Das Mannheimer Schloss – Teil 1: der Beginn unter Kurfürst Carl Philipp

 

 

Hofmaler Johann Philipp van der Schlichten (1681-1745) malte um 1733 das Staatsporträt des pfälzischen Kurfürsten Carl Philipp in Prunkrüstung. Dass der Kurfürst auch ein eifriger Bauherr war, ergibt sich aus den Plänen auf dem Hocker im Vordergrund und der monumentalen Architektur im Hintergrund. Das Bild befindet sich in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen.

 

 

Das Treppenhaus des Mannheimer Schlosses, mit seinem zweiseitigen, großzügigen Aufgang, den feinen Stuckaturen von Paul Egell und den Deckengemälden Cosmas Damian Asams eines der schönsten im deutschen Schlossbau.
Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

 

 

Die kostbare Boulle-Uhr aus dem Nachlass von Carl Philipps Bruder Jan Wellem ließ Carl Philipp 1731 aus Düsseldorf ins neue Mannheimer Schloss bringen. Die um 1710 in Paris entstandene Kostbarkeit ist heute wieder in den Mannheimer Prunkräumen zu sehen. Foto: Landesmedienzenrum Baden-Württemberg

 

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03-07-2007

Ein Domizil für Staat und Herrscher

Der Aufbau des Mannheimer Barockschlosses unter Kurfürst Carl Philipp von 1720 bis 1742

 

Von Christel Heybrock

 

Schlösser – prachtvolle Anlagen als Zeichen feudaler Herrschaft. Gebaut im Auftrag und nach den Wünschen von Fürsten, dienten sie keinem andern Zweck als deren Plaisir und Selbstdarstellung. Voll von Prunk und Preziosen, lassen sie sich heute noch bestaunen als Überbleibsel ferner Zeiten, aus denen sie irgendwie in voller Schönheit überdauert haben. „Bewundert uns!“ scheinen sie immer noch zu rufen. Es sieht so aus, als würden sie in ihrer Unnahbarkeit auch die nächsten Jahrhunderte mühelos überstehen.

 

Aber so ist es nicht und ganz so war es nie. Kaum eine Schlossanlage in Europa hat sich als so gefährdet erwiesen und wurde über derartige Hindernisse hinweg halbwegs gerettet wie das Mannheimer Barockschloss, das zugleich auch eines der größten in Europa ist. Gebaut wurde es weniger für einen machtbesessenen Potentaten als vielmehr für einen Staat: die Kurpfalz, ein im 18. Jahrhundert politisch immer noch höchst einflussreiches, wenn auch geographisch zerrissenes Gebilde, gehörten doch außer einem Flickenteppich zwischen Hunsrück und Odenwald auch Teile des Saarlands, Bayerns sowie die weit nördlich gelegenen Herzogtümer Jülich und Berg dazu, ja sogar das Marquisat Bergen op Zoom und weitere kleine Gebiete in Holland. Jülich und Berg hatte Kurfürst Johann Wilhelm, der in Düsseldorf heute noch geliebte Jan Wellem (1658-1716), im Jahr 1679 von seinem Vater erhalten.

 

Eigentlich war seit Jahrhunderten Heidelberg Haupt- und Residenzstadt der Kurpfalz, aber nachdem die Truppen Ludwigs XIV. Stadt und Schloss im Pfälzischen Erbfolgekrieg zweimal verwüstet hatten (1689 und 1693), zog Jan Wellem es vor, in Düsseldorf zu residieren, obwohl er eigentlich vorhatte, das Heidelberger Schloss wieder herzurichten – es blieb bei der Instandsetzung einiger Räume, in denen er vorübergehend wohnen konnte, wenn er sich in seinem Kernland aufhielt. Nachdem seine beiden Ehen ohne Nachkommen geblieben waren, übernahm nach seinem Tod sein jüngerer Bruder Carl Philipp (1661-1742) die Kurwürde - von den 17 Kindern seiner Eltern war er das siebte. Carl Philipp ließ sich 1718 mutig wieder in Heidelberg nieder. Aber er war wie Jan Wellem strikt katholisch und bekam dort mit dem reformierten Kirchenrat Streit: Es ging um die Nutzung der Heidelberger Heiliggeistkirche, die per Dekret damals beiden Konfessionen zur Verfügung stand und die Carl Philipp nun gänzlich als katholisches Gotteshaus und Grabkirche seines Adelsgeschlechts, der Wittelsbacher, beanspruchte. Zudem sollte der protestantische Heidelberger Katechismus verboten werden, und der Kurfürst unterstrich seine Forderungen mit einer gewissen militärischen Präsenz.

