Kentauren

Der Kentaure Chiron unterrichtet den jungen Achill im Speerwerfen - eine Feder-/Bleistiftzeichnung von Johann Nepomuk Schaller (1777-1842). Am Himmel sehen die Kentauren freilich etwas anders aus - wie genau, weiß noch niemand, da bislang keine Raumsonde beispielsweise den Asteroiden Chiron fotografieren konnte, der gleichzeitig ein Komet ist. Das Blatt gehört der Kunstakademie Wien (Bibliothek/Kupferstichkabinett).

Seit der Antike sind die sagenumwobenen Kentauren ein Thema in der Bildenden Kunst. Der italienische Barockmaler Giuseppe Maria Crespi (1665-1747) stellte 1694 die Szene dar, in der Chiron, Pferdemensch mit gewaltigem Hinterteil, dem jungen Achill lebensnotwendige Fähigkeiten beibringt - in diesem Fall das Bogenschießen. Auch heute können uns die Kentauren noch eine Menge Erkenntnisse über uns selbst vermitteln, wenn auch nicht das Bogenschießen. Das Gemälde ist im Besitz des Kunsthistorischen Museums Wien.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/kentauren.html

Sitemap
Übersicht Astronomie

Kentaure Chariklo

21-06-2005
updated 18-03-2015

Am Himmel sind die Kentauren los
Asteroiden, Kometen und fliegende Brocken auf seltsamer Bahn werfen Fragen auf

Von Christel Heybrock

Wer weiß, ob die menschliche Zivilisation nicht ihren Ursprung in den Kentauren hatte, in diesen seltsamen Pferdemenschen der griechischen Mythologie ... Immerhin war der Kentaure Chiron, ganz im Gegensatz zu seinen rohen, ungebärdigen Artgenossen, ein weises, von erstaunlichen Kenntnissen durchdrungenes Geschöpf, dem mehrere Götter und Helden zur Erziehung anvertraut waren: Den Asklepios lehrte er die Heilkunde, den jungen Achilles allerhand nützliche Fertigkeiten wie Reiten, Jagen und Bogenschießen, und selbst Jason, Anführer der Argonauten, sowie der Jäger Aktäon kamen aus Chirons Schule. Auch der gastfreundliche Kentaure Pholus gehörte zu den netten Typen, während der böse Nessus sich eher durch Frauenraub hervortat und die meisten Kentauren ohnehin ein ziemlich rüdes und trunksüchtiges Völkchen abgaben. In der dicht vernetzten griechischen Mythologie wird aber eines deutlich – Zivilisation stiftende, kreative Tätigkeiten können nicht ohne die mitunter rohe Kraft des Ursprünglichen, Ungezähmten entstehen, darauf deutet auch die enge Verknüpfung der Kentauren mit Prometheus hin, dem Urbild menschlichen Schöpfergeistes. Kentauren verkörpern Doppelwesen aus archaischer Natur und menschlicher Einsicht.

Wie es scheint, müssen wir heute noch bei den Kentauren in die Schule gehen, um Fundamentalien zu lernen, die uns komplett fehlen. Alle Lebewesen haben den Drang, sich in ihrer Welt zu orientieren, und uns liefert die Wissenschaft heute nicht nur den Blick auf winzigste Elementarteilchen, sondern auch in unvorstellbare Entfernungen, zurück bis fast zum Urknall. Unsere engere kosmische Heimat, das Sonnensystem, kommt einem da schon ganz banal vor. Doch wer glaubt, hier sei eigentlich alles geklärt und verstanden, der irrt gewaltig. Gut, neun (eigentlich nur acht) Planeten, die erdähnlichen inneren getrennt von den äußeren Gasriesen durch den Asteroidengürtel, um alles herum ein Kranz kleiner Himmelskörper (der Kuiper-Belt, aus dem immer wieder kurzperiodische Kometen ausbüxen) und in ganz weiter Entfernung (bis zu 150.000 Astronomischen Einheiten, fast schon in der Nähe des nächsten Sterns Proxima Centauri) schwebt die riesige Oortsche Wolke um uns herum mit wiederum kleinen Himmelskörpern, aus denen sich langperiodische Kometen speisen – das ist in groben Zügen unser Platz im All. Aber verstanden haben wir bisher nur Bruchstücke davon.

