Candida Höfer Monografie


Cover der Monographie über die Fotografin Candida Höfer im Verlag Schirmer/Mosel. Das Foto zeigt einen Blick in die Banco de Espana Madrid 2000.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/candida-hoefer-monografie.html

Copyright der Fotografien auf dieser Seite: Candida Höfer - mit freundlicher Genehmigung von Schirmer/Mosel

Sitemap
Übersicht Fotografie

Weitere Titel von Candida Höfer:
"Bibliotheken" und "Opéra de Paris"
Candida Höfer: "Weimar"

22-10-2006/ Update 20-10-2015

Der Raum, ein Abenteuer aus Licht und Farbe

Candida Höfers „Monographie“ mit Werken von 1980 bis 2002 bei Schirmer/Mosel

Von Christel Heybrock

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie ganz allein einen öffentlichen Raum betreten? Ein menschenleeres Treppenhaus, eine Kuranlage, eine Rolltreppe im Bahnhof oder ein Büro, eine Bank? Niemand da, nur Wände, Deckenkonstruktion, Fußboden, bei Innenräumen vielleicht Tische, Stühle, ein Heizkörper unter der Fenstergardine, irgendwo noch eine Lampe. Ist Ihnen unbehaglich?

Der 1944 in Eberswalde geborenen Fotografin Candida Höfer, Tochter des Fernsehjournalisten und Moderators Werner Höfer (1913-1997), geht es da ganz anders. Sie ist offenbar fasziniert von leeren Räumen und hat sie zum großen Thema ihres Lebens gemacht – merkwürdigerweise stören Menschen kaum, wenn sie, selten genug, doch einmal in ihren Bildern auftauchen. Wer Candida Höfers berühmte Bibliotheken, seit 2006 auch die beiden Pariser Opernhäuser in Ausgaben des Münchner Schirmer/Mosel Verlags kennt und sich über das Werk der Künstlerin breiter informieren will, kommt an ihrer „Monographie“ im selben Verlag kaum vorbei. Der Band erschien 2003, als Candida Höfer zusammen mit Martin Kippenberger die Bundesrepublik Deutschland bei der Biennale in Venedig vertrat, aber in der Spannweite eines offenbar unerschöpflichen Themas hat die gewichtige Publikation nichts an Aktualität eingebüßt.

Candida Höfer setze als einstige Schülerin von Bernd Becher die Tradition der Neuen Sachlichkeit fort, betont der Verlag. Solche handlichen Ordnungsbegriffe werden meist herangezogen, wenn etwas Sperriges, schwer Erklärbares einem ratlosen Publikum näher gebracht werden soll. Und tatsächlich guckt und blättert man in diesem Band mit seinen fast 210 Aufnahmen (und einem kurzen, wenig erhellenden Essay von Michael Krüger), ohne gleich zu begreifen, was einen daran Seite für Seite denn so fesselt. Irgendwann fällt es einem wie Schuppen von den Augen – was für ein unglaubliches Raumgefühl sich mitteilt angesichts alberner Resopaltische, leerer Stühle, kahler Korridore oder grauer Sitzreihen in einem ausdruckslosen Vortragssaal. Es sind Räume von einer fast skulpturalen Plastizität, man möchte sie greifen, um ihre Proportionen, ihren Rhythmus, ihre Farben, ja mitunter ihren Geruch zu verstehen. Und es sind trotz aller Nüchternheit, mitunter sogar abweisenden Kälte, Räume von einer Vielfalt und einem Nuancenreichtum, die einem nicht bewusst würden, wenn man tatsächlich da stünde, wo die Fotografin stand: mitten drin,  an einer Tür oder Wandseite, manchmal auch mit einem Blick von unten nach oben oder aus einer dämmerigen Ecke heraus lichtdurchflutete Fenster betrachtend.


Rollentreppenaufgang im Bahnhof  Stadelhofen Zürich 1991 - menschenleer und beklemmend, zugleich von großartiger skulpturaler Wirkung

Nein, unsere eigene Wahrnehmung ist üblicherweise unfähig zur bewussten Distanz; Räume erleben wir in Wirklichkeit als Banalität mit nützlichem Hintergrund – auf einen der Stühle werden wir uns setzen, um zu arbeiten, an dieser grauen Fensterfront werden wir rasch vorbeigehen, die verhängten Tische im leeren Foyer lassen uns mangels gastronomischer Betriebsamkeit kalt, wecken vielleicht gar ein Gefühl von Verlassenheit in uns, und der leere Bahnsteig treibt uns an, diesen Ort möglichst schnell hinter uns zu bringen, wenn hier ein Unhold lauert, ist niemand da, der Hilfe holt. Räume beziehen wir immer nur auf uns selber, wir fragen nicht, wer sie für sich allein sind. Außer wenn wir sie, wie hier, mit den Augen Candida Höfers sehen (und vielleicht lehrt die uns irgendwann auch eine andere Erfahrung von Wirklichkeit).

