Bernhard Sandfort Permutation


Bernhard Sandfort 2012 in seiner Mannheimer Produzentengalerie "Augenladen", an der Wand die 20 Tafeln seines Zyklus "Permutation aus den fünf Grundfarben" von 1961-1966. Auf der Reproduktion nur zu ahnen ist die präzise ausgeführte Struktur schmaler horizontaler Farbstreifen auf jeder Tafel. Jeweils eine Grundfarbe und eine Verlaufsfarbe sind dabei in Beziehung gesetzt.
Foto: Krzysztof Graf

"Kunst und Kosmos" dankt Bernhard Sandfort, Manfred Rinderspacher und Krzysztof Graf für die freundliche Genehmigung zur Foto-Reproduktion auf dieser Seite. Die beiden Aufnahmen von Manfred Rinderspacher sind Erstveröffentlichungen.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/bernhard-sandfort-permutation.html

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13-04-2013
Update 20-10-2016

Wie Farben kommen und verschwinden

„Permutation aus den fünf Grundfarben“ – ein früher Bilderzyklus von Bernhard Sandfort

Von Christel Heybrock

Fünf Jahre, sagt er, habe er an diesen schmalen Bildtafeln gearbeitet, von 1961-1966. Bernhard Sandfort, 1936 in Köln geboren, hat damals noch gar nicht in Mannheim gelebt, erst seit 1969 fand er hier seinen Lebensmittelpunkt. Und von den großen, 16-teiligen „Metastatischen Bildsystemen“, die er später entwickelte, war wohl auch noch nichts in seinem Kopf. Aber es ist ja immer spannend zu sehen, wie jemand, der später eine ganz große Idee realisiert, sich allmählich herantastet an das Ziel, von dem er selbst noch nichts weiß.

Den Zyklus „Permutation aus den fünf Grundfarben" stellte Sandfort 2012/2013 im „Augenladen“, seiner Mannheimer Produzentengalerie, noch einmal aus, er war auch Bestandteil seiner Retrospektive anlässlich der Verleihung des Heinrich-Vetter-Preises 2016. Der Zyklus ist zwar ein Frühwerk, aber eines von außerordentlicher, faszinierender Qualität. Klingt auch der Titel eher nach kühlem Wissenschaftsprogramm, so ist der Anblick der 20 Tafeln doch ein einziger, intensiver Appell an den Seh-Sinn und eine Erfahrung, die man nicht missen möchte. Ursprünglich hatte Sandfort auch gar nicht an einen Zyklus gedacht, sondern einfach das Verhalten und die Möglichkeiten von Farben untersucht, von jeweils zwei auf einer Bildfläche. Irgendwann wurden 20 einzelne Bilder daraus – weil es nun mal die drei Grundfarben Rot, Blau, Gelb und die zwei Nichtfarben Schwarz und Weiß gibt. Setzt man die je zu zweit in einen Dialog miteinander, kommen eben 20 dabei heraus, fast könnte man sagen: 20 Szenen, bei denen jeweils eine Farbe den Grund bestimmt und eine zweite auf ihr hervortritt und schließlich in ihr verschwindet.


Teilansicht der Serie, die insgesamt 20 Tafeln enthält. Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

Es ist eine ästhetische Erfahrung von größter Sensibilität und unwiderstehlicher Prägnanz. Bei Rot als Grundfarbe zog Sandfort beispielsweise horizontale Linien in Weiß darüber, wobei die Breite der Linien jeweils identisch ist mit der Breite des Zwischenraums, so dass beide Farben einander wie Frage und Antwort entsprechen. Aber die oben liegende, die „Verlaufsfarbe“, tritt nur ganz allmählich als Kontrast hervor, als löse sich eine Gestalt aus dem Nebel. Und da die Bildtafeln auch anders herum gehängt werden können, kann man es auch so lesen, als verschwände die Verlaufsfarbe allmählich in der Grundfarbe. Um dem Betrachter dieses poetischen, sanften und doch so systematischen Spiels das Sehen zu erleichtern, bemalte Sandfort auch die Rahmen jeweils in der Grundfarbe.