Bleiben wir bei der kleinformatigen Population, den Asteroiden und Kometen. In der guten alten Zeit galt die einfache Definition, wie sie noch 1994 von der Astronomin Jane Luu formuliert wurde, dass nämlich Kometen eine Koma, also eine Gashülle um ihren Kern hätten und Asteroiden nicht, basta. Doch Jane Luu hielt diese Einordnung quasi nur zum Abschied noch einmal fest. Zusammen mit ihrem Team hatte sie mehrere kleine Himmelskörper entdeckt und formulierte nun explizit, was schon länger vermutet worden war: dass die Definition nicht mehr stimmte. Dass es sich bei manchen Asteroiden um ausgebrannte Kometen handeln muss, die nach zahlreichen Umläufen um die Sonne nur noch aus nacktem Fels bestehen. Dass aber umgekehrt auch Asteroiden einen „Schweif“ entwickeln können, wenn sie nämlich, etwa nach einer Kollision mit Kollegen, Materie verlieren.

Die strikte Trennung, vor deren Hinfälligkeit die meisten Zeitgenossen immer noch etwas ratlos stehen, ist historisch begründet.  Die großen, hellen Kometen sind schon vor Jahrtausenden von Menschen wahrgenommen worden. Asteroiden nicht, man kann sie mit bloßem Auge nicht sehen. Als am 1. Januar 1801 der italienische Theologe Giuseppe Piazzi in Palermo einen Himmelskörper entdeckte, dessen Durchmesser sich später auf etwas mehr als 1000 km herausstellte, da hatte die Menschheit Kenntnis des aller ersten und größten Asteroiden gewonnen, der Ceres. Inzwischen werden weit über 150.000 Asteroiden gezählt bis herunter zu Objekten von wenigen Metern Größe. Es liegt auf der Hand, dass man sie nach ihrem Bahnverhalten und anderen Charakterzügen irgendwie in sinnvolle Gruppen einteilen muss. Ceres, die ein Jahr später entdeckte Pallas, Juno (1804), Vesta (1807), sie alle umrunden die Sonne in sehr verlässlichen Beinahe-Kreisbahnen, wie es sich gehört, und bilden zwischen Mars und Jupiter den Asteroiden-Hauptgürtel.

Inzwischen jedoch stellt sich die Szene als immer abenteuerlicher heraus. Da gibt es Marsbahnkreuzer wie die Amor-Gruppe, Erdbahnkreuzer wie die Apollo-Gruppe, die mitunter Aufregung wegen möglicher Kollisionen verursachen, die Aten-Gruppe saust gar innerhalb der Erdbahn um die Sonne, während Trojaner sich auf Jupiters Orbit geheftet haben und in zwei Abteilungen vor und nach ihm dahinfliegen. Und es gibt die Kentauren. Auch am Himmel sind das merkwürdige Mischwesen. Als erster wurde 1977 Chiron entdeckt, ein Himmelskörper von etwa 150 bis 180 km Durchmesser. Um knapp 7 Grad ragt er aus der Ekliptik-Ebene heraus, und in rund 50 Jahren umrundet er einmal die Sonne. Sein Perihel (sonnennächster Punkt) ist achteinhalb Mal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde und seine größte Entfernung von der Sonne (= Aphel) fast 19 Mal so weit. Er fegt also im äußeren Sonnensystem dahin zwischen den Orbits von Saturn und Uranus.

