Space Transportation System der NASA

STS-5


Die Crew der STS-5-Mission bestand aus lauter gestandenen, nicht mehr ganz jungen Männern: Vorn links Commander Vance D. Brand (51), neben ihm Pilot Robert F. Overmyer (46). Links hinten Joseph Percival Allen (45), rechts hinten William B. Lenoir (43), die beiden Missionsspezialisten. Die Crew trug ab STS-5 keine orangefarbenen Sicherheitsanzüge mehr, sondern hier blaue Fluganzüge. Die Männer posieren mit ihren Helmen (der häufigsten Pose bei den offiziellen STS-Fotos) vor einem Modell des Space Shuttles im Hintergrund.
Foto: NASA

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21-02-2012
Update 27-08-2012

Columbia vom 11. November bis 16. November 1982

Die Mission:
Pleiten, Pech und Pannen könnte über STS-5 stehen, vielleicht aber in manchen Augenblicken auch unverschämtes Glück. Beim Start wog das ganze Ensemble aus Shuttle, Feststoffraketen und OMS-Triebwerken (den Triebwerken für das Orbital Maneuvering System, das Lageregelungs- und Lagesteuerungssystem im Orbit) mehr als zweitausend Tonnen, allein die Nutzlast brachte 9,4 Tonnen auf die Waage. Der Start verlief reibungslos, aber gegen Ende des dritten Orbits, als die Columbia eine Höhe von 296 km erreicht hatte, flog wenige Kilometer höher die sowjetische Raumstation Saljut 7 vorbei. Es gab weder einen Funk- noch einen Blickkontakt, die beiden Mannschaften merkten offenbar nichts voneinander - aber: der Kalte Krieg war zu dem Zeitpunkt noch in vollem Gange!

Die Hauptaufgabe der Mission war erstmals die Aussetzung zweier kommerzieller Kommunikationssatelliten, des kanadischen ANIK C-3 und des SBS-3 der Firma Satellite Business Systems. Allein SBS-3 war 4,20 m lang und wog zusammen mit seinem Triebwerk 3.270 Kilo. Die Crew begann mit den Vorbereitungen für die Aussetzung bereits sechseinhalb Stunden nach dem Start und ließ SBS-3 (der auch als SBS-C bezeichnet wird) nach anderthalb Stunden Arbeit aus der Ladeluke sausen. Der Satellit wurde 45 Minuten nach der Entlassung aus dem Shuttle mithilfe seines bordeigenen PAM-Motors (Payload Assist Module) zunächst in einen exzentrischen (ovalen) Orbit um die Erde und später in einen geosynchronen Orbit gebracht. Am nächsten Tag wurde nach dem selben Muster ANIK C-3 des Unternehmens Telesat Canada ausgesetzt, auch diese Aufgabe wurde problemlos erledigt. Auch vieles andere an dieser Mission war eine Premiere: Die Columbia flog erstmals in einer Arbeits-, nicht mehr wie bisher in einer Testmission (obwohl sich nach der Katastrophe im Jahr 2003 herausstellte, dass sie niemals in operationellen Einsätzen hätte geflogen werden dürfen). Eine Premiere war auch die Beteiligung von vier statt wie bisher nur zwei Astronauten - zum Commander und zum Piloten kamen nun zwei Missionsspezialisten hinzu, die mit dem Aussetzen der beiden Satelliten und der Betreuung der wissenschaftlichen Experimente beaufragt waren (bei späteren Missionen gab es zusätzliche Nutzlastspezialisten = payload specialists).

Die Missionsspezialisten Joseph Allen und William Lenoir sollten aber auch erstmals im Shuttle-Programm einen Ausstieg, eine EVA durchführen (Extra-Vehicular Activity) und zu diesem Zweck die neuentwickelten Raumanzüge testen. Das Pech wollte es, dass vor allem William Lenoir von der Raumkrankheit gepackt wurde und sich erst allmählich an die Schwerelosigkeit anpassen konnte. Die EVA wurde also um einen Tag bis zum vorletzten Flugtag verschoben. Doch als er und Allen in der Luftschleuse ihre Raumanzüge anziehen wollten, versagte zuerst Allens Anzug unter ohrenbetäubendem Lärm des eingebauten Lüftungssystems und wenig später auch das Drucksystem im Anzug von Lenoir. Die erste Shuttle-EVA musste abgesagt werden, obwohl ehrgeizige Ziele damit verbunden gewesen waren: Die Missionsspezialisten hätten sich mehr als drei Stunden in der Ladebucht aufhalten und erst mal testen sollen, ob das Kühlsystem und die Kommunikationsanlage ihrer Raumanzüge funktionierten. Sodann hätten sie, obwohl der Roboterarm auf der STS-5-Mission aus Gewichtsgründen abmontiert war, die Reparatur eines Satelliten im Orbit proben sollen (das wurde auf späteren Shuttle-Flügen eindrucksvoll ausgeführt), sie hätten Türverriegelungen schließen und sogar die Reparatur beschädigter Hitzeschutzkacheln auf der Shuttle-Unterseite simulieren sollen, während sie mit einem Seil mit dem Shuttle verbunden gewesen wären. Nichts davon konnte nun ausgeführt werden.

