Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Die Grafik


Südöstliche Ansicht der Akropolis in Athen um 1820, Radierung von Johann Heinrich Schilbach (1798-1851) nach einem Gemälde von Heinrich Hübsch (1795-1863). Das großformatige Blatt ist Teil einer Schenkung des Schriesheimer Sammlers Henner-Wolfgang Harling an die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen anlässlich der Eröffnung des Grafikdepots 2010.
Foto: Jean Christen (Reiss-Engelhorn-Museen)

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30-05-2010/ Update 05-09-2011

Schätze, die im Keller ruhen

Die Grafikbestände der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen bekamen 2010 ein eigenes Depot

 

Von Christel Heybrock

 

Eigentlich ist hier die ganze Welt zu Hause: Das Themenspektrum der Reiss-Engelhorn-Museen (REM) in Mannheim ist weit gespannt und umfasst praktisch alle Kulturen der Erde – nicht zuletzt die Kulturgeschichte der eigenen Stadt. Schließlich ist die Institution aus der Einsicht hervorgegangen, dass die Stadtgeschichte, die einst ihren kulturellen Höhepunkt unter Kurfürst Carl Theodor (1724-1799)  hatte, für die Nachwelt dokumentiert werden müsste. Daher gibt es nicht nur eine reichhaltige Gemäldesammlung vor allem mit Porträts des 17. bis 19. Jahrhunderts, sondern auch 16.000 Blatt Originalgrafik aus demselben Zeitraum, inklusive rund 1000 Handzeichnungen. (Für die neuere, überregionale Kunstgeschichte ist die Mannheimer Kunsthalle zuständig.)

 

Die wachsenden Sammlungen der REM waren lange Zeit auf sehr beengtem Raum untergebracht. Erst seitdem das 1779 entstandene Zeughaus des Barock-Architekten Peter Anton von Verschaffelt grundlegend restauriert wurde (bis 2007), konnten viele REM-Wissenschaftler aufatmen – zuletzt Andreas Krock, der außer den Gemälden auch die Grafiksammlung betreut, und Hans-Jürgen Buderer als kommissarischer Direktor des Bereichs Kunst- und Kulturgeschichte. Rein zahlenmäßig können es die Grafikbestände natürlich nicht mit den großen Kunstmuseen aufnehmen; insofern klingt es nicht aufregend, dass die 16.000 Blätter im Jahr 2010 endlich ein eigenes Depot in einem eben mal 50 qm großen Raum fanden. Dennoch wurde damit eine wichtige Abteilung des Hauses einen großen Schritt weiter gebracht.

 


Eine der 450 Handzeichnungen von Carl Theodors Hofbildhauer und Architekt Peter Anton Verschaffelt. Die zarte Rötelzeichnung "Jugendlicher Engel", entstanden während des Romaufenthalts von Verschaffelt zwischen 1737 und 1751, wurde von der Spezialistin Annette Kirsch einfühlsam restauriert.
Foto: Jean Christen (REM)

 

Die Grafik konnte nämlich zuvor nicht an einem eigenen Ort aufbewahrt werden, und es heißt, dass Andreas Krock mal eben für zwei Stunden von seinem Schreibtisch verschwinden musste, wenn auswärtige Wissenschaftler sich bestimmte Blätter vorlegen lassen wollten, die es mühsam herauszusuchen galt. Mit diesen umständlichen Zeiten ist es vorbei und der bewusste 50-qm-Raum keineswegs ohne Reiz: Es handelt sich um ein aus dem 18. Jahrhundert erhaltenes Kellergewölbe im Zeughaus, so dass Carl Theodors Hofbildhauer Verschaffelt hier gleich in doppelter Hinsicht präsent ist – als Baumeister ebenso wie als Schöpfer eines mit rund 450 Blättern beachtlichen Konvoluts von Handzeichnungen. Die wurden 1974 aus Toto-Lotto-Mitteln des Landes Baden-Württemberg erworben und ruhen nun in säurefreien Mappen und Kartons in den Regalschränken.

 

Um in diesem Zusammenhang noch weitere Architektur- und Bildhauerzeichnungen aus der Zeit des Mannheimer Schlossbaus zu erwähnen: Von Hofbildhauer Paul Egell (1690-1752), der die wundervollen Stuckreliefs im Treppenhaus des Schlosses schuf, sind neun Entwürfe und Vorzeichnungen vorhanden, von Carl Theodors Oberbaudirektor Nicolas de Pigage (1723-1796) Entwürfe aus der Zeit von 1749-1752 für ein neues Schloss in Schwetzingen.