Alle Kentauren halten sich im äußeren Sonnensystem zwischen Jupiter und Neptun auf, und bislang ist es ein Rätsel, wie sie dahin kamen, denn ordentliche Asteroiden bevölkern nun mal den Hauptgürtel zwischen Mars und Jupiter und halten seriöse Fast-Kreisbahnen ein. Von den Kentauren kann man das wirklich nicht behaupten.  Der zweite Kentaure Pholus, 1992 entdeckt, treibt es noch etwas toller als Chiron und dreht seine Bahn auf einer um 25 Grad gekippten Ebene zwischen Saturn bis hinter Neptun, und der dritte, Nessus (1993 entdeckt), schafft es gar bis zum Pluto. Die Astrologen sind völlig entzückt von dieser „Triade“, mit der die großen Gasriesen verbunden werden bis hin zum äußersten Planeten des Sonnensystems: Pluto (von der Wissenschaft inzwischen nicht mehr als richtiger Planet, sondern als Kuiper Belt Objekt eingestuft) wird von der Astrologie als Verkörperung des „Transpersonalen“ und Geistigen gesehen, so dass mit den drei ersten Kentauren auch eine Steigerung und Vertiefung astrologischer Bedeutungen verbunden ist. Bei der Namensgebung haben übrigens erstmals Astrologen mit der International Astronomical Union (IAU) zusammen gearbeitet.

Wie viele Kentauren gibt es? Das weiß bisher niemand. Mit Namen aus der griechischen Mythologie wurden ein gutes Dutzend versehen, aber bekannt sind, je nach Definition, rund 387 (Stand 2014). Mit der Definition sind sich die Astronomen nicht ganz einig, aber nach dem Deep Ecliptic Survey (DES) sind Kentauren "nichtresonante Objekte auf instabilen Bahnen mit Perihelien zwischen Jupiter und Neptun". Der Begriff "nichtresonant" bedeutet, dass sie zwar an großen Planeten in mitunter gefährlicher Nähe vorbeiziehen, aber sich nicht in einem Resonanzverhältnis zu ihnen befinden - der Kleinplanet Pluto beispielsweise und eine Menge kleinerer "Plutinos" umlaufen die Sonne in einer 3:2-Resonanz: Wenn Neptun drei Umläufe erledigt, schaffen Pluto und die Plutinos genau zwei. Dass die Kentauren wegen ihrer chaotischen Bahnen solche faszinierenden Bindungen nicht eingehen können, macht sie auch relativ kurzlebig. Computersimulationen ergeben, dass sie durch die Gravitationskräfte der großen Planeten buchstäblich hin und her durchs All gekickt werden können. Offenbar stammen die Burschen ursprünglich aus dem Kuipergürtel und wurden durch Neptuns Gravitationskraft nach innen abgelenkt.

Auf einer täglich aktualisierten Liste der IAU werden Kentauren daher zusammen mit allerhand anderen seltsamen Körpern („Scattered-Disc Objects“) aus dem Kuiper Belt aufgelistet.  (Waren es 2005 noch etwas mehr als 150, ist der Stand Anfang März 2008 bereits über 220.) Die Scattered-Disc Objects, die ebenfalls aus dem Kuipergürtel vertriebenen Himmelskörper auf "verwackelten" Umlaufbahnen, verbinden wie die Kentauren die äußeren, unerforschten Bereiche des Sonnensystems mit den großen Planeten: Ihre Orbits reichen zum Teil bis weit hinter die Plutobahn und nach innen bis zum Uranus. Es scheint aber, als seien alle diese Einordnungen nur vorläufig und die Gruppen keineswegs zu Ende definiert – Klarheit wird erst entstehen, wenn der Kuipergürtel besser erforscht ist, womit die 2006 zum Pluto gestartete NASA-Sonde "New Horizons" erst einen Anfang macht. Dass die geheimnisvollen kleinen Planetenkreuzer immer mal von den großen Herrschern einen gehörigen gravitativen Kick bekommen können und dann ihre Bahn ändern (entweder ins innere Sonnensystem oder aber erneut nach außen, möglicherweise sogar ganz heraus aus dem Sonnensystem) macht die Sache nicht einfacher.

