Japans Frühzeit bis zum Kaiserreich

Rekonstruktion eines Kriegers mit Schild aus der Kofun-Zeit (Mitte 5. Jh. n.Chr.).Die Figurine hat eine Höhe von 160 cm und wurde nach Funden aus dem Kurohime-yama-Grabhügel (Präfektur Osaka) hergestellt. Das Material der Rüstung besteht aus 1 mm starken Eisenblechen mit farblosem Rohlack und an den Lamellen mit schwarzer Lackierung. Die Schnüren sind aus Hirschleder. Der prachtvolle Schild ist eine Nachbildung aus dem Izumi-Kogane-zuka-Grabhügel (Ende 4. Jh. n.Chr., Präfektur Osaka). Getreu dem Original wurde dafür Rindsleder, eine schwarze Lackierung und ein Muster aus Baumwollfäden verwendet (im Original bestand das Muster aus Seide). Wahrscheinlich wurde der Schild nicht im Kampf, sondern zu rituellen Zwecken eingesetzt.

Fotos auf dieser Seite: Katalog "Zeit der Morgenröte. Japans Archäologie und Geschichte bis zu den ersten Kaisern", Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Band 10

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Übersicht Archäologie

26-10-2004

Vom Knoblauchplätzchen zum Herrscherpalast

„Zeit der Morgenröte“, eine Ausstellung informiert über „Japans Archäologie und Geschichte bis zu den ersten Kaisern“

Von Christel Heybrock 

Ehrlich gesagt – sehr appetitlich sehen sie heute nicht mehr aus, aber nach sechs- bis siebentausend Jahren ist das kein Wunder. Erstaunlich eher, dass sie überhaupt noch existieren, die lebkuchen- bis plätzchengroßen Fladen der japanischen Frühjomon-Zeit. Gefunden wurden sie an der Ondashi-Stelle in der Präfektur Yamagata in Mitteljapan. Dort hatten die Ur-Japaner eine Siedlung und hinterließen verkohlte Brötchen sowie andere Backwaren, die recht lecker geschmeckt haben dürften, bestanden sie doch aus Mehl von Baumfrüchten, das mit Jamswurzeln gemischt und mit Schwarznessel, Lauch und Knoblauch gewürzt wurde. Gebacken wurde auf heißen Steinplatten, und dass die kleinen Spiralwülste auf den Plätzchen heute eher an Produkte aus der unteren Körperhälfte erinnern als an Zierelemente, das ahnten die Leute ja damals nicht.

Die karbonisierten (so der Fachausdruck) Bäckereiprodukte sind Teil einer Riesen-Ausstellung von rund 1500 Objekten aus 55 japanischen Museen und anderen Institutionen, mit denen erstmals in dieser Breite die japanische Kultur von den Anfängen vor rund 40.000 Jahren bis zum Buddhismus und den ersten Kaisern vorgeführt wird. Allein die Vorbereitung nahm mehr als fünf Jahre in Anspruch und beschäftigte nur auf japanischer Seite rund 100 Wissenschaftler, ganz zu schweigen von den deutschen Fachleuten und Organisatoren: Alles zusammen verursachte Kosten von rund 3 Millionen Euro. Das Tollste daran ist, dass eine solche Schau, die für lange Zeit Maßstäbe setzen dürfte, in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen starten konnte, bevor sie in den Berliner Martin-Gropius-Bau weiter wandern und endlich in Japan selber, in der alten Kaiserstadt Nara, ihre Tore schließen soll.

Die japanische Archäologie arbeitet mit modernsten Methoden und verzeichnet mit Zehntausenden von Ausgrabungen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht nur großartige Ergebnisse, sondern auch Riesenerfolge in der Bevölkerung. Die immer neuen Erkenntnisse über die Vergangenheit sind von prägender Bedeutung für das Selbstverständnis der Japaner, weil ihre Geschichte Auswirkungen bis in die Gegenwart hat, etwa in der Beziehung zu China und der koreanischen Halbinsel. Da ist es kein Wunder, dass ein Baseballstadion, das in den neunziger Jahren in Aomori auf der Insel Honshu gebaut werden sollte, nicht zustande kam. Kaum hatten archäologische Voruntersuchungen am Bauplatz begonnen, stellte sich der Ort als einstige Großsiedlung der Zylinderkeramik-Kultur heraus mit Tausenden von Fundstücken, Resten von Bebauung, Erdaufschüttungen, Abfallplätzen, einem Wegesystem und Grabanlagen. Rund 1500 Jahre lang scheint die Siedlung bestanden zu haben (vor 5500 bis vor 4000 Jahren), eine Ewigkeit, gemessen an der heutigen schnelllebigen Zeit.

