Manfred Loimeier
Geschichten aus Südafrika


Das Cover des Bandes mit Erzählungen aus Südafrika im Peter Hammer Verlag


Herausgeber Manfred Loimeier, Journalist und Kenner der afrikanischen Literatur
Foto: Loimeier

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Literatur/YizoYizo.html

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"Die Macht des Wortes" - über Interviews westlicher Medien mit afrikanischen Autoren

08-11-2005

Die Facetten des Lebens beschwören

„Yizo Yizo. Stories aus einem neuen Südafrika“ im Peter Hammer Verlag, herausgegeben von Manfred Loimeier

 

Von Christel Heybrock 

 

Lerato liegt auf dem Fußboden einer kleinen Studentenbar, nass vor Angstschweiß. Wenn sie den Kopf ein wenig hebt, sieht sie eine Gewehrmündung auf ihren Freund Refentse gerichtet sowie einen Vermummten, einen von mehreren Männern, die die Bar soeben überfallen haben. Alltag in Südafrika – bei einem ähnlichen Überfall ist kürzlich ihre Freundin vergewaltigt worden. Wie werden Lerato und ihre Kommilitonen da heraus kommen? Niemand erfährt es. Die kurze Erzählung des südafrikanischen Autors Phaswane Mpe, der 2004 mit 34 Jahren starb, endet damit, dass Lerato, auf dem Boden liegend, während des Überfalls bewusst wird: Sie selbst ist in ganz besonderer Gefahr, sie ist zufällig die einzige anwesende Frau.

 

Die beklemmende kleine Erzählung ist Teil eines Bandes mit Geschichten südafrikanischer Gegenwartsautoren. Elf Texte, elf verschiedene Perspektiven einer von Spannungen und Konflikten geprägten modernen Gesellschaft, einer Gesellschaft noch dazu in dramatischem Aufbruch zwischen mythischer Tradition und technologischer Entwicklung, zwischen dem verhängnisvollen Erbe der Apartheid, die erst 1994 endete, und der Suche nach nationaler Integration. Wie tief das Geschichtenerzählen und die Kunst des Wortes in den afrikanischen Kulturen verankert sind, hat Herausgeber Manfred Loimeier schon in früheren Publikationen betont. Da ist ein Blick speziell auf die Republik Südafrika nur konsequent, wenn auch schwarzafrikanische Autoren in dem Band nicht die Mehrzahl bilden: Die moderne Literatur Afrikas ist ein Konglomerat, das auf unterschiedlichste kulturelle Wurzeln zurückgeht.

 

Kein Wunder, dass das erzählerische Spektrum in „Yizo Yizo“ (auf Zulu bedeutet das: die wahre Sache) außerordentlich breit gefächert ist und beispielsweise auch an Übersetzer Thomas Brückner ungewöhnliche Anforderungen stellte. Obwohl alle Texte original in Englisch vorlagen, musste er seine Kunst gleichermaßen auf flotte Gauner- und Penner-Mundart anwenden wie auf sensible, hoch poetische Stücke oder auf Texte, die zwischen banaler Realität und magischem Denken changieren.

 

Einer dieser Texte ist Diane Awerbucks „Junge, der Türen öffnete“ – eine Geschichte zwischen Kindheitsbeschwörungen, Urängsten und rationalem Alltag, zusammengepresst auf elf Seiten. Eine Frau wird auf dem Weg zur Arbeit in ihrem Auto von einem Bus angefahren und gegen eine Betonwand gequetscht: Überlebt sie deshalb unverletzt, weil ihr kleiner Sohn tags zuvor eine geöffnete Tür auf die Wand gemalt hatte? Haben ihre eigenen intensiven Kindheitserinnerungen, ihre eigenen kindlichen Wünsche sie gerettet?

 


Mary Watson, Autorin der Geschichte "Lilitree"

 

Viele Geschichten enden ohne rationale Auflösung, manche lassen die reale Welt sogar nur als Oberflächenfolie zu, so in „Lilitree“, einer Erstveröffentlichung der 1976 geborenen Mary Watson. In dem poetisch-surrealen Text sät ein Vorstadt-Ehepaar einen ganz bestimmten, geheimen Baumsamen, aus dem eine Frau erwächst. Die erweist sich als wahres Pendant zu den deutschen Heinzelmännchen, sie säubert Gebirge von schmutziger Wäsche, putzt, kocht und ernährt sich selbst genügsam von Abfällen. Aber wie es so ist mit derart guten Wesen – sie passen nicht ganz zu den normalen Menschen und müssen deshalb zugrunde gehen, was man hier sehr wörtlich nehmen muss: Der schönen armen Lilitree verweigert das durch sie zu Wohlstand gekommene Paar den Rückzug in die Wälder, wo sie eigentlich hin gehört, so dass Lilitree immer grauer und schwächer wird und schließlich mit den Wurzeln in der Erde als Gartenbaum endet. Die Familie hat bald vergessen, mit wem sie da ein Jahr lang gelebt hat.

