Bam, eine Stadt aus Lehm


Blick auf die altpersische Zitadelle von Bam, bevor das Erdbeben alles zerstörte
Foto: Arad Mojtahedi (Wikipedia)

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Regionen-Staedte-Architektur/Bam.html

Sitemap

Übersicht Regionen, Städte, Architektur

 

Weitere Seiten  zum Iran:

Persepolis

Die Achämeniden

Die Sassaniden

Persisches Weltreich

Naqsh-e-Rostam

 

12-04-2009

Als die Unbezwingbare zu Staub zerfiel

Im Dezember 2003 zuckte die Erde und mehr als 26.000 Menschen starben in Bam (Iran)

 

Von Christel Heybrock

 

Das Erdbeben vom 26. Dezember 2003

Sie war das weltweit größte Architekturensemble aus Lehmziegeln und ein Juwel sowohl in ästhetischer wie in verteidigungstechnischer Hinsicht – die alte Zitadelle der südostpersischen Oasenstadt Bam, die „arg-e-Bam“ am Rand der Salzwüste Dasht-e-Lut. Die UNESCO erklärte sie 2004 zum Weltkulturerbe, um zu ihrem Wiederaufbau anzuregen, aber es ist zweifelhaft, ob der je gelingen wird, denn die ganze Region liegt in einem Erdbebengebiet, weil die Arabische und die Eurasische Kontinentalplatte sich in der Tiefe jährlich etwa 3 Zentimeter gegeneinander bewegen, sich dabei verhaken und irgendwann gewaltige Spannungen aufbauen, bei denen Risse entstehen. Das Beben vom 26. Dezember 2003 war so fürchterlich, dass nicht nur die Zitadelle praktisch zu Staub zerfiel, sondern auch mehr als 26.000 Menschen starben und 30.000 verletzt wurden, obwohl der Lehmziegelkomplex längst nicht mehr bewohnt war und die Menschen sich in der Umgebung angesiedelt hatten.

 

Bis zu 90 Prozent der Infrastruktur wurden zerstört, 100.000 Menschen wurden obdachlos, es war das wahrscheinlich schlimmste Beben in der iranischen Geschichte. Es mussten auch deshalb so viele Menschen sterben, weil der Zerfall der Lehmbauten kaum Hohlräume entstehen ließ, in denen Verschüttete bis zu ihrer Rettung hätten überleben können. Viele Menschen starben durch Staubentwicklung und Sauerstoffmangel, etliche Überlebende erfroren in den bitterkalten Winternächten danach, 29 schwere Nachbeben hinterließen weitere traumatisierte Menschen und noch mehr Schutt. Dass drei Tage nach der Katastrophe ein Baby lebend aus den Armen seiner toten Mutter geborgen werden konnte, dass sechs Tage nach dem Beben eine 97-jährige Greisin unter den Trümmern ihres Hauses von einem Suchhund entdeckt und nach drei Stunden von Hilfskräften ausgegraben wurde und dass noch am 8. Januar 2007, zwei Wochen nach dem Unglück, ein Überlebender gerettet werden konnte – es gehört zu den herzzerreißenden Wundern, die sich bei solchen Katastrophen immer wieder auch ereignen.

 


Bam nach dem Beben: eine Stadt,die zu Staub zerfiel.
Foto: Marty Bahamonde

 

Aber manchmal scheint Bam nur noch vom Pech heimgesucht zu werden. Ein Rettungshubschrauber mit Hilfsgütern stürzte am 28. Dezember ab. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe, am 21. Juli 2004, bebte die Erde erneut und zerstörte auch die provisorischen Unterkünfte und die eilig angelegten Fertighäuser der Überlebenden. Am 16. März 2007 fegte aus heiterem Himmel ein Sandsturm von 130 km/h über die Gegend hinweg, tötete mehrere Personen und ließ 14 Verletzte zurück. Die Zahl der Drogenabhängigen ist offenbar bedenklich angewachsen, weil viele Menschen ihre Erlebnisse nicht verkraftet haben. Aber allem zum Trotz sollen Zitadelle und Altstadt unter der Leitung von Spezialisten aus dem iranischen Kulturministerium und japanischen Fachleuten wieder aufgebaut werden – erdbebensicher dieses Mal. Wie das unter Wahrung des charakteristischen alten Baustils mit Lehmziegeln gelingen soll, ist freilich nicht ganz eindeutig.

