Walter Kappacher

"Der Fliegenpalast"

 

Für sein bisheriges literarisches Werk erhielt Walter Kappacher 2009 die renommierteste deutsche Literatur-Auszeichnung, den Georg-Büchner-Preis. Der Salzburger Residenz Verlag brachte dazu das abgebildete Poster heraus - und Kappachers jüngster Roman "Der Fliegenpalast" erreichte binnen kürzester Zeit die neunte Auflage. Der zuvor eher als Geheimtipp geltende Autor hat seit den siebziger Jahren kontinuierlich publiziert und eine eigene Sprache von großer Klarheit entwickelt.
Foto: Residenz Verlag

 

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29-08-2009

Dem großen Dichter entgleiten Welt und Worte

„Der Fliegenpalast“ - Walter Kappachers Roman über Hugo von Hofmannsthal und den Verlust von Illusionen

 

Von Christel Heybrock

 

So sehr alt war er damals eigentlich noch nicht, 1924, mit 50 Jahren. Doch H., wie Romanautor Walter Kappacher seine Hauptfigur Hugo von Hofmannsthal verkürzt nennt, ist offenbar ziemlich am Ende, hat Schreibhemmungen, findet keinen Zugang mehr zu sich selbst, zu Freunden und Kollegen, zur Welt insgesamt. Kappachers kleiner Roman „Der Fliegenpalast“, den der Salzburger Residenz Verlag 2009 binnen kurzer Zeit bereits in neunter Auflage herausbrachte, zeigt einen berühmten Dichter, der fünf Jahre vor seinem Tod vergeblich seine Jugend, seine Erinnerungen und seine Schaffenskraft in der Sommerfrische von Bad Fusch zu rekonstruieren sucht.

 


Cover des "Fliegenpalastes" mit der Banderole des Büchner-Preises

 

Es passierte eigentlich überhaupt nichts in den zehn Tagen, die Hugo von Hofmannsthal im Sommer 1924 tatsächlich in Bad Fusch verbrachte, aber Kappacher, Hofmannsthal-Kenner von hohen Graden, machte aus diesem biographischen Fastnichts ein Kabinettstück, das zwischen Innen- und Außenwelt irisiert und mit seinen klaren, einfachen Sätzen so unaufdringlich daher kommt, als sei es von allein aufs Papier geflogen. Es ist hilfreich, aber nicht unabdingbar, wenn man als Leser ein wenig über Kappachers Roman-„Helden“ Hofmannsthal Bescheid weiß, wenn man die politisch konservative Haltung des Dichters von „Jedermann“ und „Rosenkavalier“ einschätzen kann, seinen allzu frühen Ruhm, seine Beziehungen zu den kulturellen Größen seiner Zeit wie Stefan George, Rudolf Borchardt, Robert Walser, Max Reinhardt oder Alma Mahler. Sie tauchen bei Kappacher in H.s unablässig arbeitenden Gedanken als Schemen auf, deren Bedeutung ebenso beschworen wird wie die Bedeutung von H.s großen Erfolgen – aber es ist eine Beschwörung von Vergangenem.

 

Über die Folgen des Ersten Weltkriegs, der das Ende der Donaumonarchie brachte, das Ende von Hofmannsthals politischer Heimat, kommt dieser H. einfach nicht hinweg. Er fühlt sich gelähmt, hat Kreislaufstörungen, ist dem Trubel seiner in Altaussee Urlaub machenden Familie entflohen, um endlich an seinem „Timon“-Drama und dem „Andreas“-Roman zu arbeiten, vor allem aber wohl, weil er geglaubt hat, in Bad Fusch am Großglockner, dem Ort seiner Kindheit und Jugend, auch die frühere Energie und den einstigen Einfallsreichtum wieder zu finden, gleichsam zwischen den Bäumen im Wald, auf den Ruhebänken am Weg und im herunter gekommenen „Grandhotel“. Aber die erfrischende Landschaft von damals hat sich so verändert, dass H. nur noch Details wieder erkennt, sich sogar einmal beim Spaziergang verläuft und an Schreiben kaum zu denken ist; vielmehr verzettelt er sich zwischen seiner täglichen Post und ganzen Stapeln von Notizen, die nicht zu der erhofften Gestaltung von Szenen, geschweige eines ganzen Theaterstücks führen.

