Barber Katalog 2007


Das Cover von Barbers Katalog 2007, den er in der Reihe seiner "Folio Editionen" herausgab. Das Titelbild zeigt ein charakteristisches Beispiel der damals jüngsten Werkphase des Malers, in der die Nichtfarben Schwarz und Weiß mit unendlichen Zwischentönen dominieren: "Inspiration 583E" von 2007 (Maße 81 x 62 cm, Öl/Leinwand).

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27-05-2007

Update 20-03-2017

Malerei ist eine Art zu leben

Wilfried Georg Barbers Katalogbuch von 2007 zeigt die Entwicklung seiner Bilder und seiner Person

Von Christel Heybrock

Mit 66 hat ein Maler ja das Recht, auf sein Lebenswerk zurück zu blicken und Bilanz zu ziehen. Was der 1941 in Köln geborene und nach wechselnden Standorten inzwischen im Odenwald lebende Wilfried Georg Barber allerdings 2007 mit einem schmalen Katalogbuch in eigener Edition vorgelegt hat, ist zwar ein Überblick über die Stationen seines Schaffens seit 1985 – aber Bilanz? Stolzer Blick zurück mit dem Gefühl „das war’s“? Ach nein, Barber hatte sich ja gerade erst eine neue Phase erarbeitet, ein neues Atelier eingerichtet ... sein Katalog ist eher eine kleine Verschnaufpause auf einem Weg, der immer noch weiter geht. Die Lebenswechsel zwischen Köln, Frankfurt, Italien, Mannheim und schließlich Limbach/Odenwald waren immer auch verbunden mit inspirierenden Begegnungen und neuen Akzenten seiner Arbeit. Wenn einer so offen ist für Neues, Anderes verwundert es nicht, dass Barber vielleicht zu den letzten umfassend gebildeten und umfassend interessierten Menschen gehört – ein pictor doctus aus Neugier und steter Faszination, einer, der innen ständig weiter wächst und Anstöße verarbeitet. Die sieht man vornehmlich in seinen Bildern, aber mitunter auch in seinen Büchern, die er als gelernter Grafikdesigner mit Wonne und Sorgfalt selber ediert.

Sowohl was die geografische Region als auch was Barbers malerisches Schaffen betrifft, ist er familiär "vorbelastet". Als er, aus Italien kommend, zwischen 1998 und 2002 sein Atelier in der Mannheimer Seckenheimer Straße eingerichtet hatte, war es gewissermaßen eine kleine Heimkehr. Zwar war Barbers Mutter Kölnerin, aber die väterliche Seite der Familie stammt aus Mannheim, und Mannheims peintre maudit Rudi Baerwind porträtierte einst Großvater Karl Barber, der Mitbegründer der örtlichen CDU und bis in die 1950er Jahre Stadtverordneter in Mannheim war. Laut Enkel Wilfried Georg befindet sich das Bild heute in der Kunsthalle. Beide Familienseiten, die mütterliche wie die väterliche, pflegten die bildende Kunst. Der Kölner Großpapa mütterlicher Seite war zwar Drogist von Beruf, malte aber kleine Naturstudien in Öl, die Mannheimer Großmama väterlicherseits übte sich in Scherenschnitten, und Barbers Vater zeichnete und aquarellierte. In Barber selbst scheinen sich die Talentströme nun konzentruiert zu haben, aber Barber ist zudem ein wortmächtiger Autor, was man in seinen italienischen Erzählungen „Vergessener Garten“ (1995) und dem Bericht „Vindemiatrix“ (2000) nachlesen kann – dort erzählt er die „Geschichte einer Liebe zu einem Weinberg“. Doch wie das so ist mit der Liebe: Manchmal muss man sie zurück lassen, damit das Leben weiter geht. Das Büchlein über die Erfahrungen eines vorübergehend zum italienischen Winzer gewordenen deutschen Malers ist immerhin als Substanz geblieben. Und nicht zuletzt in dem Bändchen „Mein Bild“ (2004) teilte Barber seinen Lesern mit, wie das ist, wenn ein Bild entsteht, wie aus anfänglicher Ratlosigkeit ein Drang, eine Beziehung, ein Ziel wird.


