Isolde Ohlbaum


Das Cover des Schirmer/Mosel-Bandes über Isolde Ohlbaums Autoren-Porträts.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/isolde-ohlbaum.html

Zu den ursprünglich geposteten Fotobeispielen auf dieser Seite (Copyright 2008 by Isolde Ohlbaum/courtesy Schirmer/Mosel) sandte Isolde Ohlbaum folgende EMail:

"...ich habe mit dem Klau von Bildern im Internet Riesenprobleme. Gerade eben habe ich es geschafft, mein Foto von Loriot mit Mops von diversen Webseiten entfernen zu lassen. Das geht vom Mopsverein in Berlin bis hin zu Fernsehanstalten und zu Bloggerseiten, die das größte Problem sind... Das Copyright wird einfach ignoriert, es ist wirklich unglaublich.  Deshalb nun doch die Bitte an Sie, die Bilder auf Ihrer homepage entweder mit dem Copyright so dick und groß zu überdrucken, daß sie nicht mehr kopiert werden können oder sie ganz zu entfernen."

"Kunst und Kosmos" hat sich vorerst fürs Entfernen entschieden und bittet die Besucher um Verständnis.


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Übersicht Fotografie

25-05-2010
Update 31-12-2015


Verborgene Sprache von Gesten und Gesichtern

Isolde Ohlbaums „Bilder des literarischen Lebens – Photographien aus vier Jahrzehnten“ bei Schirmer/Mosel

Von Christel Heybrock

Zwischen Herbert Achternbusch und Carl Zuckmayer liegen rund 350 Ansichten von schreibenden Menschen, und das Werk der Porträtfotografin Isolde Ohlbaum ist damit nicht zu Ende. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts bannt sie Schriftsteller, Philosophen, Kritiker und andere Wortgewaltige aufs Fotopapier, und als Verleger Lothar Schirmer 2008 einen Fotoband über ihr Werk herausgeben wollte, brauchte er, wie er im Vorwort des voluminösen Bandes bekannte, fünf Wochenenden, um sich von der Fotografin durch ihr Archiv „navigieren“ zu lassen. Mit dem Band allerdings wurde erstmals ein großer Teil von Isolde Ohlbaums Schaffen zwischen Buchdeckeln versammelt und damit übersichtlich publiziert – bisher waren ihre Porträts verstreut in Presseorganen, Katalogen, Einbandklappen.

Schriftsteller zu fotografieren, ruft die Frage nach Authentizität hervor. Schriftsteller definieren sich über Worte, nicht über ihr Gesicht. Was sich im Gesicht eines Schriftstellers äußert, ist womöglich nicht relevant für seine Person, sein Werk, sein Denken. Braucht „man“ – brauchen die Leser, braucht eine interessierte Öffentlichkeit überhaupt die Kenntnis seines Gesichts, seiner Person? Nicht umsonst ist vielen Autoren mulmig dabei, Patrick Süskind beispielsweise, Autor des Romans „Das Parfum“, ist als Person bekanntermaßen so scheu, dass er sich bisher praktisch nicht fotografieren ließ und als visuelle Erscheinung eigentlich unbekannt ist. Kein Wunder, dass er auch bei Isolde Ohlbaum nicht vorkommt (unwahrscheinlich, dass Lothar Schirmer bei der Foto-Auswahl die Sensation eines Süskind-Porträts übersehen hätte).

Autor Cees Nooteboom dagegen wurde von Isolde Ohlbaums Kamera festgehalten. Er fügt der Skepsis über die Aussagekraft der Fotografie im Vorwort des Bildbandes ein anderes Argument hinzu: Die besondere Schwierigkeit, einen Schriftsteller zu porträtieren, liege darin, dass diese Leute bei ihrem Tun normalerweise völlig zurückgezogen und ohne Zuschauer blieben, so dass schon die Situation des Fotografiertwerdens im Grunde etwas Falsches, Konstruiertes habe. Dabei schaut er aber selber so entspannt, ja heiter in die Fotolinse, als sähe er in ein völlig vertrautes Gegenüber, und in seinem Text kommt er zu dem Schluss, dass die Fotografin einen untrüglichen Instinkt für die Gunst des Augenblicks habe und dass sie mit Licht nichts anderes täte als die Schriftsteller mit Worten. Nooteboom bewundert vor allem die Gestik der Hände, die er als „Theatralik“ empfindet – womöglich ist dieser im Deutschen doch etwas zweifelhafte Begriff der Übersetzung geschuldet, denn gemeint ist wohl eher der unwillkürliche Ausdruck, den die Porträtierten über ihre Hände selbst dann vermitteln, wenn sie sie, wie im Fall Hans Magnus Enzensberger, im Wintermantel vergraben.