 

Auch damals jedoch konnte ein Herrscher nicht tun und lassen, was ihm in den Sinn kam. Die protestantischen Staaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation stellten sich ihren Glaubensgenossen am Neckar zur Seite und selbst der Kaiser setzte dem Kurfürst Grenzen, so dass der erboste Carl Philipp seine Huld gänzlich von Heidelberg abzog und die Residenz im April 1720 ins nahe Mannheim verlegte. Und dort gab es, was insgeheim auch Jan Wellem und womöglich schon dessen Vorgänger erträumt hatten – Platz für ein repräsentatives Schloss in der Ebene. Die mehr als ein Jahrhundert zuvor errichtete Zitadelle mit der kleinen Friedrichsburg war, welch ein Glücksfall, 1689 (ebenso wie Heidelberg und die ganze Region) von französischen Truppen überfallen worden, und auf den Ruinen der Burg sowie darüber hinaus ließ sich ein Schloss planen, in dem man auch Verwaltungs- und Regierungsgeschäfte abwickeln konnte. Die Zeiten und die Ansprüche auch von Kurfürsten hatten sich verändert, und Carl Philipp war auch aus diesem Grund froh, dass er den alten Kasten, das zerstörte Heidelberger Schloss, nicht wieder herrichten musste.

 

Der Riesenbau, der heute noch in Mannheim steht (bei den umfangreichen Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten der letzten Jahre wurden die Grundmauern der Friedrichsburg wieder entdeckt), ist also eine Schöpfung Carl Philipps, der hier nicht nur wohnen und Hof halten, sondern auch Staatsgäste empfangen sowie Ämter und Behörden unter seinem Dach haben wollte. Ein Lustschloss war nicht vorgesehen, das gab es ohnehin, nicht weit entfernt, in Schwetzingen, wo Ihro Durchlaucht während der Bauphase wohnte, wenn er sich nicht in Mannheim aufhielt (dort residierte er im Oppenheimer Stadthaus am Marktplatz, später Palais Hillesheim, im Quadrat R 1). Carl Philipp ließ aus Mainz den Architekten Johann Caspar Herwarthel (1876-1720) kommen, der einen Grundplan entwarf, aber leider im November desselben Jahres schon starb. Im Juli 1720 war feierlich der Grundstein dort gelegt worden, wo später die Schlosskirche stehen sollte, und als Nachfolger Herwarthels hatte sich der bislang in Speyerer Diensten befindliche (und da wegen Eigenmächtigkeiten in Ungnade gefallene) Franzose Johann Clemens Froimont (eigentlich Froimon) gefunden, der die Pläne seines Vorgängers zügig umsetzte: Weihnachten 1721 wurde bereits Richtfest auf dem Westteil des Corps de Logis gefeiert. Als der berühmte Balthasar Neumann 1723 die Baustelle besuchte, waren schon Dächer gedeckt, im Mai 1724 wurden Fenster eingesetzt und im selben Jahr die Schlosskirche begonnen, die den Westflügel des Ehrenhofs in rechtem Winkel zur Stadt hin abschließen sollte.

 

Das Appartement des Kurfürsten im ersten Obergeschoss des Mittelbaus, das sogenannte Kurfürstliche Quartier, war 1725 ausgebaut, im Erdgeschoss konnten Amtsräume der Staatsverwaltung sogar schon bezogen werden. Froimon sah sich im April 1726 dann auch in Mannheim etwas degradiert, indem Carl Philipp ihm den vor allem in Bonn tätig gewesenen Guillaume d’Hauberat als Hofbaumeister vor die Nase setzte. Immerhin entwarf Froimon aber noch einen Bau, der nun doch ausschließlich feudalem Amüsement dienen und dem westlichen Ehrenhofflügel jenseits des Riegels der Schlosskirche einen weiteren Trakt hinzufügen sollte: das Ballspielhaus. In Carl Philipps Diensten blieb Froimon noch verantwortlich für die Baustelle bis Frühjahr 1727.

 

Und dann ging es an den Innenausbau, wo Carl Philipp mehr als nur staatstragende Ansprüche realisierte. Obwohl lediglich Reste und teilweise nicht einmal mehr das von der einstigen Schönheit dieser Räume übrig blieben, sind sie es, die uns heute noch den Atem nehmen und schrankenlose Bewunderung abfordern: dieses Treppenhaus im Mittelbau! Diese unglaublich feinen Stuckaturen von Paul Egell, dieses wie von einem großen Atem durchpulste Deckengemälde, das Cosmas Damian Asam 1728 signierte! Und der große Maler machte gleich weiter im Rittersaal, dem zentralen Saal im zentralen Bauteil des Schlosses – 1730 war auch dieses Deckengemälde fertig (keines der Deckengemälde ist erhalten, sie sind nur annähernd zu erahnen in Rekonstruktionen von Carolus Vocke nach dem Zweiten Weltkrieg).

