Doris Lessing (1919-2013)
"Das fünfte Kind"


Doris Lessing, geboren 1919 im Iran und seit 1949 in England lebend, schrieb den kleinen Roman "Das fünfte Kind" 1988. Im Jahr 2007 erhielt sie den Literatur-Nobelpreis für ihr umfangreiches erzählerisches Werk. Das Foto zeigt sie beim Kölner Literatur-Festival 2006.
Foto: Elke Wetzig (elya)/ Wikimedia Commons

Die beiden Editionen der deutschen Ausgabe von Doris Lessings Roman - zur Zeit sind beide vergriffen.

 

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04-11-2008

Das Rätsel des Bösen

Doris Lessings Roman „Das fünfte Kind“

 

Von Christel Heybrock

 

Harriet und David sind ein ganz normales englisches Mittelklassepaar. Oder doch nicht? Sie haben zumindest etwas andere Werte als ihre Umgebung, sind altmodischer, zurückhaltender, auf eine stille Art vielleicht sogar ein bisschen arrogant. Und statt sich Zeit zu nehmen, um Karriere (David ist Architekt) und ein anregendes, für spontane Entscheidungen auch mal offenes Zusammenleben aufzubauen, kaufen sie außerhalb Londons ein „geräumiges viktorianisches Haus mit einem verwucherten Garten“. Das Haus hat drei Stockwerke, einen großen Dachboden und jede Menge Zimmer. Harriet und David können es sich eigentlich gar nicht leisten, aber es ist ihre Traumumgebung, denn sie wollen Kinder in die Welt setzen, eine große Familie haben. Die sie sich eigentlich auch nicht leisten können. „Wollt ihr ein Hotel aufmachen?“ fragt Davids Stiefvater Frederick trocken, als er zum ersten Mal zu Besuch ist. Und Davids leiblicher Vater James, der sich einer begüterten zweiten Ehe erfreut, stellt sofort fest, dass er hier finanziell mit aushelfen muss.

 

Er muss im Laufe der Zeit viel aushelfen, denn das junge Paar (zum Zeitpunkt der Heirat ist David dreißig und Harriet 24) setzt seine Pläne konsequent in die Realität um: Harriet ist immer wieder schwanger, während David sich schlecht und recht in seinem Beruf abmüht. Das Haus jedenfalls füllt sich allmählich, und zwar nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Gästen, besonders an familiären Feiertagen. Ohne das von James bereitwillig immer wieder erneuerte Finanzpolster könnte die Familie gar nicht existieren. Und ohne die immer wieder gewährte tatkräftige Hilfe von Dorothy, Harriets Mutter, wäre ein einigermaßen funktionierender Haushalt nicht möglich. Im Grunde leben David und Harriet auf Kosten anderer Leute, ohne auch nur einen Gedanken an diesen Sachverhalt zu verschwenden.

 

Nach der vierten Schwangerschaft beginnt die Verwandtschaft freilich doch offen zu protestieren und Harriet nimmt sich vor, bis zum fünften Kind erst mal zwei Jahre zu warten, doch daraus wird nichts. Ein fünftes Kind kündigt sich wenige Monate nach dem vierten an, und mit diesem fünften ist plötzlich alles anders. Bisher war die Familie samt den häufig anreisenden Verwandten von bemerkenswerter Harmonie geprägt, die Kinder lieb und aufgeweckt, der Garten ein Ort des Herumtobens und der Erholung, das ganze Haus ein Summen und Brummen, ein Domizil, in dem drei Generationen zusammenfanden, nicht ohne Konflikte, aber auch nicht ohne Freude und heitere Stunden.

 

Die fünfte Schwangerschaft jedoch treibt Harriet an den Rand des Zusammenbruchs, denn das ungeborene Kind ist unruhig, ungeduldig und scheint ihr alle Kraft auszusaugen. Als das Baby da ist, wird es nur schlimmer, vom ersten Moment an hat es eine Art zu fordern und seine Bedürfnisse durchzusetzen, die Harriet zutiefst irritiert, und irritiert ist sie auch durch das Wegsehen und die bewusste Ignoranz ihrer Umgebung. „Er sieht aus wie ein Troll oder ein Kobold oder so was“, sagt Harriet nach der Geburt, und der Arzt meint nur vorwurfsvoll „Na, na, Harriet.“ Aber insgeheim scheint jeder zu merken, dass dieses Kind aus der Art geschlagen ist:

 