Was man Isolde Ohlbaum allerdings zugestehen muss, ist nicht nur ein Instinkt für den richtigen Augenblick, sondern auch für Körpersprachen, Umgebungen und Gesichter. Ihre „Modelle“ blicken den Betrachter fast immer völlig gelöst und unverkrampft an und wirken selbst dann natürlich, wenn ihr Verhalten eher von Scheu geprägt ist. So taucht H.C. Artmann (1921-2000) wie für einen kurzen Moment in der geöffneten Wohnungstür auf: Ist er im Begriff, herauszutreten oder macht er die Tür erschrocken gleich hinter sich zu? Krimiautorin Donna Leon verbirgt sich dramatisch zwischen den Falten einer enormen Draperie, und Günter Herburger schaut dunklen Blicks aus geheimnisvollem Dämmer. Auch Per Olof Enquist präsentiert sich nicht ganzfigurig, sondern gleichsam als eindringlicher Beobachter zwischen zwei Baumstämmen hervor. In allen Posen und Umgebungen sind fundamentale Hinweise auf Wesen und Denken der fotografierten Personen enthalten, wobei natürlich das Auftreten junger, zum Teil wenig bekannter Autoren anders und nicht so beziehungsreich scheint. Die Frische ihrer Gesichter fasziniert zwar den Betrachter, aber sie wirken oft „unbeschrieben“ und noch erfahrungslos.

Viele Autoren hatten offenbar das Bedürfnis, ein Stück emotionaler Lebensnormalität zu präsentieren und zeigen sich in zärtlichem Umgang mit ihren Haustieren. Bei Vicco von Bülow alias Loriot (1923-2011) ist es allerdings die Frage, wer hier eigentlich porträtiert wurde: das Herrchen oder der Hund mit seiner unergründlichen Gesichtslandschaft? Beide verschmelzen zu einer einzigartigen Figurengruppe, wobei sogar die lässig über Loriots nackten, behaarten Arm gelegte Hundepfote von intimer Verwandtschaft kündet. Kritikerin Elke Heidenreich, Gegenstand einer der wenigen Farbfotografien, turtelt dagegen liegend im Grünen mit ihren Katzen und gönnt der Kamera nicht mal ein Aufblicken. Auch Lyrikerin Sarah Kirsch (1935-2013) und die Frankfurter Autorin Eva Demski zählen Katzen zu ihren Lebensgefährten, wobei sie angesichts der Kamera allerdings eine behutsame Distanz einkalkulieren – Eva Demski blickt von der Schreibmaschine auf (mit so was wurden 1981 noch Bücher geschrieben), während die Katze offenbar neugierig von der Tischkante zu ihr herübersieht.

Heinar Kipphardt (1922-1982) nebst Hund zeigt sich, statt zuhause im Ledersessel oder gemütlich am Caféhaustisch, in einer überraschend instabilen Szenerie, mit der er fast verschmilzt, nämlich auf einer hölzernen Stegbrücke, unter der sich im Wasser Bäume und Himmel spiegeln. Kipphardt, halb herunter gebeugt und die Hände aufs Geländer gestützt, scheint mit dem gleichen interessierten Blick zur Kamera zu schauen wie das Tier. Beide treten genau in der horizontalen Bildmitte auf, zwischen Himmel und Wasser, so dass sich auf einer unterbewussten Wahrnehmungsebene der Eindruck herstellt, sie seien Vermittler zwischen Welten – was sonst ist denn auch die Funktion eines Schriftstellers? Aber wenn es um ein Fast-Verschwinden in einer Naturumgebung geht, fasziniert ausgerechnet auch Robert Gernhardt (1937-2006), der sich zwischen die ausgreifenden Wurzeln eines alten Baumes am Ufer schmiegt.