Inzwischen waren die Männer aber nicht untätig gewesen, sondern hatten sich um die wissenschaftlichen Experimente gekümmert, darunter ein Forschungspaket im Mitteldeck mit drei Experimenten von Studenten im Rahmen des Shuttle Student Involvement Project (SSIP), das bereits bei STS-3 und STS-4 an Bord gewesen war. Die Experimente bei der STS-5-Mission: das Wachstum einer Schwamm-Art unter Mikrogravitation sollte untersucht werden - die Konvektion von erhitztem Öl  in der Luftschleuse sollte dokumentiert werden - und schließlich ging es um Kristallbildung in der Schwerelosigkeit. Aus Westdeutschland war ein GAS-Kanister angemietet worden, die Get Away Special Anlage, die vom Cockpit aus gesteuert werden musste. Der 80 cm hohe Kanister mit einem Fassungsvermögen von 140 Litern sollte mit Hilfe von Röntgenstrahlen das Verhalten einer Metalldispersion untersuchen. Erst auf der Erde stellte sich heraus - auch damit war es nichts geworden, die Batterie hatte ein Leck und der ganze Apparat den Dienst verweigert.

Erneut - und offenbar zum letzten Mal - flog ein DFI-Package mit (Development Flight Instrumentation), mit dem der Zustand des Shuttles in den verschiedenen Flugphasen aufgezeichnet wurde. Das Shuttle sollte auch dieses Mal während der 122 Flugstunden immer mal seine Lage zur Sonne verändern, um seine Widerstandsfähigkeit hinsichtlich thermischer Belastungen zu testen. Konkret bedeutete das: 40 Stunden Sonneneinstrahlung auf der Seite, 20 Stunden Sonne im Gesicht mit 10 Grad erhobener Shuttle-Nase und 10 Stunden Rotation über die Flügel wie ein Barbecue-Spieß. Das ganze Programm unter der Bezeichnung Passive Thermal Control Mode durfte nur mit Unterbrechungen absolviert werden, um Temperaturschwankungen an der Columbia immer wieder abebben zu lassen. Das scheint trotz der Risiken auch wieder geklappt zu haben.

Probleme und ein Quentchen Glück gab es aber bei der Rückkehr. Wie bei den vorherigen Shuttleflügen hießen die Programmpunkte: Bremszündung überm Indischen Ozean - Eintritt in die Erdatmosphäre überm Westpazifik - Übergang zu aerodynamischer Kontrolle in der Atmosphäre - Landung wie ein normales Flugzeug. Die Landung war auf dem trockenen Salzbett der Edwards Air Force Base in Kalifornien vorgesehen, und - noch eine Premiere - erstmals sollte der Landevorgang vollautomatisch ablaufen, die Crew sollte ihn auf dem Monitor verfolgen und nur im Notfall auf Handsteuerung zurückgreifen. Man hoffte auf zusätzlich etwas abbremsenden, aber unwahrscheinlichen Gegenwind, zu erwarten war eigentlich Windstille. Tatsächlich hatte es jedoch heftige Regenfälle gegeben, die Salzfläche-Landebahn war aufgeweicht, die Landung musste auf einer Betonpiste erfolgen, Commander Vance Brand wechselte in letzter Minute auf Handsteuerung.

