“. Im Deutschen überhaupt nicht wiederzugeben eine so tief poetische, einfühlsame Bemerkung wie diese: „Chaque fois, j’ai inventé ses émotions et j’ai dû lire ou plutôt traduire ses silences.“ Was soll man von so was halten – jedes Mal habe der Sohn die Gefühle der Mutter erfunden (inventé = in diesem Fall wohl eher aufgezeichnet und zugleich mitempfunden) und er habe ihre Schweigezustände lesen oder vielmehr übersetzen müssen? Ach, Gott, das kann man hierzulande einfach nicht denken.

 

Tahar Ben Jelloun ist ein unglaublich produktiver und ebenso erfolgreicher Autor. In Frankreich mit etlichen Literaturpreisen geehrt, weltweit in mehr als 50 Sprachen übersetzt, mischt er sich nicht nur in einer Vielzahl von Presseartikeln ins politische Tagesgeschehen ein, sondern bringt auch immer neue Erzählwerke hervor. Schreiben, und vor allem das Erzählen, ist ihm zur zweiten Natur geworden, er schreibt, indem er atmet: „L’écriture est devenue ma respiration quotidienne“, notiert er auf der Eingangsseite seiner Homepage, indem er sein Selbstverständnis als Autor definiert. Aus dieser natürlichen Gleichzeitigkeit von Leben und Schreiben hat sich offenbar fast wie von selbst auch die Struktur des Buches über seine Mutter ergeben, in dem das Sterben und die zunehmende Verwirrung eines zerstörten Gehirns zum Angelpunkt eines ganzen Lebens werden – und darüber hinaus zum Angelpunkt zweier Kulturen.

 

Die bruchstückhaften Erinnerungen der Mutter, die in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Medina von Fès lebte (dort wurde 1944 auch der Sohn geboren) und später ins ungeliebte Tanger kam, sie werden gespiegelt von einer anderen, vergleichbaren Lebensgeschichte in der westlichen Welt, wo Zilli, die hoch gebildete und kulturell interessierte Mutter von Jellouns Freund Roland in der Schweiz ihren komfortablen Lebensabend genießt. Spiegelbilder, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten und doch in zwingender Übereinstimmung mit dem Tod enden. Zilli, weltläufig und selbstbestimmt, führt ein sorgloses Leben, das völlig verschieden von dem der Mutter scheint, der traditionsbewussten marokkanischen Analphabetin, die dreimal verheiratet wurde und außer ihrer Familie nichts von der Welt gesehen hat: „Ich denke an Zilli... Ich sehe sie in den vierziger Jahren in Wien, schön und verliebt, verführerisch und lebhaft, mit vielen Koffern und Taschen unterwegs, sorglos, Klavier spielend, kurz bevor sie den Zug nach Paris nimmt, um dort eine wunderbare Liebe zu erleben.“ Nein, für Jellouns Mutter hat es nicht einmal eine Liebesgeschichte gegeben, die drei Ehemänner konnte sie sich nicht aussuchen, und das Glück hat sie mit ihnen nicht erlebt, wenn auch kein himmelschreiendes Unglück. Nicht im Klavierspielen bestand die Kulturleistung der Mutter, sondern darin, sich in ihrem engen Leben zurechtzufinden, sich ihre von Traditionen festgelegte Situation zu eigen zu machen.

 

Aber beide Frauen sind auch Mütter, und während die Marokkanerin über Monate hinweg aus ihrem Leben heraus fällt und schließlich schmerzlich betrauert wird von ihren Kindern, kippt Zilli eines Tages einfach um, was ihren Tennis spielenden Sohn offenbar nicht weiter berührt. Zwei Lebenskreise, die sich im Motiv des Todes überschneiden. Nur auf den ersten Blick scheint das Leben Zillis so viel besser gewesen als das von Lalla Fatma – im Grunde lässt sich das eine nicht gegen das andere ausspielen. Während Zilli und Roland eine eher distanzierte Mutter-Sohn-Beziehung unterhalten, zeigen Lalla Fatmas Kinder enge Vertrautheit und Besorgnis. Und während die finanziell abgesicherte Zilli gegen Ende ihres Lebens eine tiefe Verunsicherung und „Angst vor der Hölle“ verspürt, ist Lalla Fatma, die in klaren Momenten angstfrei ihrem Ende entgegensieht, in ihrem Haus, das ebenso verfällt wie sie selbst, einer höchst zweifelhaften, diebischen Pflegerin ausgesetzt, gegen die sie und ihre Kinder sich nicht durchsetzen mögen, denn: wer sonst soll die bettlägerige Kranke waschen, windeln, füttern, mit Medikamenten versorgen?