 

Bam, eine wichtige Station auf der Seidenstraße

Bam ist wahrscheinlich eine Gründung der Parther-Dynastie (248 v.Chr. bis 224 nach Chr.) und mehr als 2000 Jahre alt. Viel allerdings war auch vor dem Beben aus dieser Zeit nicht erhalten, doch dass der Ort „schon immer“ von strategischer wie von kommerzieller Bedeutung war, ist unbestreitbar. Fast 1100 Meter hoch gelegen und trotz der Nähe der großen Salzwüste mit Wasser versorgt aus den Bergen, bildete Bam von alters her eine wichtige Station auf der Seidenstraße. Dies sowie die Möglichkeit zu Obst- und Dattelanbau und das Geschick der Bewohner im Textilhandwerk ließen den Ort aufblühen und verliehen ihm bereits in alter Zeit durch Handelsbeziehungen ein Renommee bis hin nach Mesopotamien und Ägypten, weckten aber stets auch Begehrlichkeiten von Eroberern. Auch die Sassaniden, letzte altpersische Dynastie vor der Invasion der islamischen Araber, scheinen Bam eine angemessene Rolle zugewiesen zu haben. Arabische Quellen des 10. Jahrhunderts rühmen die Stadt für ihre hochwertige Baumwollverarbeitung, aber was bis zum Erdbeben von der berühmten Zitadelle zu sehen war, geht hauptsächlich auf die Safawiden-Dynastie zurück (1501-1722). Unter ihnen wie zuvor unter der Herrschaft der mongolischstämmigen Ilkhane (1256-1335) und ihrer Nachfolger war die strategische Rolle Bams als Außenposten persischer Macht in der Region Belutschistan vorrangig; zu Beginn des 18. Jahrhunderts schließlich wurde die Notwendigkeit einer Festungsanlage, beziehungsweise deren Erneuerung im unruhigen Grenzgebiet zu den Provinzen Sistan und Belutschistan zwingend.

 

Zitadelle und Altstadt

Bam wurde als Festung raffiniert ausgebaut auf einem 200 Meter hohen Hügel und mit einem Radius von etwa anderthalb Kilometern, umgeben von einem tiefen Wallgraben, der bis zum Erdbeben noch teilweise intakt war. Eine mit 38 Wehrtürmen bestückte Mauer zog sich auch um den Ort zu Füßen der Zitadelle, und die war ihrerseits in drei jeweils mit eigenen Mauern eingefriedeten Abstufungen angelegt: Innerhalb der äußeren Mauer siedelten offenbar wohlhabende Bürger und Wachleute, innerhalb der mittleren Mauer die Aristokratie und vermögende Familien, während der oberste Bereich als Verwaltungssitz fungierte mit den Wohnanlagen der Führungspersönlichkeiten. Es scheint, als sei dieser oberste Teil der Zitadelle, der auch am besten erhalten war, zugleich der älteste gewesen, denn seine Ziegeltechnik ließ sich bis auf die Sassaniden zurückführen. Vom mittleren Bereich waren bis zum Erdbeben noch Mauern und vor allem einige Tore erhalten, während der unterste Teil sowie die Altstadt unter den Zeitläuften am meisten gelitten und am wenigsten hatten instand gesetzt werden können. Da war schon hin und wieder Regenwasser den Hügel herabgeflossen, oder die Bauern der Umgebung hatten die bröselnden Lehmziegel als Düngemittel zweckentfremdet.

 

Der Hügel wurde ursprünglich durch einen siebenstöckigen Wachturm bekrönt, von dem nachts Feuer- und tags Rauchsignale in die Umgebung gesendet werden konnten. Oben auf der Zitadelle stand eine Windmühle, die das Korn für die Bewohner mahlte und wegen des kalten Nordwinds dauernd in Bewegung war, es gab mehrere tiefe Brunnen sowie eine unterirdische Wasserzufuhr, mindestens drei Moscheen und ein Badehaus hinter dem großen Westturm. Sogar ein Basar und eine größere Freifläche für Versammlungen und religiöse Zeremonien hatten Platz. Aber am ausgeklügeltsten war wohl das System, mit dem potentielle Aggressoren der Zitadelle irritiert werden konnten. Sollte es tatsächlich einem feindlichen Kommando gelingen, den äußersten Wallgraben zu überwinden und in die Anlage einzudringen, so schien es ein Leichtes zu sein, den Hügel entlang der inneren Mauern zu erstürmen und den obersten Wachturm zu besetzen, der von überall zu sehen war und immer ganz nah zu sein schien. In Wirklichkeit bestand der Weg dorthin aus einem Labyrinth enger Gassen, Gänge, Rampen und Tore, zwischen denen ortsunkundige Angreifer die Orientierung verlieren und zudem alle paar Meter in einen Hinterhalt geraten mussten.