 


Der Dichter Hugo von Hofmannsthal auf einer Aufnahme von Nicola Perscheid 1910, vierzehn Jahre vor dem Sommeraufenthalt in  Bad Fusch, den Kappacher im "Fliegenpalast" thematisiert. Zur Zeit der Aufnahme war der 1874 geborene Hofmannsthal eine Berühmtheit vor allem durch Bühnenarbeiten wie "Elektra" und "Cristinas Heimreise". Das Libretto zum "Rosenkavalier" wurde 1911 von Max Reinhardt in Dresden inszeniert.
Foto: Nicola Perscheid/
Zeno

 

Zugleich wühlen Verletzungen durch Kollegen in seiner Seele, unter anderem ein Streit mit Rudolf Borchardt, von dem er befürchtet, dass er womöglich zwecks Konfliktlösung nach Fusch kommen würde, H. hat buchstäblich Angst vor dieser Belästigung, hat er Borchardt nicht bereits im Hotel gesehen? Überhaupt rumort in H. ein Dauerkampf zwischen Kontakt- und Anerkennungsbedürfnis einerseits und dem Drang nach Einsamkeit und Distanz andererseits – das Bild des „Fliegenpalastes“, des mit Fliegengittern abgeschotteten Domizils, es ist im Grunde das Bild von H.s Persönlichkeitsstruktur, der die Außenreize des Alltags, das Herandrängen von Banalitäten nur wie durch einen Filter zulassen kann. Freilich dürfte es keinen Schriftsteller geben, dem das nicht mehr oder weniger ähnlich ginge – bei H. jedoch entwickelt sich diese Haltung zum Verlust von Wirklichkeit.

 

Dieser Rudolf Borchardt, der hinter H.s Rücken sich einst hämisch über ihn äußerte – kommt er nicht im Hotelrestaurant plötzlich auf ihn zu? H. ergibt sich in sein Schicksal, während der Mann sich ihm nähert, H. ist schon bereit zur Versöhnung, hat er nicht mit Borchardt früher wunderbare Gespräche geführt und sich von ihm verstanden gefühlt? „Das Gesicht des Mannes war im Näherkommen auf einmal eher rundlich; jetzt schaute er an H. vorbei, schritt mit genagelten Schuhen, den Hut in der Hand, an ihm vorüber“, heißt es lakonisch im Roman. Es war nicht Borchardt, es war ein Unbekannter, die ganze Aufregung, die ambivalente Erinnerung umsonst.

 

Sehr gekränkt gefühlt hat H. sich auch durch das Urteil einiger Zeitgenossen, seine Dichtkunst entbehre eigentlich der Authentizität, H. sei nicht fähig, ein großes Werk ganz allein aus sich selbst heraus zu gestalten – wirklich bedeutend sei er nur, wenn er sich in ein bereits vorgegebenes Thema hineinfühlen könne und die Figuren von innen her verstehen müsse. Dieser Vorwurf schmerzt den Dichter immer noch ... und der Leser kann nicht ganz umhin, dem bösen Urteil beizupflichten. Hofmannsthals Themen haben immer etwas aus der Gegenwart Verschobenes, etwas nicht ganz Zeitgemäßes. Leise Zweifel kommen einem bereits, wenn man bei Kappacher erfährt, mit welcher Strategie dieser H. sich in seine Themen hineindenkt: nämlich indem er andere Autoren liest, Eckermanns Gespräche mit Goethe, Cervantes, Balzac, Platons „Gastmahl“ sogar, der „Timon“ ist immerhin ein antiker Stoff, und H. überlegt, ob er die Hetäre Bacchis in einen Dialog mit seinem Titelhelden verwickeln soll. Es hat schon etwas Unzeitgemäßes, wenn ein gerade mal Fünfzigjähriger in den Roaring Twenties des 20. Jahrhunderts über nichts Aktuelleres als einen Hetärendialog nachdenkt. Immerhin war die damalige Gegenwart mit eigenem Konfliktstoff so voll wie selten eine Epoche.

 

Was den Aufenthalt „in der Fusch“ für H. dennoch erträglich macht, ist der junge Arzt Dr. Krakauer, der ihn nicht nur nach einem Kreislaufkollaps wieder auf die Beine bringt, sondern auch an dessen Dichtkunst interessiert ist und kluge Gespräche mit ihm führt. Nur leider ist Krakauer der Privatmediziner einer egozentrischen und ständig an irgendetwas leidenden Baronin, so dass die beiden Männer sich die Zeit füreinander stehlen müssen. Noch dazu ist die Baronin mit einer hübschen Nichte unterwegs, einer angehenden Opernsängerin, mit der Krakauer, wie sich allmählich herausstellt, liiert ist. Schlechte Karten also auch in dieser Hinsicht für den bedauernswerten H., von dem die Baronin sich nichtsdestotrotz gestört fühlt. Wenn es in Kappachers Roman überhaupt ein Ereignis gibt, dann dieses: Eines Nachmittags – H. schickt sich eben an, endlich den Timon-Dialog niederzuschreiben – taucht die Nichte in seinem Hotelzimmer auf und gibt ihm in einem umständlichen Ersuchen zu verstehen, dass er doch bitte abreisen möge, es könne sonst sein, dass die Baronin und Dr. Krakauer in einen ernsten Konflikt gerieten, die Baronin selbst sei leider nicht reisefähig ...

 

Noch während H. realisiert, welche Unverschämtheit ihm da unterbreitet wird, rattert ein verblüffender Mechanismus in seinem Dichterhirn los. Weit entfernt von seiner tagelangen Lähmung, inspiriert ihn der Anblick der jungen Frau geradezu.