 

Das Hauptthema des Buches aber sind die uferlosen Fantasien und wirren Reminiszenzen der sterbenden Marokkanerin, in deren Kopf Vergangenheit und Gegenwart sich ineinander schlingen. „In einer Zeitung habe ich gelesen, dass Analphabeten mit höherer Wahrscheinlichkeit an Alzheimer erkranken als Menschen mit intensiver geistiger Beschäftigung. Meine Mutter hat ihre grauen Zellen benutzt, um sich ein anderes Leben auszumalen, uns vor dem Übel zu bewahren und uns im Schatten ihres Segens weiterkommen zu sehen... Sie leidet nicht, doch sie langweilt sich, deshalb vergisst sie die Gegenwart und richtet sich in den fernsten Ecken ihrer Vergangenheit ein“, erklärt Jelloun. Es ist, als würde die brach liegende Fantasie ihren Kopf überschwemmen, und so, wie Sterbende den Kreis ihres Lebens zurück verfolgen, ruft Lalla Fatma ihr Leben in Form von lauter kleinen, ineinander verhedderten Fragmenten ab.

 

Mal weint sie und will ihre Mutter und ihren kleinen Bruder suchen, gibt Anweisungen fürs Abendessen, damit für beide, die längst tot sind, mit gekocht wird. Mal ruft sie in Gedanken eine längst erwachsene Kusine herbei, um ihr vor deren Hochzeit Anweisungen zu geben: „...bleib diskret und senke den Blick... Ein junges Mädchen, das den Gästen ins Gesicht sieht, wäre unvorstellbar, so eine Unverschämtheit: schlecht erzogen, ein Mädchen aus unlauterer Familie. Die Ehre drückt sich in der demütigen Haltung aus, in dem Schweigen... Du kennst deinen Mann nicht? Du wirst Zeit genug haben, ihn kennen zu lernen, das ist kein Problem... Weißt du, ich habe keinen meiner drei Ehemänner vorher gekannt und habe mich nicht beklagt. Sie sind alle drei gestorben, ich glaube jedenfalls, dass sie tot sind, denn ich sehe sie nicht mehr.“ Und fast übergangslos beschuldigt sie ihre Pflegerin Keltoum, in der vergangenen Nacht Geldscheine, die unterm Kopfkissen versteckt lagen, durch Zeitungspapier ausgetauscht zu haben.

 

Sie lädt immer wieder Menschen ein, die längst verstorben sind, sie drängt den Sohn, das Haus „nicht zu billig zu verkaufen“, von dem sie glaubt, es sei das Haus in ihrer Heimatstadt Fès, und sie erinnert sich, wie sie einst als junges Mädchen mit ihrer zarten, blühenden Schönheit den Frauen im öffentlichen Bad auffiel – unter anderem der Mutter eines Sohnes, mit dem sie dann knapp 15-jährig verheiratet wurde: Mit 16 war sie schwanger und Witwe, der Mann starb ganz plötzlich an einer Typhus-Infektion. Mit dieser Erinnerung startet Jelloun in die Geschichte jenes Lebens, von dem er selbst nur einen Bruchteil kennt, und er scheut sich nicht, die traditionellen islamischen Heiratsregelungen, den Ehevertrag, die physische Tortur der Hochzeitsvorbereitung und die Erwartungen darzulegen, die an eine junge Frau noch in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts gestellt wurden. Die Schwiegermutter machte es absichtlich schwer und erwartete ein kompliziert zubereitetes Mahl in Perfektion – Lalla Fatma, fast noch ein Kind, bestand die „Prüfung“, der im späteren Leben noch viele weitere folgten: „Ich erinnere mich an das Leben ohne Kühlschrank, ohne Gaskocher, ohne fließendes Wasser, ohne Telefon. Meine Mutter hat sich abgerackert. Die Haushilfen, die sie einstellte, nutzten ihre Schwäche aus. Wie oft musste sie ganz alleine ein Mittagessen für fünfzehn Leute zubereiten, in letzter Minute geladene Gäste ... Sie musste sie gut behandeln, ihnen zulächeln und alle höflichen Floskeln herunterbeten: ‚Dies ist ein großer Tag. Ihr habt Licht in unser Haus gebracht. Eure Güte erfüllt unser Heim. Wer euch sieht, dem gibt Gott Leben...’“