„Er war kein schönes Baby. Genauer gesagt, er sah überhaupt nicht wie ein Baby aus. Der Kopf saß zu tief zwischen den massigen Schultern, so das er sogar im Liegen geduckt aussah. Die niedrige Stirn trat von den Brauen bis zur Scheitelhöhe deutlich zurück. Das dicke, semmelblonde Stoppelhaar wuchs ihm ungewöhnlich spitz bis in die Stirn, und auch an den Seiten und am Hinterkopf reichte es tief hinunter. Seine Hände waren plump und kurzfingrig, mit ausgeprägten Muskelballen an den Innenflächen. Seine Augen waren gleich offen, und er sah seiner Mutter gerade ins Gesicht. Es waren zielgerichtete grünlichgelbe Augen, wie zwei Kugeln aus Seifenstein.“

 

Der Junge Ben entwickelt sich physisch ungewöhnlich rasch, aber entscheidende Defizite bleiben, vor allem ist er unfähig zu irgendeiner Kommunikation. Seine Umgebung einschließlich seiner Mutter kann nur ahnen, dass sie von ihm gar nicht wahrgenommen wird und ihm vollkommen gleichgültig ist. Ben kennt nur sich selbst und seine eigenen primitiven Bedürfnisse, und er triumphiert, wenn er seinem kleinen Bruder den Arm verrenken oder einen kleinen Hund, später eine Katze töten kann – im Alter von etwa zwei Jahren! Bens Verhalten verändert das Familienleben fundamental. Harriet muss den Jungen in sein Zimmer einsperren, damit er die andern Kinder nicht gefährdet, und die zahlreichen Gäste kehren der Familie allmählich den Rücken, weil ihnen das Kind unheimlich ist. Harriet stellt irgendwann entsetzt fest, dass sie aus Gründen der Vorsicht mehr an Ben denkt als an alles andere, und selbst Harriets Mutter, die sich im Haushalt aufopfert, plädiert dafür, Ben aus der Familie weg und in ein Pflegeheim zu geben, damit wieder ein leidlich normales Leben möglich wird.

 

Unter wütendem Geheul wird der Junge also eines Tages in einem Auto abgeholt. Die Familie atmet auf. Die anderen vier Kinder erwachen wie aus einer Starre und fassen wieder Zutrauen zu einem familiären Miteinander. Harriet wird jetzt erst bewusst, was alles durchs Bens Gegenwart zerstört worden ist. Doch irgendwann fragt sie sich, was mit ihm geschieht in dem abgeschiedenen fernen Ort in Nordengland, ein Instinkt in ihrem Innern, eine schreckliche Angst, gegen die sie offenbar machtlos ist, drängen sie dazu, die mehrstündige Autofahrt auf sich zu nehmen und sich umzusehen.

 

„Sie dachte weder mit Liebe noch auch nur mit Zuneigung an ihn, und sie verabscheute sich selbst, weil es ihr nicht möglich war, auch nur den Ansatz eines normalen menschlichen Gefühls für ihn zu finden: Vielmehr waren es Angst und Grauen, die sie nächtelang wach hielten.“

 

Harriet fährt hin. Das Heim erweist sich als düsterer Ort des Schreckens, betreut von zwei jungen Leuten, die offensichtlich keinerlei medizinische oder pflegerische Kompetenz haben und von einem nicht anwesenden Arbeitgeber einfach ausgebeutet werden. Besucher wie Harriet hat es offenbar noch nie gegeben, und als sie vergeblich daran gehindert wird, in einem langen, dunklen Korridor eine Tür zu öffnen, entdeckt sie dahinter einen Saal mit unbeschreiblichen Missgeburten, die trotz Ruhigstellung durch Drogen mitunter schrille Schreie ausstoßen. Ben jedoch befindet sich in einer nur mit Schaumgummimatratze ausgestatteten Gummizelle auf dem Boden, bewusstlos und nackt in einer Zwangsjacke, beschmiert mit Kot und durchnässt von Urin. Die beiden jungen Leute spritzen ihn in einem Baderaum ab, stecken ihn in eine frische Zwangsjacke, und Harriet sagt: „Ich nehme ihn mit nach Hause.“

 

Noch auf der Heimfahrt wacht Ben aus der Bewusstlosigkeit auf  und muss wegen eines sofortigen Wutanfalls von Harriet erneut mit einer Spritze ruhig gestellt werden, vier Spritzen am Tag, hat man ihr gesagt, seien notwendig, um das Kraftbündel zu bändigen. Zuhause verfallen David und die Kinder in wortloses Entsetzen, als sie mit Ben ankommt. Es ist das Ende einer funktionierenden Familie, denn von diesem Zeitpunkt an wenden sich alle zuerst innerlich, dann auch äußerlich, von dem Paar Ben-Harriet ab, jeder auf seine Art. Die Erfahrungen, die Ben in der Anstalt gemacht hat, rufen von Zeit zu Zeit Angstanfälle bei ihm hervor, und Harriet glaubt, ihn dadurch etwas zivilisieren zu können, sie gewinnt ein wenig Macht damit. Und erstaunlicherweise findet sich mit der Zeit, als Ben älter wird, eine Gruppe junger Arbeitsloser, die gegen Bezahlung mit Ben umgehen können, ihn auf Motorradtouren mitnehmen und als eine Art putziges Maskottchen behandeln. Ben ist sogar glücklich in der rüden Umgebung, soweit er so etwas wie Glück imstande ist zu empfinden.

