Heribert Montag - der unbekannte Künstler


Heribert Montag (1912-1944) auf einem Foto aus den dreißiger oder vierziger Jahren

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Abbildungen auf dieser Seite stammen aus dem Nachlass des Künstlers, dessen Schwester Ilse Dörr 2007 die freundliche Genehmigung zur Reproduktion erteilte. Nach dem Tod Ilse Dörrs (1919-2015) ist der nachfolgende Rechteinhaber nicht bekannt.

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Übersicht Bildende Kunst

Holzschneider Eugen K. Dörr

13-02-2007
Update 13-10-2015

Fleißig und talentiert– ein junger Mann ohne Zukunft

Heribert Montag (1912-1944), Schwager des Holzschneiders Eugen Dörr, fiel in Russland dem Kriegswahn Adolf Hitlers zum Opfer

Von Christel Heybrock 

Die Eroberungsgier eines Massenmörders und seiner Handlanger kostete im 20. Jahrhundert nicht nur Millionen Menschen das Leben, sondern eine ganze Generation von Überlebenden auch ihre legitime Zukunft. Wie viele Menschen durch den Krieg, den Adolf Hitler gegen die halbe Welt führte, ihrer Entwicklung und Selbstbestimmung beraubt wurden, wird kein Historiker mehr klären können – es waren zu viele. Stellvertretend vor allem für die Künstler, die am Anfang ihres Schaffens standen und keine Chance hatten, eine Identität aus sich selbst heraus zu erarbeiten, sei hier Heribert Montag genannt.

Außer den Menschen, die ihm persönlich verbunden waren, hat niemand diesen Namen je gehört. Geboren am 15. Oktober 1912, mit 32 Jahren vermisst in Russland – seit 1944 hat es kein Lebenszeichen mehr von ihm gegeben, und noch immer, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, dürfte es viele Familien geben, denen ähnliche Verluste zum Trauma wurden. Ob Heribert Montag ein großer Künstler geworden wäre, wenn es den Krieg nicht gegeben hätte? Wer soll das wissen? Sicher ist eines: Er hat ein ebenso unbekanntes wie umfangreiches Werk hinterlassen - etliche Gemälde, ganze Stapel von Aquarellen, Handzeichnungen und anderen Arbeiten auf Papier, sogar einige wenige Plastiken. Alles befand sich im Besitz seiner sieben Jahre jüngeren Schwester Ilse Dörr in Mannheim, der Witwe des Holzschneiders Eugen K. Dörr (1912 – 1983), dem im Gegensatz zu Heribert Montag ein langes Leben und eine beeindruckende künstlerische Entwicklung beschieden waren.

Eugen Dörr und Heribert Montag waren befreundet. Beide im selben Jahr geboren, besuchten sie die Mannheimer Kurfürstenschule und studierten, wie Ilse Dörr berichtete, unter anderem in Abendkursen bei den Malern Albert E. Henselmann (1890 - 1974) und Wilhelm Morano (1885 – 1958), die auf dem Kunstmarkt heute noch einen gewissen Rang als Vertreter der Neuen Sachlichkeit einnehmen. Zumindest Montag studierte auch Bildhauerei bei dem heute vergessenen Eugen Gresser (1880 - 1963). Dörr und Montag hatten beide bereits ihren Brotberuf angetreten in der Werbegrafikabteilung der Mannheimer Traktoren-Firma Lanz (später John Deere), als 1939 der Krieg ausbrach, der ihre Lebenswege auseinander riss. Eugen Dörr konnte nach Kriegsende seine Tätigkeit bei Lanz/John Deere fortsetzen, was ihm lebenslang finanzielle Freiheit und Sicherheit gab, Voraussetzung seines beharrlichen künstlerischen Schaffens, mit dem er sich nie einem Galeristen, Sammler oder einfach „dem Markt“ beugen musste. Heribert Montag dagegen war eine eigene künstlerische Entwicklung versagt.