Um allem die Krone aufzusetzen, verhalten sich manche Asteroiden dann auch noch wie Kometen. Der Kentaure Chiron ist offiziell in beiden Kategorien klassifiziert und führt eine Spezialliste der IAU an, auf der außer ihm noch der (Hauptgürtel-)Asteroiden-Komet Elst-Pizarro, sein Kollege Wilson-Harrington, der im Jahr 2000 entdeckte Kentaure Echeclus sowie der Hauptgürtel-Asteroid 176 P/LINEAR erscheinen. (Letzterer hat als Asteroid die stolze Nummer 118401.) Der auch sehr eigenartige Phaethon, der sogar einen Meteorstrom speist, und der 2001 entdeckte Kentauren-Komet 166P/NEAT werden auf der IAU-Liste gar nicht erst erwähnt, ebenso fehlen dort die Hauptgürtel-Asteroiden 1999 RE 70, 2005 U1 und 2004 TU 12 - sie alle ziehen zumindest zeitweise einen kometenartigen Materieschweif durch die Gegend. Und da es unwahrscheinlich ist, dass die aus dem Kuipergürtel ausgebüxten Kometen jemals auf die Fastkreisbahnen des Asteroidengürtels geraten können, versprühen die dort angesiedelten kometenähnlichen Asteroiden wahrscheinlich deshalb Materieteilchen, weil ihnen durch eine Kollision mit Kollegen etwas abgesprengt wurde.

Umstritten wegen seiner einst fast kreisförmigen Bahn innerhalb des Jupiter-Orbits ist der Kometen-Kentaure 39P/Oterma, der früher eine fast kreisförmige Bahn innerhalb des Jupiter-Orbits zog, dessen Perihel aber inzwischen bei etwas weiter außen liegenden, Kentauren-geeigneten 5,5 Astronomischen Einheiten gesichtet wurde. Ein ähnlicher Fall liegt bei dem Kometen 29P/Schwassmann-Wachmann 1 vor - auch bei ihm gibt es Kontroversen, ob er als Kentaure einzustufen sei. 1927 in Hamburg entdeckt, hat "SW 1" durch gravitative Fußtritte von Jupiter, dem er immer mal etwas zu nah kommt, inzwischen seinen Orbit geändert: Seine Bahn ist "runder" geworden und er braucht heute nur noch knapp 15 Jahre für eine Sonnenumrundung statt wie früher 16 Jahre. Auch von dem Kentauren Pholus vermuten einige Wissenschaftler, dass er im Grunde ein riesiger Kometenkern ist (immerhin hat er einen Durchmesser von 190 km), der aber noch nie aktiv war.

Pholus hat die Astronomen auf ein weiteres merkwürdiges Phänomen aufmerksam gemacht: Er ist rot, einer der rötesten Körper des Sonnensystems! Nicht alle Kentauren sind rot, es gibt rötliche und bläuliche, Chiron beispielsweise ist einer von den blaugrauen. Warum sind manche rot, manche bläulich? Der Kentauren-Komet 166P/NEAT 2001 T4 wurde mit noch röterer Oberfläche beobachtet als Pholus, aber über die Ursache gibt es nur Vermutungen: Hat sich durch aggressive Strahlung beispielsweise während des Perihels die Oberfläche chemisch verändert? Hat sich bei den "Blauen" Staub abgelagert? Hängt die Färbung irgendwie mit der Kometen-Aktivität zusammen? Bei so manchem Himmelskörper sieht es ja drunter ziemlich anders aus als drüber. Kentaure Asbolus (Asteroiden-Nummer 8405), ebenso zu den "Roten" gehörend und ein verrücktes Kerlchen von nur 60 bis 70 km Durchmesser, aber auf einer abenteuerlich exzentrischen und noch dazu um mehr als 17 Grad aus der Ekliptik geneigten Bahn, wurde 1998 vom Hubble Space Teleskop aufs Korn genommen. Zu sehen war da zwar nicht viel, aber es reichte für eine Spektralanalyse, die über seine Zusammensetzung Auskunft geben konnte. Dabei gab es eine Überraschung, denn Hubble stellte einen hellen Fleck auf Asbolus' Oberfläche fest - offenbar ein "frischer" (weniger als 10 Millionen Jahre alter) Krater, der den helleren Untergrund frei gelegt hatte.