 

Nach außen scheint die Familie wieder zusammenzufinden, Harriet deutet sogar an, dass sie sich noch ein Kind wünscht, um „alles wieder gutzumachen“ – womit sie bei David auf unterdrückten Hass stößt. David nimmt „jede Art von Zusatzarbeit an“, um Ben und seine Kumpels, die die Situation weidlich ausnutzen, zu finanzieren ... und um möglichst lange von zu Hause weg sein zu können. Schließlich wird Ben schulpflichtig, seine Geschwister ziehen den Aufenthalt in diversen Internaten vor und halten sich später lieber bei ihren Großeltern oder anderen Verwandten auf, als für längere Zeit nachhause zu kommen. Harriet ist meistens mit Ben allein in dem großen Haus, und während David allmählich den Gedanken fasst, das Haus zu verkaufen, findet der älter werdende Ben in einer anderen Schule neuen, gefährlichen Anschluss: haltlose, gewaltbereite Teenager, die wie er den Unterricht schwänzen, herumlungern, Diebstähle begehen und zuhause mit ihm zusammen den Kühlschrank plündern oder stundenlang „Schießereien und Gewalt, Mord und Totschlag“ im Fernsehen verfolgen. Zu ihrer Verblüffung entdeckt Harriet irgendwann, „dass ‚Ben Lovatts Gang’ die meistbewunderte und –beneidete in der Schule war und dass sich eine Menge Jungen, nicht nur die Schulschwänzer und Versager, danach rissen, ihr anzugehören. Wenn Harriet Ben inmitten seiner Gefolgschaft sah, versuchte sie sich ihn mit einer Horde seiner eigenen Spezies vorzustellen, wie sie alle am Eingang einer Höhle um ein loderndes Feuer herumhockten. Oder in einer Pfahlbausiedlung im Urwald?“

 

Manchmal bleibt Ben tagelang von zuhause weg, manchmal bringt er seine zweifelhaften Freunde aber auch für ganze Nächte mit, und Harriet findet unerwartet zehn, fünfzehn Leute bei wüsten Fressgelagen in der Küche. Sie vermutet nicht ohne Grund, dass die Gang auch schon mal einen Laden überfällt oder Vergewaltigungen begeht. Das Buch endet, indem Harriet an dem großen Esstisch sitzt, der einst zwanzig, dreißig Gäste um sich versammelt hat, während Ben und seine kriminelle Gefolgschaft nebenan vorm Fernseher hocken oder liegen und sich lautstark voll stopfen. Harriet fragt sich hilflos und nicht ohne Grauen, welche Gene aus welcher archaischen Vorzeit in Ben unerwartet zutage traten und wie seine Zukunft aussehen wird. Sie und David werden in einer anderen Wohnung bald wieder für sich sein. Aber eine Zukunft haben auch sie nicht mehr.

 

Für viele Leser scheint der ruhige, undramatische Fluss des Erzählens irritierend: Es passiert ja nichts, außer dass eine Familie unter der Belastung eines behinderten Kindes zerbricht. Aber im Grunde stellt Doris Lessing mit diesem Erzählwerk die Frage, worin die Substanz des Menschseins eigentlich besteht: Was ist es, das einen Menschen zum Menschen macht? Der von primitivem Egoismus getriebene Ben lebt seit seiner Zeugung brutal auf Kosten anderer Leute – David und Harriet tun das auf einer freilich zivilisierten Stufe lange Zeit aber auch. Selbst ihre anderen vier Kinder denken mehr an sich selbst als an ihre Eltern, und buchstäblich niemand, nicht einmal die lebenserfahrensten, zivilisiertesten Ärzte, ist imstande, sich mit Harriet zu identifizieren, die in der Nähe Bens einer unerträglichen Belastung ausgesetzt ist. Selber schuld, sagen sich alle, auch die Leser, schließlich hat niemand sie gezwungen, das aus der Evolution herausgefallene Vorzeitwesen Ben nachhause zu holen.

 

Warum hat sie es getan? Weil Ben ihr Sohn und ein lebendes Geschöpf ist und weil sie den Gedanken nicht akzeptieren kann, dass man ihn in der Anstalt zugrunde gehen lässt („ermordet“, sagt sie sich). Rational weiß sie wohl, dass sein Tod für alle besser wäre, aber sie könnte nicht damit leben. Ist Harriet also der einzige wahre Mensch in diesem Buch, ist sie die einzige, die zutiefst human handelt? In dieser Situation jedoch wird humanes Handeln zur Katastrophe, da kehren sich solche Werte um, und die Frage nach der Substanz des Menschseins kann gar nicht beantwortet werden.