 

Als sie in der Tür steht: „Was will sie von mir, überlegte er, was ist geschehen? Sie erinnerte ihn an die junge Alma Mahler.“

 

„Er nahm das Manuskriptbündel vom Stuhl, schob ihn in die Mitte des Zimmers, deutete darauf, setzte sich aufs Bett. Sie wirkte anziehend mit ihrem gewellten Haar, den vollen Oberarmen, er dachte, sie sieht der Christiane Vulpius ähnlich, wie Goethe sie gezeichnet hat.“Und: „An ihrer Oberlippe bemerkte er einen Anflug von Bartwuchs, auch das erinnerte ihn an die Alma.“

 

Und als er begreift, was man von ihm will: „Ein starkes Stück, dachte er, sie wollen mich aus dem Weg haben, und dachte, mein erster Eindruck war ja gar nicht so falsch. Das fehlte mir noch, was hab ich damit zu schaffen? Zugleich wurde ihm bewusst, wie sehr er ihr gepflegtes Wienerisch, ihre wohltuende Stimme mochte... Auf einmal kam ihm in den Sinn, dass er sich eigentlich immer jemand wie sie als ägyptische Helena vorgestellt hatte ... Ihren Rock hatte sie hochgezogen, ehe sie sich gesetzt hatte, jetzt schaute er wie unter Zwang auf ihre nackten Knie und den nackten Teil ihrer Oberschenkel... Und es fiel ihm ein, dass man ja aus der Konstellation Krakauer – Baronin – Elisabeth eigentlich einen Einakter machen könnte ...“

 

Aber H. lässt die Gegenwart an sich abprallen und verfolgt den Gedanken nicht weiter. Ein paar Tage später erhält er einen Brief von Dr. Krakauer, in dem dieser ihm mit dem Ausdruck des Bedauerns seine baldige Abreise nebst Baronin und deren Nichte ankündigt. Er verabschiedet sich später auch noch persönlich von H., dem es nicht gut geht, aber es ist ein etwas eiliges Gespräch, Krakauer geht auf H.s umständliche Konversation nicht wirklich ein. Wenige Tage danach dann: H. hört ein Auto vorm Hotel hupen und tritt vom Krankenbett ans Fenster, sieht eine in Autokluft vermummte Person von unten heraufwinken und winkt zurück – der Dr. Krakauer verabschiedet sich da wohl noch einmal. Gleichzeitig ruft aus einem Fenster auf gleicher Höhe mit H. „eine unangenehm laute Frauenstimme: ‚Ja, ja, Herrgott noch einmal, ich komm ja schon!’“

 

Da war er wohl wieder, der Wahn des Dichters, die Welt drehe sich um ihn – dabei braust sie immer heftiger über ihn hinweg und H. ist längst der Boden entglitten, auf dem er sich einst sicher fühlte. Der reale Hugo von Hofmannsthal hat nach seinem etwas missglückten Schreiburlaub in Bad Fusch zwar noch fünf Jahre gelebt und das Trauerspiel „Der Turm“ geschrieben – ein Drama der Gegenwart war dieser historisch-mythische Stoff aus einem sagenhaften „Polen“ aber nur in einem sehr allgemeinen Sinn, und Hofmannsthal hatte Jahre lang um eine endgültige Fassung gerungen. Immerhin erlebte er ein halbes Jahr vor seinem Tod (am 15. Juli 1929) noch die Uraufführung im Münchner Prinzregententheater und konnte die positiven Reaktionen beispielsweise von Thomas Mann und Walter Benjamin verbuchen.

 

Es ist die Frage, wie nah der Autor Kappacher mit dem „Fliegenpalast“ an den Autor Hofmannsthal heran kommt und ob er das überhaupt beabsichtigt. Der Dichter H. wird als Romanfigur aus einer Distanz präsentiert, die in gewisser Weise ebenso an ein „Fliegengitter“ erinnert, wie es sich zwischen H. und dessen Blick auf die Gegenwart schiebt. Kappachers H. ist im Grunde eine tragische Figur: ein berühmter Dichter, der nicht nur seinen Ruhm, sondern auch die einstige eigene Substanz überlebt hat. Wer den realen Hofmannsthal und dessen Werke liest, wird zwar einen eklatanten Verlust an Gegenwart, an beherztem, frischem Zupacken, konstatieren – aber keinen Substanzverlust. Ein biographischer Roman will der „Fliegenpalast“ kaum sein, die Episode aus Hofmannsthals Biographie weist bei Kappacher über die historische Figur hinaus auf eine allgemein gültige Problematik: die schwierige, notgedrungen ambivalente Beziehung eines Schriftstellers zur Wirklichkeit. Man kann lange darüber nachdenken.

 

Info:

- Walter Kappacher, „Der Fliegenpalast“, Residenz Verlag, Salzburg, neunte Auflage 2009, 176 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-7017-1510-7, www.residenzverlag.at/

- Homepage des Autors: http://www.walter-kappacher.at/
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