Das Mannheimer Barockschloss - eine Dokumentation

 

Das Cover des Bildbandes, den Landeskonservator Wolfgang Wiese zur Wiedereröffnung der Prunkräume im Jahr 2007 zusammenstellte. Das Umschlagfoto zeigt das Bibliothekskabinett der Kurfürstin aus dem 18. Jahrhundert, den einzigen fast original erhaltenen Raum des Mannheimer Barockschlosses.

 

 

Retuschierte Luftaufnahme des Schlosses mit der Eisenbahnlinie im Hintergrund sowie Bismarckstraße und den ersten Quadraten der City im Vordergrund. Inzwischen wurden der Ehrenhof und die stadtseitig gelegenen Flügel wieder mit einem eleganten, teilvergoldeten Zaun abgegrenzt. Foto: Ottheinrich Hauck  

 

 

Das Mittelrisalit des Schlosses. Dort befinden sich Ritter- und Gartensaal sowie eines der schönsten Treppenhäuser im deutschen Schlossbau. Die 2007 beendete Restaurierung durch das Architekturbüro Blocher & Blocher erstreckte sich vor allem auch auf die Prunkräume zu beiden Seiten des Mittelbaus. Der hier noch begrünte Ehrenhof wurde inzwischen gepflastert, wodurch der historische Anblick weitgehend rekonstruiert werden konnte. Foto: Blocher & Blocher

 

 

Grundriss der Beletage im Mittelbau und der beiden Ehrenhof-Flügel. Die beiden Bauteile ganz unten, die sich im rechten Winkel links und rechts anschließen, sind Bibliothek (links, heute Universitäts-Aula) und die Schlosskirche. Die gesamte Schlossanlage ist allerdings noch wesentlich größer.
Foto: Landesdenkmalamt Baden-Württemberg

 

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18-06-2007

Herrschaft und Zerstörung – ein Baudenkmal lebt wieder auf

Landeskonservator Wolfgang Wiese und sein Team dokumentieren in einem umfangreichen Bildband das „Barockschloss Mannheim. Geschichte und Ausstattung“

 

Von Christel Heybrock

 

Wolfgang Wiese ist kein Mann großer Sprüche und großer Gesten. Wo er wirkt, tut er das leise, hartnäckig und intensiv – und mit einem Repertoire an Wissen, auf das man Fundamente gründen kann. Die „Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg“, eine Institution, die sich den Erhalt und die Vermittlung der historischen Kulturgüter des Landes auf ihre Fahnen geschrieben hat, wissen ihren Landeskonservator zu schätzen. Der sorgte schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch aufmerksame Ankäufe von Raritäten dafür, dass ein im Zweiten Weltkrieg zerbombter und später notdürftig zusammengeflickter, von Behörden und einer Universität in Besitz genommener Bau nicht ganz aus dem kulturellen Gedächtnis verschwand: das Mannheimer Barockschloss.

 

Rund 2000 Fenster, fast 1000 nummerierte Räume, ein halber Kilometer Stadtfront (die von der Innenstadt abgewandten, zum Rhein hin orientierten Flügelbauten nicht mit gerechnet) – Dr. Wolfgang Wiese hat die wohl aufregendsten und anstrengendsten Jahre seines Lebens mit dem Schloss verbracht, der Riesenbau stellt mit Sicherheit den Höhepunkt seines Schaffens dar. Natürlich haben auch großzügige Sponsoren und das Land selbst mit finanziellen Mitteln dafür gesorgt, dass der Traum von der Wiederbelebung eines der größten Schlösser Europas realisiert werden konnte. Aber die nötige Umsicht, die bohrenden Fragen, was man noch retten könnte, was sich rekonstruieren ließe und was gänzlich aufgegeben werden musste, die hat den Landeskonservator bewegt. Und der wiederum bewegte ganze Teams von Architekten, Restauratoren, Wissenschaftlern und Firmen, damit der Traum wirklich wurde.