Eine andere Fundstelle ist noch größer – der Asuka-ike-Fund aus der Spätzeit des alten Japan erstreckt sich über zwei Täler und enthielt einst eine Art Industriezentrum mit umfangreichen Werkstätten für Münzen, Eisen- und Kupferverarbeitung, Dachziegel, Glas, Lack und anderes mehr. Damals war bereits ein tiefgreifender sozialer Wandel ausgebrochen, ein zentralisierter Staat mit einem Kaiser an der Spitze war entstanden, Paläste mit ausgedehnten Gartenanlagen wurden errichtet, ein stehendes Heer, Hauptstädte mit gut ausgebautem Straßennetz wurden gegründet, eine straffe, übersichtliche Verwaltung mit durchgefeilter Beamtenstruktur wurde geschaffen, Märkte, Geldwesen und Steuern organisiert, alles Errungenschaften, die bis in die Moderne wirken und damals durch die Kontakte mit dem großen Vorbild China angeregt wurden. Die bis heute tradierte Organisation des Kaiserhofes war dabei dermaßen „erfolgreich“, dass sie im Gegensatz zu den Umwälzungen, die das chinesische Großreich in der Neuzeit erschütterten, sogar die technische Modernisierung Japans überstand (mit allen Verkrustungen, die den betroffenen Menschen inzwischen zur Zerreißprobe werden). Die staatlichen Werkstätten des Asuka-ike-Fundes bedienten eine hoch spezialisierte Gesellschaft mit wachsenden Ansprüchen. Nur einen knappen halben Kilometer entfernt befand sich der Palast des Kaisers Tenmu (672-694), der hier residierte, bevor er die Hauptstadt Fujiwara gründete.

Figurine einer Hofdame der frühen Kaiserzeit (Höhe 170 cm). Das aus Ober- und Unterkleid bestehende, schwere Seidengewand wird von einem reich geschmückten Gürtel zusammengehalten, zugleich fallen lange Streifen eines weißen Stoffes stolaähnlich bis auf den Boden. Frauen trugen keine Kopfbedeckung, aber das Haar mit kunstvollen Kämmen hochgesteckt.

Was die Ausstellung über die reine Wissensvermittlung hinaus so attraktiv macht, ist die aufwändig inszenierte, lebendige Präsentation der Exponate. Kaiserpaläste wurden als große Modelle nachgebaut, Grabanlagen zum Teil als Aufschüttung mit begehbarem Inneren rekonstruiert, eine Reiterfigur gemäß den Grabbeigaben der Spätkofun-Zeit in Originalgröße nachgebildet (2. Hälfte 6. Jahrhundert). Figurinen in Lebensgröße demonstrieren beispielsweise einen kaiserlichen Beamten, eine in schwere Seide gehüllte Hofdame oder Krieger in voller Montur, ein total „eingerüsteter“ Held bekam sogar einen prachtvoll verzierten Schild zur Seite (Foto oben). Die Wandbemalungen von Grabkammern werden mit Hilfe von Großfotos nachvollziehbar – im Taka-matsu-zuka- sowie im Kitora-Grabhügel wurden außer (leider recht verblichenen) Darstellungen von Gottheiten, Tieren und Pflanzen auch astronomische Motive entdeckt, die zumindest pauschale Rückschlüsse auf die Bedeutung der Sterne für die Hofgesellschaft der frühen Kaiserzeit hatten. Beide Grabbauten (Taka-matsu-zuka mit 20 Meter Durchmesser und 5 Meter Höhe, Kitora mit 14 Meter Durchmesser und 3 Meter Höhe) hatten im Zentrum ein Deckengemälde mit der Darstellung des Sternenhimmels. Beim Kitora-Hügel befinden sich zudem Verkörperungen der zwölf Tierkreiszeichen im unteren Bereich aller Wände, bei Taka-matsu-zuka wird die Sternkarte im Zentrum sekundiert von einer Sonnendarstellung im Osten und dem Mond im Westen. Beide Fundstätten, das lässt sich trotz der schlechten Erhaltung sagen, wurden künstlerisch höchst qualitätvoll und subtil ausgemalt, die kreisrunden Sterne im Kitora-Hügel waren mit Blattgold belegt und spiralförmig mit einer feinen roten Linie verbunden.