 

Die Faszination an nicht ganz realen Dingen spielt eine völlig andere Rolle in „Zauberei“ von Chris van Wyk. Geschrieben aus der herrlich unkomplizierten Sicht eines kleinen Jungen (viele Geschichten in dem Band nutzen die spezielle Perspektive von Kindern), entwickelt sich das ganz normale, erschreckende Ehedrama einer farbigen Familie. Der kleine Ich-Erzähler ist ganz weg von den Zaubertricks des neuen Freundes seiner netten Tante Leonie. Die heiratet den Mann schließlich und gerät damit an einen Macho, der nach und nach ihr Leben ruiniert. Diese Entwicklung macht den Leser umso betroffener, als der frische, kindlich zupackende Tonfall fast bis zum Ende durchgehalten wird und nur unmerklich einer leisen Distanz weicht.

 


Kinderbuchautor Patrick Cairns schrieb die Geschichte "Tjippie"

 

Soziale Unmöglichkeiten sind natürlich das immer neu bearbeitete große Thema der Autoren, von Farida Karodias „Zufallsbegegnung“ (ein geschiedener Mann erinnert sich an seine Tochter und ein aus allen Bindungen verstoßenes Pflegekind) bis zu Tshepo Mogales „Soweto Hi-Fi“, einem amüsanten kleinen Gaunerstückchen, in dem der dämliche Käufer einer gestohlenen Stereo-Anlage selbst zum Opfer eines Betrügers wird. Der 1978 geborene Kinderbuchautor Patrick Cairns lieferte eine phantastische Mundart-Erzählung aus dem Penner-Milieu - ein Trinker erzählt einem Unbekannten, welch abenteuerliche Karriere plötzlich sein Freund Tjippie gemacht hat. Der wurde von einem Auto angefahren, verletzt und mitgenommen ... und tauchte nach zwei Wochen wieder auf als gut bezahltes Mitglied einer Geheimdienstorganisation. Nicht die unerwartete Wendung in einer zuvor wenig erfolgreichen Sozialbiographie ist jedoch das Thema der Geschichte, sondern zwischen den Zeilen ist es der Schmerz des Zurückgebliebenen, der den Freund wohl nie wieder sieht.

 


Niq Mhlongo, Autor der Geschichte "Auf der Schattenseite"

 

Und auch das Thema Aids findet seinen Niederschlag: In Niq Mhlongos „Auf der Schattenseite“ rätseln Freunde und Polizei, warum ein 23jähriger Mann sich am Vortag vom Balkon seiner Wohnung gestürzt hat. In einer bei seiner Ex-Freundin hinterlassenen Tasche findet sich die Lösung des Rätsels in Form einer nüchternen medizinischen Diagnose: „Befund Positiv“. Der Text ist von einer fast kunstlosen, simplen Klarheit, erweist aber eine latente Brisanz, wenn man über den letzten Satz hinausdenkt: Das Datum des ärztlichen Todesurteils liegt ein halbes Jahr zurück, und die Trennung von der Freundin geschah viel später. Hat der Unglückliche sie angesteckt? Es wird nicht mehr thematisiert.

 

In mehreren Geschichten fühlt man sich konfrontiert mit Unausgesprochenem, so als wäre ein Text nicht zu Ende geführt worden. Wer das als literarisches Unvermögen empfindet (es ist ja auch unbequem für den Leser), sei auf eine „richtig“ afrikanische Initiationsgeschichte verwiesen. In K. Sello Duikers „Der Riese“ muss ein Fünfzehnjähriger beweisen, dass er allein in der Wildnis überleben kann: Niemand sagt ihm etwas vorher – und er selbst wird nach bestandener Mannbarkeitsprüfung niemals mit jemand darüber sprechen. Das Unausgesprochene wird zum zentralen Geheimnis des erwachsenen Lebens. Meine Güte – ein bisschen Erwachsensein wird man von europäischen Lesern ja auch erwarten dürfen!

 

Das einzige freilich, was man bei dem Sammelband wirklich vermisst, ist ein angemessener Einführungstext. Unerfindlich, wieso Herausgeber Loimeier, einem ausgewiesenen Afrika-Kenner, nicht mehr Platz eingeräumt wurde und warum stattdessen der südafrikanische Autor André Brink hier einen Text als Erstveröffentlichung unterbringen musste, der in keiner Weise Bezug hat zu den Autoren des Bandes, geschweige zu den hier versammelten Geschichten. Brink, dessen Verdienste als Anti-Apartheids-Kämpfer, Literaturprofessor und Romancier mit reichhaltigem Oeuvre ja nicht geschmälert werden können, hat sich hier zwar allgemein über die Situation von Autoren in Südafrika ausgebreitet, aber dabei zielsicher an der Sammlung „Yizo Yizo“ vorbeigeschrieben. Oder sah er hier nur Gelegenheit, einen Text aus der Schublade zu ziehen und endlich zu publizieren?

 

Info:

Manfred Loimeier (Hg.): „Yizo Yizo. Stories aus einem neuen Südafrika“, aus dem Englischen von Thomas Brückner, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2005, 159 Seiten, Preis 14,90 Euro, ISBN 3-7795-0040-X, www.peter-hammer-verlag.de

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