 

Eingestreut in den Lebensweg der tapferen kleinen Person sind ihre Vorstellungen von der Gegenwart toter Familienmitglieder sowie die Situationen, in denen sie ihren Sohn nicht mehr erkennt und die Pflegerin des Diebstahls zu überführen glaubt, was in seltsamer Hellsichtigkeit zwar grundsätzlich, kaum aber in konkreten Fällen gelingt. Armut, Enttäuschungen, Verletzungen – ihren Kindern und dem selbstverständlichen Verhaltenskodex zuliebe hat die Mutter alles weggesteckt, was andere Frauen wohl in die Rebellion getrieben hätte, und dass der Sohn dieses Leben, die Entdeckung dieser Person zu einem Zeitpunkt aufarbeitet, in dem die unumkehrbare Auflösung begonnen hat, macht die Mutter zu einem exemplarischen Fall. Man könnte die Schonungslosigkeit und Ehrlichkeit beklagen, mit denen Jelloun Details dieses Verfalls ans Licht zieht, im Grunde aber handelt es sich um eine einfühlsame Würdigung, die nicht früher hätte unternommen werden können, ohne unglaubhaft und sentimental zu werden.

 

Was dem Leser zunächst kaum bewusst wird, ist die kunstvolle, aber wie zufällig aus dem Stoff sich ergebende Struktur des „Romans“. Er beginnt mit dem Zustand der Kranken und endet mit der Beerdigung. Eingeschlossen in diesen Beginn, in diesen Anfang vom Ende eines Lebens, ist der Bericht über die Heirat der Fünfzehnjährigen, und eingeschlossen in das Ende des Buches, bevor der Anblick der toten Mutter den Sohn schockiert, leuchtet wie eine kurze Filmszene eine Kindheitserinnerung der Frau auf. Da spielt sie im Sommer mit ihrer Kusine Lalla Khadija auf der Terrasse des Hauses in Fès, die beiden kleinen Mädchen spielen Hochzeit, die Kusine ist der Bräutigam, der sich zu Pferd seine Frau holt, Lalla Fatma ist die Braut. „’Komm, mir nach, steig auf, du bist meine Frau, du gehörst mir, ich hoffe, deine Eltern haben dich gut erzogen, sonst werde ich das nachholen!’ Meine Mutter antwortet nicht. Lalla Khadija darauf: ‚Das ist ein gutes Zeichen, eine Neuvermählte, die schweigt, eine Perle, die gehorcht und nicht aufmuckt, das ist die Frau, die ich mir ausgesucht habe!’ ... Meine Mutter senkt den Kopf, doch dann schüttelt sie sich vor Lachen. Lalla Khadija bekommt auch einen Lachanfall“, und die Szene endet damit, dass sie einander mit Wasser bespritzen. Das Spiel ist nichts anderes als vorweggenommene Realität, die zugleich an dieser Stelle des Buches Vergangenheit ist, da die Mutter vor der Beerdigung tot auf einem Holzbrett liegt.

 

So ineinander verschachtelt sind alle Szenen des Romans: der Kreis eines Lebens schließt sich, aber er birgt unendlich viele ineinander verschlungene Fragmente. Rein strukturell erinnert Jellouns Erzählwerk in seiner Überpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit an die endlosen Ornamente der islamischen Kunst, in der Figuren kaum eine Rolle spielen und das Flechtwerk der Linien alles bedeutet, das Leben und zugleich den Tod.

 

Info:

- Tahar Ben Jelloun: “Yemma, meine Mutter, mein Kind” (Originaltitel “Sur ma mère“, Paris 2008). Deutsche Ausgabe aus dem Französischen von Christiane Kayser, Berlin Verlag GmbH, Berlin 2007, 206 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-8270-0758-2, Preis 18 Euro (vergriffen), Taschenbuch Berlin 2009, ISBN-13: 978 3833305832, Preis 8,90 Euro, www.berlinverlage.de

- Homepage des Autors: http://www.taharbenjelloun.org/

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