 

Wer so etwas baut, hat es nötig: Nicht nur wegen der Schönheit der Zitadelle mit ihren Türmen und zinnenbekrönten Mauern, nicht nur wegen ihrer berückenden Licht- und Schatteneffekte und der Geborgenheit ebenso wie Kühle versprechenden Behäbigkeit war Bam immer wieder Ziel brutaler Begehrlichkeiten. Nachdem im 7. Jahrhundert die Araber dem Sassanidenreich ein unrühmliches Ende gesetzt hatten, schien Bam sich bald wieder zu erholen: Schon im 10. Jahrhundert hieß es, die „neue Zitadelle“ sei uneinnehmbar, was aber nur bis zum Ende des 11. Jahrhunderts galt: Die Seldschuken (1040-1194) hatten sich für Bam eine besonders abgefeimte Kriegslist erdacht, indem sie den Fluss umleiteten, der die Oase in der Nähe speiste. Die bei Trockenheit eisenharten Lehmziegel halten Wasserfluten nicht lange stand ... Im 13. Jahrhundert fiel das Land den Mörderbanden der Mongolen in die Hände – deren Nachfolger, die Ilkhane, brachten eine kulturelle Blüte hervor. Nein, uneinnehmbar war Bam nicht, aber im Wechselbad der Epochen von erstaunlicher Erneuerungsfähigkeit.

 

Die Safawiden im 16./17. Jahrhundert setzten freilich wieder auf den Mythos der Unbesiegbarkeit und machten aus der Zitadelle das, was bis zum großen Erdbeben noch einigermaßen erhalten war – ein ausgetüfteltes, schützendes Labyrinth. Afghanische Eroberer wurden auch damit fertig, einmal 1719 und zwei Jahre später erneut. 1722 stürzten sie schließlich die Safawiden und verleibten sich das ganze Reich ein. Der Umsturz griff Bam und seinen Bewohnern an den Lebensnerv, aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts sollte es noch schlimmer kommen. Nach der militärisch glanzvollen, doch wirtschaftlich ruinösen Regierungszeit des Afscharenherrschers Nadir Schah (1736-1747), die mit dessen Ermordung endete, brachen Unruhen aus, die erst durch Karim Khan Zand (1705-1779) beendet wurden. Der Gründer der im Volk bis heute geliebten Zand-Dynastie, des nach 850 Jahren mongolischer und türkischer Herrschaft ersten persischstämmigen Herrschergeschlechts, legte sein Regierungszentrum in den Süden Persiens nach Shiraz, was die Stadt bis heute prägt. Die Zand-Dynastie überstand aber kein halbes Jahrhundert, und dabei spielte Bam, das unter Karim Khan von Bewohnern der Provinz Sistan besetzt worden war, erneut eine traurige Rolle.

 