Ein leerer Raum – was ist das überhaupt außer eingeschlossener Luft? Diese grundsätzliche Frage kann sinnvoll sein als Ausgangspunkt für das Verständnis von Candida Höfers Bildern, denn sie wird genau 209 mal von der Künstlerin völlig unterschiedlich beantwortet. Auch in einem leeren Raum nämlich ist a) immer ein Gegenstand (manchmal sind es mehrere), der den Raum definiert, der seine Ausdehnung vermittelt. Und dabei spielt es b) eine wichtige Rolle, aus welchem Winkel das Licht fällt – auf den Gegenstand, auf den Boden, die Decke, auf Wände und Ecken des Raumes. Schon diese beiden Elemente, ein Ding und das Licht mitsamt dem Schattenwurf, sind unwiederholbar in ihrer Variationsfülle. Das Licht entscheidet auch über die Farbigkeit der Gegenstände. Deren Oberflächen und Materialkonsistenz wiederum entscheiden darüber, wie das Licht sich bricht, ob es auf spiegelglattem Boden die Deckenleuchten reflektiert oder ob es, etwa bei endlosen Stapeln vergilbender Akten in einem Archivraum, das Auge reizt, möglichst an jeder Papierkante, an jedem Pappdeckel hängen zu bleiben.


Das Staatsarchiv Dresden 1999 - ein roter Stuhl als Akzent im Raum

Licht und Dinge als Definition von Räumen. Etwas kommt noch hinzu: der künstlerische Blick, der eine Ordnung festlegt und aus banalem Zufall eine überzeugende Aussage macht. Der Blick, der beim Betrachter für den Kick im Kopf sorgt. Und da ist es bewundernswert, mit welch souveräner Sicherheit und lautloser Intensität Candida Höfer ihre Bildgestaltung anlegt. Um bei dem oben angedeuteten Archivraum zu bleiben (dem Sächsischen Staatsarchiv Dresden): Die Bildfläche ist geteilt in die linke Seite mit den hintereinander gestaffelten, wuchtigen Aktenregalen und die rechte Seite mit gläserner Trennwand, vor der ein paar Stühle stehen (einer davon gibt einen kleinen Akzent in Rot) und einige weiße Kartonstapel. Auf den ersten Blick scheint die Regalseite ungleich schwerer und lastender als die Seite mit den weißen Kartons, und tatsächlich lastet in den Akten auch im übertragenen Sinn das ganze Gewicht der Geschichte. Der weiße Mittelgang ist frei und zieht den Blick in die Tiefe, wo er abgeblockt wird von einer schwarzen Tür, so dass das Auge zurückläuft zu der „Waage“ aus Regalen und weißen Stapeln: Trotz der ungleichen Verteilung liegt ein traumhaftes Gleichgewicht in der Szenerie, weil zwischen den schweren Regalen das Tageslicht eindringt und dem Raum eine rhythmische Leichtigkeit aus diffusen Schatten und Helle gibt.

Auch die Reihenfolge der Doppelseiten in dem Band pendelt Aussagen und Gewichte aufs Feinste aus. Mit dem Blick in einen Arbeits- und Bibliotheksraum der Villa Medici in Rom (2001) wird ein überaus filigraner, unruhiger Eindruck vermittelt: die vielen Buchrücken, die kreuz und quer liegenden Papiere auf den Arbeitstischen, Zeitungsstapel auf dem Boden, ein langer Lichtreflex lässt den rotbraunen Terrazzoboden partiell schneeweiß leuchten, und im hinteren Mittelgrund zieht sich eine blaue Metalltreppe als diagonaler Schnitt zu weiteren Bücherregalen empor. Eine Aufnahme, an deren vielen kleinteiligen Formen man sich kaum satt sieht. Auf der Buchseite daneben das Kontrastprogramm mit dem Architekturmuseum Basel (2001): fast alles ist weiß in leichten Abstufungen zu Grau und Braun, der Raum völlig leer, in diffuses Licht getaucht. Man steht vor einer Front aus milchigen Fenstern, deren dunkle Rechteckrahmungen den dominanten Akzent setzen, wobei die Rechtecklinien kontrastiert werden durch zwei makellos weiße runde Pfeiler davor und durch eine flache, runde Deckenleuchte. Pfeiler und Fensterrahmen setzen sich in feinen braunen Schattenlinien auf dem glatten Fußboden fort, und das Auge, das sich zunehmend einsieht in diese Nuancen aus Licht und Schatten, nimmt entzückt jenseits der Fenster das fein geriffelte Rot eines Ziegeldachs gegenüber wahr und das transparente Grün einer Abdeckfolie, deren konkreter Ort nicht ganz klar wird.