Sieht so der Kentaure Asbolus mit seinem Einschlagskrater aus? Ein Foto gibt es nicht, aber die künstlerische Darstellung im Auftrag der NASA bringt zum ersten Mal einen Kentauren-Asteroiden in den Bereich menschlicher Vorstellung. Foto: NASA/Space Telescope Science Institute

Es gibt noch mehr bizarre Gesellen zwischen Jupiter und Neptun. Der gelegentlich als Kentaure eingestufte Abenteurer mit der prosaischen Bezeichnung 1999 XS 35 durchpflügt das All auf einer völlig abwegigen Bahn: Sein Aphel liegt hinter dem Neptun-Orbit, aber zum Perihel schneidet er die Erdbahn! Der Kentaure 2004 YH 32 steht mit einer Neigung von mehr als 70 Grad fast senkrecht auf der Ekliptik-Ebene. Rund ein Dutzend Kentauren, darunter Dioretsa (= 2005 JT 50) mit einer noch kühneren Neigung zur Ekliptik, fegt auch noch rückwärts dahin. Von den Damokliden nimmt man an, es handle sich um ausgebrannte Kometen. Auch der Damoklide 2001 OG 108, ein Brocken von eben mal 15 km Durchmesser, greift auf seiner Bahn weit aus zwischen Uranus einerseits und bis hinter die Erdbahn andererseits. Der Prototyp der Damokliden, Asteroid Damokles (5335), ist nicht viel größer, steht mit fast 62 Grad (mitunter werden auch mehr als 70 Grad Neigung vermutet) auf der Ekliptik-Ebene und durchmisst bei einer Sonnenumrundung innerhalb von 40,6 Jahren den Raum zwischen Mars und weit hinter Saturn. Da wundert es einen nicht, dass die Wissenschaft seit den Erkundungen der Saturn-Sonde Cassini den Verdacht nicht los wird, bei Saturn-Mond Phoebe könne es sich um einen eingefangenen Kentauren handeln: Auch am Himmel gibt es eben die erstaunlichsten Beziehungen - da zieht ein Kentauren-Felsbrocken seine unordentlich kecke Bahn, gerät zu nahe an einen großen Planeten, beziehungsweise in dessen Gravitationsfeld, und zack, findet er sich als Mond wieder! Und was die Materialbeschaffenheit von Kentauren angeht - bei mehreren, darunter Chariklo, Chiron und Pholus wurden Hinweise auf Wassereis, bei Pholus auch auf Methanol und Olivin gefunden. Im allgemeinen bestehen Kentauren aus Eis, Felsen und Kohlenstoff.

Übrigens - Kentauren können zwar als Mond enden, aber sie treten, wie das Weltraumteleskop Hubble Anfang 2006 entdeckte, auch manchmal selber zu zweit auf! Zumindest bei Typhon (= 2002 CR 46) und seiner kleineren Begleiterin Echidna sowie bei dem Pärchen Ceto (= 2003 FX 128) und Phorcys ließ sich das feststellen. Im Fall von Typhon, der einen Durchmesser von 112 km hat, und der 1300 km entfernten Echidna (Durchmesser 56 km) ist das umso erstaunlicher, als die beiden Hunderte von Malen an Uranus und Neptun vorbeizogen, ohne auseinander gerissen zu werden. Bei der 174 km großen Ceto und dem 132 km messenden Phorcys, die einander alle neuneinhalb Tage umrunden,  kommt noch eine unglaubliche gemeinsame Umlaufbahn um die Sonne hinzu: Ihr sonnenfernster Punkt, das Aphel, liegt bei 186 Astronomischen Einheiten, fast der doppelten Entfernung, bei der die Voyager 1-Sonde auf den Termination-Schock am Rand des Sonnensystems traf (bei 94 AE)!