Natur als offenbar bedeutsame Umgebung für einen Autor spielt im übrigen kaum eine Rolle, der Schreibtisch ist eher der Ort, an dem sein Leben stattfindet, und da gelangen Isolde Ohlbaum vor allem zwei unvergessliche Aufnahmen: Einmal Friederike Mayröcker, wie sie sich an der Olivetti-Schreibmaschine fast krampfhaft festhält, sitzend vor einem von Stiften und Schreibutensilien übersäten Tisch, neben sich einen gefährlichen Turm von rutschgefährdeten Büchern und Papieren, der sie um die Höhe ihrer Sitzfigur überragt und sich oberhalb der Bildkante weiter empor schrauben dürfte – die Aufnahme wirkt wie das Urbild einer von ihren eigenen Gedanken getriebenen und gefährdeten Person.

Zum andern ist da die Sequenz über Salman Rushdie, den mit einer Todesdrohung verfolgten Autor der „Satanischen Verse“, den Isolde Ohlbaum 1982 in London aufsuchte. Damals allerdings war Rushdie noch kaum bekannt; für seinen Roman „Mitternachtskinder“ hatte er eben erst den Booker-Preis erhalten. Die “Satanischen Verse“, die sein Leben aufgrund der von Ayatollah Chomeini verhängten Fatwa völlig verändern sollten, erschienen erst 1988. Isolde Ohlbaums Fotosequenz scheint nachträglich fast visionär – sie beginnt mit einem skeptisch in die Kamera blickenden Autor, zeigt ihn dann im Profil an der mit einem einzigen Finger bearbeiteten Schreibmaschine, und endet mit Rushdies verlassenem Arbeitsplatz, in der Maschine steckt noch ein Papierbogen, das Telefon daneben, Blätter, ein Stift, ein Blick durchs Fenster auf eine trübe, unkenntliche Außenwelt.

Zu Isolde Ohlbaums Lebenswerk gehören Ikonen der Porträtfotografie wie die schöne Aufnahme von Gisela Elsner (1937-1992) aus dem Jahr 1983. Die Autorin mit dem markant toupierten Haarwust ist das Bild einer faszinierenden, tragisch an sich selbst scheiternden Persönlichkeit, die sich neun Jahre später das Leben nehmen sollte. Es gehört aber auch die Aufnahme der in Heidelberg ansässigen Hilde Domin (1909-2006) dazu, wie sie durchs halb geöffnete Gartentor auf den Betrachter zugeht – Offenheit für ihre Leser gehörte zu den spezifischen Verhaltensweisen der Lyrikerin, so dass sich in solchen Augenblicken Persönlichkeitsaspekte zeigen, ohne dass die Szene jemals konstruiert wirkt.

Auf besondere Weise berührend sind Aufnahmen, wenn Isolde Ohlbaum Autoren über längere Zeit immer wieder porträtieren konnte. Dies hat sich beispielsweise bei Peter Handke und Elfriede Jelinek ergeben, deren Älterwerden sich so verfolgen lässt. Handke, 1978 in Siena ein jugendlicher Fußballspieler mit wehendem Haar, wirkt zehn Jahre später wie ein feinsinniger, introvertierter Ästhet, zwanzig Jahre später am Fuß eines von Efeu überwucherten Baumstamms wie ein empfindlicher Eremit. 2007 steht er schließlich in der Pose eines milde lächelnden Weltweisen da. Die stets halbfigurigen Aufnahmen sind umso verblüffender, als Handke 1988 und 2007 die gleiche Körper- und Kopfhaltung einnimmt, immer etwas diagonal, immer den Blick kaum merklich von oben herab.

Ganz anders die Serie über Elfriede Jelinek, die 1979 in München den Anblick einer aparten jungen Schönheit bietet und sechs Jahre später in Wien mit traurigem Lächeln die offenbar letzte emotionale Regung zeigt. 1987 und 1988 ist ihr Gesicht das einer unberührbaren Statue, und 1992 steht sie zwischen exotischem Blattwerk, die schmale Figur in einer viel zu großen, etwas brutalen Lederjacke, die Gesichtszüge zur bleichen Maske erstarrt. Wer Elfriede Jelineks Bücher mag, wird diese Entwicklung sicher angemessen einordnen können.

