Space Transportation System der NASA
STS-1


Die Crew der ersten Shuttle-Mission STS-1: Commander John W. Young und Pilot Robert L. Crippen, aufgenommen am 5. Juli 1979. Die beiden Männer tragen den Shuttle Ejection Escape Suit, einen Schutzanzug für Notfälle, der in den ersten vier Shuttle-Missionen in Verbindung mit dem Schleudersitz von den Astronauten getragen wurde. Nachdem die Shuttles die Testphase erfolgreich bestanden hatten, wurden Schleudersitze und Rettungs-Raumanzüge in dieser Form aufgegeben.
Foto: NASA

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25-02-2012
Update 12-06-2013

Columbia vom 12. April bis 14. April 1981

 

Die Mission:

Die Ladebucht für die Nutzlast war beim ersten Flug bewusst leer: Die einzige Nutzlast bestand aus dem Flugüberwachungssystem DFI (= Development Flight Instrumentation), mit dem die Phasen von Start, Flug im Orbit, Wiedereintritt und Landung hinsichtlich der Belastung für das Shuttle aufgezeichnet wurden, um zu prüfen, ob die Columbia überhaupt dauerhaft einsatzfähig wäre. Das DFI sollte dokumentieren, wie Steuerung und Lageregelung, das Computersystem an Bord und die flugtechnischen Black boxes arbeiteten und wie hoch die Temperaturen der Hitzeschutzkacheln beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wären. Von Anfang an waren die vier ersten Shuttleflüge als Testflüge definiert, STS-1, der erste bemannte Raumflug mit Feststoffraketen, war also ein riskantes Unternehmen, der "kühnste Testflug der Geschichte", wie die NASA formulierte. Erstmals hatte ein bemanntes Raumfahrzeug ohne vorherige unbemannte Testflüge starten müssen: Bei dem damals komplexesten Raumfahrzeug, das je gebaut worden war, ließen sich wesentliche Funktionen nicht am Boden prüfen.

 

Zu den Aufgaben der beiden unerschrockenen Männer an Bord gehörten zahlreiche Versuche. So sollten beispielsweise die muschelförmigen Türen an der 4,6 x 18 m großen Nutzlastbucht zweimal geöffnet und geschlossen werden, um den Schließmechanismus in der Schwerelosigkeit zu prüfen. Vom offenen oder geschlossenen Zustand der Nutzlasttüren hingen auch die Druckverhältnisse in der Kabine ab, so dass notfalls einer der Männer einen Außenbordeinsatz hätte durchführen müssen, um die Türen manuell von außen zu betätigen. Auch was die Landung nach dem Flug betraf, sollten die Astronauten manuell ihr Können beweisen, und das umso mehr, als der Radar-Höhenmesser während des Landeanflugs zeitweise ausfiel. Bevor sie abheben konnte, hatte die Columbia allerdings ganze 610 Tage für eine Überarbeitung am Boden gestanden, unter anderem, weil Hitzeschildkacheln ausgetauscht, beziehungsweise überhaupt erst montiert werden mussten - die Lieferfirma hatte nur die Hälfte angebracht. Unfassbar für Außenstehende, dass genau das Problem mit der Sicherheit der Hitzekacheln 22 Jahre später immer noch nicht gelöst war und die Columbia in einer der großen Katastrophen der Raumfahrt beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerfetzt wurde.

 

Auch die Crew von STS-1 aus John W. Young (commander) und Robert L. Crippen (pilot) berichtete nach der Rückkehr über etliche “Anomalien“, von denen eine defekte Toilette und ein unzuverlässiges Temperatursystem noch die geringsten waren. So hatte Bob Crippen in der ersten Startphase „weißes Zeug“ bemerkt, das sich vom Außentank löste und an die Fenster klatschte: offenbar die weiße Farbschicht überm Isolierschaum des Tanks. (Die Farbe machte das Shuttle, wie sich später herausstellte, unnötig schwer, so dass ab STS-3 darauf verzichtet wurde.) Eine Inspektion im Orbit zeigte Schäden an den Hitzekacheln auf der Verschalung von Manövriersystem und Lageregelung (Orbiting Maneuvering System/ Reaction Control System). Young: Es habe ausgesehen, als seien große Stücke herausgebissen worden.

 

Am Boden erwies sich später auch, dass eine Kachel neben der Verriegelung des rechten Außentanks an der Unterseite des Shuttles falsch montiert war. Die enorme Hitze, die durch Reibung beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre entsteht, hatte die Tankverriegelung teilweise zum Schmelzen gebracht. Ferner hatte eine Druckwelle, verursacht durch die Zündung der Feststoffrakete, 16 Kacheln zerstört und 148 beschädigt. Die gleiche Welle hätte um ein Haar auch das Hydrauliksystem angegriffen. Noch im Jahr 2003 erwähnte Young fast beiläufig auf einer öffentlichen Veranstaltung, dass das rechte Hauptfahrwerk verbogen wurde, weil ein Stück Dichtungsmaterial hervorstand, so dass heißes Gas in den Fahrwerksschacht geströmt war – ein Detail, das im offiziellen Anomalien-Report nicht erwähnt oder gar gelöscht worden sei. Bei ihrem Jungfernflug entging die Columbia nebst ihrer Besatzung also wie durch ein Wunder einem Desaster, und Young meinte nachträglich, hätten er und Crippen das Ausmaß der Probleme während des Fluges gekannt, hätten sie versucht, die Columbia auf eine sichere Höhe herunter zu bringen, um dann per "ejection" (Schleudersitz) auszusteigen.

