Mannheim
Die Reiss-Engelhorn-Museen (rem)


Die eine Hälfte der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, das Zeughaus im Quadrat C5. Der Barockbau aus dem Jahr 1777/1778 von Peter Anton Verschaffeltbeherbergte einst das kurfürstliche Waffenarsenal und wurde seit 1908 als Museum genutzt. Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg wirkten sich bis über die Jahrtausendwende aus. Der Bau wurde zwischen 2003 und 2007 grundlegend saniert - barock ist seither allerdings nicht mehr viel außer der Fassade.
Foto: Wikimedia Commons


Die zweite Hälfte der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, das Museum Weltkulturen im Quadrat D5 gegenüber dem Zeughaus. Der Bau, der außer einem Vortragsaal und umfangreichen Wechselausstellungsräumen vor allem die naturkundlichen, archäologischen und ostasiatischen Sammlungen der rem enthält, stammt aus dem Jahr 1988 und ist eine Gemeinschaftsarbeit des Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler und des Malers Erwin Bechtold. Die charakteristische aufgerissene Fassade, von der Mannheimer Bevölkerung jahrelang mit Unverständnis und Ablehnung kritisiert, erinnert an archäologische Überreste und entspricht als bewusster "Störfall" dem Bildkonzept von Erwin Bechtold.
Foto: Immanuel Giel/ Wikimedia Commons

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22-01-2002/ Update 05-09-2011

Selbstbewusster Akzent in der Museumslandschaft
Mit den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen (rem) wird inzwischen international gerechnet

Von Christel Heybrock

 

Die Industriestadt Mannheim hat in der deutschen Kunstszene einen sicheren Platz mal gerade so in der Mitte. Dabei spielt auch die Unkenntnis von Nicht-Mannheimern eine Rolle. Wer weiß schon in Frankfurt, Ulm oder Dortmund, dass die Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Neckar in den letzten zwei Jahrzehnten ihr Erscheinungsbild und ihre Selbstdefinition doch ziemlich geändert hat: von der Industrie zur Dienstleistung, von der kurpfälzischen  „Metropole“ (so nennt sie sich gern und mit nicht immer berechtigtem Stolz) zu einer gewissen Weltoffenheit. Dabei war Mannheim als Kulturstadt bereits eine historische Größe - das Nationaltheater gehörte Ende des 18. Jahrhunderts zu den deutschen Pionierbühnen, und dies nicht nur, weil Schillers „Räuber“ hier uraufgeführt wurden.

 

Die Theater- und Musiktradition hat lange Zeit das Kulturleben in den „Quadraten“ (die Innenstadt ist heute noch geprägt durch die barocke Einteilung in Bebauungsquadrate) fast allein bestimmt. Ungewöhnlich spät, erst 1907, bekam Mannheim mit der Kunsthalle ein Gebäude für Wechselausstellungen - das sich dann durch den Aufbau einer ständigen Kunstsammlung zum städtischen Museum entwickelte. Den Gegenpart zur Kunsthalle, die dank weitsichtiger Museumsleute heute über eine wichtige Impressionisten- und Expressionistensammlung verfügt und deren Skulpturenbestände zu den bedeutendsten nach dem Duisburger Lehmbruck-Museum zählen, den Gegenpart also zum Kunstmuseum bildet seit 1957 das Reiss-Museum im barocken Zeughaus (Foto oben), das verschiedene, wesentlich ältere und teilweise bis auf Kurfürst Carl Theodor zurück reichende Sammlungen unter seinem Dach beherbergt: Sammlungen zur Stadt- und Theatergeschichte sowie zur Naturkunde, Archäologie und Völkerkunde. Das Reiss-Museum wurde möglich durch eine Bürgerstiftung des Mannheimer Generalkonsuls Carl Reiß, der bereits 1902 der Stadt ein „allgemeinbildendes Museum“ schenken wollte, und seiner Schwester Anna. Im Jahr 1988 bekam das Reiss-Museum zusätzlichen Platz durch einen Neubau des Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler, der die Fassadenentwürfe von dem Maler Erwin Bechtold erarbeiten ließ: Vor allem die archäologischen Sammlungen sind seitdem, gegenüber dem barocken Zeughaus, im Quadrat D5 untergebracht, was in den kunstvoll "aufgerissenen" Fassaden schon von außen thematisiert wird (Foto oben).