 

Aber zurück zum neuen Depot im alten Zeughaus: Der Kellerraum ist natürlich bestens klimatisiert (Dauertemperatur 18-20 Grad) und hat eine Luftfeuchtigkeit von 50 bis 60 Prozent. Was man  sieht, ist aber nicht die moderne Klimatechnik, sondern ein zerkratzter, großer alter Tisch in der Mitte: der stammt noch aus dem Schlossmuseum, das in den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs unterging. Auch viele handgefertigte Kartons, in denen die Schätze ruhen, wurden noch aus dem Schlossmuseum herüber gerettet. Mit Nostalgie freilich hat das wenig zu tun, an dem Tisch ist immerhin Platz für zwei, drei Grafikliebhaber oder Wissenschaftler, die hier an Originalen arbeiten können.

 

Die Einrichtung des neuen Depots traf zusammen mit einem Zuwachs der Bestände, über den sich Krock und Buderer mindestens ebenso freuten: Der Schriesheimer Sammler Henner-Wolfgang Harling schenkte dem Haus seine privaten Schätze von 80 bis 100 Blättern, zu denen Kupferstiche mit Griechenlandansichten aus dem frühen 19. Jahrhundert gehören (siehe Foto oben). Und da Harling ja das Sammeln nicht lassen kann, stellte er auch gleich weitere Erwerbungen in Aussicht. Harling hatte sich bereits überaus großzügig gezeigt, als 2008 eine kleine Ausstellung mit Handzeichnungen des Mannheimer Hofbeamten und Kunstsammlers Stephan von Stengel (1750-1822) gezeigt wurde. Die Beziehungen zwischen den REM und Sammler Harling bestehen seit langen Jahren – das Haus hat solche Kontakte immer gepflegt. Schließlich gehen die gesamten Bestände der REM und nicht nur die Grafik auf das Engagement von Bürgern zurück. Hier müssen in erster Linie genannt werden der Mannheimer Altertumsverein von 1859, aber auch einzelne Persönlichkeiten und Familien wie beispielsweise die Familie Bassermann oder Curt Engelhorn, dessen Stiftung jetzt auch die Einrichtung des Grafikdepots ermöglichte.

 

Die angemessene Aufbewahrung der Grafik ist übrigens auch insofern eine Herausforderung, als die Formate extrem unterschiedlich sind. Zwischen der Größe einer Briefmarke und großformatigen Stadt- und Gebäudeplänen ist alles dabei. Thematisch bilden topographische Ansichten Mannheims sowie Porträts aus Adel und Bürgertum einen Schwerpunkt, aber auch politische Ereignisse wie die badische Revolution von 1848/49 finden sich hier, oft in Form von Karikaturen. Künstlerisch interessant und zahlenmäßig am besten repräsentiert sind die Werke von Mannheimer Zeichnern und Kupferstechern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die zielstrebig sogar auf Vollständigkeit gesammelt werden.

 


Sigmund Freiherr von Bibra, Porträtstich um 1790 von Egid Verhelst (1733-1818), dem Gründer der Mannheimer Kupferstecher-Schule. Der Freiherr von Bibra, katholischer Theologe und Schriftsteller, hatte mit Mannheim nur insofern zu tun, als er Mitglied des Illuminaten-Geheimordens war, der auch in Mannheim zahlreiche einflussreiche Mitglieder hatte.
Foto: Wikimedia Commons

 

Seit 1766 entstand in Mannheim nämlich eine eigene Schule für Kupferstecher: Damals wurde der aus einer flämischen Bildhauerfamilie stammende Künstler Egid Verhelst (1733-1804) von Kurfürst Carl Theodor zum Hofkupferstecher (und 1775 zum Lehrer der Mannheimer Zeichenakademie) ernannt. Verhelst hinterließ nicht nur Buchillustrationen, eine große Anzahl von Porträts und 16 Radierungen zu den Fabeln von Äsop (erschienen 1768 in Mannheim), sondern auch eine ganze Schar von Schülern, die in den REM-Beständen ihrerseits vertreten sind:

 

Joseph Fratrel (1730-1783)

Karl Matthias Ernst (1758-1830)