 

Seit Frühjahr 2007 hat Mannheim nun wieder ein Schloss. Die Situation ist ungewöhnlich und fast absurd. Andernorts sind historische Schlösser Kristallisationsfelder der Städte, sie künden nicht nur von glanzvoller Vergangenheit, sondern sind im Bewusstsein der Bevölkerung auch verankert als Glanzstücke urbaner Gegenwart. Das ist in Mannheim ganz anders. Nur wenige Jahrzehnte war die Stadt an Rhein und Neckar einst Residenz. Seit dem frühen 19. Jahrhundert, seit die Kurpfalz badisch wurde, gab das Schloss nur noch eine Art Nebenschauplatz fürstlicher Aktivitäten ab, bis sich im 20. Jahrhundert endgültig Behörden, Finanzämter und zuletzt die Universität seiner bemächtigten. Die Bevölkerung identifizierte sich kaum noch mit dem Bau, der durch Sünden moderner, autoversessener Stadtplaner seiner Gestaltungsfunktion für die City auch brutal entzogen wurde. Dass Mannheim eine faszinierende Barockstadt war und ist, mit bemerkenswerten Platzanlagen, Brunnen und Bauten – das müssen die Bürger, so verrückt es klingt, erst wieder lernen.

 

Nun endlich wird die Innenstadt wieder geprägt vom stolzen Corps de Logis, den Flügelbauten und einem elegant umzäunten Ehrenhof – der Sinn der Stadtanlage mit ihren Quadraten und auf das Schloss bezogenen Straßenachsen wird für die Bürger wieder erfahrbar. Vor allem aber ist der einstige Glanz einer kurfürstlichen Residenz wieder zu ahnen in den neun sorgsam restaurierten, behutsam eingerichteten Prunkräumen der Beletage sowie in einem Museum im Erdgeschoss des Mittelbaus, das auch einen Blick in das einzige Zimmer erlaubt, das aus dem 18. Jahrhundert fast original erhalten ist – das Bibliothekskabinett der Kurfürstin Elisabeth Auguste.

 

Zur Wiedereröffnung hat Wolfgang Wiese zusammen mit Autoren seines Teams einen Bildband herausgegeben, der die wechselvolle, fast tragische Geschichte des Schlosses von seiner Entstehung bis heute nachvollzieht. „Barockschloss Mannheim“ ist zwar ein Bildband geworden, den man genussvoll durchblättern kann, aber wer sich auf die Texte einlässt, sieht sich schnell vor einer ausdauernden, intensiven Arbeit. Es geht hier tatsächlich kaum um Personen und ihre Schicksale, was man ja als spannenden Lesestoff hätte konsumieren können - sondern es geht um das Schicksal eines Bauwerks, seiner Räume und deren Ausstattung, und da haben die Autoren Details zusammen getragen, die den Band sicherlich zum Standardwerk machen. Allein die Durchsicht der bisher vorhandenen Literatur (über Mannheim als Residenz sind viele Bücher und Zeitschriftenaufsätze geschrieben worden) sowie das Aufstöbern von Inventarlisten, Akten, Dokumenten und unveröffentlichten Beiträgen dürfte die bienenfleißigen Autoren Jahre gekostet haben. Eine Arbeit, die jedoch notwendig war als Begleitung, mitunter sicher gar als Voraussetzung für die Klärung von Problemen an dem Bauwerk selbst. Undenkbar, dass die neun Räume hätten instand gesetzt werden können ohne detaillierte Kenntnis ihrer früheren Funktion und Ausstattung.

 

Die Arbeit war umso schwieriger, als das durch Kriegsschäden fast vernichtete Bauwerk in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts zwar nach und nach gesichert und wieder brauchbar gemacht wurde, aber nicht ohne katastrophale Einbußen der historischen Substanz. Allein in Bezug auf die wieder erstandenen Prunksäle gingen die soweit, dass einer der Räume unwiederbringlich in der Tiefe verkürzt wurde, weil ein Aufzug eingebaut wurde, und ein anderer (den es nun wieder gibt) zugunsten eines Treppenhauses komplett aufgegeben worden war. Den großen Anstoß für die Rettung der Bestände, so weit sie sich noch retten ließen, gab, wie Wolfgang Wiese vor Journalisten bekannte, die legendäre „Markgrafen-Auktion“ des Hauses Sotheby 1995, bei der das gesamte Inventar des markgräflichen Schlosses in Baden-Baden versteigert wurde. Bei der Gelegenheit kamen auch die Tapisserien unter den  Hammer, die einst den Mannheimer Räumen die fürstliche Aura verliehen hatten. Das Land erwarb dank seines zupackenden Konservators die 21 Stücke, und dann hieß es: Wohin mit den Riesenwandbehängen? Es gab praktisch keine Räume, in denen man sie hätte unterbringen können. In Frage kam nur das Mannheimer Schloss, das Land geriet (offenbar nicht ungern) in Zugzwang, das Schloss entsprechend instand zu setzen.

