Amin Maalouf

"Mörderische Identitäten"

 


Amin Maalouf, gebürtiger Libanese und einer der produktivsten Schriftsteller Frankreichs. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird sein interkultureller Essay "Les identités meurtrières" ("Mörderische Identitäten") diskutiert. Das Foto zeigt ihn 2009 bei einer Veranstaltung in Montpellier.
Foto:
Wikimedia Commons/ Dinkley

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12-09-2012

 

Die Zähmung der Raubkatze

,,Mörderische Identitäten", viel diskutierter Essay des libanesischen Autors Amin Maalouf

 

Von Christel Heybrock 
 

Dass dieses Buch einst auf so fürchterliche Weise bestätigt würde - ließ sich das voraussehen? Als der in Frankreich lebende Schriftsteller Amin Maalouf, gebürtiger Libanese, 1998 seinen Essay ,,Les identités meurtrières" veröffentlichte (Mörderische Identitäten), rechnete er wohl kaum mit einer Katastrophe wie der des Anschlags auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001. Aber dass und warum solche Horrortaten möglich sein würden, das konnte man damals schon seinen Ausführungen entnehmen. Und auch damals wurden sie immerhin aufmerksam gelesen: 1999 erhielt Maalouf dafür den Charles-Veillon-Preis. Längst ist sein Essay über die schwierige Gratwanderung von Menschen der Dritten Welt auch ins Deutsche übersetzt worden: Seit mehr als einem Jahrzehnt müsste Maaloufs Text eigentlich Pflichtlektüre sein für Politiker und nicht zuletzt für die Wähler: Sie alle verdrängen nur zu gern, womit sie sich dringend auseinandersetzen müssten.

 

Es geht um den Begriff der Identität, der sich im Westen anders ausprägte als in der Dritten Welt, weil der Westen andere historische Chancen hatte. In leidenschaftslosem Ton, dessen Sachlichkeit die Lektüre mitunter wenig mitreißend macht, plädiert Maalouf jedoch für eine Einstellung von Toleranz und Würde, die als Garant einer sicheren Zukunft unerlässlich ist.

Die Menschen in der Dritten Welt, so führt er in weit ausholenden Argumentationskreisen aus, sind in ihrer Identität heute verhängnisvoll gespalten. Seit Jahrzehnten, eigentlich seit zwei Jahrhunderten, repräsentiert der Westen die führende Kultur, die mit ihren technischen, philosophischen und politischen Errungenschaften den Erdball erobert hat, zum Teil auch mit Gewalt und einer bis heute andauernden unerträglichen Arroganz. Nicht nur die  unbestreitbaren westlichen Pionierleistungen, sondern auch die herablassende Verachtung anderer Kulturen, die global fast keine Rolle mehr spielen, wirken sich als „mörderisch" im doppelten Sinn für die Dritte Welt aus: Die Menschen haben ihre Identität verloren und werden systematisch daran gehindert, sich neu zu definieren.

 

Der Rückzug in ihre eigene kulturelle Vergangenheit bringt sie nicht weiter, und mit der verzweifelten Anpassung an westliches Denken werden sie erst recht als zweitrangig eingestuft. Die Folge ist, dass sie sich wehren, und zwar mit Gewalt und Zerstörung - Identität, so Maalouf, ist eine Raubkatze, die gezähmt werden muss. Dazu aber sind Freiheit und Anerkennung nötig. Maalouf sieht in gleichberechtigter globaler Vielfalt aller Kulturen nicht nur eine Chance zu wechselseitiger Befruchtung, sondern die einzige Chance zu einer sozial gesicherten Zukunft der Menschheit: „Wogegen ich mich wehre und immer wehren werde, ist die Vorstellung, wonach es auf der einen Seite eine – die christliche – Religion gibt, von jeher dazu berufen, Modernität, Freiheit, Toleranz und Demokratie zu vermitteln, und auf der anderen Seite eine – die islamische – Religion, die von Anfang an dem Despotismus und Obskurantismus ergeben war. Das ist falsch, das ist gefährlich und nimmt einem Großteil der Menschheit jegliche Zukunftsperspektive.“

 

Er selbst ist mit seiner persönlichen Biografie geradezu beispielhaft für die Möglichkeit, widersprüchliche Tendenzen schöpferisch zu verschmelzen. Seine Mutter stammte aus einer libanesischen Christenfamilie, und unter seinen Vorfahren gab es sogar einen katholischen Priester. Was im Westen gern übersehen wird: die Tradition des Christentums reicht im Libanon weiter zurück als die Christianisierung Europas. Damit Maalouf, dessen Vater jedoch Moslem war, nicht ausschließlich islamischen Einflüssen erliegen sollte, ließ ihn die Mutter von französischen Jesuiten erziehen, aber die Sprache seiner Kindheit war Arabisch, die heilige Sprache des Islam. Maalouf entfloh später dem Bürgerkrieg in seiner Heimat ins Exil nach Frankreich, weil er sich der französischen Kultur verbunden fühlte: Er hatte die großen europäischen und französischen Dichter zunächst in arabischer Übersetzung gelesen. Ihm macht es keine Probleme, orientalische und westliche Werte in sich selbst auf einen Nenner zu bringen - er könne auf  keinen dieser Einflüsse verzichten, bekennt er, sie alle und das an diesen Einflüssen geschulte Denken machen seine legitime Identität aus.

 

Mit seinem Essay wollte er beiden Welten die Augen öffnen: dem Westen, aber auch den so unterschiedlichen islamischen Kulturen. Dass sein Buch seit einer vollen Dekade nicht nur im Handel vorliegt und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, sondern auch diskutiert wird – es ist ebenso beachtlich wie im Grunde noch immer folgenlos, denn seit seinem Erscheinen hat sich am Verhältnis zwischen westlicher Zivilisation und anderen Kulturen nicht viel geändert. Immerhin scheint jedoch ein Anfang gemacht, und Maalouf hat wohl doch zumindest in den Köpfen seiner Leser etwas bewegt. Inzwischen gehört er zu den produktivsten und meist übersetzten Autoren französischer Sprache. Auch seine Romane kreisen stets um das Spannungsfeld zwischen orientalischer und westlicher Welt, und wenn Maalouf erzählt statt sachlich zu referieren, ist die Lektüre natürlich sehr viel spannender.

 

Immerhin finden sich trotz der bedächtigen, relativ glanzlosen Sprache der „Mörderischen Identitäten“ doch geschliffen formulierte Erkenntnisse wie beispielsweise der Satz „Unantastbar an einer Demokratie sind ihre Werte, nicht ihre Mechanismen.“ Dass die deutsche Übersetzung von Christian Hansen mitunter zusätzlich schwerfällig klingt, weil ihr die natürliche Eleganz des Französischen fehlt, ist schade. Unnötig aber sind richtige Schnitzer wie der Begriff „Unbedeutenheit“ (Seite 111) oder der Druckfehler in dem Satz „Unter allen Zugehörigkeiten, die wir uns zurechnen, ist die Sprache fast immer eine der entscheidensten.“ Tja, was ist im Leben schon entscheiden? Manchmal ist es nur ein fehlendes „d“. Angesichts der Substanz des Textes kann man freilich darüber wegsehen.

 

Info:

Amin Maalouf: „Mörderische Identitäten“, aus dem Französischen von Christian Hansen, deutsche Erstausgabe Edition Suhrkamp 2159, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2000, 144 Seiten, 9,50 Euro, ISBN 3-518-12159-6. Jüngste Ausgabe 160 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-518-12159-7.
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