Was er hinterlassen hat, zeugt von fast manischem Fleiß und einem natürlichen, unverkrampften Talent, nur von einem nicht: von Aufmüpfigkeit, von kritischem Fragen, von Widerspruchsgeist oder einer Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Es ist heute schwer zu vermitteln, welche persönlichen Alltagsstrategien Menschen in einer Diktatur entwickeln, um zwischen Anpassung und Widerstand ihr Leben zu organisieren. Montag scheint einerseits recht integriert und gläubig gewesen zu sein, was die kunstpolitischen Zielsetzungen der Zeit betraf. Andererseits half er, wie Ilse Dörr sich erinnert, jüdischen Freunden zur Flucht nach Tunesien, und die Familie, seit jeher sozialdemokratisch orientiert, hörte regelmäßig verbotene Auslandssender im Radio, obwohl sie von Spitzeln umgeben war. Was Heribert Montag gedacht haben mag, als bereits 1933, wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, der Direktor der Mannheimer Kunsthalle, Gustav Hartlaub, seines Amtes enthoben wurde, ist nicht bekannt; Ilse Dörr war damals zu jung, um die Tragweite dieser Maßnahme einzuschätzen. Wie der junge Mann reagierte, als der führende Galerist der Region, Herbert Tannenbaum, 1936 nach Amsterdam emigrieren musste? Was er dachte, als die Mannheimer Kunsthalle 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ um Hunderte von Werken beraubt wurde? Was er empfand, als sein Lehrer Albert Henselmann 1938 in die Schweiz fliehen musste, weil er Arbeitsverbot und Bedrängnis nicht mehr ertrug? Wir wissen es nicht. Ob Montag später in seinen Kriegserfahrungen jenen Ort in sich selbst fand, an dem er sich sagen musste: „... mit mir nicht“, niemand weiß es.


Doppelseite aus dem Arbeitsbuch von Heribert Montag, in dem er einen unvollendet gebliebenen Werkkatalog anlegte mit Skizzen der einzelnen Arbeiten, Bemerkungen zu ihrer Entstehung und Notierung der nachträglichen Besitzer.

Bei Ilse Dörr fanden sich Arbeiten bereits des 19-Jährigen, kantige, expressive Porträts, ebenso energisch wie tastend und Vorbilder suchend. Ein Indianer 1931 (Modell aus der Kunstschule), die Porträts seiner Eltern oder Menschen seiner Umgebung – es scheint ihm alles leicht gefallen zu sein, und sicher gierte er hin und wieder nach schwierigen Vorbildern. In seinem Arbeitsbuch, dessen Anfänge undatiert in die Zeit vor 1935 zurückgehen, vermerkt er als Nummer 10 und 12 je eine Kopie nach Lovis Corinths flammendem „Apostel Paulus“ aus der Mannheimer Kunsthalle – das großformatige Ölbild, das Montag sich nach einer kleineren Ölstudie zutraute, hing noch lange bei Ilse Dörr, und bemerkenswert ist auch die Zeitnähe seiner Generation zu dem 1911 entstandenen Original von Corinth. Montag kopierte laut dem Arbeitsbuch auch van Gogh, etliche ungenannte Landschafts- und Vedutenmaler mit Ansichten Venedigs, Neapels, des Innsbrucker Winters oder des Heidelberger Schlosses, sowie 1935 Franz von Lenbachs „Schlafenden Hirtenknaben“ und im selben Jahr den Kopf des berühmten Bamberger Reiters in Zementguss. (Auch ein Goethe-Kopf, das sperrig-herbe Porträt einer unbekannten Person sowie eine Brunnenanlage mit Schlange und wasserspeiendem Frosch entstanden als plastische Werke.) Der mittelalterliche „Bamberger Reiter“ aber passte mit seiner stolzen „deutschen“ Haltung natürlich in die kulturpolitische Szene.


Charakteristisches Aquarell von Heribert Montag, vermutlich eine Ansicht vom Mannheimer Neckarufer.