Beispielsweise: gelber Rahmen = Grundfarbe Gelb. Darauf tritt Schwarz in schmalen Linien allmählich aus dem Gelb hervor und wird bis hin zur entgegengesetzten Bildkante zu einem entschiedenen Kontrast. Aber es gibt dann auch den schwarzen Rahmen = Grundfarbe Schwarz, auf der dann allmählich Gelb hervortritt – oder Rot, Weiß, Blau ... Jede der fünf Grundfarben bekommt einen Auftritt mit einer der vier anderen, so dass zwanzigmal durchgespielt wird, wie Farben auseinander hervortreten und ineinander verschwinden. Die Reihenfolge der 20 Bildtafeln ist dabei ebenso variabel wie die Oben-/Unten-Hängung, nur als geschlossenen Zyklus will Sandfort die 20 Tafeln mittlerweile verstanden wissen, obwohl er das anfangs nicht so plante: Der Zyklus ergab sich aus der Arbeit und aus der Herausforderung, auch zahlenmäßig alle Variationen durchzuspielen, die ihm die fünf Farben boten.


Permutationen von Blau zu Weiß, von Rot zu Blau, von Gelb zu Rot sowie von Gelb zu Blau. Die Detailansicht gibt einen Eindruck von der Systematik des Linienverlaufs wieder. Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

Die Systematik, die Arbeit mit Linien/Streifen und die Untersuchung von Farben und ihren Möglichkeiten – das hat Sandfort später immer weiter entwickelt. Prägend wurde zusätzlich allerdings ein Aspekt, der in den „Permutationen“ schon ansatzweise zu ahnen ist. Aus der Variabilität der Hängung wurde nämlich später der bewusste Einsatz des Zufalls. Sandfort blieb nicht bei den streng horizontalen Linien, recht bald danach kam er auf die Idee, die Linien/Streifen zu kippen und den Winkel, den die Linien zur Bildkante bilden, „auszuwürfeln“: Konkret wirft er ein Streichholz in die Luft, und in dem Winkel, in dem es zufällig herunterkommt, zieht er den Streifen aufs Bild. Dadurch ergaben sich – immer noch konsequent variabel zu hängende – Bildsysteme von unglaublicher Dramatik und Opulenz.

Die frühen „Permutationen“ jedoch bieten dem Betrachter einen anderen, sehr speziellen Reiz. Die schmalen, jeweils 70 cm hohen Tafeln werden zum Sinnbild von Kontrast und Einebnung, von Entstehen und Verschwinden, von Dominanz und Auflösung. Man assoziiert fast die Stadien organischen Lebens oder sozialer Verhaltensweisen – auch das wäre Sandfort nicht fremd, weist er doch hinsichtlich seiner späteren Bildsysteme zwischen Zufall und Ordnung immer wieder auf die Entsprechung zu sozialen Strukturen menschlichen Lebens hin. Was später so gewaltig, mitunter fast eruptiv auf den Betrachter eindringt, spricht ihn bei den „Permutationen“ sehr leise, aber dennoch entschieden an und suggeriert nicht zuletzt zwanzigmal einen fast musikalischen zeitlichen Ablauf. Es ist, als sähe und hörte man, wie die Farben sich miteinander und gegeneinander bewegen, flüsternd und immer wieder anders, nach einem unaufdringlichen, aber nachdrücklichen Ordnungsprinzip.

Info:
Augenladen, Heinrich-Lanz-Str. 29, 68165 Mannheim, www.bernhardsandfort.de
Bernhard Sandfort erhielt 2016 den Heinrich-Vetter-Kunstpreis der Stadt Mannheim. Die Detailansichten der "Permutation"-Serie wurden in der Preisausstellung in der Galerie Port25 gemacht.

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