Bam, unsichere Zuflucht für ehrgeizige Außenseiter

Nach dem Tod Karim Khans wurde die Zand-Dynastie von inneren Rivalitäten zerrissen. Der letzte Zand, Lotf Ali Khan (= Lotfollah Khan, geboren um 1769), wurde 1789 zum Schah ernannt und bekam es schon drei Jahre später mit einem Aufstand der turkmenischen Khadjaren zu tun, die bereits unter dem Afscharen Nadir Schah Probleme gemacht hatten. Dazu muss man etwas ausholen. Nadir Schahs Nachfolger Adel (Adil) Schah, ein Usurpator, der nur ein Jahr lang regierte (1747/1748), hatte im Zug einer kriegerischen Auseinandersetzung gegen die Khadjaren den vierjährigen Mohammed Khan (1742-1797), Sohn des Khadjaren-Stammesführers, gefangen genommen. Wie realistisch er die Bedrohung durch den Stamm einschätzte, geht daraus hervor, dass er das Kind kastrieren ließ, bevor er es wieder freigab – vor möglichen Nachkommen dieser Leute musste man sich einfach hüten. Nachdem Mohammed Khan, der seither mit der Eunuchenbezeichnung „Aga“ (im Gegensatz zu „Agha“ = Herr) versehen wurde, mit 16 Jahren zum Stammesführer ernannt worden war (1758), ging die Auseinandersetzung zwischen Khadjaren und den jeweiligen Herrschern des persischen Reiches weiter: Zand-Prinzen besiegten und töteten 1759 Aga Mohammed Khans Vater, Mohammed Khan und sein Bruder mussten fliehen, wurden 1762 von einem konkurrierenden Stamm gefangen genommen und den Zands ausgeliefert. Aga Mohammed Khan lebte 16 Jahre lang in Shiraz als Geisel, bevor ihm 1779 im Todesjahr von Karim Khan Zand der Ausbruch gelang – und zwar im doppelten Sinn, denn danach gab es kein Halten mehr für ihn.

 


Porträt eines sadistischen Psychopathen: Aga Mohammed Khan Khadjar (1742-1797), erster Schah der turkmenischen Khadjaren-Dynastie
Foto aus: "History of Persia" von John Malcolm, 1815

 

Die Rangeleien um die Nachfolge Karim Khan Zands boten ihm die beste Gelegenheit zur Rebellion. Seine Unternehmungen gipfelten 1788 in der Eroberung der Stadt Shiraz, dem Regierungssitz der Zands, wo sich der letzte dieser Dynastie, Lotf Ali Khan (1769-1794), nach Gefechten gegen die Khadjaren verschanzt hatte. Das Unglück wollte es, dass der Zand-Kanzler Hadji Ibrahim seinen eigenen Herrscher an die Feinde verriet und den Truppen Aga Mohammad Khans die Stadttore öffnete. Dennoch konnte Lotf Ali Khan Zand die Aggressoren 1793 besiegen und 1794 sogar die Stadt Kerman einnehmen. Der Khadjarenführer seinerseits gab aber auch nicht auf und belagerte die Stadt sechs Monate lang, bevor sie fiel, und was dann passierte, ließ keinen Zweifel mehr aufkommen über die Mentalität des zukünftigen Herrscherhauses: Aus Rache dafür, dass Kerman zu Lotf Ali Khan gehalten hatte, wurden alle männlichen Bewohner Kermans getötet oder geblendet, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft und die Stadt in einem neunzig Tage dauernden Vernichtungsrausch zerstört. Es heißt, ein Haufen aus 20.000 Augäpfeln sei vor dem siegreichen Aga Mohammed Khan errichtet worden, und (unter anderem) solche perversen Ansammlungen scheinen dessen Spezialität gewesen zu sein.

 

Lotf Ali Khan aber war der Verwüstung entkommen und in die Nähe von Bam geflohen, wo sich das grauenhafte Spiel wiederholte. Die Zitadelle stand damals unter dem Einfluss der Sistanis, die Lotf Ali Khan den Zutritt verweigerten, ihm aber erlaubten, sich in der Umgebung zu verstecken. Aga Mohammed Khan drangsalierte die Bevölkerung so lange, bis 1795 der Gouverneur von Bam den prekären Asylanten Lotf Ali Khan gefangen nahm und auslieferte. Und Aga Mohammed Khan nahm mehr als Rache an dem, was ihm selbst einst angetan worden war. Es heißt, er persönlich habe dem letzten Zand die Augen ausgerissen. Der blinde Lotf Ali Khan wurde nach Teheran gebracht, inhaftiert und zu Tode gefoltert, indem man ihm die Hoden abschnitt und einen Speer in sein Herz stieß -  Lotf Ali Khan wurde 25 Jahre alt. Die Bevölkerung von Bam indes hatte Ähnliches zu erleiden wie zuvor die Kermanis. Aga Mohammed Khan ließ Hunderte von Anhängern Lotf Ali Khans ermorden und eine Pyramide aus 600 Schädeln errichten, die noch zu sehen war, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts der britische Militär und Kolonialverwalter Sir Henry E. C. Pottinger (1789-1856) das Land auf seinem Weg nach Indien bereiste. Pottinger, der 1841 bis 1843 Gouverneur von Hongkong war, hatte die Zitadelle als erster Europäer besucht und in seinen Erinnerungen beschrieben. Aga Mohammed Khan jedoch konnte sich trotz seiner perversen Grausamkeiten nicht lange seiner Siege erfreuen. Im Frühjahr 1796 krönte er sich zwar zum Schah (und verlegte die Hauptstadt des Reiches vom Süden nach dem nördlicheren Teheran), aber bereits ein Jahr später fiel er einem (verdienten) Mordanschlag zum Opfer: Er hatte zwei seiner Diener wegen eines Juwelendiebstahls zum Tode verurteilt, und die kamen ihm einfach zuvor. Sein Neffe wurde als Fath Ali Schah zu seinem Nachfolger, und die von Korruption, Ignoranz und Unfähigkeit geprägte Khadjaren-Dynastie hatte bis 1925 Gelegenheit, das Land in die Stagnation zu führen.