 

Die nüchterne Unbestechlichkeit des Landeskonservators führte dazu, dass selbst solche spannenden Geschichten in dem Bildband mit größtem Understatement abgehandelt, ja fast unterschlagen werden. Welche Rolle Wolfgang Wiese für Erforschung und Wiederbelebung des Schlosses gespielt hat: nachlesen kann man es hier nicht, vielleicht auch, weil er anderen Autoren weit mehr Platz zugestand als sich selbst. So kann man sich auf das Gründlichste informieren in den Kapiteln Kathrin Ellwardts über die Phasen des entstehenden Bauwerks und die kurfürstliche Residenz unter Carl Theodor im 18. Jahrhundert sowie bei Katrin Rössler über die Nutzung und Umgestaltung von Sälen unter der badischen Herrschaft (ab 1803). Bei weitem nicht alle Zimmer ließen sich nach fast drei Jahrhunderten und zahlreichen Umbauten identifizieren (im Anhang wurde eine Raumkonkordanz mit beträchtlichen Lücken erstellt), aber in vielen Fällen wiesen die Autoren sogar nach, wo Kammerfrauen, Diener, Büglerinnen und Fensterputzer im Schloss gewohnt hatten.

 

Nach dem Ende der Monarchie 1918 begann eine dramatische Leidenszeit für das Bauwerk, deren Folgen sich wohl nie mehr gänzlich beseitigen lassen. Wie Autor Hartmut Ellrich in diesem Kapitel ausführt (Ellrich gab auch den kleinen Fotoband im Sutton Verlag heraus), ließ sich das Schicksal des Schlosses in der Republik zunächst gar nicht übel an, indem der Historiker Friedrich Walter dort ein Museum einrichtete, das er geschickt immer weiter ausbreitete. Aber dann brach der Krieg aus – und die Lektüre ist auch für jemand, der mit Mannheim nicht verwachsen ist, schwer zu ertragen. Bomben, Brände und die Tatenlosigkeit oder zu spätes Handeln vonseiten der Stadtväter führten zu einem Desaster. Wurden nach den ersten Bombenangriffen die Schäden noch penibel aufgelistet, so musste man bald die Sinnlosigkeit der Registrierung einsehen, weil schließlich fast alles vernichtet war und nur noch verkohltes Mauerwerk stand. Viele Dächer blieben jahrelang offen und boten auch nach dem Krieg noch Regen und Schnee weitere Angriffsmöglichkeiten. Wer diese Fotos sieht, wird kaum fassen können, dass das Schloss „wieder da“ ist, wenn auch mit Einschränkungen.

 

So ganz nebenbei, fast versteckt zwischen den Zeilen, in Anmerkungen und in einer abschließenden Fotomontage, gibt der Band sogar Hoffnung, dass der 2007 erreichte Zustand noch steigerungsfähig sein könnte – wenn denn der Wille von Land und Stadt da wäre. So wäre eine Wiederherstellung des Bibliothekssaales als Meisterwerk des Rokoko-Architekten Nicolas de Pigage tatsächlich möglich: was für eine Aussicht! Der Saal ist heute Universitätsaula und strahlt mönchische Kahlheit aus. Und in den ebenfalls von der Universität genutzten Räumen im rechten Flügelbau vor der Schlosskirche befinden sich noch Originalstuckaturen des 18. Jahrhunderts ... Und überhaupt könnte man doch die schrecklichen Verkehrsadern, die das Schloss heute zwischen Rheinufer und City zur umbrandeten Insel machen, irgendwie verlegen (unterirdisch?), damit die Anbindung zur Innenstadt einerseits und der einstige Schlosspark andererseits wiederhergestellt würden ...

Es sind kühne Träume. Aber manchmal sind Träume drängender als jede banale Wirklichkeit.

 

Info:

„Barockschloss Mannheim. Geschichte und Ausstattung“, herausgegeben von den „Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg“, Konzeption und Koordination von Wolfgang Wiese, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2007, 320 Seiten mit zahlreichen Farb- und SW-Abbildungen, Preis 29,95 Euro, ISBN 978-3-86568-183-6, www.imhof-verlag.de

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