Mitunter sind es auch Inhalte, die mit verstecktem Witz auf einer Doppelseite konkurrieren. Ein Hörsaal der Universität Utrecht (1990) glänzt in edlen Brauntönen mit einer Reihung immer gleicher Stuhlrücken und einer Holztäfelung an der Rückwand, in deren Felder scheinbar endlose Reihen altehrwürdiger Honoratiorenporträts eingelassen sind. Auf der Seite daneben geht es auch um geheimnisvolles Dunkel, aus dem sich beleuchtete Dinge herausheben, aber es ist das Naturhistorische Museum in London (1990), und in der beleuchteten Vitrine sind ausgestopfte Tiere aufgereiht.


Tresorraum der Bank Nürnberg 1999 - Licht und Leere, Zentnergewichte scheinen schwebend leicht.

Manche Räume treten mit weit ausgreifenden, schwingenden Gesten auf, mit Farben wie Trompetenstöße oder mit einer Gliederung kristalliner Brechungen (indem Sitzreihen in unruhigen Winkeln aneinander stoßen). In der Skulpturensammlung der Universität Bonn (1990) scheint ein antiker Diskuswerfer förmlich zum Querflug anzusetzen, während daneben ein feierlicher Saal in der Universität Oslo (2000) mit rotem Samt, weißen Säulen und geschmackvollen Goldornamenten auftrumpft. Eine der wunderbarsten Aufnahmen aber zeigt den Tresorraum der Bank Nürnberg (1999). Ringsum nur die Fronten von Metallkästen, in der Größe gestaffelt. Sechs Halogenleuchten in der kahlen Decke, der Fußboden hell mit einem Muster kleiner Quadrate. Nichts sonst. Doch was für ein Licht! Das Licht schüttet sich über die Metallfronten, sintert in feinen Bögen darüber, lässt Ecken dunkel, entmaterialisiert die Zentnergewichte – wäre nicht der Fußboden mit seiner ruhigen Stumpfheit, man könnte sich glatt unter Wasser glauben.

Infos:

- Candida Höfer, „Monographie“, mit einem Text von Michael Krüger, deutsch-französisch, 252 Seiten mit 209 Farbtafeln, Verlag Schirmer/Mosel, München 2003, ISBN 3-8296-0023-2, Preis 78 Euro, www.schirmer-mosel.com
- Eine große Ausstellung unter dem Titel "Candida Höfer - Projects: Done" fand vom 16. Mai bis 2. August 2009 im Museum Morsbroich Leverkusen statt. Gezeigt wurden 14 z.T. noch nie ausgestellte Projekte der Jahre 1968 bis 2008 (Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, 240 Seiten, 38 Euro). www.museum-morsbroich.de

- Bei Schirmer Mosel erschienen ferner im Jahr 2009:
die Neuauflage von Candida Höfers Band "Portugal" (2006) sowie "Neapel" (Oktober 2009). Der Neapel-Band begleitete zudem eine Ausstellung im neapolitanischen Museo di Capodimonte (Oktober bis Dezember 2009), in dessen Auftrag die Künstlerin die Innenräume fotografierte. Außerdem erhältlich bei Schirmer Mosel sind Fotobände mit Ansichten des Louvre und aus Philadelphia.

Candida Höfer, die in Köln lebt,  erhält 2015 den Cologne Fine Art Preis des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG). Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde zuvor u.a. an Günther Uecker, Tony Cragg und Jürgen Klauke vergeben - Candida Höfer ist damit in prominenter Gesellschaft. Der Galerienverband weist in seiner Presseerklärung auch auf das Frühwerk der Fotokünstlerin hin: Von 1973 bis 1979 dokumentierte sie in einem Langzeitprojekt die damalige Generation von Migranten: "Türken in Deutschland". Zu den 2009 in Leverkusen erstmals ausgestellten Projekten gehörte auch eine Serie von Flipperautomaten (1973).

besucherzaehler-homepage.de