 

In Bam ereigneten sich in der Zwischenzeit noch einige aufregende Dinge, darunter wieder einmal eine Okkupation, und zwar durch den aufsässigen Führer der Ismaeliten, einer schiitischen Religionsgemeinschaft, deren 46. Imam Hassan Ali Shah (1804-1881) alles andere als ein friedliebender Geistlicher war. Gebürtig in der Kleinstadt Mahallat, ist er auch unter der Bezeichnung Agha Khan Mahallati geläufig – Hassan Ali Shah war der erste Träger des Agha-Khan-Titels, der ihm von Fath Ali Schah verliehen worden war. Agha Khan Mahallati verstand es nämlich, vom Schah nicht nur die Bestrafung der Mörder seines Vorgängers und Vaters zu erreichen, sondern auch eine Entschädigung, die sich sehen lassen konnte. Der Khadjarenherrscher versorgte ihn mit beachtlichem Landbesitz in der Nähe von Mahallat, mit dem Posten eines Gouverneurs der heiligen Stadt Ghom und mit einer seiner Töchter als Ehefrau. Der Ismaeliten-Imam hatte also Zugang zu höchsten Kreisen. Fath Ali Schah starb jedoch 1834, und es folgte ihm sein Enkel Mohammed Schah Khadjar auf den Thron. Agha Khan Mahallati wurde 1835 Gouverneur von Kerman, der Provinzhauptstadt in der Nähe von Bam, und es galt dort, Ordnung zu machen, denn die ganze Gegend wurde seinerzeit nicht nur, wie so oft, von Afghanen unsicher gemacht, sondern auch von Aufständischen kontrolliert, die den Khadjaren-Thron zu erobern gedachten. Der Agha Khan brachte es tatsächlich fertig, binnen kurzer Zeit die Ruhe wieder herzustellen, und sandte einen stolzen Bericht an den Hof in Teheran in der verständlichen Hoffnung auf Anerkennung.

 

Er bekam aber nicht einmal eine Antwort, sondern wurde 1837 seines Gouverneurspostens enthoben, weil Mohammed Schah Khadjar seinen jüngeren Bruder mit dem Amt versorgte. Da hielt es den religiösen Führer nicht länger – er sammelte seine Streitkräfte und zog in die Zitadelle von Bam, wo er unter den Sistanis ohnehin familiäre Beziehungen hatte. Vierzehn Monate lang mussten die Regierungstruppen Bam belagern, bevor Agha Khan Mahallati seine Niederlage kommen sah. Unter Vermittlung des Gouverneurs von Fars in Shiraz wurde dem Agha Khan freier Abzug gewährt, aber kaum war er aus Bam abgerückt, wurde er gefangengenommen und sein Besitz geplündert. Man muss dem Imam sowohl Verhandlungsgeschick als auch Hartnäckigkeit und hohe Intelligenz zugestehen, dass er nach acht Monaten Haft erreichte, nach Teheran reisen und seinen Fall vor dem Schah darlegen zu können. Der wollte es nicht ganz mit dem einflussreichen Mann verderben und sicherte ihm Straffreiheit zu, wenn er sich friedlich nach Mahallat zurückzöge. Der Agha Khan schien damit einverstanden – sammelte aber stattdessen sofort wieder Anhänger im Süden und verbreitete gefälschte Dokumente, dass er der Gouverneur von Kerman sei. Erneut musste der Schah Truppen senden, denen der fromme Mann einige militärische Erfolge entgegensetzen konnte ... bis er sich zum zweiten Mal nach Bam zurückzog und dort von einem Aufgebot von 24.000 Mann schließlich zur Flucht gezwungen wurde (1841). Hassan Ali Shah alias Agha Khan I. Mahallati verbrachte den Rest seines Lebens in Indien in engem Kontakt mit den Briten, was ihn in den Augen einiger seiner Anhänger als Verräter erscheinen ließ. Die heute 18 Millionen Ismaeliten und ihre Führer leben seither vorwiegend in Indien.