Die Astronauten:
Vance DeVoe Brand (geb. 1931 in Longmont/Colorado), gelernter Betriebswirt, Luftfahrttechniker und Pilot bei den US-Marines (1953-1957) - seltene Kombinaton beruflicher Fähigkeiten. Als er 1960 zur Flugzeugfirma Lockheed kam, wurde er anfangs als Versuchsingenieur für die P-3 Orion eingesetzt. Drei Jahre später wurde er Testpilot und flog Einsätze mit dem F-104 Starfighter. 1966 ging er zur NASA und wurde zuerst in das Apollo-Programm integriert, aber er bekam dort nie einen Flugeinsatz, sondern blieb als Reservemann, beziehungsweise als Rettungskraft stets auf der Erde. Erst 1975, nach neun Jahren, durfte er im Apollo-Sojus-Projekt erstmals als Pilot des Apollo-Kommandomoduls ins Weltall fliegen, und es dauerte dann wieder sieben Jahre, bevor er mit der STS-5-Mission noch einmal abheben konnte, und auch 1984 mit der Mission STS-41-B war es wieder soweit. Brand hätte noch öfter im STS-Programm fliegen sollen, aber wegen der Challenger-Katastrophe 1986 wurden viele Projekte abgesagt. Sein fünfter und letzter Raumflug war 1990 mit STS-35, wo er erneut - als seinerzeit dienstältester Astronaut mit 59 Jahren - Commander auf der Columbia war. 1992 beendete er seine Astronautentätigkeit, blieb aber in diversen Projekten für die NASA tätig, die er erst 2008 verließ: Mit 77 hat auch ein Weltraumflieger mal ein Recht auf seine Altersrente.


Manchmal nötig: William Lenoir schneidet dem Shuttle-Piloten Robert Overmyer die Haare.
Foto: NASA

Robert Franklyn Overmyer (geb. 1936 in Lorain/Ohio, gestorben 1996 in Duluth/Minnesota), gelernter Physiker und Luftfahrttechniker, der mit 22 ins US-Marine Corps eintrat und dort zum Piloten, später zum Testpiloten ausgebildet wurde. Er gehörte seit 1966 zum MOL-Programm der Air Force (Manned Orbiting Laboratory-Program), das seit Ende 1963 eine rein militärische Raumstation zu Spionagezwecken über der Sowjetunion anstrebte, aber nie realisiert wurde. Als 1969 das Aus für MOL kam, nahm die NASA Overmyer ins Astronautenprogramm auf, aber es dauerte Jahre, bis er tatsächlich fliegen durfte. Als er 1976 zu den Space Shuttles kam, steuerte er erstmal nur ein Beobachtungsflugzeug, das die Testflüge des STS-Prototyps Enterprise begleitete. Seit 1979 war er immerhin an der Vorbereitung des Jungfernfluges der Columbia beteiligt. Mit dem ersten Arbeitseinsatz der Columbia startete auch Overmyer 1982 endlich ins All: die STS-5-Mission war sein erster Astronautenflug. Zweieinhalb Jahre später flog er zum zweiten und schon letzten Mal: Bei der Mission STS-51-B im April 1985 war Overmyer Kommandant. Mit 50 Jahren hatte er aber offenbar genug, vielleicht auch nur genug vom Warten oder von den Gefahren der Raumfahrt - jedenfalls verließ er 1986 die NASA und das Marine Corps, war aber im selben Jahr maßgeblich beteiligt an den Untersuchungen zur Absturzursache der Challenger-Raumfähre. Am 22. März 1996 starb er beim Test eines Leichtflugzeug-Prototyps der Firma Cirrus Design, der auf dem Fluggelände von Duluth abstürzte.

William Benjamin Lenoir (geb. 1939 Miami/Florida, gestorben 2010 in Albuquerque/New Mexico). Lenoir war ein Nachkomme von General William Lenoir (1751-1839) aus dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Als Elektrotechniker und Informatiker mit Doktortitel (er war am Massachusetts Institute of Technology bis zum Assistenzprofessor für Theoretische Elektromagnetik und Systemtheorie aufgestiegen) wurde er 1967 Wissenschaftsastronaut bei der NASA, wo er auch eine Flugausbildung machte und in die Ersatzmannschaft des Skylab-Programms kam. Die technischen Voraussetzungen des Space-Shuttle-Programms bereitete er mit vor, aber die STS-5-Mission sollte sein einziger Weltraumflug bleiben. Eigentlich hätte er noch 1985 an der Mission STS-61A mit der Challenger teilnehmen sollen, aber er fürchtete, das Training würde ihn zu lange von seiner Familie trennen, und außerdem hatte er eine neue Karriere im Visier: Er verließ die NASA 1984 und wechselte zur Firma Booz Allen Hamilton, einem führenden US-Technologieberater, der enge Verbindungen zum Verteidigungsministerium hat. Von 1989 bis 1992 kam Lenoir noch einmal ins NASA-Management, bevor er erneut zu Booz Allen Hamilton ging und dort Vizepräsident der Applied Systems wurde. Im relativ frühen Alter von 61 Jahren ging Lenoir in Rente. 2010 erlitt er an seinem Wohnort in der Sandoval County in Mew Mexico einen Fahrradunfall, bei dem er sich so schwere Kopfverletzungen zuzog, dass er wenige Stunden später im Hospital der Universität von New Mexico starb.