 

Ist Ben ein, wenn auch von der Evolution längst überholtes, menschliches Wesen? Vielleicht nicht einmal das – in ihm tritt etwas zutage, was vor-menschlich ist, etwas Unbegreifliches, nicht Definierbares, und man muss es Doris Lessing zugute halten, dass ihre nüchterne und zugleich anschauliche Sprache keinen Horror-Roman aus diesem Stoff gemacht hat. Gelegentlich wird man an Roman Polanskis Film „Rosemary’s Baby“ erinnert, aber im Gegensatz dazu bleibt Doris Lessing stets realitätsbezogen. Sie macht keinen Dämon aus dem missglückten Ben, lässt ihn nicht aus der Hölle hervortreten, sondern beschreibt ihn als einen nicht zu bewältigenden Unfall in der desto beklemmenderen Wirklichkeit. Aber Bens Monstrosität ist durchaus ein Thema zwischen den Eheleuten: Während Harriet den Sohn als mythische „Strafe für unsere Anmaßung“ empfindet, beharrt der rationalere David ärgerlich darauf, dass der missratene Sohn einfach Pech ist: „Es war der pure Zufall. Jeder hätte Ben bekommen können. Es war ein Zufalls-Gen, das ist alles.“

 

Dabei wird Bens Unfähigkeit zu Empathie als etwas geschildert, was noch unterhalb der Entwicklungsstufe von Tieren angesiedelt ist. Einmal bringt Harriets Schwester Sarah, die ebenfalls ein behindertes Kleinkind hat, zum Weihnachtsbesuch auch einen Hund mit, einen unglaublich gutmütigen Mischling, der auf die geistig behinderte kleine Tochter aufpasst – Amy ist im Gegensatz zu Ben aber der süße Liebling der Familie.

 

„Nur wenn Ben ins Zimmer kam, zog sich der Hund in eine Ecke zurück und legte den Kopf auf die Pfoten, steif vor Wachsamkeit. Eines Morgens, als fast alle noch beim Frühstück saßen, wendete Harriet aus irgendeinem Grund den Kopf und sah, dass der Hund schlief und Ben sich ihm leise und geduckt näherte, beide Hände ausgestreckt ... ‚Ben!’ sagte sie scharf. Die kalten gelbgrünen Augen richteten sich auf sie, und sie entdeckte darin ein bösartiges Glimmen. Der Hund war erwacht und fuhr in die Höhe. Sein Nackenfell sträubte sich, er winselte angstvoll, kam dahin, wo alle saßen und kroch unter den Tisch. Alle hatten das mit angesehen und saßen stumm da, während Ben, als sei nichts geschehen, zu Dorothy ging und sagte: ’Ich will Milch.’“

 

In einer zivilisierten Welt ist Ben ein Monster. Aber die Verweigerung von Mitgefühl und Identifikation mit anderen lauert als Unfähigkeit auch in allen anderen Personen, sie wird nur überdeckt von ihrem Verhalten. Das Buch lässt sich nicht auf einen Punkt bringen, es ist eine Gratwanderung zwischen Gut und Böse, Normal und Abnorm, es stellt Werte in Frage, ohne Antworten zu liefern. Und je einfacher und banaler es die Wirklichkeit dieser Familie dem Leser vor Augen hält, umso schrecklicher und unausweichlicher stellt sie sich ihm dar. Man muss sich schließlich sagen, dass einem selber so etwas auch passieren könnte. In dem kleinen Roman halten alle Gegensätze in einem unheilvollen Zustand einander die Waage, kein Konflikt wird gelöst, es gibt nicht einmal eine Aussicht auf Lösung, das Buch entlässt den Leser in einem Schwebezustand der Ratlosigkeit. Und denkt er die Sache weiter, muss er erkennen, dies sei letztlich, wenn auch weniger dramatisch, seine eigene Situation. Man kann nicht leben mit diesem Bewusstsein – und wird sich in der scheinbaren Logik des Alltags rasch wieder einrichten. Im Regal richtet das Buch ja keinen Schaden an.

 

Info:

Doris Lessing, „Das fünfte Kind“, Deutsch von Eva Schönfeld

- Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1988, Preis 16,95 Euro (vergriffen)

- Bild Bestseller-Bibliothek 21, Lizenz-Ausgabe für Verlagsgruppe Weltbild GmbH,

  Augsburg 2005, Preis 4,99 Euro, ISBN 3-89897-120-1 (vergriffen)

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