 

Bam sinkt in Bedeutungslosigkeit

Was jedoch Bam betraf, so wurde nach dem Abzug des Agha Khan verboten, in der Zitadelle zu wohnen. Sie blieb bis 1855 unbesetzt und wurde dann zur (äußerst schwach besetzten) Garnison der Provinzregierung von Kerman. Dafür breitete sich die Oasenstadt entlang des Flusses in abgeschlossenen Gärten und Dattelhainen weiter aus. 1881 verlor Bam den Status als Gouverneurssitz von Belutschistan und wurde wegen ihrer kühlenden Gebirgslage nur noch als Sommerresidenz genutzt. Die Zitadelle spielte seither politisch keine Rolle mehr, während die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Umgebung die wachsende Bewohnerzahl recht gut leben ließen. Die auf sechs Quadratkilometer angelegte und umfriedete Altstadt von Bam war seit 1932 nicht mehr bewohnt, hat aber zusammen mit der Zitadelle für mehrere Filme eine romantische Kulisse abgegeben, unter anderem 1976 für die Dino-Buzzati-Verfilmung „Die Tartarenwüste“ von Regisseur Valerio Zurlini („Il deserto dei tartari“, mit Vittorio Gassman in der Hauptrolle). Zitadelle und Altstadt wurden seit 1953 als nationales Monument betrachtet und mit großem Engagement der Bevölkerung leidlich instand gehalten. Als das große Erdbeben über die Region hereinbrach, soll die Stadt Bam etwa 43.000 Einwohner gehabt haben, die zum Teil auch bereits vom Tourismus lebten, andere Quellen berichten gar von 120.000 Einwohnern, wobei wohl die weitläufige Umgebung mitgezählt wurde.

 

Das Erdbeben von 2003 – was geschah unter der Erde?

Das große Beben aber beschäftigt die Wissenschaftler immer noch. Der ESA-Umwelt-Satellit Envisat, der die Erde alle 100 Minuten in einer Höhe von 800 Kilometern umkreist, kann mit seinem Radarinstrument ASAR kleinste Veränderungen der Erdoberfläche registrieren, indem ASAR-Daten mit einem Interferometrie-Programm aufgearbeitet werden (INSAR): Bei jedem Überflug werden beispielsweise die Daten eines Ortes miteinander verglichen. Die mit Daten vor und nach dem Beben gespeiste Interferometrie ließ erkennen, dass zwar Bam ohnehin in einer seismisch aktiven Zone liegt (die Bam-Verwerfung ist Teil eines ganzen unterirdischen Verschiebungssystems, das sich bis zu fünf Kilometer ausdehnt), dass aber dieses spezielle Beben von einem bislang unbekannten Epizentrum ausging. Die westlich von Bam gelegene Gowk-Verwerfung in Nordsüdverlauf hat in den letzten beiden Jahrzehnten mehrere große Beben ausgelöst, aber das Envisat-Interferogramm zeigte, dass das Beben vom 26. Dezember 2003 von einem Riss herrührte, der sich direkt unter dem südlichen Stadtteil ereignete und bei Bodenbeobachtungen gar nicht hätte erkannt werden können.