 

Der Neubau verursachte mit seinem ungewöhnlichen Aussehen zwar eine Menge Ärger und Unverständnis in der Bevölkerung, aber noch keinen Schub, der die Institution Reiss-Museum in die internationale Szene katapultiert hätte. Die Grundlage dazu erhielt das Museum erneut durch eine Bürgerstiftung im Jahr 2001; sie wertete das kulturelle Renommee der Quadratestadt nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit und darüber hinaus erheblich auf. Es ging um nicht weniger als satte 20 Millionen Euro und ein bisschen darüber - welches Museum hätte sich in Zeiten leerer Kassen mit einem solchen Zuwachs brüsten können? Und der Stifter, der Mannheimer Unternehmer Curt Engelhorn, verfügte noch ausdrücklich, dass die Summe, die in zehn Jahren ausbezahlt werden sollte, ausschließlich für den künstlerisch-wissenschaftlichen Betrieb des Hauses verwendet werden musste: Auf diese Weise sollte die Stadt in die Pflicht genommen werden, weiter für den Unterhalt und die ständigen Kosten des Museums aufzukommen, und dies im selben Maß, wie der Ruf der Institution wachsen würde und tatsächlich wuchs. Curt Engelhorn kannte wohl seine Pappenheimer, neigen die Stadtväter doch (nicht nur hier) traditionell dazu, entstehende Probleme so lange wie möglich zu ignorieren.

 

Was der großzügigen Stiftung eine bemerkenswerte familiäre Kontinuität verlieh, ist die Tatsache, dass Curt Engelhorn (geboren 1926 in München) auch noch mit der Gründerfamilie Reiß verwandt ist. Sein Urgroßvater Friedrich Engelhorn, der einst die heute in Ludwigshafen ansässige BASF gründete, war der Vater von Berta Reiß, der Ehefrau des Stifters Carl Reiß. Engelhorn selbst, im Jahr seines Mäzenatentums bereits 75,  hatte 1960 das Pharma-Unternehmen Boehringer Mannheimer übernommen und zum multinationalen Konzern hochgebracht, bevor er es 1997 für den gewaltigen Preis von rund 19 Milliarden Mark an La Roche verkaufte. Auf Curt Engelhorns Konto landete immerhin die stattliche Summe von rund 8 Milliarden Mark - die Stiftung zur Förderung der nunmehr unter dem Namen "Reiss-Engelhorn-Museen" firmierenden Institution hat er sich also wahrlich leisten können. Obwohl er bereits seit 1985 nicht mehr in Mannheim, sondern in der Schweiz und auf den Bermudas lebt und als Mann mit Ecken und Kanten gilt, weiß man in der Quadratestadt doch die historische Linie zu schätzen, mit der der Unternehmer buchstäblich ein Jahrhundert überspannte.

 

Das Museum Schillerhaus im Mannheimer Quadrat B5, eine des Institutionen der Reiss-Engelhorn-Museen. In einem ähnlichen, aber nicht mehr erhaltenen Häuschen auf dem Grundstück direkt daneben verbrachte der Dichter Friedrich Schiller 1785 seine letzten Wochen in Mannheim.
Copyright: Reiss-Engelhorn-Museen/ Foto Jean Christen

 

Natürlich sollten seine Millionen zunächst der Bewahrung und Erweiterung der bestehenden Sammlung dienen. Museumsdirektor Professor Alfried Wieczorek, der in Personalunion auch Vorstandsvorsitzender der Curt-Engelhorn-Stiftung ist (gemäß der Satzung soll diese Konstellation auch in Zukunft so bleiben) nahm das ganz wörtlich und schob zusätzlich zu den beiden Hauptgebäuden zunächst die Etablierung zweier weiterer kleiner Standorte an - der städtischen Fotogalerie Zephyr (angesiedelt im historischen Palais Cuntzmann im Quadrat C4) und des kuscheligen kleinen Museums Schillerhaus (unweit davon im Quadrat B5), mit dem ein Hinterhäuschen aus dem 18. Jahrhundert aufwändig restauriert wurde (für die Millionenkosten kam allerdings nicht nur die Curt-Engelhorn-Stiftung auf). Es ist auch nicht das Häuschen, in dem der Dichter Friedrich Schiller während seiner schwierigen Mannheimer Zeit (1783-1785) zuletzt zur Untermiete wohnte, aber immerhin der letzte authentische Rest einer solchen Wohnbebauung und direkt auf dem Anwesen neben Schillers damaliger Behausung, die nicht mehr erhalten ist.