Nicht immer sind Schriftsteller bereit, sich für ihre Leser als visuelle Erscheinung zu inszenieren, manche antworten mit dem Versuch einer Gegenreaktion. Thomas Brasch (1945-2001) kehrt der Fotografin schnöde den Rücken zu. Weil er dabei aber vor einer Spiegelwand steht, fällt sein Blick umso interessierter auf den Vorgang hinter ihm – und siehe da, außer dem mit Wasserflaschen und Papieren beladenen Tisch ist auch Isolde Ohlbaum ins Bild geraten, just in dem Moment, in dem sie auf den Auslöser drückt. Welchen Erfolg allerdings Friedrich Christian Delius hatte, sehen wir leider nicht mehr: Er reagierte aufs Fotografiertwerden mit der eigenen Kamera in der Hand, aber Isolde Ohlbaum war schneller, und sein angespannter Blick könnte auf die Situation hindeuten, dass da einer dem andern zuvorkommen wollte. Freilich kann es auch sein, dass Delius als engagierter Realist sich mit dem unbestechlichen Fotogerät in der Hand adäquat porträtiert sah.

Manchmal aber ist es wirklich nur ein Gesicht, dessen vom Leben geprägte Züge den Betrachter berühren. Der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900-2002) schickt unter faltenreicher Stirn einen Blick in die Welt, der von Skepsis, Erfahrungen und von tiefem Verstehen kündet – Gadamer war damals 98. Von knochenharter Physiognomie dagegen der seinerzeit 80-jährige Carl Zuckmayer (1896-1977), dessen Porträt von einer seltsamen Spannung lebt: Die gleichsam holzgeschnitzten Formen seines Gesichts auf der linken Bildhälfte werden aufgewogen von den federleicht empor wirbelnden Rauchwolken seiner Pfeife auf der rechten Bildhälfte. Als wären es die Gedanken eines Autors, dessen „Fröhlicher Weinberg“ einst ein humoristischer Riesenerfolg war.

Auf Isolde Ohlbaums besondere Beziehung zu Vertretern der schreibenden Zunft waren Verlage und Redaktionen schon in den siebziger Jahren aufmerksam geworden. Als ehemalige Sekretärin im Hanser Verlag stand sie den Menschen vor ihrer Kamera mit ungewöhnlicher Einfühlsamkeit und zugleich freundlicher Distanz gegenüber. Wie Artur Schattinger in einem Beitrag der Zeitschrift "Lektüre" 1978 schrieb, hatte man Schriftsteller nie zuvor so locker und alltäglich gesehen - ganz im Gegensatz zu den geheimnisschwangeren Dramatisierungen oder hämischen Verzerrungen, mit denen sie von Isolde Ohlbaums Kollegen in Szene gesetzt wurden. Außerdem war die Fotografin schon damals überzeugt, dass Frauen angemessener von Frauen fotografiert würden: "Ich habe manchmal das Gefühl, da sitzen Männer und hau'n die Frauen in die Pfanne," sagte sie in "Lektüre". Und: "Die meisten Leser wissen gar nicht, wie manipuliert wird, ich habe es auch nicht geglaubt, bevor ich in der Branche war."

Infos:
- Isolde Ohlbaum: „Bilder des literarischen Lebens. Photographien aus vier Jahrzehnten“, mit einem Vorwort von Cees Nooteboom, 360 Seiten, 352 Farb- und Duotonetafeln, Verlag Schirmer/Mosel, München 2008, Preis 68 Euro, ISBN 978-3-8296-0385-0. Die Vorzugsausgabe im Leinenschuber mit einer signierten Originalfotografie kostet 298 Euro (Auflage 300 Exemplare). www.schirmer-mosel.com
- Aus Anlass der Publikation veranstaltete der Schirmer/Mosel Verlag eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus (Salvatorplatz 1, vom 24. September bis 9. November 2008).
- Artur Schattinger in "Lektüre" 3(1978)11, S.83-87

http://www.besucherzaehler-homepage.de