 

Der allererste Shuttle-Flug hatte übrigens langwierige technische Vorbereitungen gekostet. Im Hintergrund war unter anderem Guion Bluford tätig, der seit 1978 bei der NASA zum Missionsspezialist ausgebildet worden war und ein unschätzbares technisches Knowhow aus seiner Zeit bei der Air Force mitbrachte. Bluford war an der Entwicklung der Flugsoftware für die Shuttles maßgeblich beteiligt. Er entwickelte eine ganze Reihe von Simulationen, deren Ergebnisse an die Testingenieure und von dort auch an Young und Crippen gingen, aber letztlich das Training der vier ersten Shuttle-Mannschaften bestimmten.

 

Während der Flug-Endphase von STS-1 war es Bluford, der dem Fernsehreporter von ABC News auf Edwards Air Base (wo das Shuttle landen sollte) in einer Livesendung technische Details erklärte, denn auch die Medien waren mit dem Beginn der Shuttle-Missionen vor ungewohnten Herausforderungen. In seinem Interview im Oral-Histories-Projekt beschrieb er später die Landung: "The liftoff was successful and the entry and landing were spectacular. You would see Columbia come in overhead, and then circle around to its final approach point and then fly down final, with the chase aircraft following it. Columbia made a spectacular landing on the lakebed at Edwards Air Force Base." Bluford, der erste amerkanische Astronaut afrikanischer Abstammung, sollte zwei Jahre später mit der Mission STS-8 selber  ins All starten - insgesamt viermal flog er als Mitglied einer Shuttle-Crew.

 

 


Bob Crippen (links) und John Young bei einer Veranstaltung im Johnson Space Center 25 Jahre nach STS-1. Mit trockenem Witz bekannten beide, auch im Bewusstsein des Risikos aus der Sicht von 2006 würden sie noch einmal mit dem Shuttle fliegen. Young: "Wir hatten eine Menge Spaß... Ich würde noch einmal, wenn ich nicht wieder ein Jahr lang trainieren müsste..." Und Crippen: "Es heißt, ich hätte bei der Landung das Fahrwerk zu spät ausgefahren... Ja, ich würde wieder fliegen, aber es wäre gefährlich, denn meine Frau sagte, sie würde mich umbringen, wenn ich es noch mal täte..."

Foto: NASA/JSC

 

Die Astronauten:

Die beiden Männer waren also nicht von der Sorte, die leicht aufgibt, und wie sie 25 Jahre später bekannten, hätten sie sich selbst dann darauf eingelassen, wenn ihnen das volle Risiko bewusst gewesen wäre. Zwar war Robert Laurel Crippen (geb. 1937 in Beaumont/Texas) und NASA-Astronaut seit 1969, im Gegensatz zu seinem Kollegen ein etwas ruhigerer Typ, aber als Marinepilot Risiken gewöhnt. Bei der legendären Apollo-Sojus-Mission 1975 war er als Backup-Pilot und CapCom noch am Boden geblieben. STS-1 war sein erster Raumflug, und Kollege Young bewunderte vor allem Crippens Umgang mit dem komplizierten Computersystem der Columbia. Crippen, der trotz aller Misslichkeiten den STS-1-Flug "ein bisschen wie Camping" empfunden hatte, startete danach noch drei Mal ins All mit den Shuttle-Missionen STS-7 (1983) und im Jahr 1984 mit STS-41-C und STS-41-G. 1986 schied er aus seiner aktiven Astronautentätigkeit aus und blieb am Boden - in diversen wichtigen Posten bei der NASA,die er dann doch Ende 1991 verließ. Sein Berufsleben beendete er bei Lockheed Martin.

 

Ganz anders dagegen John Watts Young (geb. 1930 in San Francisco), der förmlich das Abenteuer suchte und erst mit 74 Jahren (Ende 2004) in Rente ging (er lebt heute in Houston/Texas). Young hatte als gelernter Kampf- und Testpilot zwei Weltrekorde aufgestellt, bevor er unbedingt Astronaut werden wollte: 1962 war er mit der F-4 Phantom einmal in 34,5 Sekunden auf 3000 m Höhe gestiegen, ein anderes Mal gar in 3 Minuten auf 25.000 m Höhe. Er war ein durch das Gemini- und Apollo-Programm gestählter Astronaut, bevor er zum STS-1 in die Columbia stieg: Allein als Apollo-Astronaut hatte er fast siebeneinhalb Stunden auf der Mondoberfläche verbracht. Mit dem erfolgreichen STS-1-Testflug begann eine neue Ära der Raumfahrt - doch das Pech haftete an der Columbia fester als ihre Hitzeschildkacheln.

hey

 

Infos:
Die Mission

- Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/STS-1 und http://en.wikipedia.org/wiki/STS-1
- Presseinformation: http://www.jsc.nasa.gov/history/shuttle_pk/pk/Flight_001_STS-001_Press_Kit.pdf

- Interview mit Guion Bluford im Oral-History-Projekt: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/BlufordGS/BlufordGS_8-2-04.htm

 

Die Astronauten

Robert Laurel Crippen:

-Biografie in Daten http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/CrippenRL/CrippenRL_Bio.pdf

- Interview mit Rebecca Wright 2006 im Rahmen des Oral History Projects des Johnson Space Centers: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/CrippenRL/CrippenRL_5-26-06.pdf  (95 Seiten)


John Watts Young:

- Youngs Anomalie-Erwähnung 2003: http://www.thespacereview.com/article/15/1

- Jubiläumsveranstaltung 2006 im Johnson Space Center: http://www.jsc.nasa.gov/jscfeatures/articles/000000506.html

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