Und welche Schlüsse soll man nun aus all dem Durcheinander ziehen? Zwei: Zum einen muss man immer wieder bewundernd feststellen, wie verschieden Himmelskörper sind - es gibt keine zwei identischen Individuen. Und zum andern: sie sind eine Herausforderung! Die Kentauren und ihre Verwandten schmerzen als Stachel in unserem Selbstverständnis und unserer Orientierung in der Welt. Was verstehen wir von ihr, von unserem Heimatort im All? Noch immer fast nichts. Fragmente. Noch immer müssen Kentauren uns die Fundamentalien einer bewussten Existenz lehren, erneut bilden sie die Brücke zwischen dem Bereich vorläufigen Wissens (von den Planeten zwischen Jupiter und Pluto) und dem riesigen dunklen Gebiet des Unbekannten (des Kuipergürtels). Seit der Antike hat sich nur die Bedeutungsebene ein bisschen geändert - und unsere Neugier. Schließlich stoßen uns die Kentauren angesichts ihrer tollkühnen Umlaufbahnen mit der Nase auf just die Bereiche vor unserer Haustür, von denen wir keine Ahnung haben.

Infos:

- Liste der Asteroiden-Kometen: http://www.cfa.harvard.edu/iau/lists/DualStatus.html

- Liste der Kentauren und Scattered-Disc Objects: http://www.cfa.harvard.edu/iau/lists/Centaurs.html

- Astrologisches Kentauren-Forschungsprojekt: http://www.centaurs.info/menu/index.htm

- http://en.wikipedia.org/, Stichwort Centaur (planetoid), mit Literaturliste

- Über Ceto und Phorcys: Grundy, Stansberry, Noll et al.: "The orbit, mass, size, albedo and density of (65489) Ceto/Phorcys", Icarus 2007

- Über Typhon und Echidna: Keith S. Noll, "Discovery of a Binary Centaur", astro-ph/0605606v1 vom 23. Mai 2006

Einige Kentauren (nach DES-Definition):

Name

Asteroiden-Nr.

Entdeckungsjahr

Perihel

Aphel

 

 

 

 

 

Amycus

55 576

2002 GB 10

15,205 AE

  35,174 AE

Asbolus

  8 405

1995 GO

  6,839 AE

  29,279 AE

Bienor

54 598

2000 QC 243

13,218 AE

  19,793 AE

Ceto

65 489

2003 FX 128

17,858 AE

186        AE

Chariclo

10 199

1997 CU 26

13,084 AE

  18,572 AE

Chiron

  2 060

1977 UB

  8,498 AE

  18,920 AE

Crantor

83 982

2002 GO 9

14,063 AE

  24,975 AE

Cyllarus

52 975

1998 TF 35

16,206 AE

  35,996 AE

Echeclus

60 558

2000 EC 98

  5,844 AE

  15,694 AE

Elatus

31 824

1999 UG 5

  7,248 AE

  16,274 AE

Hylonome

10 370

1995 DW 2

18,915 AE

  31,406 AE

Nessus

  7 066

1993 HA 2

11,858 AE

  37,502 AE

Okyrhoe

52 872

1998 SG 35

  5,801 AE

  10,990 AE

Pelion

49 036

1998 QM 107

17,271 AE

  22,799 AE

Pholus

  5 145

1992 AD

  8,680 AE

  31,910 AE

Thereus

32 532

2001 PT 13

  8,515 AE

  12,712 AE

Typhon

42 355

2002 CR 46

17,526 AE

  58,048 AE

 

 

1AE = 150 Mio km

 

 


besucherzaehler-homepage.de