 

Bereits 1726 und dann noch einmal 1730/31 ließ Carl Philipp kostbare Möbel und Gemälde aus der aufgegebenen Residenz des verstorbenen Bruders Jan Wellem in Düsseldorf kommen. Hier zeigt sich, wie pragmatisch auch Herrscher vorgingen, die eigentlich alles fordern und die Bevölkerung nach Belieben auspressen konnten: Nicht nur wahre Schätze, die man nicht hergeben mochte, wurden zwischen den Schlössern eines Herrschaftsgebiets nach Bedarf hin und her bewegt und ausgetauscht, sondern es wurden Möbel, Teppiche, Vorhänge und Gebrauchsgegenstände auch benutzt, bis es nicht mehr ging oder die Dinge zumindest völlig veraltet waren. Die erste Inventarliste des Mannheimer Schlosses von 1727 umfasst nicht nur Möbelstoffe, Baldachine, Sänften und Sessel, sondern sogar Nachtstühle (tragbare Toiletten) und unbrauchbare alte Textilien. Aus Düsseldorf kamen aber auch großformatige Tapisserien, damals teurer als Gemälde, unter anderem vier Stücke der Teniers-Serie mit Bauernszenen nach Bildern des holländischen Malers. Jan Wellem hatte die Bildteppiche 1701 in Brüssel bestellt und sich seit 1706 in Düsseldorf an ihnen delektiert. Unter den 18 Uhren, die 1731 aus Düsseldorf eintrafen, befand sich auch die heute ins Schloss zurückgekehrte Rarität eines Pariser Meisterstücks von André Charles Boulle, entstanden 1710, von Jan Wellem 1711 erworben.

 

Für den Innenausbau des Kurfürstlichen Quartiers, jener vier Säle westlich des Rittersaals und der Kabinette im Eckpavillon, befanden sich seit 1725 Meister ihres Fachs in Carl Philipps Diensten, beispielsweise der Kabinettstischler Franz Zeller, der Marmorier Francesco Pedetti, der Stuckateur Clerici sowie Maler und Bildhauer von Rang.  Als Bildprogramm für das Deckengemälde im Treppenhaus hatte Carl Philipp die Irrfahrten und Heimkehr des Aeneas gewählt – war da noch eine Anspielung auf die Vertreibung aus Heidelberg? Wie dem auch sei, die ausufernde Bilderzählung bot Gelegenheit, sogar ein Gruppenporträt der Enkelinnen des Kurfürsten unterzubringen, dreier reizvoller junger Damen, von denen noch die Rede sein wird: Elisabeth Auguste, Maria Anna und Maria Franziska. Von der Ausstattung der kurfürstlichen Prunkräume ist aus Carl Philipps Zeit sonst nur die feine, elegante Stuckdecke des Trabantensaals erhalten. 1731 wurde die Schlosskirche geweiht (vom Ehrenhof-Westflügel konnte man durch einen Korridor direkt dorthin sowie weiter zur Jesuitenkirche als der eigentlichen Pfarrkirche gelangen). Verwaltung und Behörden, Gerichte, Hofkammer, Archiv und geheime Kanzlei zogen in den Westflügel ein, und am 26. November 1731 konnte auch der Kurfürst seine Räume beziehen.

 

Der weitere Ausbau des Schlosskomplexes stagnierte dann bis 1736, aber einen Missstand hatte der bereits in den Siebzigern befindliche alte Herr übersehen: Ein Appartement für eine Frau an seiner Seite fehlte. Carl Philipp war nach zweimaligem Witwertum seit 1729 mit der nicht standesgemäßen Gräfin Violanta Maria Theresia von Thurn und Taxis „morganatisch“ verbunden, und die bekam eine Wohnung im Mezzanin-Geschoss über Carl Philipps Räumen – die Beletage blieb ihr verschlossen. Ein Konflikt entstand daraus noch nicht, Violanta starb auch bereits 1734. Seit 1736 ging es mit dem Ehrenhof-Ostflügel voran, den Carl Philipp für Staatsgäste vorsah, während im Westen seit 1737 ein Opernhaus ans Ballhaus angeschlossen wurde. Die östlichen Prunkräume bekamen Deckengemälde im Gegensatz zu den Stuckdecken des Kurfürstlichen Quartiers im Westen, die Wände wurden mit Tapisserien geschmückt, die Ausstattung ergab mit der Enfilade ein weiteres Raum-Gesamtkunstwerk. 1742 war auch dieser Bauteil östlich des Rittersaals fertig – das Schloss selbst noch lange nicht. Carl Philipp aber war 80 Jahre alt, und das Jahr sollte eine Zeitenwende bringen.

 

Teil 2: Das Mannheimer Schloss unter Carl Theodor

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