Replik von Zeremonialschuhen aus dem Eta-funa-yama-Grabhügel (Präfektur Kumamoto, Anfang 6. Jh. n.Chr.). Schuhe wie diese aus vergoldetem Kupferblech wurden auch auf der koreanischen Halbinsel gefunden, allein in Japan gibt es bisher zehn Paare. Zum Gehen konnten sie nicht getragen werden, da an den Sohlen nicht nur bewegliche Goldplättchen, sondern auch Spikes angebracht sind. Die Außenseiten wurden zudem mit Goldpailletten bestückt. Der verstorbene König trug die Schuhe sicherlich während der Beerdigung bis zur Beisetzung im Grab.

Längst sind nicht alle Fundstätten erforscht und die Rätsel gelöst, die so mancher Fund aufgegeben hat. Wie lief die Beisetzungszeremonie ab, bei der der tote König goldene, mit beweglichen Pailletten besetzte Schuhe trug, so wie man sie von der koreanischen Halbinsel kannte? Ebenfalls eher aus Korea bekannt sind die knapp 40 Zentimeter hohen Goldkronen, wie sie in einem Grabhügel der japanischen Präfektur Gunma zu Tage kamen. Es scheint, als hätten Japaner im 6. Jahrhundert solche Schätze in der Nachbarkultur kennen gelernt und sich dann ebenfalls angeeignet – in seltenen Fällen von hohem sozialem Rang. Generell waren die Anregungen vom Festland von prägender kultureller Bedeutung – selbst der Reisanbau und die Schrift scheinen von China aus nach Japan „gewandert“ zu sein, wozu die intensiven Handelsbeziehungen beitrugen. Und der Buddhismus gar scheint präzis im Jahr 538 aus dem koreanischen Königreich Paekche nach Japan gekommen zu sein.

Aus China kam nicht zuletzt auch ein Messgerät für die Zeit, eine mehrstufige Wasseruhr, wie man sie heute noch in China findet und wie sie in der japanischen Nara-Spätzeit eingerichtet wurde: Mit der Gründung eines einheitlichen Staates musste ja auch eine Zeitrechnung festgeschrieben werden, die zudem aufgrund einer Sternwarte (zweite Hälfte 7. Jahrhundert) ermittelt werden konnte. Waren spezielle Ämter für die Beobachtung des Sternenhimmels und die Erstellung von Kalendern zuständig, so mussten die Beamten selbst eine streng geregelte Arbeitszeit (Grundlage: Wasseruhren) einhalten. Es soll aber auch vorgekommen sein, dass Beamte sich sterblich langweilten und mit ihren Schreibgeräten lieber Männchen auf Teller kritzelten, als sich in Kalligraphie zu üben (jedenfalls sind aus der Nara-Präfektur solche Disziplinlosigkeiten erhalten, aber es waren sicher nicht die Astronomen).

Info:

„Zeit der Morgenröte. Japans Kultur und Geschichte von den Anfängen bis zu den ersten Kaisern“,

- Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, 25. Juli bis 24. Oktober 2004, http://www.rem-mannheim.de/

- Martin-Gropius-Bau, Berlin, 20. November 2004 bis 31. Januar 2005, Niederkirchnerstr.7/ Ecke Stresemannstr. 110, täglich außer Dienstag 10-20 Uhr, Katalog als Band 10 der Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 27,50 Euro, zusammen mit einem Aufsatzband 45 Euro, http://firstspirit.berlinerfestspiele.de

- ab Ende März 2005 in der alten Kaiserstadt Nara/ Japan

www.besucherzaehler-homepage.de/