So sahen Barber-Bilder 1985 aus, streng gebaut in fast kristalliner Klarheit mit schönen Kontrasten aus Blau- und Gelbtönen. In diesem Fall hat die Assoziation mit Kirchenfenstern auch mit dem Thema zu tun: Das 90 x 40 cm große Bild in Ölfarben auf Holz entstand zum 200. Geburtsjahr Johann Sebastian Bachs. Das Bild ist übrigens eines der wenigen Beispiele,die sich aus dieser Phase aus Barbers Katalog reproduzieren lassen - die meisten sind so klein wiedergegeben, dass man nicht mehr viel darauf erkennt. Das hat aber Methode (siehe unten).

Von Barbers Büchern freilich ist in seinem Katalog von 2007 nur in Form einer Auflistung die Rede, wichtig sind vielmehr die Stationen seiner Bilder seit den achtziger Jahren. In dieser Zeit hat er stilistisch eine dramatische Entwicklung vollzogen von konturenscharfen, architektonisch „gebauten“ Gemälden, die eine fast sakrale Versunkenheit ausstrahlen – bis zu immer offeneren, freieren Formen und gestischen Kompositionen rein aus der Farbe heraus. Es ist, als habe ein temperamentvoller Geist über Jahrzehnte hin immer mehr Fesseln abgeworfen, während er sich zugleich festigte und zu sich selbst fand. Obwohl Barber in jeder Phase hoch konzentrierte Werke mit intensiver emotionaler Ausstrahlung geschaffen hat, geht er inzwischen völlig souverän mit Farben um, jenen Dämonen, die einem Maler nur dann zu Willen sind, wenn er das Maß erworben hat, mit dem er ihnen Freiheit gibt und zugleich eine natürliche Kontrolle über sie behält.


"Frau Musika spricht" - im Jahr 2002 hatten sich Barbers Bilder bereits radikal verändert in freiere Farbklänge einerseits und gestischen Pinselduktus andererseits. Fasziniert hatte ihn damals auch eine alte Notenschrift des Musiktheoretikers Guido von Arezzo (um 992-1050), die zu geheimnisvollen Zeichen abgewandelt an einigen Stellen des Bildes auftaucht. Barbers enge Beziehung zur Musik trug wesentlich zur Entwicklung seiner Malerei bei. Das abgebildete Werk hat im Original eine Kantenlänge von 115 x 140 cm.

Malerei als eine Art zu leben, zu atmen und zu wachsen – diese Haltung beweist Barber auch in der jüngsten Werkphase von 2007, in der er die großen Gesten, die geisterhaft aufleuchtenden Flächen, die feinen Linien, Tropfen und Brüche, die so oft an Notenschrift, an musikalische Rhythmen erinnern, nicht mehr in mutigen Rots, Blaus und Gelbs anlegt. Stattdessen nimmt er die Grundfarben zurück und überlässt Schwarz, Weiß und Grautönen das Feld. Durch sparsamste Akzente in Rot oder Braun, die mal als dichter Flecken hervordrängen, mal als durchsichtiger Hauch über den anderen Malschichten liegen, setzt er den Nichtfarben feine, dynamisierende Kräfte entgegen. Die meisten Maler, die einmal diese Stufe erreicht haben und ihrer Mittel sicher sind, würden bei dieser Errungenschaft bleiben – bei Barber ahnte man damals schon, dass die nächsten Jahre andere Ergebnisse und andere Bilder hervorbringen würden, und tatsächlich hat sich sein Temperament inzwischen wieder einer breiteren Palette bemächtigt: „Wenn man mit sich lebt und der Seele nachgibt, dann kommt man automatisch zu solchen Momenten, in denen Veränderungen sein müssen. In meinem Lebenslauf mit all den vermeintlichen Brüchen liegt so gesehen eine Logik. Und das Bild ist auch immer der Spiegel meiner aktuellen Lebenssituation“, sagt er in dem Interview mit Heike Mühl, einem der Texte des Katalogbuches.

Wie vielfältig Farbtöne auch bei scheinbarer Zurücknahme von Farben sein können, zeigt der Vergleich der beiden Bilder "Raumgreifend" von 2004 (oben) und "Inspiration Nero" (unten). Eine Tendenz zur Verwendung der Nichtfarben Schwarz und Weiß mit sparsamsten Akzenten in Rottönen macht sich bei Barber bereits 2003 bemerkbar. Diese Werkphase erstreckt sich bis tief ins Jahr 2007: "Inspiration Nero" (= schwarze Inspiration) wird nicht nur durch sanftere Abstufungen von Grau dominiert, sondern auch von einem rötlichen Akzent unten links bestimmt. Mittlerweile (2011) ist Barber aber zu einer Fülle leuchtender Farben zurückgekehrt.

