Bahman Nirumand
Ein Iraner über die Deutschen


Autor Bahman Nirumand am 20. September 2011 bei der Vorstellung seiner Autobiografie "Nicht an dem Ort, an dem ich sein müsste" bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.
Foto:
Heinrich-Böll-Stiftung/Wikimedia Commons

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17-08-2014


Cover des 1989 bei Rowohlt erschienenen Essay-Bandes von Bahman Nirumand

 

Freudlose Prinzipienreiter?
Wie der Iraner Bahman Nirumand die Deutschen sieht

Von Christel Heybrock

Ist es der berühmte deutsche Masochismus, der die Deutschen manchmal dazu treibt, sich mit dem kritischen Urteil ausländischer Staatsbürger auseinander zu setzen? Spüren wir nicht einen Sensations- und Selbsterkenntniskitzel, wenn ein Nichtdeutscher, der uns kennen gelernt hat, uns die Macken um die Ohren schlägt? Falls wir also auch diese Eigenart der Neugier haben, wäre gerade sie ja nicht das Schlechteste an uns – bloß war sie bisher ziemlich folgenlos: Wir haben seufzend unsere Fehler eingesehen, aber geändert haben nicht wir sie, sondern die vielen Mitbürger mit Migrationshintergrund, die ungewohnte Lebensperspektiven und Verhaltensweisen in unser Land gebracht und unsere Gesellschaft offener gemacht haben.

Das war vor 25 Jahren noch etwas anders. Damals sah sich der Autor Bahman Nirumand, der 1936 in Teheran geboren wurde und 1952 zwecks besserer Schulbildung von seinen Eltern nach Deutschland geschickt wurde, zu einem seufzenden kleinen Rundumschlag genötigt, den er in Form von „Briefen an Leila“ publizierte. Der temperamentvolle Iraner war eine der Galionsfiguren der 1968er Studentenbewegung, die mit den Protesten gegen den Besuch des persischen Schahs in Deutschland 1967 begannen. Nirumand, der seither zwischen zwei Welten, aber dauerhaft in Berlin lebt, beschreibt in seiner 2011 erschienenen Autobiografie „Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste“, wie es in den aufmüpfigen Zeiten damals zuging: Zusammen mit seinem Freund Rudi Dutschke, dem intellektuellen Kopf der Studentenbewegung, hatte er 1968 vor, im Saarland einen Sendemast des amerikanischen Militärsenders AFN in die Luft zu jagen, und Franz Josef Degenhardt (1931-2011) sollte heraus finden, wo genau der Mast stand. Liedermacher Degenhardt verweigerte jedoch die Zusammenarbeit und der Anschlag wurde abgeblasen. Dass ausgerechnet ein V-Mann des deutschen Verfassungsschutzes die Bombe besorgt hatte, mit der Nirumand und Dutschke sich bereits ins Auto gesetzt hatten, bekam Nirumand erst viel später heraus – das allerdings hatte er von deutschen Verhältnissen nicht erwartet, und es sind auch nicht derart brisante Zusammenhänge, die ihn 1989 dazu trieben, mal über seine deutschen Mitbürger nachzudenken.

Was er seiner westlichen zweiten Heimat als erstes vorwarf, dafür können die Deutschen allerdings gar nichts: es ist das Wetter, dieses scheußlich trübe, graue Licht, es sind der Regen, die Kälte. Nicht dass Nirumand die problematischen deutschen Charakterzüge von materieller Selbstsucht, Unfreundlichkeit und Obrigkeitsdenken alle auf den wolkenverhangenen Himmel zurück führte, aber als jemand, der mit fast täglichem Sonnenlicht und einem nächtlich flackernden Sternenhimmel aufwuchs (den gab es in Nirumands Kindheit noch in Teheran), hat er natürlich ein schärferes Bewusstsein dafür, wie die Beschaffenheit der Natur sich auf die Psyche von Menschen auswirkt.

Nirumand war damals bereits ein prominenter Autor, unter anderem durch seine Aufsehen erregende Publikation „Persien – Modell eines Entwicklungslandes“. In den „Briefen an Leila“ beschreibt er nicht nur, wie die Deutschen sind, sondern auch wie sich ihr Charakter in der Nachkriegszeit änderte und doch die gleichen Züge behielt. Mit erstaunlich leichter Hand und nie ohne inneres Engagement skizziert er ein paar Jahrzehnte deutscher Geschichte, im Zentrum, kein Wunder, die sechziger Jahre mit ihrem gewaltigen Aufbruch und ihrer tief greifenden gesellschaftlichen Veränderung.

Nirumand findet für seine Freunde aus der linken Szene sehr persönliche und bewegende Worte. Seine Charakterisierung Rudi Dutschkes (1940-1979) kann man nachdenkend auch dann akzeptieren, wenn man einen anderen politischen Standunkt hat. Seine Äußerungen über RAF-Mitgründerin Ulrike Meinhof (1934-1976) weisen allerdings weniger auf die überragenden Fähigkeiten einer Außenseiterin hin, als dass sie „deutsche“ Charakterzüge bloß legen: eine freudlose, bis zu verbissener Prinzipienreiterei betriebene Gründlichkeit, die mit gelebter Realität und deren Anforderungen nichts mehr zu tun hat und in starrsinnige Abstraktion übergeht. Seit Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ müssen wir das offenbar zu den deutschen Eigenarten zählen.

Nirumand schildert aber auch, wie aus einem Ozean seltsam verklemmter, in ihrem Sozialverhalten egozentrisch ängstlicher Menschen ein paar Inseln heraus ragen – Menschen, die nicht nur intelligent, tüchtig, zuverlässig sind, sondern zugleich offen, verstehend und human, wachstums- und veränderungsfähig in ihrer Persönlichkeitsstruktur. Wegen solcher Leute, so empfiehlt Nirumand in seinen Briefen an eine junge Iranerin, lohne es sich, unter den Deutschen zu leben. Ja, dann! Ein Vierteljahrhundert, nachdem sein Buch „Leben mit den Deutschen“ erschien, hat man den Eindruck, dass aus den Inselchen doch inzwischen wachsendes Festland geworden ist … und andere Probleme sich freilich auch anhäufen, aber die stehen hier nicht zur Debatte.

Info:

Bahman Nirumand, „Leben mit den Deutschen. Briefe an Leila“, rororo aktuell Essay Nr. 12404, Rowohlt Verlag, Reinbek 1989, 160 Seiten, 12 Mark. Das Buch ist vergriffen, aber antiquarisch weit verbreitet.

Über Nirumands Leben zwischen Deutschland und Iran sowie seinen politischen Standpunkt gibt seine Autobiografie Auskunft: „Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste“, Rowohlt Verlag, Reinbek 2011, 381 Seiten, 19,95 Euro, als E-Book 16,99 Euro.

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