Anton Karcher (1760-1842)

der oben bereits erwähnte Stephan von Stengel (1750-1822)

Heinrich Sintzenich (1752-1812)

Friedrich Koch (1771-1832)

Franziska Schöpfer (1763-1836)

Bernhard Siegrist

 

Fratrel, in Epinal/Lothringen geboren, war sowohl Jurist als auch Maler und hatte eine spezielle Technik mit Wachsfarben entwickelt. Als Hofmaler des polnischen Exkönigs Stanislaw Leszczinski in Nancy kam er nach dessen Tod 1766 nach Mannheim, wo er sich nicht nur mit Radierungen und einer Edition von „Sinzenich’s Kupfertafeln“ hervortat, sondern auch mit Porträts und Historienbildern.

 

Karl Matthias Ernst, gebürtiger Mannheimer, stieß Anfang der 1770er Jahre in Verhelsts Schule und wurde durch den Mannheimer Schlossarchitekten Nicolas de Pigage in das berühmte Kupferstecheratelier Christian von Mechels nach Basel vermittelt. Ernst scheint sich dort aber nicht wohl gefühlt zu haben; er kehrte 1781 nach Mannheim und in die weitere Region zurück, wo er vor allem Angehörige des Adels porträtierte. Seine Generation litt jedoch unter einschneidenden politischen Veränderungen: Künstler der Kurpfalz verloren Auftraggeber und Publikum nicht nur durch Kriegswirren in Zusammenhang mit der Französischen Revolution, sondern auch durch den Machtwechsel 1802/1803, als die rechtsrheinischen kurpfälzischen Gebiete dem Großherzogtum Baden zugeschlagen wurden. In seinen letzten Lebensjahren scheint sich Ernst nur noch durch die Gestaltung von Landkarten über Wasser gehalten zu haben.

 

Anton Karcher, im lothringischen Kolmar geboren, wurde nicht nur Verhelst-Schüler, sondern auch intensiv von Heinrich Sintzenich und dessen spezieller grafischer Technik beeinflusst. Von Karcher sind meist kleine Formate, Buch- und Kalendervignetten erhalten, vor allem aber liebenswürdige, sensible Porträts von Adel, Großbürgertum und Geistesgrößen – Karcher schuf unter anderem Porträts von Theaterdirektor August Wilhelm Iffland und von Gotthold Ephraim Lessing.

 

Friedrich Koch, im elsässischen Buchsweiler geboren, war den Revolutionswirren nach Düsseldorf entkommen und gründete schließlich in Mannheim eine Handelsfirma. Als Radierer von Porträts und Gemälden großer Meister wurde er von Zeitgenossen bewundernd sogar mit Rembrandt verglichen. Auch die Miniaturmalerin Franziska Schöpfer, gebürtige Mannheimerin und in München gestorben, gehörte zu den gefragten Künstlern ihrer Zeit und wurde vor allem wegen ihrer Porträts geschätzt. Sie hat zum Teil eigene Bilder durch Kupferstiche verbreitet (darunter 1816 ihr Porträt des damals bereits verstorbenen Mannheimer Nationaltheater-Schauspielers Heinrich Beck). Aber auch Anton Karcher hat Bildmotive von ihr gestochen.

 

Sintzenich schließlich, in Mannheim geboren als Sohn eines Wagenbauers, wurde von Kurfürst Carl Theodor unter anderem gefördert durch ein Stipendium in England, von wo er Anregungen für das grafische Verfahren der Farb-Punktiertechnik mitbrachte, mit der die übliche Liniengrafik in einen weichen, malerischen Stil aufgelöst werden konnte. Sintzenich war seit 1778 wieder in Mannheim, aber hier verlor er mit dem unerwarteten Umzug des kurfürstlichen Hofes nach München seine Auftraggeber. Einen langfristigen Aufenthalt in Berlin und Dresden konnte er mit kurfürstlicher Genehmigung zwar ermöglichen, in Berlin gründete er sogar einen eigenen Verlag, aber große Erfolge hatte er nicht, auch nach 1802 nicht, als er endlich dem Hof nach München gefolgt war. Dennoch muss vor allem seine Porträtgrafik zu den reizvollen Schöpfungen der Zeit gerechnet werden, ganz abgesehen von dem Einfluss, den die Punktiertechnik auf seine Kollegen ausübte.