Nach den aller ersten Anfängen mit häufigem Kopieren traute Montag sich bald mehr zu. Ermuntert von seinem Lehrer Wilhelm Morano (er starb 1958 vergessen in Mannheim-Neckarau), der den Schüler im Auto auf Malausflüge mitnahm, arbeitete Montag direkt vor Ort an Darstellungen beispielsweise des Speyerer Doms. Aber es entstanden seit 1935 auch zahllose Aquarelle und Pinselzeichnungen vor der Natur in Mannheims Umgebung, Weidenbäume mit Feldern, Ansichten aus der Nähe von Heidelberg, ein Sonnenuntergang, ein Blick vom Rheindamm, ja sogar die Mannheimer Jesuitenkirche, ein nicht einfach zu bewältigender, anspruchsvoller Barockbau. Im Arbeitsbuch werden zu jeder Werknummer briefmarkengroße Skizzen angelegt nebst Datum und sogar Uhrzeit: Der junge Mann scheint von morgens um 7 bis abends gegen 8 Uhr vor allem im Urlaub unermüdlich tätig gewesen zu sein – hatte er keinen Urlaub, malte und zeichnete er mitunter sogar morgens vorm Gang zur Arbeit.

Im Jahr 1936 konnte er zwei Wochen nach Oberbayern reisen: „Durch K.D.F. war es mir möglich dieses schöne deutsche Stück Land zu erleben“, vermerkt er dazu im Arbeitsbuch – „K.D.F.“ war die Volksertüchtigungs-Aktion „Kraft durch Freude“. Noch 1938 hat Montag, obwohl er Vorbilder eigentlich gar nicht mehr brauchte, andere Maler kopiert, so den Düsseldorfer Hermann Lasch mit einem „Niederrheinischen Gehöft“. Lasch (1861-1926) gehörte mit seinem etwas kantigen Pinselduktus damals offenbar noch zu den beliebten Genre- und Landschaftsmalern; er wird heute mit Marktpreisen zwischen 100 und 300 Euro gehandelt. Die Umstände der Fertigstellung von Heribert Montags Kopie nehmen eine ganze Seite im Arbeitsbuch ein: Montag hatte beim Malen das Radio laufen und hörte die Übertragung von der Grundsteinlegung der Volkswagen-Fabrik durch „den Führer“: „... ist doch die Errichtung der Volkswagen Fabrik eines der gigantischsten Bauwerke im 5. Jahre nationalsozialistischer Aufbau Arbeit“, notiert Montag durchaus bewundernd.

Mit der Nummer 132 im Jahr 1939 bricht das Arbeitsbuch ab. Im Februar 1940 wurde Montag zur militärischen Ausbildung nach Polen eingezogen, wo er seine Landschaften, Wiesen, Bäume und Gehöfte aber unbeirrt weiter malte, fast immer in Aquarell. „Die Bilder habe ich auf meinen sonntäglichen Streifzügen gemalt“, vermerkt er noch als Notiz im Buch, immerhin 22 Blätter zwischen Februar und August. Auch von der darauf folgenden Zeit in der Bretagne und später in Russland schickte Montag seine fleißigen Aquarelle und Zeichnungen nach Hause. Im Jahr 1941 veranstaltete die Wehrmacht sogar eine deutsche Kunstausstellung im besetzten Paris, und Montag war dabei mit zwei Zeichnungen, einem „Schloss“ und einem malerisch verfallenden „Bauernhof“. Der kleine Katalog, ein wenig mehr als postkartengroßes Heft, war bei Ilse Dörr erhalten:

Hätte Heribert Montag den Krieg überlebt, hätte er eine Menge aufzuarbeiten gehabt. Bei seinem Talent, seinem Arbeitseifer hätte er seinem Schaffen eine völlig andere Wendung geben müssen: Verankert in einer Kunstauffassung, die sich letztlich an der Landschaftsmalerei des 17. bis 19. Jahrhunderts orientierte und weit zurück ging hinter die Neue Sachlichkeit seiner Lehrer, hätte er über Bord werfen müssen, was ihn an der eigenen Unverwechselbarkeit gehindert hatte. Die Frage ist, ob er das geschafft hätte in einem radikal veränderten Klima künstlerischen Aufbruchs. Vielleicht. Aber wie Tausende seiner Zeitgenossen bekam er keine Chance. Was nach dem Tod der kinderlos verstorbenen Ilse Dörr aus seinem umfangreichen Nachlass wurde, ist nicht bekannt. Vielleicht sind die Reproduktionen auf dieser Seite das Einzige, was von Heribert Montag geblieben ist.

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