 


Interferogramm des Envisat-Satelliten der ESA. Fast genau in der Mitte der Darstellung zieht sich eine schmale schwarze Störlinie von Norden nach Süden (am linken Rand der konzentrischen Konturlinien, die die Auswirkungen des Bebens sichtbar machen). Es handelt sich um die Bruchlinie, in und unter der das Beben stattfand. Die große schwarze Fläche ist das Areal der Stadt Bam, das Epizentrum des Bebens lang unterm Südteil von Bam, wo die Bruchlinie nicht sichtbar ist.
Foto: ESA/COMET

 

Die unterirdische Verwerfung, in der der Riss stattgefunden hatte, zeigte sich als deutliche Diskontinuität im Interferogramm, wobei sich die Erde auf der einen Seite der Spalte um fünf, auf der andern Seite um 30 Zentimeter bewegt hatte. Mit speziellen Software-Modellrechnungen ließ sich aus dem Interferogramm ferner ableiten, dass sich in durchschnittlich fünfeinhalb Kilometern Tiefe entlang der Verwerfungslinie eine Erdplattenverschiebung von mehr als zwei Metern ereignet hatte. Bei solchen „blind slip-strike“-Verwerfungen bewegen sich unterirdische Teile der Erdkruste seitlich gegeneinander, verursachen aber lange Zeit nur geringe Oberflächenveränderungen. Was sich in der Umgebung von Bam rechtzeitig hätte zeigen können und was sich nach dem Beben auch als etwa 24 Kilometer langer Oberflächenriss zeigte, war zuvor von Regen und Sedimenten verwaschen worden.

 

Im März 2009 veröffentlichten Geophysiker der NASA eine weitere Analyse der Envisat-Daten über Bam und wiesen ihrerseits darauf hin, dass unterirdische Erdbewegungen sich häufig nur geringfügig bis zur Oberfläche zeigen – aber prinzipiell hoch gefährlich bleiben. Dabei richteten sie ihr Augenmerk auf die Erdoberfläche oberhalb einer Verwerfungstiefe von 1000 Metern und entdeckten eine nur leichte Oberflächenabsenkung, die nach dem Beben übrig geblieben war. Solche auf der Oberfläche kaum erkennbaren Tiefenverwerfungen gebe es, so der Geophysiker Eric Fielding in seinem Bericht in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ vom 5. März 2009, auf der ganzen Welt, aber sie würden meist von Geologen übersehen oder aber für inaktiv gehalten. Seismische Messungen des Bebens von Bam hätten ergeben, dass sich unter der Stadt Verschiebungen von zwei bis drei Metern ereigneten, aber an der Oberfläche nur Risse von höchstens 25 cm zu sehen waren, dass also die über den Verschiebungen gelegenen Erdschichten die Bewegungen aufgefangen haben müssten: Durch die Drücke während eines Bebens wird Felsgestein in der Verwerfungszone ausgedehnt und verliert an Dichte. Nach dem Beben sinkt das Material dann allmählich ein.

 

Fielding und seine Kollegen zogen die Interferometrie des Envisat-Satelliten für den Zeitraum von dreieinhalb Jahren nach dem Beben heran, und tatsächlich ergab sich eine grabenähnliche Oberflächenabsenkung mit einer Breite zwischen 200 und 400 Metern und einer Tiefe von nur drei Zentimetern direkt über der Verschiebungszone. Der Druck der Verwerfung von zwei bis drei Metern tief in der Erde hatte sich über einen breiten Bereich unterirdischen Felsmaterials ausgedehnt und zeigte sich wenig eindrucksvoll an der Oberfläche. Fielding glaubt daher, dass die Erdplatten, die unterirdisch bei dem Beben ihre Spannung entluden, nun erst mal für lange Zeit Ruhe geben. Aber freilich könne es sein, dass benachbarte Plattenteile in der Tiefe reißen und sich gegeneinander verschieben würden – schließlich liege der ganze Osten Irans über einem System unterirdischer Verschiebungsaktivität. Und leider, dies kümmert die Geologen freilich nicht, ist nicht nur der Osten Irans oberirdisch voll mit archäologischen und historischen Schätzen, die in einer grundsätzlichen potentiellen Gefahr sind. Absichern lässt sich da wenig ...

 

Info:

- http://de.wikipedia.org

- http://en.wikipedia.org

- ESA Observing the Earth (http://www.esa.int/esaEO/SEMLD1W4QWD_index_2.html)

- NASA News March 4, 2009 (http://www-radar.jpl.nasa.gov/Bam/)

kostenlose counter