Der Band enthält außer dem lebendigen Dialog mit der Publizistin Heike Mühl und vielfältigen biografischen Details noch eine künstlerische Würdigung des Darmstädter Kunstkritikers Roland Held, der Barbers Arbeit seit langen Jahren begleitet – sowie eine Liebeserklärung an zwei bestimmte Bilder, geschrieben von Barbers Sammler Hans Dieter Kiener. Genug Informationen, um ein anschauliches Porträt des Malers Wilfried Georg Barber zu liefern? Ja und nein – auch die Auswahl von 55 Bildreproduktionen ist immer nur eine Auswahl, wobei Barber den Betrachter richtig ein bisschen quält, indem er seine Bilder streng maßstäblich reproduzierte: die großen Gemälde 1:10, so dass einige nur im Format von Briefmarken erscheinen (!), die kleinen Arbeiten auf Papier dagegen („Caprifoglio) etwa in Originalgröße. Seinem Farbduktus, den Spuren seiner Malwerkzeuge, zu denen nicht nur der Pinsel, sondern auch Spachtel und andere Geräte zählen, kommt man also nur bei den kleinen Formaten richtig nahe, die hier freilich riesengroß scheinen, weil die großen Gemälde im Vergleich zu ihnen klitzeklein sind. (Die Autorin dieser Webseite bekennt, dass sie mit "Inspiration Nero" einen Faux pas begangen und das Bild - so wie "Frau Musika"- von Barbers Homepage herunter geladen hat. Im Katalog hat "Inspiration Nero" noch keine fünf Zentimeter Kantenlänge und ist in seiner Struktur kaum zu ahnen. Im Original misst das Bild 44 x 49 cm, während das Vergleichsbild "Raumgreifend" 140 x 160 cm groß ist.)

Warum dieses Verwirrspiel? Barber führt dem Betrachter damit unversehens den ganzen Blödsinn moderner Reproduktionswut vor Augen. Nichts gegen teure Bildbände, aber die leichte Verfügbarkeit von Reproduktionen versperrt die mit viel größerer Mühe verbundene Auseinandersetzung mit den entsprechenden Originalen – und eigentlich zählen doch nur die! Es gibt Bildbände, in denen die Reproduktionen nicht nur augengerechter, sondern auch noch viel glatter, ästhetischer und süffiger wirken als die Originale. Dem fatalen Einebnen individueller Erscheinungen mittels Reproduktion setzt Barber zumindest den Bewusstseinsanstoß der Formate entgegen: dass seine kleineren Bilder hier quasi als Briefmarke erscheinen und nur die richtig großen das übliche Farbtafelformat haben, rückt einfach das Verhältnis von Realität und Reproduktion zurecht, und wenn es den Betrachter irritiert, dann ist das genau richtig so. Obwohl Barber gelernt hat, seine Emotionen immer freier ins Bild zu setzen und den Betrachter mitzureißen in die Dynamik von Flächen, Farben und Gesten, hat er noch lange nicht das Denken aufgegeben, und Denken fordert er auch von seinen Rezipienten. Wer mag, kann das bei einem Atelierbesuch tun: Sehen – Denken – Diskutieren, bei Barber macht das mehr als nur Spaß, es macht einem ein Stück weit das eigene Leben bewusst.

Info:

Wilfried Georg Barber, „Malerei 1985 – 2007“, mit Texten von Roland Held, Heike Mühl und Hans Dieter Kiener, 2007 Folio Editionen, Wagenschwender Straße 6, 74838 Limbach/Baden, 88 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Preis 29,80 Euro, ISBN 978-3-00-020837-9, www.wilfried-georg-barber.de, E-Mail: ars.barber@t-online.de

Fast zehn Jahre nach der Katalog-Edition legte Wilfried Georg Barber eine erneute Zwischenbilanz vor: "Malerei muss Summe sein" enthält einen autobiografischen Rundumblick über seine künstlerische Entwicklung, die von Begegnungen mit Menschen und Kunst geprägt wurde, aber auch von Chancen und Unmöglichkeiten, von Haupt-, Neben- und Umwegen: Folio Editionen 2016, 184 Seiten mit mehr als 100 Abbildungen, Preis 23,50 Euro, ISBN 978-3-00-054509-2

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