Joseph Percival Allen (geb. 1937 in Crewfordsville/Indiana) gehört ebenfalls zu den hochkarätigen Wissenschaftsastronauten der NASA. Als promovierter Physiker war er unter anderem im Labor für Nukleare Strukturen an der Yale University und im Labor für Nuklearphysik an der Universität Washington tätig, bevor die NASA sich für ihn interessierte. Dort machte er zwar eine Pilotenausbildung und wurde ins Apollo-Programm aufgenommen, bis zu seinem ersten Flug mit der Mission STS-5 dauerte es aber eine ganze Weile. So hatte er zwischen 1975 und 1978 Verwaltungsaufgaben im NASA-Hauptquartier in Washington und durfte im April 1981 den ersten Testflug des Space Shuttles (Columbia) nur mit planen statt selbst zu fliegen. Zwei Jahre nach STS-5 war er zwar für die Mission STS-41-H vorgesehen, doch die Mission musste wegen technischer Probleme abgesagt werden. Immerhin wurde 1984 auch STS-51-A realisiert - bei dieser Mission absolvierte Allen sogar zweimal eine EVA. Offenbar sah er danach aber keine weiteren Chancen bei der NASA: Ein halbes Jahr später, am 1. Juli 1985, wechselte er als Geschäftsführer zu der Firma Space Industries International in Washington, später wurde er Vorsitzender der Veridian Corporation, eines Unternehmens, das unter anderem IT-Dienstleistungen für Behörden anbietet und bei der Entwicklung eines Kommunikationsnetzwerks zwischen Space Shuttles und Bodenstationen auch mit der NASA zusammenarbeitete. 2004 ging Allen in den Ruhestand. Über die STS-5-Mission hat er ein viel beachtetes und üppig bebildertes Buch geschrieben: "Entering Space: An Astronaut's Odyssey" (1985, ISBN 0941434745). Deutsche Ausgabe: "Vorstoß ins All - Mein Raumflug mit dem Space Shuttle" (1984, Birkhäuser Verlag, Stuttgart, ISBN 3-7643-1637-3).
hey

Infos:
Die Mission:
http://www.jsc.nasa.gov/history/shuttle_pk/pk/Flight_005_STS-005_Press_Kit.pdf

Die Astronauten:
Vance DeVoe Brand
NASA Biografie in Daten:
http://www.jsc.nasa.gov/Bios/htmlbios/brand.html und http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/BrandVD/BrandVD_Bio.pdf
Oral History Interviews: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/BrandVD/BrandVD_7-25-00.pdf (30 Seiten, Apollo-Sojus-Test Projekt u.a.)
http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/BrandVD/BrandVD_4-12-02.pdf (57 Seiten, Shuttle-Missionen)

Robert Franklyn Overmyer
NASA Biografie
http://www.jsc.nasa.gov/Bios/htmlbios/overmyer.html

William Benjamin Lenoir
NASA Biografie in Daten: http://www.jsc.nasa.gov/Bios/htmlbios/lenoir-wb.html und http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/LenoirWB/LenoirWB_Bio.pdf
Oral History Interview: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/LenoirWB/LenoirWB_11-18-04.pdf (101 Seiten)

Joseph Percival Allen
NASA Biografie in Daten: http://www.jsc.nasa.gov/Bios/htmlbios/allen-jp.html
 und http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/AllenJP/AllenJP_Bio.pdf
Oral History Interviews: http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/AllenJP/AllenJP_1-28-03.pdf(29 Seiten, Karriere bis NASA-Eintritt)
http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/AllenJP/AllenJP_3-16-04.pdf (27 Seiten, Wechsel vom Apollo- zum Shuttle-Programm)
http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/AllenJP/AllenJP_3-18-04.pdf (35 Seiten, Spacelab und STS-5)
http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/AllenJP/AllenJP_11-18-04.pdf (28 Seiten, STS-51-A)
http://www.jsc.nasa.gov/history/oral_histories/AllenJP/AllenJP_4-18-06.pdf (43 Seiten, Karriere vor NASA und Buch "Entering Space")

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