 


Von Ferdinand Kobell stammt diese idyllische Szene mit dem Titel "Beim Krebsfang" (1772). Die Grafiksammlung der Reiss-Engelhorn-Museen besitzt damit wohl die größte von Ferdinand Kobell bekannte Handzeichnung (Kohle, teilweise gewischt): Das Blatt hat die Maße 84,6 x 69,3 cm
Foto: Jean Christen (REM)

 


Detail der obigen Kohlezeichnung von Ferdinand Kobell: Der Krebsfänger in der Mitte hält Rast mit seinem Hund, während rechts (angeschnitten am Rand) und winzig im Hintergrund weitere Männer auf Krebsfang gehen. Kobell signierte und datierte das Blatt auf dem Felsen links unten.

 

Zu internationalem Ruhm stiegen jedoch die Mitglieder der Mannheimer Künstlerfamilie Kobell auf, vor allem der Maler Wilhelm von Kobell (1766-1853), der von München aus zu einem Pionier neuer Landschaftsmalerei wurde. Die Familie Kobell ist in den REM bestens vertreten, das Radierwerk von Wilhelms Vater Ferdinand Kobell (1740-1799) ist nicht nur vollständig vorhanden, sondern wird teilweise auch durch original erhaltene Kupferdruckplatten ergänzt. In den Schränken ruhen zudem 20 Handzeichnungen von Ferdinand, der wohl auch das Stecherhandwerk bei Verhelst lernte, bevor er mit eigenen Werken, vor allem Landschaften, Schüler und Einfluss gewann. Sein jüngerer Bruder Franz Kobell(1749-1822) erhielt sicherlich durch Ferdinand Einführung in die Kupferstich- und Radiertechnik, in vieler Hinsicht scheint Franz aber origineller und phantasievoller als der ältere, vor allem in seinen Landschaftsskizzen, von denen er eine Unzahl schuf und die unter anderem auch Goethe faszinierten. Die REM besitzen allein 154 Blätter von Franz Kobell – es scheint immer noch wenig angesichts dieses Lebenswerks. Natürlich hat auch der berühmte, am Münchner Hof geadelte Neffe Wilhelm von Kobell in den Grafikschränken Zeugnisse seines Schaffens hinterlassen: auch von ihm besitzen die REM noch originale Kupferdruckplatten.

 


Eine der Ansichten von Karl Kuntz aus dem Schwetzinger Schlosspark: die Moschee (1795).
Foto: Jean Christen (REM)

 

Aus Mannheims kultureller Blütezeit hebt sich schließlich noch Karl Kuntz (1770-1830) hervor, der (nicht nur) zu Ferdinand Kobells Schülern zählte. Von ihm hütet Andreas Krock immerhin fünf Aquatintaradierungen mit Ansichten des Schwetzinger Schlossparks.

 

Auch das 19. Jahrhundert ist mit bemerkenswerten Zeichnern in der Sammlung vertreten, allen voran Theodor Leopold Weller (1802-1880), der als Maler sein zeitgenössisches Publikum mit italienischen Genreszenen begeisterte. Die 51 Handzeichnungen in den REM weisen ihn aber auch für heutige Betrachter als eindringlichen Beobachter und als Virtuosen sensibler Strichführung aus. Seine Motive erscheinen auf dem Papier stets ein wenig entrückt wie aus dem Nichts und beschwören doch die gesehene Wirklichkeit – die Trachten der Frauen, die Gesten der italienischen Landbevölkerung, die antiken Ruinen, alle Motive sind dargestellt mit einer atemberaubenden Zartheit und Genauigkeit.

 

Von dem Porträt- und Landschaftsmaler Louis Coblitz (1814-1863) schließlich besitzen die REM immerhin fünf Handzeichnungen. Coblitz, dessen idyllische Landschaftsbilder und reizende junge Damen immer noch eine gewisse Rolle auf dem Kunstmarkt spielen, gibt auch heute noch eine Augenweide ab, obwohl seine Substanz dem Betrachter des 21. Jahrhunderts etwas fern scheint. Für Mannheim in der Zeit von Großherzogin Stéphanie (1789-1860) hatte er jedoch eine nicht zu unterschätzende repräsentative Bedeutung. Die REM zeigten 1984 eine Ausstellung mit seinen Gemälden und Zeichnungen.

 

Info:

Reiss-Engelhorn-Museen allgemein: www.rem-mannheim.de
Grafikdepot: http://www.rem-mannheim.de/index.php?id=73

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