 

Darüber hinaus wurden mithilfe der Stiftung Institutionen an den Reiss-Engelhorn-Museen geschaffen, von denen das Haus früher nicht einmal geträumt hätte: beispielsweise das Forum Internationale Photographie (FIP), das Zentrum Internationale Kunst- und Kulturgeschichte oder das Zentrum Archäometrieals An-Institut der Universität Tübingen. Derartige Forschungsinstitute, die auch jungen Wissenschaftlern für Praktika und Doktorarbeiten offen stehen, sowie die Möglichkeit international bedeutender Ausstellungsprojekte hoben die Reiss-Engelhorn-Museen binnen weniger Jahre auf die Ebene von Global Playern - es gibt intensive Vernetzungen mit Fachleuten und Museumsinstitutionen in China ebenso wie in Amerika und im  Nahen Osten. In Deutschland besteht beispielsweise eine bewährte Kooperation mit dem Martin-Gropius-Bau in Berlin; das Mannheimer Museumsteam hat generell einen hervorragenden wissenschaftlichen Ruf in allen Sparten, die das Haus betreffen.

 

Das spiegelt sich nicht zuletzt in hochkarätigen Sonderausstellungen, die oft aus eigenen Forschungen resultieren, aber zugleich Publikumsrenner sind. „Saladin und die Kreuzfahrer“ (2003/2004) oder „Zeit der Morgenröte - Japans Geschichte und Kultur bis zu den ersten Kaisern“ (2004/2005) zogen Besucher ebenso an wie die kulturhistorische Schau "Pferdestärken - Das Pferd bewegt die Menschheit" (2007) und das sensationelle "Mumien"-Projekt, das aus der Entdeckung eines verschollenen Mumienbestandes in der eigenen Sammlung hervorging (2007/2008). In enger Kooperation mit chinesischen Kollegen waren originale Ausstellungsstücke aus Zentralchina erstmals in der Schau "Ursprünge der Seidenstraße" zu sehen (2008) und das Jahr 2008 wird beschlossen mit "Homer - Der Mythos von Troja in Dichtung und Kunst". Zwei große Ausstellungen jedes Jahr (und etliche kleinere) - schließlich soll in der wissenschaftlichen Arbeit des Museums die Geschichte der ganzen Menschheit thematisiert werden, ein Anspruch, der ja auch im historischen Sammlungsbestand bereits angelegt ist.

 

Nicht zuletzt durch Fachkongresse und Tagungen werden die Reiss-Engelhorn-Museen immer wieder zum Faktor auf der internationalen Museumsszene. In diesem Zusammenhang spielt auch die Förderung junger Wissenschaftler eine fundamentale Rolle: Sie sollen in Mannheim eine museumspraktische Zusatzausbildung absolvieren können. Den Anspruch des Hauses vertreten nicht nur die aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft stammenden Persönlichkeiten des Stiftungsrates, sondern vor allem auch die renommierten Fachleute, die das Stiftungskuratorium bilden: Da finden sich nämlich Vertreter internationaler Museen und Museumsverbände aus Berlin, Frankfurt, Wien, Paris und Zürich. Mit den Mannheimer „Reiss-Engelhorn-Museen“ wird weit über Mannheim hinaus gerechnet - als Konkurrent und als verlässlicher Partner.

 

Im Jahr 2008 war noch ein bedeutender Zuwachs zu verzeichnen, denn wo einmal Spender ihre Konten öffnen, finden sich unversehens auch andere: Die in Garmisch-Partenkirchen lebende Pianistin Ellen Bassermann - die Mannheimer Familie Bassermann ist in der Kulturgeschichte vor allem präsent durch den Schauspieler Albert Bassermann (1867-1952) - stiftete insgesamt 12 Millionen Euro  für den Bau eines "Bassermann-Hauses für Musik und Kunst", das auf historischem Boden direkt neben dem Palais Cuntzmann errichtet werden soll. Der sechsgeschossige Bau im Quadrat C 4 soll eine spektakuläre Instrumentensammlung von der Steinzeit bis zur Popkultur beherbergen sowie in Unter- und Dachgeschoss das Klaus-Tschira-Labor für physikalische Altersbestimmung (Klaus Tschira - noch ein hoch motivierter Mäzen aus der Region, dieses Mal auf dem Feld der Wissenschaft). Noch im Oktober 2008 fand die Grundsteinlegung statt, Eröffnung soll bereits 2010 sein.

 

Info:

- www.rem-mannheim.de

- http://de.wikipedia.org/wiki/Reiss-Engelhorn-Museen

- Im Dezember 2012 erhielt Museumsdirektor Alfried Wieczorek den Stauferpreis. Der "Premio Federichino" wird von der Gesellschaft für Staufische Geschichte Göppingen gemeinsam mit Partnern aus Jesi und Palermo verliehen, um Personen zu würdigen, die sich im Geist des Stauferkaisers Friedrich II. kulturell, sozial und politisch engagieren. Eine Rolle für die Ehrung spielte dabei sicher auch die Ausstellung "Die Staufer und Italien", die 2010/2011 mehr als 237.000 Besucher in die Reiss-Engelhorn-Museen lockte.

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